Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 45 (8.11.1934)
- Date
- 1934-11-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2277379-2278044-2278089--08955-2290029- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sw* '45 3. Boa&Sa« MMO 3m Srclmrr Wwrbuud Beethovens „Frdelio" ist innerster Besitz jedem, der die Sprache des Leidens und der Leidenschaften, der Verzweiflung und des Friedens in der Welt der Töne zu hören vermag, jedem, der bei aller Herbheit, Strenge, Härte in dieser Musik den Herzschlag eines großen, gütigen Menschen und Musikers spürt. Alerste Oper seiner neuen, zweiten Spielzeit bringt der Berliner Kulturbund dieses Werk, damit seinen Gedanken und Ideen da einfetzt. wo die Problematik des Tages, des Alllagaushört imb versinkt. Tie musikalische Leitung hatte Josef R o s e n st o ck, und cs war zu erwarten, das; er gerade bei dieser Ginstudierung Außerordentliches leisten würde; Rosenstock hat Beethoven im Tiefsten'ersaßt, aber er läßt sich auch selber willig von dem Feuerstrom der Musik erfassen und fortreißen, er hat den Mut, . die Bereitschaft zum Spontanen, zum Unmittelbaren, aber auch die Kraft zur Gestalhing, zu festen Umrissen. Aus der Mischung einer unendlich beflügelten Phantasie und wachsamster Ueberprüfung und Selbstkritik wuchs vor .130 Jahren dieses Werk empor, und diese beiden Zeiten, das Lebendige, Lebensnahe und das Festgefügte, endgültig Geformte sind in Roscnstocks Teutung sichtbar geworden. Tie Ausführung ist auf das gewissenhafteste vorbereitet. Was wichtiger ist: Vom Tirigentenpnlt gehen Ströme lebendiger Gncrgie ins Orchester hinab und zur Bühne herauf, und Roienstock vertiert sich^ nicht in einzelnen Stimmungen, sondern spannt einen weiten Bogen von der Seheinrnhe des Anfangs über die Erschütterungen der Mittelszenen zum Hochlodern der namenlosen Freude, zum mächtig anfgetürmten Schlußakkvrd. Wir brauchen einzelnes hier nicht hervvrzuheben. Bis ins lebte beherrschtes handwerkliches Können und echtes Künstlertum drücken einem Theaterabend das Signum des Besonderen, Festlichen aus. Großen Anteil daran hat das Orchester, dessen Sicherheit und Kckangkultur erheblich gewachsen ist. Tas wird sieh nach den ersten Vorstellungen noch stärker auswirken als beim Premierenabend. Wie stets, so sucht Tr. Kurt Singer in seiner Regieführnng die Szene anfzulockern, ihr das Starre, die Schablone zn nehmen und auch im Spiel die Stimmungen und dramatischen Konflikte deutlich zu machen. Gr hatte - da eine glückliche Hand, wo seine Anweisungen aus die große Linie zielten und er die Regie der unendlichen Melodie Beethovens unterordnete, wie in der Szene mit den Gefangenen, Hat iaeia Ean resM? Frage: „Ich bin jung verheiratet und habe mich daran gewöhnt, meine Hände jedesmal nach beendeter Hausarbeit mit Leokrem einzurciben. Mein Mann denkt, das märe zimperlich. Hat mein Mann recht?" Antwort: „Ihr Mann würde anders denken, wenn er selber Hausarbeit verrichten müßte. Dann würde er sehr bald merken, wie wichtig regelmäßige Hautpflege mit Leotrcm für die Hände ist, damit sie nicht rauh und rissig werden. Alle klugen Hausfrauen handeln so wie Siet ' die iit der Bewegung der Blasse, den Stellungen der einzelnen gut. disponiert war. Bedenklich ist aber eine Reihe spezieller Vorschriften, in denen sich Singer zum Teil au einzelne Tertwvrte hält, znm Teil von sich anfrei hinzufügt,, z. B. das Fahnenschivingen am Schluß, die Absperrung durch die Soldaten, vorher die drohende (Gebärde deeinen Gefangenen, der sich aus. den