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Central-Verein-Zeitung · 1934-10-11 · 41 (11.10.1934) · page 16

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
41 (11.10.1934)
Date
1934-10-11
Page
– (sequence 16)
Language
German
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m KZWMMU üifgfiiiiii m m 75 mm ^wvWwU^wi^IJ^ ZMj MM, §A Ms §UH Ms bin eirrziges Mal brachte es der große englische Mathematiker und Philosoph Bertrand Rusiel über sich, in ein Kino zu gehen. Er mußte einen Film gesehen haben, um Henri Bergsons berühmten Dergleich des Verstandes mit dem Film zu kontrollieren. Vcrgson hatte sehr sinnfällig folgendermaßen verglichen: wie der Film Bilder, so nimmt der Verstand „Zustandsreihen" auf. In der Wiedergabe des Films ist die Bewegung nur scheinbar, die Kontinuität nur eine Illusion des Betrachters; der Film löst und teilt tatsächlich den in Wirklichkeit bewegten. kontinuierlichen Strom in lauter unbewegtc. statische, kleine Einzelbilder auf. Ter Der- Hand ersaßt entsprechend und teilt und löst die Kon. tinuität in gleicher Weise auf: er hält die Materie gewissermaßen photographisch fest, mit der Treue des zeitlosen Zustandes, und verliert in Wirklichkeit die Bewegung der Materie, die Energie . . . Ter Verstand allein reproduziert im Ganzen nur Photo, grapbisch, also nur statisch getreu, nicht zeittrcu. (fine Anschauung der Welt allein durch den Verstand bleibt demnach unzulänglich. Ucbrigens war Rüssel weder vom Kino noch vom Vergleich Vcrgsons befriedigt; vielleicht weil er, der einem der ältesten und adligsten angelsächsischen Geschlechter entstammt, eben ein Materialist ist, während Bcrgson, wie man schon an seiner obigen Attacke auf den Verstand sieht, ein radikaler Gegner des Materialismus ist, ja, der natürliche Vater alles neuzeitlichen Antimaterialismus. Tarübcr hinaus ist Vergson, wie man ebenfalls aus dem Vergleich mit dem Film sieht, alles andere als ein üblicher Kathederphilosoph. Von seinen Schriften ist ein glanzvoller Essai über „Tas Lachen" geradezu'popu. lär geworden, und vor Jahren hieß es sogar einmal, er schriebe eine Arbeit über Buster Keaton. Jedenfalls ist er ein zeitnaher Mann mit einem eleganten, gefälligen Stil noch in der Metaphysik, mit einem freundlich aufmerksamen Auge für alle die geistigen und selbst für die weniger geistigen Tinge vom Film bis zur Religion, und sogar mit einem gelegentlichen, liebenswürdig ernsten Seitenblick auf ein okkultistisches Medium. Ter Verstand, dem die Vholisophie allzu lange allein gehuldigt, der Verstand, den er mit dem Mechanismus des Films vergleicht, ist seiner Meinung nach nur in der Lage, die Materie, die unbewegte Welt zu erfassen: um den Rest der Welt, also das Wesentliche, das Leben zu begreifen, bedarf man der Intuition. Und der Weg von einer wenngleich wisienschaftlich dargestellten Intuition bis zur Religion (und bis zur Parapsychologie) ist gar nicht mehr so wert. # Bergsons Vater war ein polnischer Jude, seine Mutter eine englische Jüdin. Ter junge Henri, schon in Paris geboren, war außerordentlich wißbegierig und immer Primus. Er behielt immer etwas von einem Musterschüler, aber er hatte me etwas von einem Streber, und selbst der Geistreich, tum seines Ausdrucks blieb immer bescheiden und natürlich, wirkt niemals, als könnte der Philosoph Weltsysteme stürzen, sondern als sagte erAusmer!