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Central-Verein-Zeitung · 1934-11-08 · 45 (8.11.1934) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
45 (8.11.1934)
Date
1934-11-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Zweite E.-V.-Kundgebung In Grotz-Verlln Anders der Raum, anders die Zuhörerschaft, anders die Akzente der Rede, als in der vorhergehenden Kundgebung, doch die gleiche starke Verbindung zwischen Redner und Publikum. Die begeisterte Zustimmung der Freunde aus dem Osten Berlins wiegt für die Bewertung der Weilschen Rede besonders schwer. Denn hier stehen die Menschen unmittelbarer im Lebenskampf. Hier sind sie deshalb besonders kritisch gegenüber allem, was zu ihrer Lebensmöglichkeit im Widerspruch stehen könnte. Die Veranstaltung unter Leitung von Dr. .ttiitt Braun und unter künstlerischer Mitwirkung von Paula Lindberg gestaltete sich zu einem großen Erfolg für den Redner und den Berliner Central-Verein. Tr. 3)111110 Weil gab in dem ersten Teil seineZ Vortrages den Rcclielischoirsbcricht, über den wir in der „E.-B.-Zeitmig" der letzten Woche bereits misst'ihrlich berichtet hoben. Er zeichnete dann die durch die Ariergeietzgebnng ans dein Gebiete der Wirtschaft nnd Kultur geschussene Vage der deutschen Judeuheit mit ihrer Rückivirluug auf das jüdische Gemeindeweseu nnd kam dann zn der Kernfrage seiner Betrachtungen, von der, wie er sagte, die Ttekkunguuh'.ue zn vielen (finzelfragen abhängt: ,.^st die Emanzipation zusammengeb.rochen)" Tiefe Frage sei. führte Tr. Weil unS, in keiner 'Beziehung und für kein Land gleichgültig, am wenigsten für Palästina, dus ein der Erhultung starker bürgerlich gleichberechtigter Zentren in der Welt ein mm so größeres Interesse habe, als ja die Erwartung, die Juden der Welt könnten in absehbarem Zeitraum nach Palästina gebracht werden. N'vht' allseitig ansgegeben ist. Tie Frage sei also: .Naim, muß und wird die Emanzipation weitergehen? Tder müssen ivir erkennen, daß sie zn Ende, . daß ihre Weitersührung unmöglich ist \ War sie ein großer historischer Fehler, der jetzt irgendwie gutgemacht werden muß) Hier treffen sich Anschauungen nationalsozialistischer Autoren, wie wir sie zum Beispiel bei Tr. Wilhelnt Grau sindcn, mit einem Teil der nationaljüdischcn Literatur, wie sie Tr. Joachim Prinz vertritt, der behauptet: „Ter heroische Mensch. das ist der Jude des Mittelalters", und „Es ist eine Berkenmmg ohnegleichen, zn meinen, diese Zeit des Mittekaltcrssei eine Zeit der ewigen Klage nnd Gedrücktheit gewesen", oder: „Aber nicht eine einzige stimme tvmrnt ans dem Ghetto, die von der geknechteten, versklavten Kreatur spricht", mid schließlich: „Tie letzten hundert Jahre waren ein/Traum, eine falsche Sicherheit. Nichts, womit man in Wahrheit rechnen könnte." Tns Ghetto wäre, wenn das zuträfe, also. ein iimnerhin nicht unerträglicher Zustand gewesen; die Rückkehr zu.einem derartigen, von, der übrigen. Bevölkerung, wenn anch ohne Planern und Tore gesonderten Zustand, brauchte demnach nicht notwendigerweise schlimme Folgen zn haben. Niemand, arlßer einer neuerungssüchtigen Schar von Menschen, habe aus dem Ghetto überhaupt herauSgestrebt, und die Emanzipation sei also ein historischer Irrtum gewesen. Ein Zusammenleben, sei auch unter dein Rasseprinzip erträglich, wenn das Judentum sich auf sich selbst besinne nnd als Sondergrnppe oder nationale Gemeinschaft eine Sondereristenz führe. „Tiefe Betrachtung", so sagte Tr. Weil, „wird lveder dern Wesen des Ghettos gerecht, noch sieht cs die treibenden Kräfte, die zur Emanzipation 'geführt haben." Tr. Weil gab dann in großen Zügen einen lleberblick über die Geschichte der Emanzipation in . Tentschland. die erst dllrch die Kenntnis der Zusammenhänge während ihrer tausendjährigen Seßhaftigkeit ans deutscher Heimaterde verständlich würde. Er schilderte die