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Central-Verein-Zeitung · 1934-10-05 · 40 (5.10.1934) · page 14

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
40 (5.10.1934)
Date
1934-10-05
Page
– (sequence 14)
Language
German
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eetäeamsjiüetie^eitwasme^eiisteileEunairAizen Stavwvf. Börse u.Lb«rlbg.^SUmers-orker Srr.S3, am «urlürstenü. Veilchen, Palmenbäume und Gummibaume; und da Adam besonders die Tiere liebte, schenkte ihm Gott in diesem Garten alle Tiere, den Löwen und den Tiger, die Ziege und die Kuh, und keines tat dem anderen etwas zuleid. Siespielten zusammen, bissen sich nie, denn Gott wollte, daß Menschen und Tiere sichnur vertragen und lieben. Wie nun Adam und Eva so alles hatten, wonach ihr Wunsch ging, da dachte Gott in seinem Himmel: Jetzt habe ich Adam und Eva so viel Freude bereitet, jetzt will ich sehen, ob sie mir einen Gefallen tun wollen. Eines Tages, Adam und Eva saßen im Garten, hörten sie Gottes Stimme, und er rief ihnen zu: „Adam. Eva. habe ich euch jetzt alle eure Wünsche erfüllt?" „Ja", riesen beide. Da sprach Gott weiter: „Wenn ich euch so viel Freude bereitet habe, müßt ihr mir auch einen Gefallen erweisen. Seht hier den Baum, da, gerade mitten im Garten steht er, den Bau.m, der immer nur die ganz roten Aepfel trägt, von dem dürft ihr keine Aepfel essen, ich will sehen, ob ihr folgsam seid und mir meinen Wunsch erfüllt." Eine lange Zeit taten sie, wie Gott wollte. Aber dann auf einmal bekam Eva Berlangen gerade nach den Aepfeln, die Gott ihr verboten; so mal tüchtig hineinbeißen zu können in diese pausbäckigen Aepfel, ach, muß das gut schmecken! Sie setzte sich unter den Baum und dachte, habe ich auch versprochen, keinen Apfel davon zu essen, ansehen darf ich sie mir doch sicher. Wie Eva so saß, kam eine Schlange vom Baume herunter und sagte: „Ei, Eva, wie ist der Baum schön, ich war eben in seinen Achten. um die roten Aespel zu kosten, die schmecken herrlich, soll ich dir einen holen, daß auch du ihn versuchen kannst?" „Nein, nein, du böse Schlange, laß mich gehen, ich habe dem lieben Gott versprochen, keinen Apfel von dem Baum zu essen, Gott muß ich folgen. Dumme Schlange, laß mich gehen!" Schnell lief Eva fort. Am nächsten Tage mußte sie immer an den Apfelbaum und die Schlange denken. Sie ging zu dem Baum. „Guten Tag", rief die Schlange aus den Baumzweigen. „Gelt, Eva, heute, wo es so heiß ist, ißt du doch einen so schönen roten Apfel, sie schmecken so gut, warte, ich werfe dir einen herunter." „Nein", sagte Eva, „nein, der liebe Gott wird böse." „Äch was", meinte die Schlange, „einen Apfel nur." Schon fliegt einer vom Ast gerade Eva in den Schoß. Eva sah den schönen pausbackigen Apfel, biß hinein und lief zu Adam und ließ auch ihn abbeißen. Ta hörten sie auf einmal die Stimme Gottes, sie klang so anders. Sie bekamen Angst, wollten sich verkriechen, verstecken, aber die Stimme Gottes folgte ihnen und rief: „Adam, Adam und du, Eva, Eva, wie habt ihr so unfolgsam sein können. Ich habe euch alles zu Gefallen getan, und ihr, ihr konntet mir meinen einzigen Wunsch nicht erfüllen? Fort aus meinem Garten müßt ihr!" Als Adam und Eva sich ein wenig von ihrem Schrecken erholt hatten und aus ihrem Verstecke hervorkamen, da waren alle die schönen duftenden Blumen fort. Dle Dögek sangen nicht mehr um sie herum, und der Löwe, mit dem sie vorher noch gespielt, stand 'vor ihrem Versteck, rrß das Maul auf, als wollte er sie fressen. Sie liefen davon, so schnell sie konnten, und nirgends war der schöne Garten, war das Paradies wiederzusinden. Alice Oppenheimer. (Weitere Abschnitte folgen.) Tanzstunde oder nicht? „Ich möchte so gern Tanzstunde 'haben." Immer