Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 42 (18.10.1934)
- Date
- 1934-10-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Blatt der Nummer 42 3. Beiblatt der C-V.-Zeitung 13. Oktober 1934 Ein Td& für dis jüdisch & iTWw Veranstaltung der Künstlerhilfe der Jüdischen Gemeinde 2a% war die zweite Veranstaltung der Künitlcrhilfe. die der jüdischen Frau gewidmet wurde und, nur wollen es gleich vorweg nehmen. die ebensogut wie die erste gelang. Diesmal bildete das Kleinkunstprogramm den fiialimcit zu dein großen Thema der Hauswirtickait. Tie „jüdische Hausfrau", das sind zwei Verte, die mehr können, als es sonst zwei Wone vermögen. Tie bauen vor uns aus allen möglichen Erinnerungen und Erfahrungen, aus Pünktlichkeit und Geheimrezepten für polnischen Karpfen, aus durchwachten pachten am Krankenbett des Kindes und ewigem Waschezählen, aus großem Peinemachen und ängstlicher Besorgnis die vier Wände ani. in denen die jüdische Hausfrau herrscht, (y-rreichte weder Platz noch Sprache aus, die unendliche Liebe und Güte zu schildern, mit der diese Herrschaft ansgeübt wird, die ewige Kmmnernis um das Wohl der anderen. Eigentlich ist die jüdische Hausfrau wenig mit Herrschertalenten begabt, sie ist es ja, die sich allen Wünschen unterordnet, und die sich vor allem selbst immer vergißt. Es ist nun gut, wenn inan dann wieder einmal ihre Wichtigkeit und ihre Werte zuerst einmal ihnen selbst und dann der übrigen Familie in Erinnerung dringt. Elsa L a d e n d o r f f tat das in sympathisch einfacher Form, sprach von der Tchrvierigkcit des Haushalts und den Möglichkeiten. sie durch die technischen Hilfsmittel zu erleichtern. Ihr Vorschlag, doch den Manu, der sich zu dem Anschaffungen solcher Tinge schwer entschlösse, einmal acht Tage lang die Wirtschaft führen zu lassen, fand allgenreinen Beifall. In den Ausstellungsräumen wurde dann beinahe ein hauswirtschaftlicher Kursus abgehalten. Elsa Oesterreicher „plauderte am Kochherd", Alice Ha mm er sie in hielt hauswirtfchaftliche Vorführungen ab, und Elsa Ladendorff erzählte, wie man (feit und Kraft zu Hause sparen könne, und /5ie sich die zeitgemäße Geselligkeit im jüdischen Milieu abspiele. Tas künstlerische Programm war gut zusammengcstellt, abwechslungsreich und unterhaltend. Tas O r ch e st e r der K ü n st l e r - Hilfe spielte den Krönungsmarsch aus dem ».Propheten", die Ouvertüre aus der „Schönen Helena" und zeichnete sich als glänzende Begleitung mit deni Frühlingsstimmenwalzer aus, den Rita Atlafz fang, ausgezeichnet fang. Humorvoll trug Hedi H a a s einige Etiansons vor: was birgt doch dieses blonde, schlanke Persönchen für gefährliche Ironie in sich,.und mit welchen knappen und vielsagenden Gesten zeichnete sie die Schwächen der. e-Ä \J n Propagandapfeiler der „C.-V.-Zeitung“• auf der Ausstellung „Ein Tag für die jüdische Frau“ Fat.: Grete Ka.rplus Frauen in die Luft des Vortragssaales. Zum Schluß war das Publikum ein vielstimmiges Lachorchester, das Josef Plaut begleitete, der sächsische und ostpreußische Anekdoten vortrug, eine Tiergeschichte von Kübler und' ein altvertrautes Märchen von Andersen. Die Leitung der Künstlerhilfe. Lucy Gelber und Hans S ch a - pira, dürfen mit ihrer Leistung und mit dem Erfolg, den sie bei Besuchern und Ausstellern erzielten, sehr zufrieden sein. Und hoffentlich auch die ansstellenden Firmen. G. H. Die Ausstellung der Koch- und Haushaltungsschule der Berliner jüdischen Gemeinde auf ,JEin Tag für die jüdische Frau“ Fot..: Grc/r Korptus Lina Morgenstern Der „Berliner H a u s f r a n e n - B e r e i n von 1 87 3", der jetzt, wie die Zeitungen melden, unter