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Central-Verein-Zeitung · 1934-10-18 · 42 (18.10.1934) · page 9

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
42 (18.10.1934)
Date
1934-10-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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I 3 f^Y'p/rr^ O /. > ..j u V—' ^r*^2 JÜLiO •S.Boiblött ' < cJ . JjD<gir JEßmtfäüßg® 'äJ®n* S&iMi ■ ' ‘.'. ni. - Michelangelo und Rembrandk.. . Aus der abstrakten und lehrhaften Bibeldarstcllung des Mittelalters war zur Zeit der Renaissance eine neue Auslassung emporqestiegen, welche die Wahrheit, aber auch zugleich die Schönheit des Menschen in Hellem Glanze erscheinen liest und zugleich den psychologischen Gehalt des biblischen Themas bereicherte. Am Ende dieser Epoche steht Michelangelo, Wohl der grösste Künstler des Zeitalters und zugleich der, welcher die tiefsten Blicke in die Welt der Bibel getan hat. Gewiß, auch der christliche Swükreis kommt in seinen Werken zum Ausdruck: in seiner Pictä oder im Jüngsten Gericht. Aber man hat doch den Eindruck, daß die Welt, die seinem Innern am nächsten steht, die ^ewa!- tige, fast schreckhafte des Alten Testaments ist: hier findet feine eigene ungeheure Natur ein Spiegelbild ihrer selbst. Man denkt dabei an erster Stelle an die Decke der Sixtinischen Kapelle in Nom. Ta wird in eiii;elnen Bildern der Anfang der fünf Bücher lUioic erzählt: von der Trennung von Licht und Finsternis an über die Schöpfungstage geht es zur Erschaffung von Adam und Eva. Wir erleben Sündenfall und Vertreibung, danach das Syrer und die Trunkenheit Noahs und endlich, zwischen beide gestellt, das dramatische Gemälde der Sintflut. Wie Gott in diesen Fresken dargestellt ist, als der „Alte der Tage", mit wallendem Barte, mächtig und gütig zugleich, so erscheint er uns als der konkrete Ausdruck dessen, was eigene Vorstellung nur in verschwimmenden Umrissen träumt. Wie im Zorn stößt er Sonne und Mond aus sich heraus, um dann im gleichen Bilde — Zeichen seiner Unermüdbarkeit — in die Tiefe zu stürmen, die Erschaffung der Pflanzen zu wirken. Bei der Beseelung Adams ist er älter und milder geworden, wird mehr von Engeln getragen, als daß er sich durch eigene Kraft in den Lüften erhielte. Was er jetzt ausströmt, ist Geist, nicht Gewalt. Seinem ausgestrecktcm Arme antwortet der noch lässig und kraftlos ausgestrcckte Arm des ersten Menschen. Ter Finger Adams nähert sich dem Finger Gottes: man meint den elektrischen Funken zu spüren, der überspringt. In einem anderen Bilde sieht man Sündenfall und Vertreibung vereinigt; die Menschen des Paradieses in die Mitte, die Vertriebenen hart an den Rand gerückt. So wird alles Geschehen in eine bildlich-klare Sprache gefaßt. Diese Schöpfungsszenen am Deckenrande begleitet von riesenhaften Sitz-Gestalten. Tie Frauen bedeuten Sibyllen; sie sind die Verkünderinnen des Heils aus der Welt der Antike. Ihre männlichen Partner sind die Propheten, und in ihnen hat Michelangelo, besten Idealbild der Mann war. unvergängliche Schöpfungen menschlichen Daseins geschaffen. Am ergreifendsten hat er den Propheten Jeremias geschildert.. Wie dieser meditierend die Beine kreuzt und den schweren Kops in die Hand birgt, ist er ein Abbild tiefster *) Dgl. „E.,-D.-Zeitung" Nr. 37 und 40. Von Prof, Franz Landsberger*) Melancholie. Nun wissen wir, daß Michelangelos eigenes Sein von tiefer Schwermut beschattet war. Und das ist innerhalb der Geschichte der biblischen Darstellung das eigentlich Neue in seiner Kunst; er betrachtet die Ereignisse nicht in ihrem Sonderdasein. sondern sie dienen ihm zum Ausdruck seines persönlichsten Gefühls. In der Plastik beginnt Michelangelo mit der jugendlichen Heldengestalt des David und schafft l-ann in reiferen Jahren im Moses den selbst zur Reife gekommenen Mann. Auch hier wieder mutz man sagen: so wie ihn Michelangelo geschaut