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Central-Verein-Zeitung · 1934-10-25 · 43 (25.10.1934) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
43 (25.10.1934)
Date
1934-10-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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rnr“] k5r.43 . UÜC 3. Beiblatt JEimMmss olIcbf* IlB£Ik@E mmi &M® £ßB>E&E@I?ME<2 JKb&EQ§$, /■ Von Prof. Franz Landsberger*) . Joseph wird an die Ismaeliten verkauft. Fresko von Johann Friedrich Overbeck, 19. Jahrh. J V,' / ./ §M §MS M EMVBMt Wenn wir in unserem letzten Aussatz Michelaugeio und Rembrnndt als die bedeutendsten Repräsentanten biblischer Gestaltung gemeinsam betrachtet baben, so dürfen wir darüber nicht vergessen, das; sie zwei verschiedene Zeitalter vertreten: Renaissance und barock. Tie Renaissance, die eine zeichnerische Lprache beherrschte, hat auch den Menschen in Vereinzelung gesehen und diese einzelnen Erscheinungen zu wohlgeordneten Gruppen gefügt. Ter Barock hingegen ist ein malerischer Stil; in ihm gehr man nicht vom einzelnen aus, sondern von der Gesamtschau, der man das einzelne unterordnet. Aus diesem malerischen Gefühl heraus werden nicht die festen Körper reifer Menschen bevorzugt, sondern üppigere Figuren, die quellend noch außen drängen; so hat Rubens seine Susanne im Bade gegeben. Oder man wählt die Ereisengestalt. deren verwitterter Körper gleichfalls einen malerischen b'haralter trägt; so hat der Spanier Murillo ein Bild des alten Hiobs gemalt. Auch Tavid, der jugendliche Held der Renaissance, wird von Rubens als harsespielenüer Greis gebildet. Doch liegen in dieser malerischen Haltung be- - reits gewisse Tendenzen, die dem biblischen. Bilde . Abbruch tun. Es erscheinen, vor allem in Holland, neue Themen, geschöpft aus denr bürgerlichen oder bäuerischen Leben des Alltags, die Raum und Menschen, von Licht überflutet, zu einem untrennbaren Ganzen Zusammenwirken. Tabei wird naturgemäß die Einzelgestalt in ihrer Bedeutung herabgedrückt. Am stärksten fühlt man diese Abwertung in dem neuen Thema der Landschaft, diesem Thema, das ja seine Schönheit immer aus dem malerischen Zusammenhang der einzelnen Naturformen mit- 'samt dem umgebenden Himmel zieht. Wenn'man solche Landschaften des 17. Jahrhunderts, wie sie in höchster Vollendung die französischen Waler Poussin und Lorrain schufen, betrachtet, so entdeckt man in ihnen nicht selten eine biblische Begebenheit. Aber die Gestalten sind klein und unscheinbar und dienen nur noch als belebende Staffage der großen Ratur. So kann man sagen, daß dieses 17. Jahrhundert, das mit Rembrandt dem biblischen Thema seine letzte Bollendung 'schenkte, zugleich den Anfang macht, das biblische Thema aufzulösen. Höhe und Abstieg liegen wie stets in dichter Rühe beisammen. Tie Kunst des 18. Jahrhunderts, Rokoko und Klassizismus, hat Bibelbilder nur noch vereinzelt gebracht. DaS Rokoko, weil es eine weitere Bertveltlichung der Kunst darstellt, der Klassizismus, weil er das antike Thema in den Vordergrund rückt. Und um jene mystische Zwischenzeit, die in dem Engländer William Blakl ihre stärkste Persönlichkeit gefunden hat, läßt auch das biblische Thema von neuem erscheinen, nun in geheimnisvoller Weife gedeutet. Als dann Zur Zeit der Romantik die Antikensreude-'verschwindet, das religiöse Empfinden von neuem hcrvorbricht, da ist es in der Hauptsache der ch r i st l i ch e Stoßkreis, der den Malern — den Nazarenern, wie sie sich nannten — am Herzen liegt. Doch gibt es gerade hier eine bedeutende Schöpfung, die der Bibel gewidmet ist, und zwar deshalb, weil ihr Auftraggeber, der Konsul