- samkeiten. . er si^äehn Jahre alt war, bekam er die erste wissenschaftliche Auszeichnung, als er fast siebzig war, die höchste, den Nobelpreis. Die erste Auszeich. nun war eine Belohnung für seine mathematischen Bemühungen; er hatte mit Mathematik und Physik begonnen und sich dann sehr früh metaphysischen Problemen zugewendet. Mit neunzehn wurde er Lehrer der Philosophie am Lyzeum von Elcrmont- Ferrand. mit neunundzwanzig brachte er seine erste große Arbeit heraus, die in deutscher Sprache unter dem Titel „Zeit und Freiheit" (wie alles von Bergson bei Tiederichs in Jena) bekanntgewordcn ist. Mit neununddreißig war er Professor an der Eeole Normale, im neuen Jahrhundert zwöls Jahre lang nur College de France. Ferner Mitglied der Akademie, Präsident der Dölkcrbundskommission für geistige Zusammenarbeit und im kommenden Jahr Ehrenpräsident des Philosophcnkongresses. }007 erschien die „Schöpferische Entwicklung", die den Namen Bergson uiu den Erdball zu tragen be> stimmt war, gewissermaßen das Standardwerk gegen Materialismus und Jntelleltualismus. Es ist bemerkenswert, daß gerade der Jude Bcrgson sowohl einer der geistigen Urheber der katholischen Er- Neuerungsbewegung in Frankreich, wie eigentlich auch der modernen bivlogistischen Ideologie ist; von auch der modernen biologischen Jeologien ist. Bergsons Einfluß war so allgemein, und ist noch so bedeutend, wie der keines anderen lebenden Teil, kers. Er hat zu weit über die Philosophie hinweggewirkt, als daß man den Philosophen selbst für alle Folgen seiner Lehre verantwortlich machen dürste. Bergson hat dem Materialismus einen gewaltigen Stoß versetzt, das ist sein unüberschätzbarcs Verdienst und war eine dringende Aufgabe seiner Epoche. Er hat nicht immer nur logisch gekämpft, er hat oft genug die Hilfe der „Intuition" in Anspruch nehmen müsien, ja, sie ist ein Grundpfeiler seines philosophischen Gebäudes geworden. Tenn er vertritt, ohne wiederum selbst dauernd davon Gebrauch machen zu müssen, den Standpunkt, daß es gar nicht daraus ankomme, den Verstand bloß mit dem Verstand zu widerlegen. Aber gerade diese, den Gegner entwaffnende Methode, die ihm die Sympathien nahezu der ganzen gebildeten Welt eroberte, mißfiel den wenigen, letzten Helden von der alten Garde der Aufklärung. Bergsons Angriffe auf den Materialismus bereiteten einer neuen Romantik, bereiteten der Kirche von neuem den Boden, und Anatole France begann, über diese neue Wendung der Philosophie die glitzernden Kristalle seiner Ironie auszuschütten („Revolte"). Ten schöngeistigen Damen . von Welt und den Idealisten aller Ressorts gefiel Bergsons blendende und doch solid wirkende, stetige Art; diese Philosophie wurde Mode. Sie fand auch in Deutschland begeisterte Leser und Leserinnen, und der letzte von der alte Garde. Fritz Mauthner — ein Jude — hechelte den „Schönredner Bergson" weidlich durch, den „metaphysischen Feuillctonisten". der das Schlagwort von der „schöpferischen Entwicklung" erfunden hatte: „Tas Bild von einer Entwicklung ist. in langem Kampfe mit der Theologie, aufgebracht worden, um das Bild von der Schöpfung überflüssig zu machen; Schöpfung und Entwicklung sind Gegensätze, die zu vereinigen