geschichtliche Entwicklung der Lage der Juden in Spanien, England und Frankreich und zeigte an diesem historischen Vergleich, daß die Emanzipation nirgends mit einem Schlage, sondern überall erst nach vielfachen Rückschlägen erfolgt ist. Tatsächlich habe sie die Befreiung der Juden aus einem Ghettolcben gebracht, das ganz anders ansgesehen habe, als Dr. Prinz es schildert. „Eintönig und ohne Schwung/ sagt der nationaljüdische Geschichtsschreiber Dubnolv, „floß das Leben in den Judenviertelu Teulschlands dahin" und: „Ink fünfzehnten Jahrhundert sinkt der Jude in sozialer Hinsicht auf eine noch niedrigere Stufe herab. Ter Abgrund zlvischen der jüdischen und der christlichen Gasse wird immer klassender, und das geistige Blickfeld verengert sich zusehends." Goethe lvar schon ein Mann voll vierzig Jahren und die Hmnanitätsepvche schon weit fortgeschritten. als sich die Zeitgenossen noch -in den beweglichsten Worten der Klage über das Schicksal der Juden im Ghetto ergehen. Tr. Weil erinnerte an Moses Mendelssohn, an Michael Berr, der der erste jüdische Rechtsanwalt in Frankreich gewesen ist. All diese Zeugen ans der Zeit sprächen dafür, daß die Auffassung von der erträglichen Lage des Ghettos und den heroischen Juden in ihm unzutreffend sei. Heroisch sei der Jude nur im Ertragen des Leidens, heroisch im Bekenntnis zn feinem Glauben, heroisch in seiner Märthrerrvlle gewesen, die ein unglückliches Geschick ihm für ein halbes Jahrtausend aufgczwungen habe. Und die treibenden Kräfte zur Emanzipation'* In allen Ländern seien Christen es gewesen, die sich an die Spitze dieser Bewegung gestellt hatten. In Tentschland L e s s i u fl nnd D o h m, wirksam unterstützt von dem Inden Moses Mendelssohn. In Frankreich der Abbe Gregvire und Graf Nt ira« beau. In Preußen sei die Emanzipation nach dreimaligen! vergeblichem Beginnen, nach sünfundzwanzigjähriger Bemühung, die von 1767 bis k 612 gedauert habe, durch das Edikt des Königs Friedrich Wilhelm III. gegeben worden. Anch in Frankreich sei die Gleichberechtigung nicht mit einem Schlage gewonnen worden. Die treibende Kraft sei vor allem der Zeitgeist gewesen, Rousseau, einer der geistigen Väter der Revolution, habe die Klage erhoben: „Der Nlensch wird frei geboren. Ueberall liegt er in Ketten." Den 'Anteil der Juden bei diesem Freiheitsstreben et!va auf Null zu bewerten, gehe ebeusvwenig.au. Aber, gleichgültig, ob man in Dubnow einen nationaljüdischen oder in G r a e tz einen etwas liberaleren Schriftsteller befrage — sie seien darüber einig, daß die Juden, wie Dubnow sagt. ' „die Gleichberechtigung vom Freiheitsbanin mit größter Mühe hernntcrholen mußten". Es sei anch nicht richtig, wenn behauptet werde, daß das Judentum durch die Emanzipation und durch die Art, wie sie durchgeführt worden sei, gelitten habe. Ter nachträglich gemachte Versuch (Dubnow), das gesamte Leben der Juden im Altertum und im Mittelalter als das Leben einer nationalen Gemeinschaft hinzustellen, scheitere an den Tatsachen. Und wer, wie alle nicht nationaljüdischen Menschen, das Judentum vor allem als religiöse Gerneinschaft betrachte, könne nicht in ein Verdammungsurteil über das religiöse jüdische Leben während der letzten eineinhalb Jahrhunderte einstimrnen, sondern müsse im Gegenteil feststcllen,' daß es gerade Deutschland gelungen war, zum geistigen Mittelpunkt der jüdischen Religion für einen großen Teil der Welt zu werden, und das die durch den Antisemitismus gebotene Politisierung des jüdischen Lebens eine große Reihe hervorragender, fest im Jüdischen verwurzelter Männer-und Frauen hervorgebracht hat, die mit den religiösen Leuchten des Altertums und des Mittelalters es nwhl aufnehmen können. Es sei anch eine Undankbarkeit gegen das Geschick, wenn man nicht anerkennen wolle, daß diese eineinhalb Jahr- Hunderte für das Judentum der westlichen