Bartholdy ein. wenn auch getaufter, Jude war. Er hat den jungen, unbekannten oder verspotteten Nazarenern einen Saal seines römischen .Hauses in Auftrag gegeben. Das Thema war die Geschichte des Joseph. Heute hängen diese Fresken, losgelöst von den Wänden, in der Berliner Nationalgalerre und man kennt daraus vor allem die beiden großen, frostigen Bilder von Peter Cornelius: „Joseph deutet Pharao seinen Traum", wrd „Joseph gibt sich seinen Brüdern zu erkennen". Wer in einigen kleineren Stücken haben die Nazarener mit größerem Glück biblische Stoffe behandelt, etwa die. poetisch-zarte Auffindung Mosis durch die Tochter Pharaos, die Friedrich Overbeck und ein zweites Dlal Philipp Beit, letzterer ein Mendelssohn-Enkel, gemalt haben. Dieser religiöse Aufschwung der Romantik war nur ein kurzes Ausflackern innerhalb der unausweichlichen Entwicklung, die das 19. Jahrhundert nahm. Diese Entwicklung ging nach dem weltlichen Thema, genauer gesagt nach dem Thema, das keine nrhaltlickxm,' sondern rein malerische Probleme stellte: Landschaft, Straßcubild, Interieur, Stillleben und Szenen'alltäglichen L-ebens. Das biblische Bild ist auch in dieser Zeit niemals ganz verloschen. Aber es beherrscht eben nicht mehr wie früher die Kunst, bringt nicht mehr ihre besten Leistungen hervor, sondern bleibt gegenüber dem Fortschritt zurück. Wenn. Eduard Bendemann, auch er ein ge. Lauster Jude, die in der babylonischen Gefangenschaft trauernden Juden gemalt hat — Las bekannte Bild des Kölner Museums — so gibt er innerhalb der großen Leistungen des 19. Jahrhunderts nur ein retardierendes Werk. Bei seinem „Jeremias ach den Trümmern Jerusalems" (Berlin, Nationalgalerie) darf man ja nicht an den gleichen Pröpsten Michelangelos denken; der Abstand ist gar zu groß. Und ähnlich steht eS mit den Bibelbildern des Engländers Watts; auch sic sind blasse Nachfahren der Kunst eines Michelangelo und stehen abseits der Zeit. Was diese Zeit wollte, wohin sie strebte, das Hut sie in der Kunst des Impressionismus gesagt. Wenn es auch in dieser Kunstströmung biblische Themen gibt — bei Liebermann oder Corinth — so sind sie als Erscheinungen der Natur und ihrer Form und Farbe gesehen, und der religiöse Stoff ist das bloße Substrat, an dem sich die sinnliche Fülle der Welt vfsenbart. Erst an Joses Israels und fernem „Tavid und Saul"-Bild geustnnen wir wieder einen Künstler, der das biblische Thema auf greift, nicht, weil cs* ein Stoff zum Malen ist, wie andere Stoffe, sondern seinem Schöpfer in besonderer Weise vertraut. Bald darauf läßt eine ..Jüdische Renaissance", die nm die Jahrhundertwende einsetzt, das Bibelbild wieder häufiger werden, und so kehrt es, vom Judentum ausgegangen, am Ende zu ihm zurück. Ein Jeremias, wie ihn Lester Ury gemalt, ist nicht mehr, wie der Bendemannsche, ein schwacher Nachklang nach Michelangelo. sondern eigene Vision: wie ein Felsgestein liegt der Prophet'auf dem Erdboden, über sich die slernenflimmernde Nacht. Und ebenso sind die Propheten, die Ludwig Meidner gemalt und gezeichnet hat, ans innerster Erregung, aus der Erregung einer ganzen Zeitspanne. die ihre Kunst nach der Stärke des Ausdrucks bewertete, hervorgcgangen. Nun wird auch das Bibelbuch von neuem illustriert, von *) Vgl. „L.-V.