Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 43 (25.10.1934)
- Date
- 1934-10-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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E. M. Lilien noch rn einer mehr dekorativen, von Steinhardt oder Budko in einer expressionistischen Formensprache, die der Natur entsagt, wenn es der starke Ausdruck verlangt. Als ich vor kurzem bei Lieberrnann war. zeigte mir der Meister eine kleine, wundervolle Oelstudie, deren Ausführung als Gemälde er plante. Es war der junge Tobias, wie er. reisemüde, vom Engel geleitet, nach Hause zurückkehrt, in die Arme der liebenden Eltern. Licbermann hat sich mit dem Thema schon früher in graphischer Formung beschäftigt. Aber ich ahnte wohl, warum er es letzt von neuem äusgreift. Der hetmkehrende Tobias, das ist der Jude, der sich lange Jahrzehnte vom Mutterbr^en seines Wesens entfernt hielt, und nun. unter dem Drang der Ereigniffe. zu ihm Zurückfindet. So nrögen wir solcher neu erwachender Heimatliebe noch manche biblische Darstellung zu danken haben, die um so lebendiger sein wird, je stärker sie mit eigenem Blut gefüllt ist. Das biblische Bild, nun schon seit Jahrtausenden gepflegt, es findet so immer erneute Gestaltung, denn es ist unerschöpflich wie die Bibel selbst. Allein und hilflos bist du in der fremden Stadt. Was nutzt es dir. daß dies eine der schönsten und lebendigsten Ortschaften süddeutschen Landes ist. deren Lebensfreude berühmt ist? Wohl gibt es Kraft und Stärke zu wissen, daß man ganz auf sich gestellt ist. aber alles wird zunichte in ein paar Minuten trostlosester Aerlassenheit, in denen es keine Hilfe gibt außer der:' irgendwo dazuzugehören. Und wie es bezwingend in Rainer Maria Rilkes „Malte LauridS Brigge" geschildert ist. — das furchtbarste Alleinsein in der großen Stadt Paris, — so gilt es noch mehr für unzählige Juden, die vom Leben in dieser Zeit hier- und dorthin geworfen sind und sich neu wieder eingliedern müssen. Gewiß, die Stadt ist in Bewegung und Freude an diesem Herbstsonr.tag, aber was geht es dich an? Die Fahnen, die an allen Straßen flattern, meinen dich nicht, der du fremd einhergehst. Und was man am Alltag noch nicht so recht gefühlt hat. -weil Arbeit und Beruf zum Denken nicht viel Zeit ließen, wird nun ganz deutlich: wie sehr allein du bist. Wahl besteht am Ort eine starke und wichtige jüdische Gemeinde, aber auch zu ihr ge« hörst du ja noch nicht, noch bist du Fremdling — in den ersten Tagen in dieser Stadt. Und da du wissen willst, was hier ist, gehst du am Sonntag Bormittag einmal an der Synagoge vorbei; cs ist gut für einen Juden, an jedem Ort erst die Synagoge zu kennen, weil sich aus ihr Icidjt ein Bild von den Menschen gewinnen läßt. Ernst und würdig steht sie da. dicht an der Hauptstraße der Stadt und doch irgendwie der raschen Zeit entzogen. Aber hier ist keine Ruhe, neugierig und erstaunt sieht man Menschen über Menschen hineinströmen. Und auf eine Frage erfährt man. daß hier eine Gedenkfeier für Bialik. den toten Dichter, sei. und überhaupt ist heute „jüdischer Sonntag", der ganze Tag angesüllt mit verschiedenen jüdischen Beranstaltungen. Soll man teilnehmen, da man fremd ist und nicht zu dem Kreis gehört, der hier lebt? Ach, es gibt ja keine Fremdheit, wenn in der Synagoge und im Lehrhaus Jüdisches geschieht, jeder gehört doch dazu, der guten Willens ist. Und so erlebt mau. fremd und wach, in dieser Stadt Karlsruhe einen jüdischen Sonntag. Mit der Bialik-Feier, wie gesagt, begann er, bei der Tr. Ernst Simon aus Frankfurt a. M. warme und tiefe Worte jenseits aller jüdischen Politik fand. Und bei der — r-eben anderem — Lyrik des Dichters von einem Sprechchor vorgetrag'en wurde, der sich im wesentlichen aus Mitgliedern des Bundes Deutsch- Jüdischer Jugend zusanunensetzte. Daun gab es für alle, die dabei sein wollten, ein einfaches