der Intuition Bergsons Vorbehalten war. lind die „Intuition" vollends, die Schopenhauer mit Kenleufchlägsn aus der deutschen Philosophie hinausgeworfen hatte, wird von Bergson wieder bemüht, wie eine alte Wahrsagerin." Wir haben diese bittere Kritik zitiert, um Bergsons Profil auch im Schattenriß zu zeigen. Tatsächlich konnten die einsichtigen Kritiker auch dieser Art, die Feinde aller abergläubischen Romantik, sich um die Wende des Jahrhunderts der Einsicht keineswegs verschließen, daß ein neuer Aberglauben sich auf den Thron des alten gefetzt hatte, der naturwissenschaftliche war an die Stelle des wissenschaftsfeindlichen,' der liberalistische au die Stelle des feudalistischen getreten. Und hier setzte Bergson mit seiner Kritik ein: Es war gut. und es war notwendig gewesen, daß die Meltbctrachtung sich von den Nebeln mittclaltcrsicher Abstraktionen und unglaubhafter Erfindungen losgelöst und der Materie sich immer mehr genähert hatte. Aber war man bnmit der Wahrheit näher gekommen. daß man an die Stelle des alten X. an die Stelle der großen Unbekannten in der Gleichung des Weltganzen. die man Gott nannte. Theoreme setzte, die. von Darwin. Haeckcl. Spencer und Gefolge ausgetürmt, dem konsequenten. gesunden Menschenverstand ebensowenig glaubhaft, ebensowenig klar und ebensowenig befriedigend erscheinen mußten? Das wenigste kann bewiesen, das wenigste tatsächlich überlegt werden. Endgültiges wird nicht ansgedacht, alles bleibt Spekulation. In der Betrachtung der Tinge, ans die es ankouunt, der letzten Tinge, geschehen lediglich Wandlungen der Methode. das Problematische der Probleine wird nicht aufgehoben, sondern nur weitergcschobeu. An die Stelle der einen Philosophie tritt eine andere, Hypothese löst Hypothese ab, und das Rätsel bleibt. Ist es demnach sinnlos, überhaupt zu benxsifen und zu widerlegen? Es ist. für Henri Bergson. nicht möglich, ohne einen neuen „Urnebel" auszulommen, die Intuition, den elau vital, die schöpferische Entwicklung. Tenn Menschen sind doch keine Maschinen. wie man, von den gloriosen Erfolgen der jungen Wissenschaften im vorigen Jahrhundert betört, sich hat glauben machen wollen, wir sind nicht Rädchen und Schräubchen, und die Welt ist kein noch so gewaltiger Mechanismus von der Art eines llhrwerks. Tie Rolle der Zeit, der Bewegung, der Energie ist mindestens so bedeutend wie die des Raumes, der Materie. der Zustandsreihen. Plan hatte in der Philosophie die Welt äußerst korrekt neugeschassen, aber man'hatte das Leben vergessen. Ilnd aus solcher Kritik ergibt sich bei Bergson ein System, das mit den ältesten Systemen manchmL die frappanteste Aehnlichkeit hat, aber desto plausibler ist: die Welt ist eine Bühne mit drei Etageir, in und zwischen denen unendliches Leben herrscht. Die unterste Schicht: tote Tinge und Pflanzen: fast nur Materie. Die nächsthöhere Schicht: die Tiere, in denen der Geist schon als Instinkt sich auswirkt. In der höchsten Schicht, bei den Menschen, kounnt zum Instinkt noch der Intellekt hinzu. Ties alles aber ist verbunden, ein Strom schöpferischer Entwicklung von der Starrheit der Materie über die Jnstinktbewegthert der Tiere bis zur grandiosen, vielleicht grenzenlosen Macht des menschlichen Intellekts. Ter Motor. der alles antreibt, ist der ö l a