wieder bitten die Kinder ihre Eltern darum. Alles Mädels und Jungen, die gewiß ernst genug in der Zeit stehen und denen niemand nachsagen könnte, sie wären „vergnügungssüchtig", wie die Jugend es manchmal ist. Tie Mutter hat den bloßen Gedanken an eine Tanzstunde anfangs zurückgewiesen, sie hat es sogar ein kleines bißchen übel genommen, denn die jüdische Jugend weiß doch, daß sie mithelfen muß, das Schicksal würdig zu tragen. Man spricht mit andern Müttern und Vätern über die Frage, auch mit jüngeren Menschen, die der Zahl ihrer Jahre nach zwischen den Kindern und ihren Eltern stehen. Und gerade aus dieser Generation kommt die Antwort: „Gebt der Jugend Freude! Man kann diese Mädels und Jungen, die in Schule, Haus und Lehre genug von der Schwere des Daseins erfahren, nicht von allen Vergnügungen fernhalten, die ihren Jahren angemessen sind. Es ist nun einmal immer so gewesen, daß diese jungen Mädchen und jungen Leute gern getanzt haben. Es sind ganz bestimmte Jahre, in denen das Tanzen ein Vergnügen ist, wie nie wieder im Leben. Und das sollen unsere jüdischen Töchter und Söhne nicht haben? Falsch! Sie sollen tanzen, sie sollen ihre Tanzstunden haben. Natürlich in einer Form, die der Zeit angepaßt ist." Eine Mutter ist bekehrt. Sie erlaubt die Tanzstunde, erlaubt sie so, wie sie es als Jüdin verantworten kann: ohne Kleiderlurus, ohne große Bewirtung. ohne allzu lärmende Vergnügtheit. Und man braucht es ihnen kaum noch ausdrücklich zu sagen, diesen ernsten jungen Inden, die nichts anderes wollen, als ein bißchen harmlos fröhlich sein. und tanzen-so, wie Generationen vor ihnen und hoffentlich auch nach ihnen! ... und erst recht Gymnastik Wenn man in einem größeren Eymnastitkursus fragt, was die einzelnen von der Ausübung der Gymnastik erwarten, hört man meist, daß die Wünsche nach den verschie" echten Richtungen auseinandergehen. Verschiedene wollen schlank werden, einige an Gewicht zunehmen, andere brauchen kräftige Bewegnng — etwa als Ausgleich gegen eine zum dauernden Sitzen oder Stehen zwingende Berufsarbeit. Mangelhafte Atmung soll verstärkt, ein zu flacher Brustkasten gehoben,'eine schlechte Rückenhaltung, ein schlechter Gang korrigiert werden — und vieles mehr. Aber die Frage nach dem Wert der Gymnastik muß allgemeiner gestellt werden. Wenn der Körper sich in einem befriedigenden Zustand befindet, so soll dieser erhalten und möglichst noch in all seinen Funktionen gesteigert werden; und umgekehrt sind Schädigungen zu beheben, soweit sie nicht so weit vorgeschritten sind', daß' ärztliche Behandlung erforderlich ist. (Indessen wäre es sehr wünschenswert und fruchtbar, wenn der Arzt mehr noch, als es bisher geschieht, die Gymnastik als Hilfsmittel heranziehen und da, wo cs angebracht ist, mit ihr Hand in Hand arbeiten würde.) Ist nun die Gymnastik imstande, so vielfältige Wünsche und Forderungen zu erfüllen? Die praktische Erfahrung gibt darauf heute schon eine weitgehende besahende Antwort. Die Wege, die zu den gewünschten Zielen führen, könneu sehr verschiedene sein. Greifen wir nur eines der Losungsworte der heutigen Gymnastik heraus: Lockerung — Entspannung! Das bedeutet: Lösung — nicht Erschlaffung. Mil Hängenlassen. Pendeln und Schwingen der Glieder in den Gelenken versucht der Hebende allmählich die gewünschte Entspannung herbcizuführen. lind es tritt der Augenblick ein, in dem dies gelingt! Wieviel Krampf fällt da ab, wieviel Starrheit löst sich — wieviel bisher unbewußt festgehaltene und daher brachliegende Kräfte werden nun frei! Und mit der körperlichen verändert sich auch die geistig-seelische Haltung in günstiger, deutlich spürbar werdender Wechselwirkung. Nun ergibt sich die Ausgabe, diesen einmal erreichten Zustand, wenn