Essen im Lehrhaus, an dem — in der Organisation und m der Zubereitung — teurer etwas hätte aussetzen können. Bom kleinsten Pimpf des Bundes bis zu den Rabbinern und dem Gemeiudevorstand saß alles Zusammen. Und dann folgt der Erholung wieder ernsteste Arbeit: ein Bialik-Lerncu. das an die Aufuahmelrast iind die Denkfähigkeit des einzelnen die intensivsten Anforderungen stellt. Eine kleine Tcestunde dient danach der Erholung und der Vertiefung menschlicher Beziehungen, bis wieder zum Werk gerufen wird: die Führer der Jugcndbnnde sollen sichüber methodische Probleme der Jugendführung aussprechen, und wer glaubt, etivas mitnehmen zu können, darf dabei sein. Ter größte Saal des schönen Lehrhauscs ist überfüllt, als be- CrW Erlebnis ln elner frrmtev sm gönne:, wird; Dr. Simon leitet das Gespräch, auch hier wieder in der heute so seltenen Unparteiisch, keit, die notwendig ist, damit ein Ergebnis erzielt wird. Alle Richtungen sind vertreten, und alle melden sich zum Wort um zu berichten. was sie treiben. Für den. der an die deutsäpjüdische Zu. kunst glaubt, ist es erfreulich zu beobachten, daß der „Lund" trotz seiner hier noch jungen Tradilwn sich sehen lassen kann, und zwar gleichermaßen hi», sichtlich der geistiger, wre der religiösen Schulung seiner Mitglieder. Ja, seine Freitagabendseiern. von. denen ein Mitglied berichtet können sogar als vorbildlich für die gesamte religiöse Jugendarbeit gelten; davon wird dort noch gesprochen werden müssen, wo es um die Tinge der Jugend geht. Tie Vorführung des Films von der Levaiitemcsie beschließt dann den Tag. Ist die Stadt verwandelt, als du fpät durch dünkte Straßen heimkehrst? Es ist doch eigentlich nichts anders geivorden, es hat sich sogar noch ca! Wind aufgemacht, der die Blätter von den Bämneu reißt und über den Weg fegt — davon wird es doch sonst gerade nicht anheimelnder und freundlicher. Und doch fühlst du dich nicht mehr so allein, der Tag hat dir Gemeinsamkeit gespendet, da du fühltest, daß du kein Fremder bist be: denen. die durch Herkunft und Schicksal mit dir verbunden sind. Ist es denn wichtig, daß du aus dem Blickseid dcine-s bisherigen Lebens »rauche Dinge anders siehst als dieser oder jener hier? Müssen nicht Unterschiede sein, geben nicht gerade sie immer neue Anregung und Willenslenkung? Aus eines wu kourmt es an: daß du heute weniger denn je allein bist, umhin du auch kommst, in große oder kleine Orte des Landes — wenn nur Juden in ihnen sind. Und rvenn dir keiner ersetzen kann, was dir genommen wurde in dieser Zeit, sie alle werden dir helfen, dein Schicksal zu ertragen. Nun bist dir nicht mehr allein, deine Brüder wohnen ja in d:c>er Hans Samter. Tie „Westfälische Landeszeitung Rote Erde" Dortmund, berichtet: „Kommt da vor kurzem ein Schüler der katholischen Volksschule nach Hanse und zeigt seinen Eltern die Schiefertafel mit aller, lei Hieroglyphen. Auf die Frage, was das bedeute, erklärte der Schüler seinen erstaunten Eltern, daß er Hebräisch schreiben könne! Ter Lehrer Simoil habe den Judenkiraben Nansenberg, der in der dem. scheu schule Gastrecht genießt, aufgefordert, au der Cchultasel Hebräisch zu schreiben. Alsdann hätten die übrigen Schüler die Zeichen nachschrciden müssen und so könnten alle schon Vater. Mutter, Bruno, Oswald usw. Hebräisch schreibe::. Zwar mag es rmfaßbar erscheinen, daß so etwa:-' in: nationalsozialistischen Staat möglich ist. aber dennock) hat sich dieser Fall in Meschede zugetrage». Wir halten es für ganz selbstverständlich, daß'die Vorgesetzte Behörde einen solchen .Jugenderzichcr' sofort zur Nechenschast ziehen wird." * .Im italienischen Rundfunk wurde anläßlich des Abschlusses der Levante-Messe in Dari vom dortigen Sender aus zum erstenmal eine Ansprache in hebräisch gehalten. Ter Organisator des Palästina- Pavillons auf der Messe von Bari. Dr. S. Aisenst a d t, gab