Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 44 (1.11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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*»© ßlto Zarek: .Treue'?lus allem Epischen, das Otto Zarek bisher -geschrieben, ertönt das Thema: Jugend. In seinem ersten Novellenband „Tie Flucht", in den Romanen Begierde" und Theater um Maria Thirl" strömt der Blutkreis des eigenen Zrveiselns, Sehnens und ' Kämpfens. Auch von dem reisen, stilistisch ruhiger Gewordenen läßt nicht der Drang, zu sinnen und zu gestalten, wie sich die Menschheit von zwanzig fahren zu den Problemen der Zeit und zu sich selber stellt. In diesem neuen Buche „T reue" (erschienen in der Bibliothek zeitgenössischer Werke, Zürich) steht sie wieder in den Verwirrungen der Nach, kricg-zeit, delirierend ne selber in dem Delirium ringsum, besorgt um ihr Dasein und um ihre Zu-!imft und, wie es sich für diese Jahrgänge versteht, streitwütig bis zum Extrem. Tie Darstellung vollzieht sich ohne Parteinahme, mit der Ruhe, d:e dem Epiker geziemt. Tie jungen Menschen und die alten, die girrenden und die gegorenen, die tastenden und die sicheren treten rn Wechselwirkung zu einen! großen Zeitpanorama zusammen, dein man nachrühmen darf, das; es mit den echtesten Farben uralt, mit einer subtilen Kenntnis wirtschaftlicher und sozialer Zustände. und, indem es die Handlung in den Bezirk der schlesischen Industrie legt, beispielhast ist für die ganze Epoche und ihre Erscheinungssormen. Zcitschicksal und Meuschemchicksal verweben sich untrennbar ineinander. Tie schöpfe, rische Pflicht des Romandichters wird erfüllt, indem, w.rs c: schreibt, aufhvrt. romanhaft zu sein. Nur selten, das; man den Autor selbst spürt: gelegentlich im Nichtguten: wenn er schlichte Bolksgestölten etwas geschwollen reden macht oder wenn er eine mit sernellem Paprika gewürzte Weibsperson in seine sonst wahrheitsuchende Schilderung dämonische Funken werfen läßt. Tann jedoch wieder viele seinen Ziige, die dem Zeitschilderer das eigentliche poetische Fluidum beimengen, und die erschütternde Wendung am Schluß, wenn der junge Mensch einen Totschlag begeht, weil er nur so 'wieder zu sich selber zurückfinden kann. Tas gibt dem Buche mit diesem Titel „Treue" den wesentlichen Sinn. Mit einem dostojewski-würdigen Spähblick dringt es damit in die Tiefe menschlicher Triebe. F. E.?raa Goas: Ler Träumer" Ter „Träumer" ist der erste große Roman von Jean Giono. Jean Giono ist de? erste unter den romanischen Schriftstellern der Gegenwart, dessen -Funst so eigenartig, so neu, so faszinierend ist, daß sie uns atemlos und beklommen macht. Er öffnet, als Gegenpol zu dem Spanier Rarnon Gomez de la Scrna, die aphoristischen Blitze seiner „Greguerias" mit soviel Eleganz in mondäne, städtische Seifenblasen schlagen läßt, daß sie kurz vor dem Zerplatzen noch einmal in den schillerndslen Regenbogenfarben auflcuchten, die breiten, schweren Tore zu der Welt der Bauern und Hirten, zu der Welt, „die hoch über den Menschen mit ihrer Wind- und Cternenslimme spricht." Es ist unmöglich, diese Welt mit anderen Worten zu schildern, als es Giono tut. denn bei ihm ist die Sprache nicht mehr nur Ausdrucksmittel. Kleid oder Hülle eines Inhalts, einer Handlung, die