er verlorengeht, immer wieder zu finden, die vorhandenen Kräfte so zu balancieren, wie cs jeder Augenblick erfordert, bis diese Haltung mühelos und selbstverständlich geworden ist in jeder Situation. Es ist immer wieder erstaunlich,' welche neuen Augenblicke und Möglichkeiten einem aus einer solchen wachen, nncntwegt probierenden Haltung entgegenwachsen. Es ist sicher, daß die Gymnastik, wenn sie individuell dnrchgosnhrt wird — das heißt, wenn sie den Zustand und die Bedürfnisse sede-s einzelnen berücksichtigt,-einen tiefgreifenden Einfluß auf den gesamten menschlichen Organismus gewinnen kann, in ähnlicher Weise, wie an diesem einen Beispiel „Entspannung" dargestellt tvnrde. Darin erweist sich der Wert einer guten Gymnastik, daß sie imstande ist, die durch Hebung gewonnenen Erfahrungen und Fähigkeiten gegenüber den Anforderungen des Lebens zur Anwendung zu bringen. Worte können nur einen dürftigen Hinweis geben — von wirklichem Werk ist erst der praktische Versuch. Frauen im Berufs- und Gemeinschaftsleben Tie „Gruppe berufstätiger Frauen" im Berliner Jüdischen Frauenbund hak ihre Winterarbeit mit einem guten Start begonnen: Vortrag von Professor Eora Berliner, übervolles Haus, lebhafter Beifall, ausgedehntes Zusammensein nach dem Vortrag. Tie „Gruppe" ist noch sehr jung und hat zweifellos noch einige Kinderkrankheiten zu überwinden. Aber der Beweis für ihre Existenzberechtigung ist bereits erbracht. Professor Cora Berliner sprach über „Die jüdische Frau im Berufs- und Gemeinschaftsleben". Ausgehend von der Feststellung, daß das Berussdasein der jüdischen Frau weiter im Zeichen größter Unsicherheit stehe, beleuchtete die Vortragende die Situation in den verschiedenen Berufen. Relativ günstig sei die Lage in der Hauswirtsä)aft — wo aber innere Widerstände bei den Bernfssuchenden noch kaum überwindlich scheinen — dann in den pflegerischen, handarbeitenden und kaufmännischen Berufen. Auch in den Organisationen der jüdischen Gemeinschaft sei eine ziemlich große Zahl von Frauen untergekommen. Doch sei hier Wohl mit einer kommenden Verminderung der Beschäftigungsmöglichkeiten zu rechnen, weil die südifche Bevölkerung an Zahl und Einkommen zurückgehe. Die Ncdnerin erörterte dann die Frauenarbeit für die jüdische Gemeinschaft. An die NäcK den Feierfägete Der höchsten Tage samten schweres Band hat fester uns und inniger umschlossen, als wir vor Ihm gestanden, Hand in Hand, die winzig Kleinen vor dem endlos Grossen. Gebet und Lied war eins. Wie Kinder Dank dem Vater sagen, oft noch unter Tränen, so waren wir vor Ihm. Der Abend sank zur letzten Feier. Ewiges Versöhnen klingt weit hinaus jetzt in den lauten Tag, der feindlich naht. Wir werden ihn bestehen: Wir hörten wieder Seines Herzens Schlag, der still gesegnet unser heisses Flehen. Hilde Marx. Spitze stellte sie die Arbeit im Kreise der Fam i l i e, die nicht nur von den Ehefrauen, sondern ebensosehr von den Unverheirateten zu leisten sei. Tie Familie zu einem Zentrum der Ruhe und Kraft für den Mann, die kleinen und die heranwachsenden Kinder zu gestalten, sei von der Frau gefordert. In den jüdischen Organisationen habe die Frau dafür zu sorgen, daß immer der Mensch zu seinem Recht komme, daß seine berech. tigten Ansprüche nicht durch Organisationsegoismus und ^Partikularismus vernachlässigt Würden. Zum Schluß streifte die Rednerin noch die Aufgaben gegenüber der Umwelt. Hier müsst man sich vor zwei Extremen hüten: vor einer vollkommenen Abschließung ww vor einer Bagatellisierung der vorhandenen «Lchwierigkeiten. Der Vortrag wurde mit so großem Interesse ausgenommen, daß sich anschließend eine Arbeitsgemeinschaft bildete, in der die behandelten Fragen zweiter diskutiert werden sollen. K.;\j‘ Frauenarbeit im Central-Verein D i e F r a ti e u a r b e i t i m Landesvcr. baud Groß-Berlin hat mit einer wohlgelungencn Laubhüttenfeier in der Laubhütte der 3iui. agoge Lindenstraße eingesetzt. Mehr als 8<) Mitglieder, Männer und Frauen, waren an dem schonen Sonntagnachmittag zu einer religiösen Feierstunde gekommen. Die Hütte konnte die Zahl der Enste kaum fassen. Im Aufträge des Synagogenvorstandes begrüßte Herr Cassel die Erschienenen. Frau L c v y - T a s e n und Kapellmeister W allenberg weihten die Stunde durch Gesang und Eellospiel, Hauptkautor F r i e d m a n n sprach die Bernchot und daS Tischgebet. Dann nahm Margarete Fried das Wort zu einer längeren Rede: ..Tie Hütte ist uns Symbol des Schutzes in schwerer Zeit. Tie Geschichte der Inden in Deutschland ist eine Geschichte des Leides, aus dem heraus der deutsche Jude immer wieder zum Bewußtsein des Judeseins geführt wunde", und gab dann einen Einblick in das Leben der ersten Gelehrten aus deutschem Boden, die neben der wisienschaftlichen jüdischen Leistung Vertreter einer würdigen jüdischen Lebensart gewesen sind. Die Frauenarbeit im Landesverband Groß-Berlin ninmrt ihren Fortgang in zahlreichen Werbe- Veranstaltungen in den verschiedenen Stadtteilen. Eine Arbeitsgemeinschaft „Tie Geschichte der Juden in Deutschland" wird für den Osten und für den Westen Berlins vorbereitet. Am Sonntag, dem 4. Noventber. findet eine große Frauenkundgebnng im Hotel „König von Portugal" statt, bei der Margarete Fried über das Thema sprechen wird: „Wie erlebt die deutsche Jüdin ihre Zeit". Einladungen werden auf Wunsch gerne zugesandt. achtung abschüttelt von den Tagen des Erwerbs und eingeht zu den Seinen als Priester, der den Segen herabsleht aus ihr Gefamtgebet zum Gott seiner Väter, aufattnend vom Truck, der auf ihm und seinem Volk lastet, dessen Gebet sollte nicht ins All der Schöpfung einklingen? und das Christentum ist so sehr verstimmt, daß es mit den Mißtönen der Verfolgung diese Harmonie mit dem Weltall stört?" Etwas von dieser Sabbathstimmung kommt in den beiden Gestalten zum Klingen, die Lettina mitten in den Rahmen ihrer aus Phantasie und Wirklichkeit geformten sogenannten Briefromane, den „Frühlingskranz" und das bekenntnisreiche, poesieerfüllte Buch über ihre unglückliche Freundin, die „Günderode" hineingestellt hat: in der jungen, jüdischen Eoldftickerin Veilchen aus Ossenbach, von der erst vor kurzem dieses Blatt (vgl. „E.-V.-Ztg." Nr. 26 vom 28. Juni, drittes Beiblatt) erzählte, und dem Juden Ephraim, den die zwanzigjährige Bettina bei ihrem Schwager Savigny in Marburg kennen und verehren gelernt hat. Aus einer Liefen Herzensgute malt sie mit den sanftesten Farben das Bild der jüdischen Sticklehrerin und ihrer Umgebung, ein anmutiges Genrebild, mit dem sauberen Stübchen, dem schmucken Kaminherd in der Ecke, auf dem das treuforgende Veilchen das Frühstück für den Großvater und seine beiden kleinen Urenkel ^bereitet, das Ganze durchsonnt von Bettinens hilfsbereiter Menschenfreundlichkeit. Als man ihr den unschicklichen Verkehr verweist und Bruder Clemens Indigniert fragt, wie sie sich so weit herablafsen könne, mit einem armen Judenmädchen vertraute Freundschaft zu schließen, da gibt sie, auf das Recht freier Selbstbestimmung pochend, zur Anttvort, sie glaube, sich einem guten Geschöpf zngewendet zu haben, zu dem sie nicht herab-, sondern hinausgestiegen sei. Mit derselben warmen Innigkeit begegnet Bettina dem siebzigjährigen Ephraim,. der mit alten Hochzeitskleidern Handel treibt und gleichzeitig in Mathematik Unterricht erteilt. Als wollte sie in der Verbindung von Handelsgeschäft und wissenschaftlicher Betätigung Wesen und Schicksal des Ghettojuden symbolisieren, erblickt