Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 45 (8.11.1934)
- Date
- 1934-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, Z. November 1934 17.1 l l.. Jo4 Diese Nummer umfasst 18 Seiten Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Dr. Bruno Weil, „Rechenschaft und Ausblick//. — Kundgebungen zur Judenfrage. 1. Beiblatt: Das Berliner Jüdische Lehrhaus öffnet die Pforten, von K. J. R. — Zum Staatspolitiken Unterricht.— Aus Berliner Ausstellungen. — Aus der C.-V .-Bewegung. 2. Beiblatt: Wirtschaft der Woche. — Sport. 3. Beiblatt: Fidelio". von Ludwig Altmann. — Zu Schillers 175. Ceburtslag, von Fritz Engel. — Eine Mutier erzählt die Bibel. 4. Beiblatt: Seile der Jugend. A. H. Von der Straße, auf der jüdische Menschen durch die deutsche Gegenwart gehen, zweigt sich an einer bestimmten Stelle der Weg nach draußen ab.Tas ist keine neue Erscheinung. . Bloß ihre Bedeutung hat sich gewandelt. Heute heißt nach) draußen den Weg in fremde Länder, vor allem nach Palästina/ wühlen. Früherwar c* der Weg aus der jüdischen Gemeinschaft hinaus durch Taufe oder Austritt. Zwang und Wille wirkten heute wiedamals zu solcher Entscheidung zusammen. Wir wollen heute Reklamationen unregelmäßiger Belieferung der ..C.-V.-Zeilung“ «sind unter Vorlage der Postquittung nur beim zuständigen Postamt (Zeitungsslellc) oder dem Briefträger, nicht bei dem Verlag, anzubringen. Nur bei Beachtung dieses Hinweises lassen sich Stockungen in der Zustellung der „C.-V.-Zeituug“ vermeiden. nicht die Frage erörtern, ob und in welchem Umfange der Weg aus.- Teutschland heraus notwendig und v'oin Standpunkt des Ganzen gesehen nützlich ist. Unsere Betrachtung gilt der Lage des detttschen Judentums, da» nti*' Wille und Zwang hier bleibt, tntd dem Problem, wie die Lehre der jüngsten jüdischen Vergangenheit in Teutschland vor 1933 genutzt werden kann, um zu verhindern, das; der Weg des deutschen Judentums sich in Teutschland selbst spaltet und Menschen der gleichen äußeren Situation durch gewisse Voraussetzungen aus verschiedene Wege getrieben werden. Tie Einzigartigkeit unseres jüdischen Schicksals in Teutschland seit 1933 steht außer Frage. Aber ebensowenig wie der Umbruch innerhalb der deutschen Unnoelt von heute auf morgen ,erfolgte — etwa daß Bleu sehen unveränderten Lebensgcsühls in einer jäh geänderten Welt sich hätten zurechtsinden müssen — ebensowenig unvorbereitet ist das deutsche Judentum der geänderten Welt gegcnnbergetrcten. In einem Punkt freilich ist der Umschwung auch heute noch nicht innerlich verarbeitet: in den Fragen des gesetzlichen Zwanges und unserer rechtlichen-Sonderstellung. Hier liegt ein absolutes Novum ohne Beispiel in der beuzeitlichen Geschichte vor. Aber im seelischen und wirtschaftlichem Bereiche waren bei uns Ansätze schon zuvor vorhanden. Wer sie ertaunt hatte, blieb in den schweren 'Monaten des Jahres 1933 bei aller tiefen inneren Erschütterung seelisch stark und konnte den weniger Aufgeschlossenen, den Fragen von früher her weniger Zugewandten, Wegweiser und Ratgeber sein. Man hat sich aber, pßlchv logisch verständlich, vielfach angcwvhnt, unsere gesamte Situation als seit 1933 zwangsläufig und' erzwungen anzniebeu. Biele betrachten in Vereinfachung der Tatsache unseres Daseins und der Planung seiner Fortführung die Bewältigung der sich aus dem Zwang ergebenden Ausgaben als d i e ausschlaggebende jüdische Ausgabe. Diese Betrachtungsweise ist gefährlich: denn sic verkennt die Bedeutung