Sprache, jeder Satz beinahe wird ein selbständiger dramatischer - Akt. der keine starren, leblosen Körper duldet, sondern aller Staffage rotes, rasendes Blut überträgt, daß sie auszuckt und pulsiert. Jedes Stuhlbein, ein feuchter Schimmelfleck im Mauerwerk, jedes Baumblatt, ein Lufthauch. eiternde Wunden und Halskrausen. Dämmerung, Wiesen, Speisereste, Rauchsäulen, Gardinenhaken und Medizinslaschen werden zu jagenden oder gejagten Geschöpfen, die ein Schicksal besiegen oder ihm unterliegen, die ihre schivachen oder starken Kräfte dein Willen unterordnen, aus jeden Fall zu handeln, zu leben. Es bekommen Stimmen Farbe, und Berzweiflungsmm» fäjteie Gerüche, „eine Ratte zündet ihre beiden Augen an" und ,/rus den vollen Nüstern schütteln Stuten ein. wieherndes Lachen, weißer als ein Büschel zackiger Narzissen." „Der kauernde Leib einer Kirche, „das platte Gesicht eines Hauses" sind nicht mehr unveränderliche, festgefügte, fer- tige Beharrlichkeit, sondern unbekannte, ja unheimliche Tiere, die es selbst noch nicht wissen, woniit sie einen noch überraschen können, wenn rhre Seele erwacht. Es separieren sich die einzelnen Körperteile des Menschen zu einem Eigenleben, ein „Mund findet Vergnügen daran, den Namen zu sagen und macht alle Umwege, die zu seiner Aussprache erforderlich waren, und seine Lippen schnvrkelten sich lange um alle Buchstaben herum", oder es werden wiederum Geschichten erwähnt, die auf gut Glück ausslogen, schreiend nach rechts und links flatterten, fortan das Haus bewohnten und nicht starben. Zuweilen fand man sie lange danach in irgend einem Treppenslur wieder. Da saßen sie und warteten und überfielen einen. - Auf jeder Seite findet man in dem Roman derartige spukhafte Abenteuer, der zum Leben erwachten, scheintoten Dinge, in jeder Zeile wird die Seele irgend eines scheintoten Körpers entdeckt und erweckt, die Seele, nach der Nembrandt forschte. So ertrinkt beinahe das. was sonst das Haupthema eines Romans vorstellt, hier die Geschichte eines jungen Menschen von der frühesten Erinnerung bis zu seiner Mobilisierung 1DJ4, in den tausend und abertausend Themen, die Worte und Sätze zum bersten bringen, so wird es auch zur Nebensache, dem verzehrenden Künstlerrvillcn gegenüber, das Mysterium alles Lebens — es gibt nichts Ilnlcbendiges, selbst der Tod ist Leben — nicht zu erklären, nicht zu lösen, sondern als traumhaften Abglanz eines Träumers zu zeigen. Ter „Träumer von Giono ist ein herrliches Buch. Es gibt in ihm Stellen, die wert sind, in goldgcfchmttewn Lyrikbänden zu stehen. Das Buch, der S. Fischer, hat Käthe Rosenberg übersetzt. 6-. 8. Carl Zrnkmager: .Eine LiebesgeWüte" Carl Zuckmayer läßt bei S. Fischer ein kleines Buch erscheinen, eine süßherbe Frucht bester - Erzählerkunst. Er nennt es „Eine Liebesg e s ch i ch t eEs bedarf nicht eines besonderen Titels, denn es ist nicht mehr und'nicht weniger, als was die Titellosigkeit ansagt: Geschichte einer , Liebe, geglüht in der Flamme der Leidenschaft und zertreten von der Engherzigkeit der Mitmenschen. Tiefer kleine, knappe, ans Tiefen geschöpfte Bericht . über einen Mann und eine Frau, über ihr Glücklichsein wid ihr Unglücklichwerdeu spielt in der . friderizianischen Zeit, aber ohne irgendlvelche Filmschminke. Tic