n vital, der Drang zum Leben, und Leben ist gleich: Gott, ein ewiger Strom von „Handeln und — Freisein"; „auf diese Weise definiert, hat Gott nichts vom Konfektionsmäßigen an sich". * Die Gefährlichkeit eines scheinbar so einfachen Systems ist klar: da Bergson die Wissenschaften angriff, fühlten die Nichtwissenschaftlcr sich berufen und die Narren sich auscnvählt; da sein Licht hell und klar in die Nacht scheint, fühlen Schwärmer und Insekten sich angezogen. In Wirklichkeit ist nur die Fassade und die Spitze dieses geistigen Gebäudes so einfach, und das Bewunderungswürdige ist twS Fundament. Bcrgson ist zu seinem „Gott" nicht auf Wegen der Tradition oder des Gemütes, sondern über Mathematik, Physik. Biologie gekommen, und das ist bcmerkcnsivert. weil nicht bloß für ihn, sondern für seine ganze Zeit typisch, (lind wir wissen nun nur zu gut, daß seine Zeit noch keineswegs vorbei ist.) Bergsons Kampf gegen die Philosophie, die ihre metaphysischen Bedürfnisse am Reagenzglas und im Laboratorium deckt, ist mit einer enormen Kenntnis der Naturwissenschaften mächtig unterbaut und fest und solid, obschon der Gipfel (Intuition usw.) frei in der Lust schwebt. Aber gegen T-arw-m und Lamarck ausgeboten und fortgesetzt, und' zur Kronzeugin gegen den Materialismus wird die Biologie gemacht, die in seiner nächsten Nähe, wenn nicht aus seinem eigenen Boden gewachsen ist. Unbedingt ist auch darin Bergson der geistige Vater zeitgemäßer Strömungen, er erst räumte der Biologie diesen hohen Rang ein. Bergsons. Erfolg, größer als der irgendeines Zeitgenossen der Philosophie, ist wohl in. diesem machtvollen Protest gegen die Alleinherrschaft des rechnenden Kopses begründet. Ter schöpferische Geist gewinnt hier seine Heiligkeit zurück, die er. als man ihn zur mechanischen Gchirnsunktion degradierte, einbüßen mußte. Von neuern wird die Freiheit des Willens proklamiert, und es schließt sich auch hier etwas mystisch der Kreis, den Heraklit um die Welt zu ziehen begonnen hatte. Bergsons Stil hat einen Schimmer von Altgold, ist warm und klar. Ohne überraschende Geistesblitze wird Beruhigendes. Gescheites und viel Beglückendes gesagt, und hinter den Worten sieht man die Umrisse eines Menschen, eines noblen, gelassenen, verhaltenen, klugen, hellen Menschen. Die Zeitgenossen finden nichts prouonciert Jüdisches an ihm; es mag einer gerechteren Welt, als eine Mitwelt je sein kann, Vorbehalten bleiben, Bcrg'-ons Kamps gegen den Materialismus. seinen Kamps für — Gott als etwas Jüdisches zu empfinden. f f i! \fi! \JJ \ I KCi“! »M'MiWi,.!°^WAU oM n n fy*!!,Ji! Kj! u<! f\jl ' Vii ,'\j u j ,\i n >! j< V \ i ff M : l_ | Priv. Waldschule Kalis Ec! | für Knaben u. Mädchen.!K!a:sen ab Soxta Qrunewatd,B!smarckc!!coCS/37 Ta^eslnfernat 9—lö Uhr G Sport, Gymnastik, Gartenbau. Indlv. f; Behandl. Sprechzeit tag!. 1—2 Uhr. 6 Anruf H 9 0967. | Dr. H. Solvcr. Lotto Kedskl. PrlvatsehulQ PGÜScson Bcrüa W 15, Pariser Str. 4 J2 6F7C 4Grundschü!kl.cttcst!r.t.Knab.u.r’5dchcn gemeinsam. - iivzea.lltIass.YI-I f.Küdchcn Abnahmen für Kinder aller Konfessionen. Liiere iiklsäe Internaüchuia in Coburg fßr Knaben und Mädchen 6-klass. ßealschule. Sport. Gartenbau. Handwerk. Hauswirtschaft. ZeUgemässc Gebührensätze. 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