hat, stellt sich ihn jedermann vor, der die Bibel kennt, und man versteht es wohl, das; ,— so erzählt Vasari — auch viele Juden allsabbatlich diese Statue besuchten und sie bewunderten „nicht wie ein irdisches Ding, sondern wie etwas Göttliches." Dieser Moses war ursprünglich nur Teil eines großen Aufbaues, der als Grabmal für Papst Julius II. entworfen war. Auf einem hohen mit Sklaven besetzten Sockel sollten zur Linken Nahel und Lea, zur Rechten Moses und Paulus sitzen, jener der Vertreter des alten, dieser des neuen Glaubens. Aber es ist bezeichnend für Michelangelo, daß er. der das Werk unvollendet zurücklicst. von d'esen vier Gestalten gerade die eine, eben Moses, ausgcführt hat. Sie war ihm die wichtigste, die am meisten seinen Gefühlen Ausdruck verlieh. Als die Herrschaft der Malerei im 17. Jahrhundert von Italien zu nördlicheren Gebieten überging, war der bedeutendste Maler der Zeit ein Holländer, Nembrandt van Nijn. Und wir erleben bei ihm das gleiche, uns Juden im tiefsten befriedigende Schauspiel, wie bei Michelangelo, daß seine eigentliche Liebe dem biblischen Stoffe gehört. Er, der im Judenviertel sein Haus hatte und Juden zu Freunden zählte, er wurde schon dadurch immer wieder auf das heilige Buch dieses Volkes gelenkt, für dessen Darstellung er die Modelle nur von der Straße zu holen brauchte. Und diese Lebensnähe gerade ist der Sinn seiner biblischen Sprache. Bei Michelangelo sind die Gestalten der Bibel leiblich gewaltiger, im Affekte elementarer, als es die Menschen gewöhnlich sind. Nembrandt aber gibt die Menschen in all ihrer Schlichtheit, und eben diese Alltäglichkeit verleiht seinen Bildern eine Wärme, die wir wie die leise Berührung von der Hand eines Freundes empfinden. Wenn Nembrandt das erste Mcnschenpaar schildert, in einer seiner Radierungen, so sind es nicht die vollendeten Figuren der Renaissance, sondern Menschen, die noch etwas Dumpfes und Primitives haben. In der Opferung Isaaks ist Abraham nur ein Vater, wie es alle sind, Isaak ein Knabe, wie alle Jungen, nicht schöner, nicht häßlicher. Aber eben darum wird die Opferung des geliebten Kindes in nächste Nähe gerückt: so liegt geduldig ein Kind vor seinem Vater, vertrauend auch, wo er das Messer zückt; so hält ein Vater die Hand auf die Augen des Sohnes gedrückt, um diesen Blick nicht ausfangen zu müssen, der ihn in seinem Gehorsam wankend machen würde. Die Verführung des Joseph durch das Weib des Potiphar ist eine wirkliche Verführung mit „Adams Erschaffung** von Michelangelo allen ihren Gefahren, die Vertreibung der Hagar eine wirkliche Vertreibung: so weicht ein armes Weib, das aus dem warmen Bezirk ihrer Liebe gestoßen wird. Und mit welchem Behagen hat er immer wieder die Tobias-Geschichte erzählt, deren unpathetischer Realismus seinem eigenen Wesen entgegenkam! Am Schluß dieses Lebens steht das Selbstbekenntnis eines alten, vom Glück längst geschiedenen N ton scheu, dem nichts übrig blieb, Yls die Kunst. ,Der junge David“ von Michelangelo So gibt er dem König Such dem vom Glück verlassenen Mann, den nur noch eins aus seiner Schwermut zu reißen vermag: das Lied eines Knaben, des jungen David. Hier wie bei Michelangelo ist es gerade die Schwermut, die sich zum biblischen Thema bekennt. Im Leid des Juden haben beide das ihre wieder gefunden und sich an seiner Gestaltung getröstet. GM WWWW Zum AS SeS NemSrmidt-Wosraphen Aus dem Kreis jener erlesenen Geister, die den alten Ruhm der Heidelberger Universität in unserem Jahrhundert erhielten und mehrten, ist nun wieder einer heimgegangen: vor einigen Tagen hat mau Carl Neumann zur letzten Ruhe gebettet. Wie er im Leben den wohlfeilen Glanz der Mode-Erfolge nie gesucht, so hat auch sein Tod die breite Oefseinlichkeit wenig beschäftigt; nur ein paar Zeitungsberichte deuteten an, daß das deutsche Knlturgebiet in ihm einen seiner hervorragendsten