der, kigeugesetzlichen, in Deutschland sich vollziehenden soziologischen Entwicklung des deutschen Judentums, die zur Wiederholung von Aoraängen führen müssen, die bereits vor 1933 begonnen haben. Man Übersicht bei der Erörterung.der. jüdischen Krisenmomente der Gegenwart oft, daß das deutsche Judentum sich in dem letzten Jahrzehnt bis 1933 in einem langsamen, aber jieügen Umwandlungsprozeß befunden hatte/ der es in seinem Bestand, auf die Dauer gesehen, schwer erschüttern mußte. Die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit liegen so sehr im grellen Licht, daß das . geistige Auge zu den Hintergründen nur schwer hindurchzublicken vermag. Vergegenwärtigen wir uns einen Augenblick einige Tatsachen, aus die vor 1933 von Einsichtigen besorgt hingewiesen wurde, ohne daß cs damals gelang, die jüdische Gesamtheit von der Tragweite dieser Entwicklung zu überzeugen. Ter Unischichtungsprozeß, den die Ariergesetzgebung und die stimmnngsmäßige Rückwirkung der Unnveltgeschchnisse in unseren Reihen hervvrgerufen hat, sst, im Grunde betrachtet, nur die beschleunigte und umfassendere und erzwungene Fortsetzung eines Vorganges, der in der Nachkriegszeit seinen Anfang genommen hatte. Tie Quellen der jüdischen Wirtschastsnot liegen in den Jnslationsjahren, die breite Schichten des deutschen Judentums reservenlos gemacht haben. Der „Erbe" und der großbürgerliche 9Aittelstand erlitten Einbußen, von denen sie sich nicht-mehr erholten. An dieser Feststellung ändert nichts das Zugeständnis, daß die Zeiten der Hochkonjunktur bis 1928 ttnd in einigen' Gegenden bis 1930 auch die'wirtschaftenden ' jüdischen Menschen'zugleich mit der gesamten deutschen Wirtschaft eine kttrze Scheinblüte-erleben ließen. Man übersieht, daß der jüdische Mittelstand, seit je die zahlenmäßig stärkste Gruppe im Aufbau des detttschen Jttdentntns. schon damals in sehr wesentlichen tmb immer stärker zunehmenden Teileit ans Arbeitn e h m e r tt bestand, die zwar die Gehaltskonjuuttnr mitgeuvsscn, die aber von der dann cinsetzcndcn rücklättsigen Entwicklung der Wirtschaft uniuittelbar tntd ausweglos betroffen wurden. Seit H>js i[t in den jüdischen Reihen ein Berarmnugs- und Proletarisicrtntgsprozeß zu beobachten gctvesen. der and) die akademischen Berufe in erheblichem Maße ergriff. Ein wirtschaftlich schwaches Judentum ist nicht erstmalig in der Geschichte. Hier aber war die Erscheinung, das; mit dem sinkenden Lebensstandard bei sehr vielen absinkenden Menschen auefj die Beziehung zum Jtrdenttltn an Stärke verlor. Tcm Menschen, der vom schützenden und stützenden Kreis natürlicher Religiosität tunfangen ist, bedeuteten Schicksalsschläge und wirtschaftliche Rückschläge göttliche Fügttngen ttnd Prüfungen. Für den „aufgeklärten" Meitschen, vor allem den jüngeren Menschen des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts, sind Rückschläge Ergebnis politischer ttnd wirtschaftlicher Vorgänge. So nahm er nicht vom Religiösett, sondern vom Politischen her zu seinem Schicksal Stellung. Das Judentum, innerhalb der deutschen gestaltenden Kräfte eine tinpolitische Erscheinung, versprach ihm — von dieser Ebene atis gesehen — keine Zukunft. So waren vom Standpunkt des praktischen Denkens wie in der Sphäre des religiösen Empfindens seine Bcziehnngen ztnn Judentum geschwächt. Das Judentum in Deutschland hatte für seine Religion eine Art bürgerliche Ausdrucksform gefunden, die der bürgerlich geschichteten, ztnn Teil auch bürgerlich