Geschichte ist männlich und zugleich zärtlich geschrieben, streng und ebenso anmutig. Tie beigesügten Zeichnungen von Hans Meid sind ihr ebenbürtig. F. E. AAÄÄ GUMS SA0b: .TrUMuS EN« rrmrÄw' Heinrich Eduard Jacob, weitgereist in der Phantasie und nun wohl auch körperlich. Auge und Ohr stets über das Tor hinaus in die Weite gespannt, bringt diesen Novellenband „Treibhaus Südamerika" (Verlag Bibliothek zeitgenössischer Werke, Zürich). Er bringt uns die Ferne ganz nahe, sie atmet und duftet, sie glüht in ihrenr Sonnendunst, sie zaubert uns ihre Farben hin. sie setzt ihre Menschen in Bewegmig, die braunen, die schwarzen und nicht weniger die weißen, die sich zu jenen Ufern drängen, um zu schauen, zu erwerben, zu genießen, auch um schließlich zu leiden. In drei Erzählungen wird die große Fähigkeit bekuudet. sich in Fremdes und seine Taseinsbedingungen einzufühlen. Sie nähert sich dem Rande ck>es höchst spannungsvoll Sensationellen, erzeugt deshalb gewiß willkommenen Lesestoff, aber ihr .Ausdruck bleibt in künstlerischer Pflege und ihr Zentrum ist stets da? Menschliche, das menschlich auch in fremdem Gewände bleibt. Darum über das Bestaunen entlegener Sitten hinaus unsere Freude am Spiel der Leidenschaften, über das Trennende fort die Gemeinschaftsempfindung, die nicht an Klima und Rasse gebunden ist. Zwei der Novellen, „Herr Carlos Müller geht spazieren" und „Schwarze Leute in Bahia" sind mehr skizzenhaft. Die dritte und größte. „ A r a c y und das Fieber", ist in alle Dimensionen gewachsen. Ein junger Deutscher kommt in das „große, zärtliche Brasilien". Die Landschaft, das Meer, die Stadt Rio de Janeiro, das Gewimmel erschließen sich ihm. Er erlebt ein wunderliches Idyll, ein Scheinidyll, aus dem er erwacht, um sich einer Katastrophe zu nähern, die aber an ihm vorübergleitet. Ein Flimmern des Himmels, ein Flammen der Angstholle: in vielfach gebrochenem Licht, dichterisch verteilt, sehen wir in einer anderen Welt unsere eigene wieder. E. E. *s>WvyvWV,V vvv/vV'^UvvvV Dr. Martin Gumpert, ärztlich bekannt geworden durch sein Eintreten für kosmetische Heilmethoden als Gebiet sozial-inedizinischen Handelns, dcineben ein in künstlerischen Bezirken heimischer Mann, hat soeben im Verlag S. Fischer einen Roman erscheinen lassen, der das Leben Samuel Hahnemanns, des Begründers der Homöopathie, zuin Gegenstand hat. Dumper t stand vor der Aufgabe, eine Würdigung der wissenschaftlichen Bedeutung Hahneinanus, über den wir seit dem mutigen Eintreten August Biers unsere Anschauungen stark revidieren mußten, zugleich mit dem Lebensbild eines kämpferischen, eigenwilligen und von einer Idee besessenen Menschen zu geben. Die Vereinigung dieser zwei Aufgaben — einer beinahe kunstfeindlichen mit einer künstlerischen — ist ihm fast lückenlos gelungen, und es ist ein sehr lebendiges, überaus reizvolles Luch entstanden. Der Arzt freut sich der geschickten Verarbeitung eines umfangreichen geschichtlichen Wissens und der - klaren HerausarbeiLnng moderner Schaii aus die Erkenntnisse Hahnemainis. Aber auch der medizinische Laie wird mit Ergriffenheit das Leben eines Mannes an sich vorüberziehen lassen, der ein Kürnpfer gegen Tod und Teufel war. ein großer Hasser alles ungeprüft Ueberkommenen, aber auch ein begeisterter Kämpfer im Dienst einer leidenden Menschheit. Daneben wird er manches kluge und nachdenkliche Wort finden. Friedrich Brodnitz Dr. Paul Cohn: „Selene von Nacowitzn rrrrv LaffalLes Cnvc." Ter Verfasser nennt seine kleine Arbeit „Gedanken zu Lassalles 70. Todestage. 