Leitung nur c£jrtftl'irfjcr Frauen sein altes Heim in der Breiten Straße vergrößert und verschönert hat, ist einstmals von der Jüdin Lina M o r g e n st e r n gegründet worden. Ihr Verdienst wares, als Erste die .Hanssranen als Stand gewertet und zu einer Organisation zusammengeschloffen zu haben: sic mar auch die Erste, die in Deutschland Küchen für billige und kräftige Massenernährnng geschaffen hat: den Bolksküchen-Bercin von 1866! Denn auch nach den gewonnenen Kriegen von 1864 und 1806 zeigte sich in dein rasch vergrößerten Berlin eins Rotüandszeit. Wenn auch damals die Arbeiter in: allgemeinen leine Erwerbslosigkeit kannten, so wurden ne doch schlecht bezahlt, und die Lebensmittelpreise kletterten immer höher. Das taten sie nach den: rnhm.vollen Siege von 1870 noch viel mehr. Und die kleine große Lina hatte erkannt, welch bedeutender Teil des Volksvermögens durch die Hände der Frauen geht. 1830 in Breslau als Tochter des jüdiselben Fabrikanten Bauer geboren und in jungen Jahren nach Berlin verheiratet, stand sie 1873 in der Vollkraft und Reise ihres eriolggesegnctcn Lebens. Ihr Raine war den Berlinern kein unbekannter mehr. Hatte sie doch während fener drei Kriege eine unermüdliche. allgemein bewunderte Hilfstätigleit für die Verpflegung der durch Berlin ziehenden Truppen entfaltet, deren Leitung ans sämtlichen Berliner Bahnhöfen die damalige Kaiserin Angnsta, die Gemahlin Wilhelm des Ersten, dieser jüdischen Frau übertragen hatte. Die aufopfernde und ziiverlänßze Arbeit, die Lina Morgenstern in jener aufregenden Zeit Tag und Rächt von einem Berliner Bahnhof zum anderen jagen ließ, um hier 3000, dort 8000 Blann zu erfrischen und zu sättigen, hat ihr die Freundschaft dieser großdenkenden Kaiserin, die eine Tochter Karl Augusts von Weimar war. bis an ihr Lebensende gesichert. Aber auch ein großer Teil der Berliner Frauen, jüdischer und christlicher, hatten Lina Morgenstern dabei treu zur Seite gestanden und ihre gemeinnützige Tätigkeit den B.'vrgensternschen Boltsküchen als Leiterinnen, Ehrendamen und Helferinnen selbstlos gewidmet. So gelang es im Jahre 187:'. der hervorragenden Organisatorin schnell, Frauen aller Stände für ihren Plan eines Hansfrouen- Vereins zu gewinnen. Das unbedingte Bertrnmm zu dieser klugen und verstehenden Führerin warb ihm in überraschend kurzer Zeit Tausende von ■ gliedern. In den Räumen der Breiten Straße wurde eine Kvchschule eingerichtet, sowie eine dauernde Lebensmittelausstellung, die von der märkischen Landwirtschaft freudig begrüßt und beschickt wurde. Welch eine schöpferische Tatkraft in dieser törper lich kleinen jüdischen Frau steckte, mag man daran ermessen, daß sie neben den großen Aufgaben ihres Hausfrauen- und Bolksküct^n-Bereins noch Zeit inid Kraft fand, einen Verein zur Rettung sittlich ikt' wahrloster ßraientlassener Mädchen ' zu gründen, die sie ihrer hansindnstriellen und landwirtschaft lichen Schule zwecks körperlicher und sittlicher E,esnndnng znsührte. Auch eine nväi heute bestehende Stiftung zur Unterstützung und Prämiierung von Hausangestellten find ihr Weck gewesen. Und Lina Morgenstern fand dabei noch Zeit, sich ihren eigene»' drei Kindern und ihrem Ehemann Theodor Morgen stern zu widmen. Thekla Skorra. Die Slath-Frayha-Legende Von J. Vehel Slaih-Frayha, eine der ältesten tunesischen Synagogen, liegt im Herzen La Haras. Bvn mißen unterscheidet sie sich nicht von den alten Häusern der Umgebung. In einein Wirrwarr vor: Gelvölben ist sie zu finden. An einer Mauerecke der mit einer dichten Kalkschicht übertünchten Fassade ist ein Stein ausgehöhlt, der immer wieder mit Ocl