Gouverneur stürzen wills der späte Eintritt des Jaequino, der im Ouartett erst zu seineniEinsat; ans die Bühne kommt, Mnrzellinens Spiel während ihrer Arie, die viel eher auf den . Ton einer freudigen, aber ruhigen Erwartung abgestimmt ist, der ein häusliches Hantieren in dieser Form ausschließt. Auch sonst entsteht gelegentlich der Eindruck de- Agierens, der äußeren Bewegung, statt des Bewegtwerdens von innen heraus. Bühnenbilder und Kostüme sind von Heinz Eondell entworfen; er gibt einfache Bilder,, von denen das zweite, der Gesänguishos, in der szenischen Anordnung besonders zweckmäßig und geschickt erscheint; wir sehen weite Ausblicke in grünes Land, im Vordergründe Türme, Mauern, einen Rundgang, Tor mit Fallbrücke. Im gemalten Hintergründe sind die Kerkertürme in ähnlicher Farbtönung gehalten wie die Landschaft, hier hätte eine dunklere Färbung der Gebäude den Gegensatz von Natur und Bauwerk, der als Kontrast von Freiheit und Enge eine symbolische Bedeutung in diesem Zusammenhänge haben kann, hervorhcben und das Bild stärker gliedern können. In der Kostümierung unterstrich Eondell das Realistische und das Gegenwartsnahe jener Zeit - napoleonischer Weltgeltung. . Tie Chore waren von Berthold Sander whr gut vorbereitet, es wurde höchst differenlßert gesungen, Klang und Ausdrucksnuancen waren aus der Situation geboren, gedämpft und bis zum Leisesten abgeschmächt bei den erstaunten Ausrufen rn der Przarro-Arie, mit befreitem Atem, wie erlöst im großen L-ckur-Ehor, strahlend im Schlußbild. . Der neuen Hochdramatychen, Ruth ' Wolfsreim, war mit der Leonore eine der schönsten, aber auch schwersten Rollen der ganzen -Opernmusik anvertraut. Mit ihrer Leistung muß die Aufführung in ihrem gesanglichen und darstellerischen Teil stehen oder fallen, weil Leonvre allein Trägerin des eigentlichen Gedankens, der Idee der Treue und Liebe zum Aken scheu, zur Menschlichkeit ist. . Ruth Wolffreim, welche die Lcvnore in ihrer Laufbahn überhaupt zum erstenmal singt, wird in ihre Ausgabe hineimvachsen und. vielleicht schon nach wenigen Wiederholungen die innere Freiheit, die restlose Unabhängigkeit vom Taktstock soweit gewonnen haben, um mit starkem Akzent die unerhörte Vielgestaltigkeit per Rolle überall. zu treffen. Sie wird da- . bei das Heroische, das Weibliche, das Aufopfernde., und auch die Verstellung noch stärker als bisher herausznarbeiten haben, ohne das Ganze ins Episodische auseinanderfallen zu lassen. Sie muß immer wieder Ausdruck und Spiel ändern, weil nur sie die Richtung der dramatischen Entwicklung bestimmt. Sicher ist Ruth Wolffreim eine st a r k e B ü h n e n b e g a b l 111 g, d e r Figur nach und besonders im Gesanglichen. Die höheren Lagen. namentlich in den Anfangsnummern, sollte sie noch einmal überprüfen, die Mitte und die tiefere Lage ist aus- : ' geglichen und klangvoll, und so ergibt sich bei ihr schon heute der Gesamteindruck einer starken Leistung, und das sei um so mehr .anerkannt, als Beethoven gerade bei dieser Partie zum Teil einen sehr unbequemen Bvkalsatz geschrieben hat. Florestau war Haus Joachim Heinz; eine stattliche Figur, eine Stimme von durchdringender Macht zeichnen ihn aus; er gibt die Partie nicht mit den Seufzern und Klagelauten eines verlöschenden Lebens, sondern er stimmt.sie auf das Rauhe, Ungefüge, auf die Aeußerungen einer noch im Kerker ungebrochenen Kraft ab. Uebrigens hat Heinz die Partie schon in jener dcutwürdigen Ausführung unter Klemperer gesungen, die ein Vorbild für viele Inszenierungen wurde. Siegfried Urins malt das Bild des - Pizarro mit den schwärzesten Farben, stinuut es auf den einen Ton des Tyrannischen und trifft so den Grundzng seiner Rolle: aber Pizarro ist nicht nur Tyrann, er ist auch Obern /. AH. Gefangenen vv 2. Akt. Im Verlies* immmm: 2. Akt Hof des r. Gefängnisses fi's&'r-?,'!'