und mitteleuropäischen Länder die Möglichkeit zu großen Ausstieg geboten hätten. Urn aber die Behauptung von dem Znsammenbrnch der Emanzipation darznlnn, genüge es doch nicht, nur die Vorgänge in Tentschland zu detrachten. Ter '.Nationalsozialismus habe in unzähligen Aenßernngen daraus hingewiesen, tHift cs sich bei ihn! nicht nrn ein System handele, daß exportiert werden könne und solle oder auch anderen Staaten anfgezrvnngen N'erde. Ans diesem Gesichtspunkt heraus rechtfertige sich eine Betrachtung, die angestellt werden könne, ohne die gebotene Zurückhaltung zn überschreiten, und die da!in gipfele: nirgends außerhalb Teulschlands hat sich der Gedanke dnrchgesetzt. den staatlichen Ausbau ans der Grundlage der Rassenanslese vvrzunehmen. .Tr. Weit führte hier eine Reihe von Ländern an. insbesondere die Westmächte, deren bnntgemischte Blutzusammen-' setznng jede Rassenanslese umnöglich mache. Er verwirs ans die Debatten im Völkerbund im Jahre 1962, in denen die Vertreter aller Mächte, innner mit der Unterstreichung, daß sie dainit Tentschland keineswegs zu nahe treten wollten, daraus hiuwiesen, daß für ihre Länder, (die znm großen Teil ja auch volksnrüßig nicht so einheitlich zusauuueugesetzt sind ivie Tentschland mit seinen 6UOOOO Nichtariern) die Rassenanslese nicht in Frage komme. Geiviß hätten sich vielfach Anzeichen von Antisemitismus gezeigt. Ader das Entscheidende für eine Behauptung, luic ' die vviu Zilsaimneiibrnch der Emanzipation, müsse doch sein, daß anch andere Länder, gleichgültig, ob sie sich zu autoritären oder demokratischen Regiernngssorinen zn bekennen bereit seien, den Gedanken der Gleichberechtigung ihrer Bürger aufgeüen und die Auslese nach irgendeinem Prinzip, zum Beispiel dem der Rasse, an deren Stelle setzen. Selbst Italien mit dem faschistischen Prinzip habe dies nicht getan. Die Ereignisse hätten es mit sich gebracht, daß ist: deutschen Judentum die Scheidelinie jetzt an einer andern Stelle liege wie vor dem Zusammenbruch, und zwar nicht mehr,!vie bisher, zwischen Zionisten nnd Nichtzionisten. Sicher sei der Gegensatz znm Zionismus nach wie vor vorhanden. Aber auch im Zionismus seien viele, die dein Emanzipationsgedanken zustimmen. Und umgekehrt gäbe es unter den deutsch-jüdisch eingestellten Menschen eine vielleicht nicht sehr große Anzahl, die bereit sei, mit Rücksicht auf die Notwendigkeit der Tagesarbeit, den Emanzipationsgedanken znrückzustellcn. Natürlich gäbe cs niemand, der auf Gleichheit und Gleichberechtigung als solche verzichten wolle oder nicht mit beiden .. Händen, wenn sie geboten nurd. zngreife. Aber dies sei nicht die Frage, sondern es handele sich darum, ob die jüdische Gemeinschaft in Deutschland bereit sei, zn erkennen, daß ihr wirkliches Glück und die wahre Freiheit nicht in einer Gruppenbildung oder in weiterer Absonderung, sondern in fortgesetzter kultureller Beziehung zum deutschen Volke liege. Entscheidend sei, ob wir ein Leben führen wollen, in dem wir jeden Tag, an dem der Ruf an uns ergehe, bereit seien, den Gedanken der Emanzipation mit allen flch.auZ ihm ergebenden Folgerungen zu vertreten. '.Wir müssen jede Dissimilation und Ausgliederung vermeiden, die uns nicht aufgezwungen wird. Wo uns das Gesetz sie befiehlt, beugen wir uns dem Gesetz. Aber gerade jüdische Aufgabe ist es doch, Ideale auch über lange Zeiträume hin zu bewahren. Soweit das Gebiet der religiösen Erhaltung dabei in Frage steht, ist dies auch bei andern Gemeinschaften nichts Besonderes und int Judentum selbstverständlich. Aber auch kulturelle und nationale Bindungen können, wenn der eutsprechende Wille vorhanden ist, ans lange Zeit hinaus gewahrt werden. Wir können keine Schnldsrage untereinander anfwerfen. Es ist abwegig, historische Vorgänge nach dem Prinzip von Schuld und Sühne entscheiden zn wollen. Es ist ein falscher Weg, wenn wir versuchen, uns dein Sprachschatz und den Gedankengängen einer Richtung anznnähern, die ans ihren! Gefühl gegen uns nie ein Hehl gemacht hat. Für diese unpassende Anpassung sagt uns niemand Dank, und sie schwächt unsere innere Kraft. Vieles ist Schicksal. 