Kunsthistoriler Earl Neumann, der ein Alter von 74 Jahren erreichte, entstammte einer jüdischen Familie Mannheims. In Heidewerg und Berlin hat er bei vielen berühmten Lehrern gehört, bei Kuno Fischer, bei Erdmannsdörfer, Waitz und Treitschke vor allein: nur die Kunstgeschichte liest er beiseite. Der junge Doktor unternimmt, noch unschlüssig über seine Zukunst, im Frühsommer 1882 eine Reise in die Schweiz. In Basel macht er Station und geht v\ ein Kolleg Jakob Bnrckhardts; es ist einer der großen Augenblicke, die über sein Dasein entscheide':. Ueberwältigt von der wunderbaren Klarheit und dem geistigen Reichtum des Meisters, verzichtet er auf seine weiteren Reisepläne und bleibt das ganze Semester über in der Stadt, um keine Stunde dieser Vorlesungen zu versäumen. Noch in dem Rückblick aus seine Laufbahn (1924) versichert er: „Burckhardts Worte, von den Veglcitalkordcn des jugendlich rauschenden Rheinstromes getragen, der unter den Fenstern der Baseler Universität vor de-- Schwarzwaldhügeln vorüberflost, durchfluten seit- §M M» WM „ Km Ws S83 s. Tie literarische Bedeutung der vom. Ver- Icger S. Fischer geleisteten Lebensarbeit schildern. hieße die Literaturgeschichte der letzten oll Jahre schreiben. Fischer war in Deutschland, war wohl in aller Welt als der führende Verleger zeitgenössischer. zeitgemäßer Dichtung anerkannt. Ter äußerlich ruhige, rundliche Mann mit dem kahlen, kugligcn Schädel war zeitlebens in seinem Berus von einer geradezu besessenen Lebendigkeit befallen: sein Licblingswort war „Vitalität".. Einer seiner ältesten freunde behauptet, S. Fischer „war immer der. Mann, der in seinem Berus, in seiner Werkstatt die Augen überall hatte, der am liebsten jedes Ding selbst gemacht hätte, vom Dichten der Bücher bis zum Ginband, von der Kalkulation bis zum Inkasso,, der auch das geringste nicht ungeprüft liest, der für ein halbes Dutzend Leute arbeitete, der gewaltiges Tempo hatte, ein Gefäß war, zum Springen voll." , So lebendig war er, daß er nur die Bücher lebender Autoren druckte, oder (in Einzelfüllen) verstorbener Autoren, die lebendig genug wirkten, um das literarische Leben der Gegenwart stärken zu können. So begann er in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Erster in Deutschland Dostojewski, Tolstoi, Zola zu drucken: er verlegte eine Gesamtausgabe Ibsens, bevor noch ein nordischer Verleger solch Unternehmen wagte; er veranstaltete später Gesamtausgaben Theodor Fontanes und Walt Whitmans, weil er einsah, wie sehr der Begründer des modernen Romans und der amerikanische Lyriker des Weltgesühls mit den Bestrebungen seinerAutoren verbunden waren. In dem Almanach, der zu seinem 25. Verlagsjahr erschien, erklärte S. Fischer, der sonst wenig erklärte, sondern gern Zuhörte, rasch sich entschied, aber nur bedachtsam sich entschloß, daß „seine berufliche Arbeit für ihn zum persönlichen Erlebnis seines Lebens wurde", daß der Sinn seines Daseins sei, das, was er von seinen Dichtern „als Steigerung seines Lebensgesühls empfangen habe, nach seinen Kräften zurückzugeben"; deshalb wolle er als Verleger zugleich Kaufmann, Mäzen und Freund sein. So tüchtig S. Fischer als Kaufmann war, wenn man ihn als Menschen betrachtet, muß man die Folge dieser Berufungen des idealen Verlegers nmkchren: er war in erster Linie Freund und Mäzen seiner Autoren, war es so sehr, daß Samuel Fischer von mindestens vier Dichtergencrationen zutraulich „Sann" genannt wurde, — von den Realisten vor 1900, von den Romantikern nach der Jahrhundertwende, von den Expressionisten und von den Dichtern der letzten Jahre (die er auch noch nach dem Umschwung von 1933 herausbrachte). S. Fischer und sein Verlag waren so völlig eins, daß das Schicksal diese Verbundenheit zu betonen schien, als es ihn genau am Jahrestag der Gründung seines Unternehmens hinwegriß: am 15. Oktober 1886 hat er seinen Verlag eröffnet, am 