saturierten Lage seiner Anhänger entsprach. Wer Kern tind Schale nicht unterscheiden konnte — und wer will sie ttnterscheidert, wenn er mit Ressentiment ait die Dinge heraittritt — mußte einer religiösen Gestaltung fremd gegenüberstchen, die ans seilte wirtschaftlichen Möglichkeiten und Schwierigkeiten, ans seinen sozialen Platz und aus seine weltanschaulichen Zweifel unzureichend Rücksicht nahm. Eine Zeitlang war es für manche dieser Menschen ausreichend, den Weg ins Nationaljudentum. ins Zionistische zu gehen; dann verlor auch dieser Auslveg an praktischer Bedeutsamkeit. Zu dem - Unbefriedigtsein durch die Erscheintingssorm der Religion kaut die allgemeineZeitströmtmg der Unzufriedenheit mit dem Bestehenden, vor allen Dingen in der Wirtschaft. Von welcher Erwägung aber auch jüdische Bien scheu geleitet wtirden, zunächst und mtmittelbar führte sie der Weg ans dent jüdischen Zusammenhang heraus und in alltpmwirie Strömungen der Umwelt hinein. Dieser Assimilatioltsvorgang der immer breiteren, wirtschaftlich abhängigen Schichten des deutschen Jndentums stellte bis ztnn Januar 1933 eine erheblich größere Ge- - fährdlutg des jüdischen Bestandes iit Teutschland dar, als etlva hundert Jahre zuvor die Taufwelle mit ihrer Assimilation an die UM Ae „SMfen VA» M" - Ter Vorsatz, unseren Lesern - in - dieser - Nunnner der „E.-V.-Zeitung7. abschließend . über den Berner Prozeß zu berichten, läßt sich leider nicht verwirklichen. Am dritten Verhandlungstage'wurde die Hauptverhand- Itmg unterbrochen, tim etwa -Mitte- Dezember - wieder ausgenommen tntd zu'.Eride.geführt.zir.. - werden. Wie erinnerlich, hatten die Beklagten . als - ihren Sachverständigen ' den ' 'Pfarrer - Münchmcyer (Borkum) benannt-,' der"jevvch, " nach Mitteilung des Gerichts, zttr Zeit nidjt anfzttjiuden sei. Die Beklagten machten nun- . mehr als ihren Sachverständigen Oberstleut- . naitt ö. D. Fleischhauer (Erfurt) namhaft. Atich die Kläger erklärten sich damit einver- - standen, unter der Bedingung, daß Siche-;.' ' rnngen gegen eine Berschlepptmg des Prozesses geschaffen würden. Die Beklagten verwahrten sich ihrerseits dagegen,: daß sie den : Prozeß etwa verschleppen wollten. Es wurde - - bestimmt, das; der neue Sachverständige inner- .' halb vier Tagen eine Erklärung abgeben solle, - ob er den Auftrag annehme und das; er dattach 'binnen Monatsfrist sein Gutachten auszuarbeiten hätte. Ans diesem Grtinde wollen wir auch davon absehen, Auszüge atts den Gutachten zu veröffentlichen, die Obergntachter Loosleh tntd der von dett Klägern benannte Professor Batnngarten von der jttristischen Fakultät der Universität Basel vorgelegt und vorgetragen haben. Wir behalten uns vor, die Inhaltsangabe bei Wiederaufnahme der Hanptverhandlung na chzu holen. Rttr das Ergebnis sei vorweggc'nomtnen, das bei beiden ' dahin geht, daß es sich bei den „Wcisett von Zion" um Fälschungen handele. Die Frage, ob es sich bei der Ausgabe der „Weisen voti Zion" dtirch Theodor Fritsch, die den Gegenstand der Klage bildet, tun Schundliteratur int Sittne des.schweizerischen . Gesetzes Handelt, beantwortete der -Gutachter, - Professor Banmgarten, dahin, das; eine Ausgabe der „Protokolle", werm sie 'ohne' objektive kritische Würdigung der Echtheitsfrage' unter das. Publikum gebracht werde, als Schundliteratur zu bezeichnen sei. Das sei aber bei der Broschüre von Fritsch der Fall, die er also als einen Beitrag zur Schundliteratur» bezeichnen müsse. Der „Märkische Stadtmtd