31. August 1934". Sicherlich hat die Erinnerung an das tragische Ende des nationalen Sozialisten, der bekanntlich in einem Duell ein vorzeitiges Endo fand, die Veranlassung zu der biographisch-psychologischen Skizze gegeben. Der Verfasser, von Beruf Arzt, bietet keine neuen Forschungsergebnisse, sondern Reflexionen über das Thema. Mit deutlicher Syiupathie steht er ans der Seite des genialen Mannes und zergliedert rücksichtslos, vielleicht ein wenig antifeministisch, den Charakter der flatterhaften Frau, des „Weibchens", an dem Lassalle zugrundeging. Die Arbeit ist in einem geistreich-antithetischen Stil geschrieben, der mitunter zu Uebersvitzungen geführt hat. F. F. Richard .Haevccke: „Der Weltkrieg." Hermann Schassstein Verlag in Köln. Ter Leser findet in dem Büchlein, das in der Reihe der von Johannes Bühlcr herausgegck'enen G-V.-Leser trinken nur den Koffee, Tee# Kakao der Caoslo Baßee GsoEfoesäerei Sresca Vertreter werden noch eingestellt Schachaufgabe Nr. 2t von S. Notenstein (Berlin) Matt in drei Zügen Weiss: Kd7, Dal. Ld5, Lei, Bd2, c3, hö (7) Schwarz: Kh3, B1>1, c4, gö, ht> (5) Lösung der Aufgabe 1. Sa5—c4 (drohend . . . Sb2—dl; .. . LfG-gö; ... Sb2Xc4; » . Lft!—(!•!; ... *Sft7X ff>; ».. si>2xti:;; » » . Se7—ei»: Kr. 20: 2. Sc4—e3 matt) 2. Tf3—g3 matt 2. Tf3—fl matt 2. b3xc4 matt 2. Sc2—fö matt 2. Tf3Xf4 malt 2. Tf3xd3 matt 2. TbG—b5 matt. * Richtige Lösungen gingen ein von: Mar Herzbcrg. Gcvrg Lange. Gustav Lcrvi, Willi Michaelis, Scm'itätürat Tr. S. Tvmke (Berlin). Dr. Hermann Löd (Bochum). Rabbiner Dr. Tänzer (Göppingen). Leopold Mchrländer (Konstadl). Julius Gottheiner. S. Maennlein (München). Gottfried Gumbel (Stuttgart), Erich Rubensohn (Hildeöheirn). A. Liebert (Berlin-Neukölln). Berta Malsch (Erfurt). Zahnar;t Dr. Ernst David (Mechernich), Kurt Bücher (Nieder- Jugelheirn). Herbert Heimann (Natibvr). Hans Steinberger (BayreutlJ, Artur Jacob (Siegburg-. Dr med. Hans Schlesinger (Mannheim). Tierarzt Bl. Kvschuiiusli (Landsberg a. d. Warthch. Jako!' Baumann (Köln). Ernst StrauF (Edeulvbeu). »arrn Rothsäiild. Heins Stern (Abterode). Karl Bechhö'e^ ('Nürnberg, Breite Gasse). Lothar Schönthal (Nürnberg). Günther Fuchs (Karlsruhes A. Barvnvwch (Berlin), Suse Welt sch. Georg K. Israel (Berlin Eharlottenburg). Michael Lei'Y (KreseldV Hans Evhn. Tr Aler Leiser (Berlin). Dr. Rud. 'Jlvuuunm (Leipzig). Rechtsanwalt Dr. Ernst Boehm (Brieg>. Weitere richtige Lösungen von Aufgabe Nr. r.> (singen ein von: Kantor 2. Eohn (Kvblen.ü. Dr. Aler Leiser (Berlin-Neukölln). „Schriften zur völkischen Bildungerschienen ist, in jeder Hinsicht das, was er zu finden berechtigt ist. In anspruchsloser Darstellung und gedrängter Kürze erzählt Haedecke die wich-- tigsten Ereignisse des gewaltigen Krieges. Die Ansichten, die er vorträgt, entsprechen im wesentlichen den Ergebnissen der Weltkriegssorschimg, soweit ne bereits vorliegen. Auch mit Kritik an der deutschen Kriegsführung hält er nicht zurück. AB einer so kurz gefaßten