'Wir bleiben ihm unterworfen. Wir sehen uns als Glieder einer unzerreißbaren Kette. Wir glauben an Gottes Destimmnng. Nichts deutet auf ein Ende des Judentiuns. Das Unglück sch.isit neue innere Werte. Wir tragen das auserlegte Schicksal. Wir suchen es mit nusern schwachen Kräften zn wenden. Und unauslöschlich besteht in uns die Hoffnung ans Anerkennung des wahren Wertes des Jndentnms und auf seine Einreihung als gleichberechtigter Faktor in das gesamte deutsche Volkstum nnd seine Kultur. Nach ewigen ehernen Gesetzen müssen nur alle unseres Daseins Kreise vollenden." „Ist dieser Ausblick unvollkommen?" schloß Dr. Weil seine Ausführungen. „Wahrscheinlich ja. Ist dieser Ausblick zu optimistisch? Ich weiß es nicht. Ist er zu düster? Ich weiß es nicht. Es ist das, was mit seinen bescheidenen Kräften ein einzelner sagen kann, der die Verantrvortuug. an führender Stelle des deutschen Judentums zu stehen, zentnerschwer Zwar ans sich lasten fühlt, der aber anderseits darüber beglückt ist. daß er diese Verantwortung mit all den andern au.-- gezeichneten Männern und Frauen tragen darf, eines Mannes, der sich mit seinem Judentum lest verwachsen fühlt, der die Werte, die Deutschland den deutschen Inden und die Werte, die diese Tentschland gegeben, nicht vergessen kann und mit aller Kraft empfindet. Nicht zur Verzweiflung rufen wir — zur Arbeit! Wir hoffen aus den besseren Tag und sind jede Stunde bereit, was uns an ideellen und materiellen Kräften zur Verfügung steht, für die kleinere und größere Gemeinschaft, in die wir hineingeboren sind, einzusetzen." 'Nach Tr. Bruno Weil nahm der Vorsitzende dcs Gentral-Vereins, Justizrat Jnlins Broduitz, dns Wort zn einein kurzen Appell für den Zeutralaucschuß für Hilfe nnd Aufbau, der bei dem Publikum, das für die Nottvendigleit von Hilfe und Äustau . besonderes Verständnis zeigte, starken Widerhall fand. Anch die eindringliche Mahnung des Versammlungsleiters an die noch Abseitsstehenden, siH in die G.-V.-Bewegnng einzuvrduen. wurde in crr. frenlich hohem Maße beherzigt. Die Trauer um Felix Goldinann. Aus Anlaß des Hinscheidens des Gemeinderabbiners Tr. Fein Goldinann (Leipzig) sind sowohl der Familie als auch dein Vorsitzenden des E.-B. und dem Landesverband Mitteldeutschland des Eentral-Vereins so viel Bekundungen ausrichtigcr Teilnahme zugegangcn, daß es unmöglich iß. allen einzeln zn danken. Svrvvhl die Familie als auch der Central-Berein sprechen hiermit allen, die an der Trauer um den Dahiugegaugeueii tcilgenvmmen haben, ihren herzlichsten Tank aus. Hätte nur den geschrieben und sonst nichts — er wäre mit diesem herrlichen Roman allein schon in die Unsterblichkeit eingegangen. (£r schenkte aber der jüdischen Welt noch eine Reihe weiterer, unvergänglicher Werke, voll Tieft und Humor, voll von atem- ..raubender Spannung. Sr erschließt, in seinen Romanen das weite, wichtige und unerschöpfliche Gebiet ostjüdischen Gebens und osijüd. Kultur, ohne deren Kenntnis das tragische jüdische Schicksal ewig unverständlich bleibt. So ist Franzos heute in edelstem Sinne aktuell-er ist notwendig, er ist unentbehrlich. - * fic$e 23e(!t!1fädn •' - Verlangen Sie kostenfrei ausführlichen Prospekt! Bestellschein (Hier abkrennen) Bei Edmund Meyer, Buchhandlung, Berlin W 50, Bamberger Str. 61 (255,0816), wird hiermit bestellt: iK. Cl. Sva«zoS NM. Der posa,... Leinen 4.— Die Juden von Bamow. Leinen 3.— Judith TrachtenSerg. Leinen 3.— Leib Welhnachtsluchen u. s. Kind . Leinen 2.50 Moschko von Parma.. Leinen 2.— Ein Kampf umS Recht. . 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