Landboke" berichtet über eine Versammlung in Eberswalde, bei der großbürgerliche Lebensgestaltung. Vor hundert Jahren sing die jüdische Reformbewegung diese Enttvicklung ab. 1933 unterbrach der politische Umschwung sie in allen Punkten und zwang die Menschen, ob sie wollten oder nicht, in die jüdische Gemeinschaft zurück. Es gab vor 1933 Menschen, die dieses Sich-Entsernen vom Judentum beobachtet ttnd sich voll innerer Verantwortung um die Schaffung von Anziehungspunkten znm Jüdischen hin tind um die Wiedererweckung. jüdischen Bewußtseins in dort Menschen bemüht hatten. An dieser Stelle darf um der geschichtlichen Wahrheit willen nicht ohne Genugtuung festgestellt werdeit, daß es die junge Generation im Eentral-Berein vor all ent getvesen ist, die dtirch die Angestellten- Heint-Bewegting sehr wesentliche Arbeit atts diesem Gebiete geleistet hatte. Tie Erschütterung durch die Ereignisse vor 1933 hemmte bei den Betroffenen zunächst vielfach eigenes Denkett. Die Fremdheit in dem Verlasselten jüdischen Bezirk zwang zum Zusammenschluß ttntcr die vorhandene Führung. Für einige Monate war — wir beschränken uns auf die Untersuchung der nicht mit Austvaitdertmg oder Vorbereitung zur Aitstvaudernng verbundenen Erschcimmgen — eine gewisse Einheitlichkeit .mtd Ansgeglichenheit der jüdischen Schichten unterernander tind in ihrer Beziehung zu einem mitnnter etwas vage empftutdenen, aber nur ganz allgcutein bejahten Judentum hergestellt. Seitdem ist manche Klarheit neu gewonnen, manche alte Ertttänschnng beseitigt worden, aber manrijc Lehre der Vergangenheit blieb unbeachtet. So beobachten nur im verengten Raunt mtd mit teilweise veränderten Vorzeichen diesebe Bewegung, die dantais zu einer gefährlichen Ablösung jüdischer Menschen vom Judentum geführt hatte, iitnerhalb der jüdischen Genteiuschast von neuem Heraufziehen. lieber diese Gefährdung der jüdischen Einheit in Deutschland tmd über den Versttch, wie die Gefahr eines Auseinanderlebens der jüdischen Schichten vermieden werden könnte, soll in einem zweiten Aussatz gesprochen werden. 'Pfarrer Mänchmeyer das Jubiläum seiner t;oOü. Versammlung hielt. Im Verlause seiner Rede. hat der Redner narf) dem Bericht der genannten Zeitung u. a. bei Besprechung der deutschen Außenpolitik folgendes gesagt: „Mit Südslawien wurde ein Handelsvertrag abgeschlossen, weitere aussichtsreiche Verhand-; hingen mit diesem aufstrebenden Vande waren ang'etnnpft, als Nönig Alerattder in Marseille durch die Schüsse des internatioirnlen Weltjudenttnns ans dem Wege geräumt tvttrde." Die Frage eittes Politischen WeltjudentmnL bildete bekanntlich den Hintergrtmd des Berner Prozesses über „DieWeisen von Zion". Es cristicrt nicht, hat nicht existiert und kann deshalb atich keine Attentate veranlassen. Die große Trauer der jugoslawischett Jttden um ihreit ermordeten König, der stets gegen den Judenhaß ausgetreten tvar, ist bekannt. AerrsS Brrkehres in SAakrSa Gegen den Hauptschuldigen in dem vor kurzem in Grahamstown dtirchgesührten Prozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion", den Führer der antisemitischen Grauhemdenbewegung -öarrn Victor Jnä), der zu einer hohen Entschädigung au den Privatkläger, den Rabbiner der Synagoge in Port Elizabeth, verurteilt worden tvar, ist im Zusammenhang mit derselben Angelegenheit nunmehr die öffentliche Anklage tvegen Meineids. Fälschung, Abgabe tntd Beschtvörung fulidjer Erklärungen an das Gericht mtö T iebstah l erb oben wordem