15. Oktober 19$4 hat et seine Angen geschlossen, also nach achtundvierzigjähriger Arbeit, fast 75 Jahre alt. S. Fischer hatte das Fingerspitzengefühl, die Helle, schnelle Urteilsfähigkeit, die den wirklichen Verleger anszeichnet; er verstand sich zudem immer mit urteilsklngen Helfern zu umgeben, wie Otto Br ahm, Moritz Hermann, Oskar B i e, Oskar L o e r k e, Rudolf K a y s e r. Jahrzehntelang wußte das Publikum: wenn man ein Buch mit der Bezeichnung S. Fischer Verlag kaufte, so war es ein gutes Luch. Mit Recht zeigt ein Signet des Fischer-Verlags einen Fischer, der mit dem Netz schwere Beute aus dem Meere zieht. So zog S. Fischer aus der Flut der letzten Jahrzehnte reiche Ernte, gute und beste Autoren Deutschlands, der nordischen und vieler anderer Länder. Er hat mit sicherer Hand diese Ernte auch eingebracht, wenn die Flut zur Sturmflut schwoll. Er war also als Verleger nicht nur der kaufmännische und propagandistische Mittler. — er bedeutete Sinn und Gesinnung seines Verlags. Tie Anfänge seiner Arbeit sprossen aus einer weltanschaulich-literarischen Revolution, als ein lebensfremdes Epigonentum durch wirklichkeitsgebnndcncs Zeitgefühl verdrängt wurde. Im Almanach des -10. Verlagsjahres sagt Fischers alter Kampfgenosse Juli u s Eli a s : „Wir werden uns an den Gedanken zu gewöhnen haben, das; wir in den Sielen sterben müssen." So geschah es beiden. Fischers Lebensabschluß siel mit einer anderen, einer großen weltanschaulich-politischen Revolution zusammen, und es hat seinem alten, junggebliebenen Herzen sehr weh getan, daß manche, von deren Wert er überzeugt war, an Geltung verloren. Denn er hing schließlich an seinen Lieblingsdichtern nicht nur mit der Liebe des Vaters, sondern mit dem Schützerwillen des Patriarchen. Vielen hat er über innere, d. h. geistige, und äußere, d. h. finanzielle, Krisen hinweggeholfen. Wie liebte.er Gerhärt H a u p t m a n n, von jener Uraufführung des Erstlings „Vor Sonnenaufgang" an, die er in der finanziell und propagandistisch von ihm geleiteten „Freien Bühne" durchsetzte, während aller Wandlungen dieses Dichters! Wie geduldig wartete er' manchmal viele Jahre lang auf ein längst versprochenes Bull; von Thomas Mann! Wie förderte er unermüdlich die Autoren, die er durchsetzen wollte, auch wenn ihre Bücher noch wenig beachte! wurden! Und seine letzte Tat war es, die eben in einer diesem Dichter nicht günstigen Situation erscheinende Gesamtausgabe der Werke von Hosmannsthals herauszubringen. Dieser hellsichtige Realist, dieser kunstbesessene Kaufmann hinterläßt ein Lebenswerk, das wenigstens im Umriß aufgezcigt werden soll, — wenn auch von jedem Hundert der Autoren, die er veröffentlichte, hier nur etwa ein Dutzend genannt wird. Aufbau und Fortschritt des S. Fischer Verlags wurden niemals tastend, sondern stets zielbewusst gestaltet. Bewußt begann S. Fische r mit D o st o j e w s k i, Tol - st o i, Zola, Hamsun, als Vorbildern eines Zeitgefühls, das auch in Deutschland Gestaltung finden sollte. So wurde er Vorkämpfer des deutschen Realismus, zugleich mit dem Volkstheater „Freie Bühne" und der bei ihm herauskommenden Zeitschrift desselben Namens, die später, ruhiger geworden, und bis zum heutigen Tag „Reue Rundschau" hieß. Aber bald, ein Jahrzehnt vor und ein Jahrzehnt nach 1900, kamen in seinem Verlag jene Autoren zusammen, die er größtenteils entdeckt hat und deren Werke er später in Gesamtausgaben zu vereinigen liebte: Hartleben, Schnitzler, Peter Nansen. H e r in a n n B a ng, T h o irt a s M a n n . Emil Strauß. Hermann Stehr. E. v. K eyserling, Björn st ferne B j ö r n s o n, R i ch a r d D e h m e l, G e o r g H i r s ch f e l d, Hermann Bahr, I a k o b W a f s e r m a n n . G n st a f a f G e i j e v , st a m, Her m a n n H esse. B e e r - H o f -- ma nn, Ho fm a n n sthal. EN e n K e y.

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