Darstellung' versteht es ttvon selbst, daß eine gervisse Einseitigleit bei der Beurteilung der Vorgänge unvermeidbar >oird. Tie Linie der Ereignisse rvird bis zur Aufrichtung des Tritten Reiches geführt. ich f. Starb csr 30 Fshrrg. am 3. Kosrmber 1904 , Als ich nach längerer Kausmannszeit, die ich im Osten des Reichs verbracht hatte, nach Berlin kam, um hier die Obertertia des Gymnasiums zu besuchen und es zu Ende dnrchzumachen, fiel ich als vier Jahre älterer meinen Schulkameraden auf. Neugierig fragten sie mich aus. Nur ein jüdischer Mitschüler, Walter Ealch hielt sich anfangs zurück. Ter sanfte Frageblick seines klugen, dunkeln Auges in seinem blassen, schmalen, doch von einer weit-- ausladenden Stirn überragten Gesicht gctvann mich sofort. Wir traten uns näher, er weihte mich in seine geistigen Freuden ein, ich ihn in die meinigen. Wenn er Kunst erlebte, schien die Schönheit vor seinem fiebernden Auge zu stehen, wenn er davon sprach — und immer Wesentliches —, so war er wie im Rausch. Jede seiner Handlungen kam zart ans einem vollen Herzen. Unsere Entwicklung hielt nicht gleichen Schritt, er flog, ich ging. Ter Altersunterschied war aufgehoben, wir wurden Freunde. Durch den Tiergarten wanderten nur vom frühen Nachmittag bis zur Nacht, ja bis zmn Morgen. Was hatten wir uns alles zu sagen! Groß war das Geistesreich und alles war erst da, wenn wir es durchgesprochen, gewogen, mit unserem Urteil abgestempelt hatten. Er zeigte mir auch seine ersten Gedichte. Damals zählte er fünfzehn, sechzehn Jahre. Sein bedeutendes Talent schien sich mir darin zu offenbaren, daß diese Frühwerkchen, so abhängig sie von dem waren, was er gerade las (so schrieb er bei seiner Bekanntschaft mit Uhland lange Reihen Volkslieder), von dem kindlichen Gemüt ihres Schöpfers vollkommen durchtränkt waren. Schon der siebzehn-, .achtzehnjährige Lyriker stand als der Walter Calä da, den die Nachwelt kennt, schon die aus dieser wenig späteren Zeit stammenden Gedichte zauberten seine prächtige, romantische Szenerie, sie waren von innigem Gefühlerfüllt, sie sprachen aber auch erschreckend deutlich und immer bestimmter vom Ruf des Todes, von Todesbereitschast, Todesahnung. Als Ealä nach einem Freiburger Semester in Berlin weiterstudierte, suchten wir uns wieder auf. Freilich wuchs mit feinem geistigen Horizont, in den inzwischen auch die Philofophie getreten war. fein Freundeskreis. An einem Regentag des Herbstes 1904 holte der Dreiundzwanzigjährige mich aus meiner Bude ab. Auf dem Spaziergang führte er das Gesprach so. daß wir uns noch offener als sonst Liebes sagten. Als wir uns trennten, war mir, als hätten mir voneinander Abschied genommen. Noch zweimal ging ich an dem Tag zu ihm, um zu forschen, was der befremdende Klang unserer Rede wohl bedeutet hätte. Er' redete mir meinen Argwohn aus. Wenige Tage später war jener dritte November, an dem er wie Heinrich von Kleist, jedoch ohne die Todesgesährttn, seinem Dasein ein Ende machte. Etwas von seinen Arbeiten zn veröffentlichen, war Walter Calö nie zu bewegen gewesen. Ich schreibe mein Privatwerk oder Odi profamim volgus, pflegte er zu sagen, wenn seine Freunde ihn dazu überreden wollten, so als Peter Hille, dein ich einmal ein Gedicht von Calä vorgesprochen