-ZeiUmg" Nr. 37, 40, 42. Joseph deutet Pharaos Träume. Fresko von Peter Cornelius} 19. Jahrh. Non Gabriele Tergit MWM in ZmWM Es gibt keinen Tempel mehr in Jerusalem, lind es darf auch kein Tempel mehr sein bis zur Heimführung der Juden nach Erez Israel durch den Messias. Tie Zeit ist noch nicht da sür den Tempel. Niemand hat daran gedacht, um einen neuen Tempel die Heimkehr zu gestalten, nicht .Herzl, denen ganze Größe man erst hier erkennt am Nichtgeivordenen, am Unterschied der gewaltigen Konzeption, nicht die Zionsliebenden, die Chovcve Zion, die üstjüdischen Vorläufer Herzl s. Besetzt ist der Tempelplatz, der ungeheure, mit einem der schönsten Gebäude der Welt, der Omarmoschee. Sie ist gebaut aus. blangrünen Kacheln um einen Felsen, von dem die Mohammedaner glauben, daß auf ihm Abraham den Isaak opfern wollte. Besetzt ist der Platz mit heiteren Festtoren, mit den lieblichsten Brünnlein, mit der Äksainvschee, der alten Kirche der Kreuzfahrer. An der Mauer darunter, die den Tempeltzlatz stützt, nicht etwa an einer der alten Tempelmauern selbst, ein schmaler Gang; davor stehen die Inden und weinen durch die Jahrtausende. Das. blieb als einziges. Es Vbt keinen Tempel mehr in Jerusalem. Die Cynagoge. der Ort des Zusammenkommens, ist klein. Ueberall sind Stübchen. In der Bütte steht die Bima, von der gelesen wird. Hinten der Aron Hakodesch, der heilige schrank mit der Thora. In der Altstadt von Jerusalem sind sieben Synagogen der Spharden ineinander und übereinander gebaul. Ein junger Mann im gewöhnlichen Schlapphut, im grauen Straßen- ^stZug. liest und betet vor. Die alten Spharvun haben die edelsten Judengesichter, -schmal und verwittert, große, schmale, gebogene Nasen, flammend schwarze Augen, die Münder dünn im weißen Bart, die Gestalten im und langen arabischen Kitte! schmal und hoch. -Würdige gefallene Könige. Die Jugend trägt Schirmmütze und europäischen billigen Anzug. Sie sehen aus wie alle Arbeiter rund um das Mittelmeer. Erst im Alter bekommen ihre Gesichter das Große. Die Mädchen sind schmalhüftig, rehhaft. Oben in den Synagogkm gibt es- Bänke vor einem dichten Holzgitter, 20 Plätze für die Frauen, während es unten für die Männer'150 gibt. Im Flur stehen Petrolenmkanister, ein rostender Ofen, auf dem gestampften Lehm liegt Schmutz, dahinter ein winziges - Stübchen. In der Mitte die Bima. Ein paar Männer im Gebetmantel singen. Es - sind kurdische Juden. Die Frauen stehen im Flur. Sie tragen hellgeblümte Kattunkleider, mit weiten Röcken, eine Art Dirndlkleider, dazu aus großen Tüchern gedrehte Turbane auf dein Kopf. Hoch über der Mauer hängt eine kleine Synagoge. Mittag des Jom Kippur. Auf den breiten, nüt Kissen bedeckten Bänken liegen einige Juden aus Bagdad, das man hier Babel nennt.- Es - ist ein prachtvoller,, weiß gekalkter Raum, in der Mitte eine Säule, die das Gewölbe trägt. Ueber zwei Treppen hinab ein Spital. Hoch hinauf Bücher in barocken Schränken. Stimmung des Bibliotheksaales eines Schlosses. Für arme kranke Juden wird aus der Thora gebetet. Ein paar Stufen hinab sitzen aus roten Samtbänken mit untergeschlagenen Beinen wenige -Jemeniten, südarabische Juden. Sie tragen un Gegensatz zu den orientalischen und sphardischen Juden Peijes, sind mager wie die Inder, haben lange dünne, ungemein charakteristische Gesichter mit kurzen schwarzen Bärten. Die jungen Mädchen sind zierlich und süß, bevor die Zartheit Magerkeit wird. Daneben, noch winziger wieder, ein Betsaal für Jemeniten, vielleicht nur sür 10 Männer. Im Keller ist der Gottesdienst der seltsamen Karäer. von denen es nur noch drei erwachsene Männer gibt. Neben der Klagemauer, wo die Beter -'wahrhaft heroisch in der glühenden Sonne den ganzen'Jom Kippur standen, führen winklige Treppen, geheimnisvolle, schwarze Korridore zu einem kleinen Bethaus, hoch über der Klagemauer. . Die Aschkenas haben zwei große Synagogen in der Altstadt. Wunderbar feierlich ist die'der Ehassidim. Die Männer in langen, weißen Gewändern, aus