gefüllt wird. Aachts brennt da ein kleines Licht und beleuchtet das schmale zum Bade führende Eaßchen. Tie' Frauen des Viertels streiten sich allabendlich um das Vorrecht, das schmucklose Lämpchen mit Oel zu füllen und den Docht pr erneuern. Das Innere des Tempels ist frei von dem aufdringlichen Lnrus sakraler Gebäude der Gegenwart. Es ist weit, hell, sauber, einladend. Man atmet dort die Atmosphäre wahrer Frömmigkeit und tiefer Andacht, man suhlt sich n'vhl 'und die Gläubigen kommen Hern dorthin. Jeder Geist, der sich noch so frei von allen Dogmen fühlt, vermag sich uscht eine Nannte lang des mystischen Eindrucks zu erwehren. . ,Die Vvlkslegcnde schreibt die Gründung ^eses Tempels einem Wunder zit. das in mancher Hinsicht Aehnlichkeit mit dem der Bernadette von Lourdcs hat. Bevor dieses Haus Gott geweiht wurde, war es ein einfaches Wohnhaus, wie alle Anderen in der Umgebung. Es besaß gleich w vielen Häusern der Eingeborenen einen endlosen dunklen' Flur, dessen Boden aus sestge- Nampfter Erde war. Durch. diesen Gang ’nufite man hindurch, um an eine zweite Tur il" kommen, die in einen großen, dcckenloscn. jslso dem Himmel zu offenen Raum führte. Flor schlossen sich abends die früh nach Hanse whrcndcn Mieter ein. Waren sic zufällig gezwungen, nachts auszugeheu. um schnell einen Arzt oder eine Hebamme herdeizurusen, gingen sie nur zu zweit oder dritt und nahmen Stöcklaternen mit. wie man sie im Mittelalter gebrauchte. Ten Flur durchschritten sie nur mit Furcht: in seinen dunklen Nischen konnten sich Strolche versteckt halten, plötzlich hervorspringen und einem übel mitfpieleu! Dieses Haus wurde sehr lange von einer einfachen, frommen, zurückgezogen und furchtsam lebenden Familie bewohnt. Sie bestand aus dem Vater, einem ängstlichen Greis/der stets in die Lektüre heiliger Texte vertieft war, der-Mutter, einer Frau, die, wie ihre Nachbarn versicherten, keiner Fliege etwas zu Leid tun konnte und vor ihrem eigenen - Schatten Furcht hatte, und schließlich einem frischen, jungen Mädchen, ihrem einzigen Kind, und der Freude dieses Hauses. Siewar eine hübsche Blondine, schlank, in deren Gesicht zwei große blaue Augen strahlten, die unter langen Wimpern freimütig in die Welt sahen, mit roten, lachlustigen Lippen. Das junge- Mädchen war fleißig und die Güte selbst. Vergöttert von ihren alten Eltern, wurde sie-von dem ganzen Viertel geliebt. So suchte ihre Mutter' in ihrem Herzen ein Wort, das ihre Mutterliebe völlig zum Ansdruck brachte,' und nannte ihre Tochter Frayha, „kleine Freude". Tatsächlich war sie die Freude ihrer alten Tage, „ihr Augapfel". Die Nachbarn übernahmen diesen schönen Namen sogleich, und so kam es, daß alle Welt das junge Mädchen nur Frayha nannte. -Eines Tages baten nun zwei Marokkaner die Eltern Frayhas um die Erlaubnis, in-dem dunklen Flur -Grabungen -vornehmen .zu dürfen, und versicherten, — wobei sie. hervorhoben. daß ihre innere Gewißheit sie noch niemals irregesührt hätte —. daß ein bedeutender Schatz dort vergraben sei.- Die Suche nach vergrabenen Schätzen war in der weit zurückliegenden Zeit. wie etz scheint/die Lieblingsbeschäftigung aller tunesischen Okkultisten.