/-, lauert, daß sich Rocco für den Mordplan "dingen lasse. Hier sollte UriäZ nicht nur'befehlen, sondern auch überreden. Davon abgesehen, verstand er es, den Gegensatz' von Dialog und GesangSnummern geschickt und wie selbstverständlich zu überbrücken: -die Musik und sein Gesang wuchsen natürlich und organisch aus der Sprache und Szene heraus, und so kam hier eine Linie von unbedingter Einheitlichkeit zustande, deren Wirkung durch den Stimmklang erhöht wurde, den Urias ganz in den Dienst eines charakteristischen Ausdruckes stellte. - Auch in den Sprechszenen fallen bei ihm die gewöhnliclw'N Hemmungen und Schwächen des Opernsängers weg. Walter Olitzki fang den Rocco; in den ersten Bildern hat er seine Partie viel zn harmlos, heiter, gemütlich, ja, mit einem Anflug von Ironie angefaßt. Rocco hat aber, durchaus im Gegensatz zn Marzelline und Jaequino. welche die „kleine Welt" repräsentieren, Anteil am dramatisch Wesentlichen. Er ist der geistige Bruder eines Daland aus dem „Fliegenden Holländer" diplomatisch, und erst diese Beimischung gibt . und was er zu sagen hat, inag die Philosophie ihm das Unheimliche. Diabolische, wenn er eines einfachen Mannes sein, es spricht aber z. B. in dem Duett mit Rvceo geradezu darauf - doch Lebensklnghcit aus seinen Worten, die ihm vollkommen ernst sind. Erst später, iit den Szenen'mit dem. Gouverneur, zeigte sich wieder die Klugheit, die-Fähigkeit eines sehr variabeln -Ausdrucks, die dieser in anderen, Rollen vielbewährte Charakterdarsteller besitzt. Tie große Routine und Bühnenerfahrung von Fritz'i Io kl bewährte sich auch in der Rolle der Marzelline; im ersten Duett muß sie stattder Schelmerei Widerstand und Ablehnung der Werbungen Jacquinvs deutlicher hervorheben. Den Stimmungswechsel ihrer großen Arie traf sie. trotz allzu bindender Regievorschristeu, richtig und konnte sich auch stimmlich -gut entfalten. Paul Feher gibt einenhurtigeu, behenden Jacquiuo, und Fritz Lechuer ist als Minister würdevoll und gemessen in der Haltung, hoheitsvoll auch in der gesanglichen Gebärde. Wir haben einen Abend lang an der Innerlichkeit eines Werkes teilgehabt, in dem sich das Gute und das Erhabene in der Idee mit dem Einmaligen in der Größe der künstlerischen Formung eint. Unser letztes Wort kann nur ein -Dank sein für die Wahl und Ausführung der Oper, für eine große Arbeit-im Dienste unvergänglicher Werte. Ludwig Altmanu. mmm mm-u Im Kulturbund Rhein-Ruhr gelangt Mitte des Monats „Joseph Ben Matthias, die Tragödie vom Untergang des jüdischen Staates", von Julius W o l f f s o h n zur Uraufführung. Was der Dichter mit Wahl und Behandlung dieses biblischen Stoffes beabsichtigt, drückt er in nachstehenden Worten aus: An das jüdische Theater von heute sind vor .allem zwei Forderungen zu stellen: Behandlung jüdischer Fragen und Aufführungsmöglichkeit bei beschränkten technischen und finanziellen Mitteln. Soll also die notwendige Synthese zwischen beiden Faktoren gefunden werden, ohne daß der geistige Gehalt darunter leidet, so muß eine neue, von der bisherigen Art des Theaters durchaus abweichende Form der dramatischen .Gestaltung gesunden werden. Ich bin in meinem Schauspiel „Joseph Ben Matthias" davon ausgegangen, daß der geistige Stoff restlos