einen kurzen Ueberblick über die Ent- Wicklung der Ha^elsbezichungen zwischen Italic» und Palästina w>b über das Zustandekommen des Palästina-Pavillons. w 'Stv 3. Fortsetzung. (Zum 3. November) Abrahams und Saras Kind wurde größer. Es bereitete seinen Eltern viele Freude; denn es suchte so gut und fromm zu sein wie sein Vater. Je größer Isaak wurde, um so älter wurden Abraham und Sara. Eines Tages fühlte seine Mutter sich nicht wohl und'starb kurz daraus. Isaak weinte viel um seine Mutter, sie fehlte ihm. sie, die es verstanden hatte, ihm so viel Liebe zu geben, war nicht mehr bei ihm. Abraham sah die Trauer seines Sohnes, und um ihn froh Ai machen, wollte er ihm eine Frau geben. Er ließ seinen Diener Etieser kommen und sprach zu ihm: „Etieser, gehe hin zum Onkel meines Sohnes Isaak: ich weiß, er hat Töchter, vielleicht entschließt sich eine davon, die Frau meines Sohnes zu werden." Etieser machte sich aus. sattelte seine Kamele, denn damals gab es weder Eisenbahn noch Autos, und ritt aus ihnen von dannen. Ter Weg war lang und beschwerlich. Auf einmal bekam es Etieser mit der Angst zu tun. daß er die Verwandten nicht finden oder unter den vielen Menschen, die er in den Orten sehe, nicht erkennen könne. Etieser betete zu Gott: ..L Gott, tsils mir die rechte Frau für Isaak finden, laß das Mädchen, welches die Rechte sein soll, zu mir sprechen; „Ta Mann, trinke du erst einmal Wasser, du siehst so durstig und müde aus; dann mögen deine Kamele trinken, und wenn ihr nicht mehr durstig seid, will ich meine Eimer wieder vollschöpsen für meine eigenen Tiere." Als Elieser diese Bitte an Gott gerichtet hatte, sah er vor sich ein Dorf und inmitten des Dorfes einen Brunnen. Elieser legte sich in den Schatten der ringsherum stehenden Bäume, auch seinen Tieren gönnte er Ruhe. Ta kam ein Mädchen des Weges; er war frohen Muts, sang und lachte. Auf ihrem Kops trug sie ein leeres Tongesäß, um Wasser aus dem Brunnen zu holen. Als das Mädchen den müden Wanderer Elieser und seine Tiere sah, eilte es auf ihn zu und ries: „Wanderer, du hast gewiß Durst, komm, ich will Wasser für dich und deine Tiere schöpfen, dann will ich die Eimer frisch füllen für unsere Tiere." Elieser fühlte, wie Gott ihm beistand und schon seinen Wunsch in Erfüllung gehen ließ; denn dies Mädchen, das da vor ihm stand, sprach ganz die Worte, um die er Gott gebeten hatte. Er gab sich ihr zu erkennen, erzählte von Abraham und von Isaak. Sie schlug vor Freude die Hände zusammen und ries: „Das sind ja meine Verwandten, von denen du sprichst. Vater hat mir schon immer so viel von euch erzählt; ich heiße Rebekka, und du mußt jetzt mit mir kommen, Vater und Bruder sollen dich auch sehen." Elieser ging mit ihr nach -Hause, und die Freude über den Diener ihrer Verwandten war groß. Tie Freude steigerte sich noch, als er allen Geschenke gab, die er mitgebracht hatte. Elieser blieb ein Paar Tage bei ihnen und erzählte ihnen ständig von Abraham und Isaak. Er erzählte, wie traurig Isaak über den Tod der Mutter sei, so daß ec an nichts mehr Freude fände. „Ach, Elieser", rief Rebekka, „laß mich mit dir gehen zu meinen Verwandten; denn du hast mir so viel Schönes von ihnen erzählt, daß ich Isaak und Abraham liebgewonnen habe. Ich hörte, daß, wenn man einen Menschen so recht lieb hat/ er froh wird,- weil Liebe froh macht." Und so kam es auch. Elieser ritt zurück zur Heimat, und Rebekka ritt mit ihm. Als Isaak sie aus der Ferne kommen sah, da wich alle Trauer aus seinen: Herzen, und er wurde froh, da die Liebe Rebekkas ihr vorauseilte zum Herzen Isaaks. Sv wurden Isaak und Rebekka Mann und Frau. (Fortsetzung folgt.) Alice Oppenheimer. Jahr aus Nettigkeit. Ein Licht brannte darin, schimmerte durch die weißen Laken. Ter Alte im weißen Lart und schwarzen Mützchen betete, leise klang der Rigen durch die mondbeaiäuzte, sternensunkelnde, leise