hatte, ihn durch mich bitten ließ, es ihm doch für eine Sammlung zu überlassen. Vor seinem Tod'e vernichtete er fast alles, dessen er habhaft werden konnte. Nurdie Gedichte ließ er zurück. Er nahm diese Poesie, die er oft zwischen wissenschaftlichen Arbeiten wie zur Erholung hervorbrachte, nicht so schwer. Einiges hatte er Freunden zu lesen gegeben, sie hatten es zurückbehalten. So saminelte man außer den Gedichten den letzten Akt eines Dramas „Franziskus", zwei in sich geschlossene novellistische Bruchstücke eines Romans und Tagebuchblütter. Enles Freund Arthur Brückmann, Anwalt am Kammergericht, gab sie heraus und versah sie mit einer längeren biographischen Einleitung. Fritz Mauthner, damals unser angesehenster Krittler, steuerte ein tiefdringendes Vorrvort bei. Er vernahm in den Versen des Heimgegangenen „den Klang der Glocke, die den Rtorgen der kommenden Lyrik einläutet". Aus dieseu-Bestandteilen formte der Verleger S. Fischer 1906 einen würdigen Band. Die „Nachgelassenen Schriften" Walter Calos fanden auf der Stelle die gebührende Beachtung, sie erreichten eine für ein vornehmlich lyrisches Buch erstaunlich hohe Auflageziffer. Eine Geheimnisfteude ging davon aus, vergleichbar der, die das nachgelassene Werk der Rahel zur Reliquie ihres Kults gemacht hatte. Au manchen Orten bildeten sich wahre Ealo- Ecmeinden. Die lautere Zärtlichkeit, die das Wort des Dichters ausstrahlte, hielt sie zusammen. Tie Kundigen bestätigten Mautbners Urteil. Sv nannte Franz ServaeS Ealö den ersten großen Dichter, der in Berlin nicht nur gelebt habe, sondern hier auch geboren fei. In manches literarische Werk (stttchard Voß) gingen Gestalt und Worte des Frühvollendeten ein. Als Kind sprach Ealö in seinen Gedichten das Gefühl seiner Jahre ans. In der kurzen Spanne, die er sich ge'.oährte, erreichte sein Geist männliche Rette. Höchste Kraft setzte Ealö an sein Drama ..FranzlSkus", von dem wir den iveseutlicheu letzten Akt haben. Sein Hang zur kühnen Haltung spricht sich darin ans, daß er in denn Drama die Liebe zum Freund und zur Geliebten zusammen und gegeneinander wirken läßt. Die beiden Nomaneinlagen sind die symbolischen Atärchen „Rogina dei Lago“ und die „Geschichte vom Naver Dampfkessel und der Dame Musiea". Hier schwelgt die Fülle einer Phantasie, die jeden Zug der Fabel willig als Bild gestaltet. Ein besonderer Genuß sind Calös Ta ge buch stücke. Fachleucke bestätigten, daß Ealü in der Geschichte der Philosophie gründlich bewandert war. Er fühlte sich durchaus al? Wissenschaftler. Eine von ihm mit allem philologischen und philosophischen Gerät zustande' gebrachte große Plotin-Arbeit war nach dem Urteil eines Fachmannes so bedeutend, daß sie ausgereicht hätte, ihm eine Privatdozeutur zu verschaffen. Wer noch mehr Beweise von Vielseitigkeit verlangt, lese in Ealüs herrlichem Tagebuch. Ein Menschenleben verging, seit die Quelle all dieses Herrlichen versiegte. Calos Werk ist etwas Einmaliges höchster Art und unvergänglich. Es ist etwas Stilles, also mag man es zu Zeiten überhören. Immer wieder wird es daun jemand entdecken und die Freunde der Poesie auf dieses Schahhaus dichterischer Schönheit, die Menschen des Gefühls aitt Walter Cal6,.den großen Zärtlichen, wetten. Siegfried Jacoby.