schweren seidenen Damasten, dazu die großen schwarzen Pelzhüte, eine Tracht, feierlich und großartig. Sie sitzen an breiten Tischen. Auch hier sind nur wenige Plätze. sür die Frauen, die vor dichten Holzgittern sitzen, durch das nur mit größter Anstrengung etwas zu sehen ist. . Aber weder diese beiden, noch , die ineinandergebauten der Sphardim geben den Feiertagen und dem. Schabbat in Jerusalem das Gesicht.Aus jedem zweiten Haus tönt Singen.in jedem zweiten Hans ist Gottesdienst, im Heim der deutschen'Einwanderer nach dem in Deutschland, üblichen Nigen in zwei Schlafzimmern. Nebenan in einer' Schule von orthodoxen Frankfurter Juden, drei Häuser davon in einer Talmnd-Thoraschulc. So durch ganz Jerusalem. Nur in den neuen Geschäftsstraßen findet man keine Bet- Häuser, sonst überall in allen Straßen der Stadt, in allen Vororten, die judäischen Berge hinauf und hinab. , Diese Form des Gottesdienstes hat das Judentum erhalten. Kein Priester ist nötig, kein gebautes Heiligtum, jedes Zimmer ist für den Gottesdienst geeignet, jeder erwachsene Mann kann ihn abhalten,der hebräisch versteht. Große Teile der ostjüdischen Jugend aber halten nichts mehr. Sie. die durch die Eheder und Talmud-Thoraschulen gingen, gefüttert wurden mit jüdischem Wissen, sind der Weisheit der Väter abgeneigt. Sie rebellieren, wie nur je Jugend rebellierte. Sie sind Revolutionäre und Nationalisten. Sie gehen ins jüdische Land, aber nicht mehr in die Synagoge. Nach Jom Kippur fing man an die Sukkoth zu bauen, die Lauben, die an die Hütten der wandernden Inden erinnern sollen. In ganz Jerusalem, vor jedem. Haus, aus jeder Terrasse. ans jedem Balkon standen die Sukkoth. Im armseligen Mea Shearim wurden aus den Eitterbalkons Holzstangen hochgezogen, daran Laken aufgchängt oder auch nur Säcke und Lumpen. Manche machten die Wände aus Wellpappe, das Dach bildeten ein paar Bretter mit grünen Zweigen bedeckt. In der Altstadt, wo Treppen über Treppen emporführen, Terrasse über Terrasse, machten sie die Laube auf den Treppenabsätzen. Wo man hinsah in die kleinen Höfe, sah man die Lauben. Draußen in den vornehmen Villenvororten waren die Lauben aus den Terrassen aus Matten oder aus seinen Stoffen. Das Grün, das sie bedeckte, war grüner als bei den Armen und am Grün hingen die rötlichen Granatäpfel, die ersten fast reisen grün-goldenen Apfelsinen, Grapefrüchte und Zitronen, Weintrauben, Feigen und gelblicher Mais. Manche hingen bunte Papierketten für die Kinder auf, bunte Papiersäckchen mit Schokolade gefüllt. In den Lauben der Armen brannten Talglichter oder die Petroleumlampe, in den Lauben der Wohlhabenden elektrisches Licht. Im Viertel der Bucharischen Juden waren die Sukkoth aus den herrlichen bunten gestickten Decken. Die Bucharen gingen in ihren Mänteln aus schwerer gemusterter Seide spazieren, rot mit lila, der'eine olivenfarben, der andere trägt eine sanft verschwimmende, sich immer wiederholende gelbe Menorah darauf. Einer^trug einen rosa Mantel mit sandfarbenen Streifen und die Frauen bunte 'seidene Gewänder wie lange weite Hemden und Stirnbänder, die hinten gebunden herabfallen. Ueberall aßen die Familien und die einzelnen in ihren Sukkoth, sie saßen in den sanften Spätsommertagen unter Weintrauben und Granatäpfeln, unter Zitronen und Mais und sahen durchs grüne Gezweig einen blauen Himmel mit weißen Wolken und nahmen Tlbschied vom Sommer. Morgens und abends beten die Männer dort. Auf dem Treppenabsatz der Außentreppe eine einfache Sukka. Sie gehörte einem alten Mann, ein junger Arbeiter baut sie ihm jedes

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