schon herbstliche Nacht. An Simchat Thora aber zogen die Kinder mit Fähnchen durch die Synagoge, und die allen Männer tanzten mit der Thora. Tie Thora ist beendet, das ganze Buch gelesen, und sie sängt neu an mit diesen am'meisten gedruckten, am meisten gelesenen, am meisten gewußten, in alle Sprachen der Welt übergegangen Zeilen; „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde." Und dann waren die Feste des Herbstes zu Ende. Tie Laube wurde zusammengeschlagen. Tie Blätter welkten. In Tel-Aviv aber gibt es das alles nicht. Fast nirgends war eine Sukka zu sehen. Auch ist keineswegs in jedem zweiten Haus ein Gebetstübchen. In Tel-Aviv gibt es große Synagogen. Und es geht laut in ihnen?,u und heiter wie überall in Tel-Aviv, und sie sind überfüllt wie alles in Tel-Aviv. Die Alten drängen sich mit der Thora durch die Volksmenge. die die Thora küßt, die Frauen gehen mit hinein zu den Männern, Scharen von Kindern stehen mit Fähnchen auf der Bima. und dann tanzen die jungen Burschen vor dem Aron Hakodesch die Horra, den Nationaltanz laut und oft und mit viel Gestampf. Dann wird die Synagoge leer. Die Alten mit den Gebetmänteln bleiben zurück und lesen leise die ewigen Worte. Bald werden die ersten Regen kommen, die Frühregen, von denen die Bibel spricht, und der lange Sommer versinkt in den Wolkenbrüchen des Winters. Ei» neues Quartett. Ter bekannte Geiger und erste Konzertmeister des Kulturbundes Deutscher Juden. Berlin, Willy Frey (bisheriber Primarius des ..Reuen Streichquartetts"), hat eme neue Kammervereinigung gegründet. Das Ouartett be» sieht ans den Herren Willy Frey (l. Violine). Hansji'irgen R o n t S (2. Violine), Manuel Steuer (Viola), Stefan Auber (Cello). Sekretariat Frey, Berlin NW 87, Agricolastraße 13/14. Tiergarten E 9 4926. Zitate aus Anlaß von Friedrich Nietzsches 80. EeburiSlag Gegen die beliebte Auffassung von Nietzsches Wandlungen wandte sich sein nunmehr anerkanntester Interpret Alfred Bäumler: von Werk zu Werk wachse nur „die Klarheit der Schau: Richtung und Tiefe der Sicht bleiben unverändert". So hat sich auch in Nietzsches Stellung zum Judentum nie eigentlich die Richtung und Tiefe der Sicht ver. ändert. Allerdings war diese Stellung, wie es ja von einem so vielfältigen Denker nicht anders zu erwarten ist, auch nie einseitig, noch auf eine einfache Formel zu bringen; sie wechselte auch mit dem Objekt. Zur Bibel bekennt sich der Künstler, der Sprachschöpfer Nietzsche ganz und gar; der „Zarathustra" beweist, mit welchem großen Recht. „Die Sprache Luthers und die poetische Form der Bibel als Grundlage einer neuen deutschen Poesie: — das ist meine Erfindung!" heißt es im Nachlaß, den Bäumler über alles schätzt („Die Unschuld des Werdens", Ed. Bäumler 1931, Band 1, Seite 205). Gegen die Bibel tritt der Denker, der Jmnwralist Nietzsche auf. In allen späteren Werken finden sich mehr oder weniger radikale Stellen besonders gegen das Neue Testament (die „große Literatur der Verleumdung des Lebens"). Der Kampf gegen das Christentum ist zu einem entsprechenden Teil ein Kampf gegen die jüdische Religion. Tenn für Nietzsche ist das Christentum „einzig aus dem Boden zu verstehen, aus dem es gewachsen ist, — es ist nicht eine Gegenbewegung gegen den jüdischen Instinkt, es ist dessen Folgerichtigkeit selbst . . (Antichrist, Ed. Bäumler. S. 215). Das Christentum wird zunächst mit dem Judentum identifiziert: „Paulus, der Fleisch-, der Geniegewordne Tschandala-Haß gegen Rom, gegen „die Welt", der Jude, der ewige Jude pur excellence . . ." (S. 276). In der Geschichte der Juden findet Nietzsche mehrfach zähe Stärke und Größe: „Jeder Jude hat iu der Geschichte seiner Väter und Großväter eine Fundgrube von Beispielen kältester Besvnnenheit und Beharrlichkeit in furchtbaren Lagen, von feinster Ueberlistnng und Ausnützung des Unglücks und des