- Aus'Furcht vor Mißhandlungen gab. der alte Bibelforscher den Marokkanern nach,.die dann bei Einbruch der Nacht mit allerlei seltsamen Geräten wiederkamen. Sie hatten rätselhafte Zaubcrbüchcr ltnb Kerzen bei sich, die. wie die Leute von damals behaupteten, aus dem Fett unglücklicher, von ihren Entführern zerstückelter Kinder gemacht waren. Unsere beiden Kumpane kauerten darauf Stirn an Stirn nieder, begannen magische Beschwörungsformeln zu murmeln, machten dabei sinnlose Bewegungen und sahen starr aus einen Punkt des Bodens. Tie Hausinsassen hatten sich klugerweise in ihren. Zimmern eingeschlossen, nachdem sie die Tür zu dem unter freiem Himmel gelegenen Raum boppcCt verriegelt hatten. Sie ließen die Schatzgräber ruhig suchen. Neugierig, wie sie begreiflicherweise in ihrem Alter war, duckte sichdie kleine Frayha hinter die Tür, um ungesehen durch das Schlüsselloch die Vorgänge zu beobachten. Ihren Atem hielt sie au und riß ihre Augen weit auf; sie sah, wie der eine von den beiden Männern plötzlich Feuer schlug, eine Kerze anzündete, und wie in deren gespenstischem Licht der Boden nach und nach" Risse bekam. Nacheinander wurde eine zweite, eine dritte, eine vierte Kerze entzündet. Der Boden öffnete sich mehr und mehr, bis zu den: Augenblick, in dem die beiden in der Tiefe der Erde in einem gähnenden Spalt den herrlichsten Schatz fanden, der je existiert hat. Ohne Zeit zu verlieren, ließen die Magier ihre Strickleiter herab, woraus einer der beiden sogleich hinabstieg, um sofort wieder herauszukommen und seinem Freunde Goldbarren,' kostbare Vasen und Edelsteine zu übergeben, die dieser schnell in einem der Säcke verschwinden ließ. Als diese letzteren gefüllt waren, hoben sie die Schätze auf ihre Schultern, rafften ihre Bücher zusammen und verschwanden. Eine Kerze nach der anderen verlosch. Das junge Mädchen war vor der Szene, der sie unsichtbar und stumm beigewohnt batte, völlig gebannt. Einen Augenblick blieb sie in der Bestürzung lvie angewurzelt stehen, öffnete dann leise die Tür. und betrat den Flur. In der Dunkelheit tastete sic sich vorwärts und. stieß mit dem Fuß an den von den Zauberern zurückgelassenen Feuerstein. Sie hob ihn am und schlug Feuer. Dabei stellte sie fest, dap der geschmolzene Talg sich aus der Erde ausgebreitet hatte. Das noch warme Wachs sammelte sie, knete es in ihrer Hand um einen Faden, den sie aus ihrem Kleid gezogen hatte, machte daraus eine größere Kerze, setzte sic neben sich und zündete sie an. Daraus sah sie. wie sich unter der Wirkung dieses Lichtes der Boden von neuem öffnete, lieber den Rand des Abgrundes sich beugend, bemerkte sie, daß die beiden Männer längst nicht alles mitgenommen hatten. Dieser feenhafte Schatz barg unerhörte Reichtümer. O. wie gern hätte sie die wundervollen Schätze, die sie begeisterten, die ihre Seele durch das Entzücken dem Körper entrissen, betastet! . . . Zum Glück war die Strickleitcr zurückgeblieben, die sie in Versuchung führte. Mit klopfendem Herzen schritt sie zum Rand des Abgrundes und stieg mit einer von Angü durchsetzten Erregung hinab. Jetzt war sie inmitten dieses paradiesischen Ortes. Sie streckte die Arme aus, nahm ein Perlenhalsband, schmückte sich damit, einer instinktiven und unbefangenen Gefallsucht gehorchend, und bewunderte sich mit Wohlgefallen in einem prächtigen Spiegel. Noch verschiedenes andere Geschmeide, das sie sich in kühnsten Träumen nicht ausgemalt hatte, zog sie au. Dann nahm sie eine reichverzierte, bis an den Rand mit Goldstücken gefüllte Truhe aus Amberholz, stieg rasch die Leiter hinauf, stellte die Schätze au den Rand des Erdspalis und stieg wieder hinab. Durch neue Entdeckungen wurde ihr Entzücken noch vergrößert, sv das; sie laut nach ihren Eltern rief. Bestürzt liefen die alten Leute herbei, die ihre Tochter in tiefem Schlafe wähnten. Sie konnten.sich gerade über den Abgrund neigen und unten Frayha erkennen. "Aber ach! In diesem Augenblick ging der Talg zur Neige, der Flur lag lvieder in tiefstem Tunket, der Boden schloß sich langsam, lind barg in seinem Schoße eifersüchtig unter lost-