ansgeschöpst werden sollte, ohne daß jedoch ein indiskutabler 'Apparat erforderlich, war. Ich habe daher bewußt vermieden, die entscheidende Handlung sichtbar werden zu lassen, da dies einen Aufwand an Darstellern und Mitteln erfordert hätte, über den nur ganz große Institute verfügen — vielmehr wird alles Geschehen lediglich in der geistigen-Borbereitung und in der Konsequenz gezeigt. Durch die Verlagerung der dramatischen Spannung in eine rein geistige Sphäre lvar gleichzeitig die Möglichkeit gewonnen, die Entwicklungsbögen viel weiter und umfassender zu spannen, als dies bei mir rein handlungsmäßigcr Darstellung möglich gewesen wäre. Zum Stoff des Schauspiels selbst sei sv viel bemerkt, daß, da die Firicrung der eigenen Positivn immer nur in der Relation zum historischen Geschehen möglich ist. die für die deutsche Indeuheit notwendige Intensivierung des jüdischen Bewußtseins und Empfindens vor allem Kenntnis und Wissen'von der jüdischen Geschichte verlangt. Nur dvrt sind die Möglichkeiten - des Vergleichs gegeben, durch den alles Geschehen nicht nur allein seinen Sinn bekommt, sondern auch ins.richtige Verhältnis gerückt wird. Julius WolIIsohn MUAMKM tzl 8SÄSS Seit dem vergangenen Winter hat sich im englischen — speziell im Londoner Musikleben — eine ' kleine Enklave von Musikern gebildet, die bis dato einen bedeutenderen kontinentalen, als insularen Ruhm genossen hatten. Sie haben sich, wenigstens zum großen Teil — nicht immer unter leichten Voraussetzungen — ihren Weg durch das Dickicht einer ihnen fremden großstädtischen Musikvegetation suchen 'müssen. Tie Irritation der ungewohnten Ilmgcbnng, die Frcmdartigkeit von Geschmack. Lebensweise, Tradition verursachen zunächst oft Unsicherhcit. lind der imposante, ganz nach den Prinzipien europäischer Mnsikmetropolen anfgebaute Londoner Musikbetricb (dieser Begriff-des'organi-- siertcn Betriebes trifft für das Londoner Konzerklcben mit all seinen Nachteilen und Vorzügen zu) kann einem „new-eomer" leicht den Atem benetz men.- Dennoch ist es im Laufe des letzten Jahres einer Reihe zugewanderter Künstler gelungen, sich in London einen Namen oder mindestens ernsthafte Geltung zu verschasfeu. Andere, die, wie Sch na» b e l seit vielen Jahren hier ausgezeichnet emge« führt sind, haben ihre Popularität erweitert. Tas Busch-Quartett hat mit einer kühnen: Attacke das Londoner Auditorium gewonnen« Zyklische Borträge der Beethoven- und anderer klassischer Kanunermusitwerke, Sonatenspiel von Adolf Busch und Rudolf Serk in ziehen bereits „crowds" in die Konzertsäle. Franz O s b o r n hat dank seiner musikalischen Vitalität, seines formal interessanten, konstruktiven Bach-Spiel? mehrere Erfolge zn verzeichnen. Sein nächster Klavierabend steht dicht bevor. Kurt Appel» bau in, Schnabel-Schüler, hat sich durch sein feinsinniges Schubert-Spiel Sympathien erworben. Atax Rostal ist ein gesuchter Geigenlehrer. Karl F l e s ch, Solist in einem der großen Sinsvnickonzerte. hält ebenfalls Kurse für Fortgeschrittene ab. Lisa Minghetti, die seinerzeit im Beet« hoven-^aal erfolgreich debütierte, ist im Radio und Konzertsaal zu hören. Iso E l i n s o n s Ehopin-Spiel ' wird mit Recht bewundert. Mit 'Spannung darf man übrigens feinen für Anfang nächsten Jahres angekündigten vier Bach-Abenden entgegenseheu. 8t v s e W a l t e r und I e n n y So n n e n b e r g haben sich gut eingeführt. Sie werden EndeAvvember einen Dnettenabend geben. Alice Ehlers Hai einen Kreis von Eembalointcressenten um sich versammelt. Charioitc Spitz.