Zufalls; ihre Tapferkeit unter dein Deckrnantcl erbärmlicher Unterwerfung, ihr Heroismus im spernere se sperni übertrisst die Tugenden aller Heiligen." (Morgenröte, Ed. Bäumler, S. 176). Die Juden seien die „stärkste, zäheste und reinste Nasse" des Europa seiner Zeit (Jenseits von Gut und Böse, Ed. Bäum, ler, S. 184). Sie haben „die leidvollste Geschichte unter allen Völkern gehabt", woraus Nietzsche viele „unangenehme, ja gefährliche Eigenschaften" erklärt, denen gegenüber er die schärfsten Worte findet: . . vielleicht ist der jugendliche Börsenjude die widerlichste Erfindung des Menschengeschlechts überhaupt." An der gleichen Stelle (Menschliches, Allzumenschliches, Ed. Bäumler, S. 305) heißt es aber auch, man verdanke den Juden „den edelsten Menschen (Christus), den reinsten Weisen (Spinoza), das mächtigste Buch und das wirkungsvollste Sittengesetz der Welt." In der psychologischen Beurteilung des Judentums darf man die Hervorhebung der „schauspielerischen" Eigenschaften für typisch bei Nietzsche erklären: „Nachahmung — als Talent des Juden. Sich anpassen an Formen — daher Schauspieler, daher Dichter wie Herne und Lipiner." („Unschuld des Werdens". Band 1. S. 204.) Die Juden haben „große Vorübung in der Anpassung. Sie sind einstweilen die größten Schauspieler" (Barrd 2, S. 405). Es würde zu weit führen, die Aeußerungen zu zitieren, in denen Nietzsche den rassischen Wert der Juden beurteilt. Besonders interessant ist cs. daß er einen Unterschied zwischen orientalischen und europäischen, besonders den preußischen Inden macht, deren „Entartung . . . mit einem falschen Klima" Zusammenhänge (Band 2. S. 432). Im Gegensatz zu dieser „herabgebrachten und verkümmerten Art von Jude" stehen gewisse Juden des Alten Testaments: „Bei denen hätten auch dis Griechen in die Schule gehen können!" Zn zeitgenössischen Problemen und über bedeute:we Erscheinungen seines Jahrhunderts ist demerkenswert: „Was den Imperativ des deutschen Iustinltes betrifft, welcher gebietet: „Keine neuen Juden mehr! lliii) die Tore nach dem Osten zu geschlossen halten!" — so dürfte eine kluge Erwägung der deutschen Juden selber zu einer derartigen „Grenzregulierung" raten . . (2. 430). „Mendelssohn, an dem sie die Kraft deS elementaren Erschütterns (beiläufig gesagt: das Talent deS Juden des Alten Testaments) vermissen, ohne an dem. was er hat, Freiheit im Gesetz und edle Affekte unter der Schranke der Schönheit, einen Ersatz zu finden." (Band 1. S. 180.) Heine ist ihm wie Goethe, Hegel. Sckppenhauer „ein für Europa mitzähleuder Geist" („Götzendämmerung", S. 126), er rechnet ml, nnb ihn als ,ch>ie ersten Artisten der deutschen Sprache" („Ecce ho:no‘\ S. 323). * Nietzsches Freund Ree war Jude. Nietzsches Schwager. Dr. Foerster. führender Antisemit. Schopenhauers antisemitischer Einfluß läßt sich gelegentlich bei Nietzsche Nachweisen, der persönliche Einfluß seiner Familie und des Bayrenther Kreises erwirkte mit der Eigenart der sonstigen privaten Verhältnisse zusammen die gegenteilige Reaktion Nietzsches. Eine der frühesten und gesclunackkdsesien Kritiken gegen Nietzsche ist dem Juden Mar Nordau zuzuschreiben, die ersten für Nietzsche ausrufenden Vorträge hielt der Jude Georg Brandes in Kopenhagen. „ Man steht, hier sind in jeder Hinsicht so viele Für und Wider, daß keine Verallgemeinerung dem Genius gerecht werden kann. Daß wir ihn ehre:: iiiid seine Gewaltigkeit immer wieder zu erkennen suchen, ist selbstverständlich, nicht bloß an Jubilüumstagen. Daß seine Umwertung, sein Imuwralismus. Herrenumral u. a. unserer Tradition widersprechen, braucht ebensowenig betont zu werden. Gerade in den letzten Jahren haben wir von neuem die Kluft dazwischen sehen gelernt und entsprechen nun Nietzsche am ehesten, indem wir für unS sein Wort ins Gegenteil wenden: Nicht Ferustenliebe — sondern Nächstenliebe! L-sch.