sie in diesem Weisen aus dem Morgenlande einen Hohenpriester der Menschlichkeit, der unter gebeugten Schultern seine äußere Last durch die Welt schleppt, nur, um die Seinen zu erhalten und seinem Leben einen heiligen Inhalt geben zu können. „Bin ich nicht glücklich?", so fragt sie die Freundin, „daß mir Gott einen solchen an die Tür geschickt hat in so verachteter Gestalt, und daß seine Hoheit um so mehr darunter hervorleuchtet?" Und sie läßt sich beim Abschied von ihm segnen. Mit solcher Gesinnung war Bettina innerhalb ihres Familienkreises ganz auf sich allein gestellt. Ihr Gatte, eine der ritterlichsten und sympathischsten Erscheinungen aus der Zeit der deutschen Romantik, war von dem Judenhaß, wie er unmittelbar nach Jena und dann in verstärktem Maße nach den Jahren des Wiener Kongresses aufflammte, nicht unberührt geblieben; ihr Bruder Clemens hatte aus dem wohlgefüllten Köcher seiner Satiren manchen spitzen und auch giftigen Pfeil auf die Juden abgeschoffen — beide gehörten der christlich-deutschen Tischgesellschaft an, die im ersten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts in reicher Blüte stand nnd die satzungsgemäß Juden als Mitglieder ausschloß. Auch bei ihrem Schwager Savigny konnte die kleine Freundin der Hebräer, wie man sie scherzend nannte, kein Verständnis finden: wir wissen, welchen Eifer Bettina auswcndcn mußte, die Vorurteile Savignys gegen eine Geschäftsverbindung mit dem jüdischen Buchhändler Moritz Beit zu zerstören, wissen auch, daß Savigny dann lediglich aus ihr Betreiben sein epochemachendes Werk „System des heutigen römischen Rechts" der Firma Veit u. Co. in Kommissionsverlag gegeben hat. Trotz diesen äußeren Widerständen ließ sich Bettina jedoch nicht beirren, mit Juden persönlichen .Umgang M Pflegen, auch jvemr sitz nicht, wie das Offenbacher Veilchen und der Atarburger Handelsjude, ihr altruistisches Empfinden oder ihre dichterische Einbildungskraft besonders anregten. Ter genannte M o r i tz Veit, ein ungemein vielseitiger und gebildeter Mann von ausgeprägt jüdischen Interessen (die er jahrelang als'Führer der Berliner Jüdischen Gemeinde vertreten hat), verkehrte als gern gesehener Gast viel in ihrem Hause; der Publizist und Politiker Heinrich Bernhard Oppenheim gehörte zu Bettinens ständigen Begleitern auf ihren Spaziergängen durch den Berliner Tiergarten, und mit Rayel Varnhagen, der so ganz anders gearteten Verkünderin von Goethes Ruhm, der reuigen Konvertitin, die kurz vor ihrem Tode sich mit Stolz wieder zum Judentum bekannte, verband sie ein herzliches Freundschaftsverhältnis. lieber diesen intimen Kreis hinaus nahm Bettina mit fortschreitenden Jahren an den Angelegenheiten der Juden auch in der Oeffent-. lichkeit den lebhaftesten Anteil. Seit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV., des reichbegabten „Romantikers auf dem Thron", hatte ihr jugendlicher Feuergeist immer kühner seine Schwingen entfaltet und war mit radikalem Ungestüm in olle Gebiete der Politik, der Religion, der Rechtspflege, vor allem der Sozialreform, vorgestoßen. Kein Wunder, daß sie auch der Jndengesetzgcbung, die seit dem preußischen Edikt von 1512 zwar äußerlich geregelt^ schien, die aber in ihren praktischen Auswirkungen dem fortwährenden Wandel der politischen Zeitverhältnisfe nicht mehr standhalten konnte, ihr leidenfchasttiches Interesse zuwandte.^ Als daher im Frühjahr 1842 durch den Minister von Rochow ein neues Judengesetz angekündigt wurde, trat Bettina an der Seite der liberalen Opposition ohne Zögern auf den Plan, und voll bitterer Ironie verspottete sie in ihrem „Königsbuche", dieser wahren Fundgrube freiheitlich-phantastischer Ideen, die „brillanten Erlasse gegen die Juden", die sie im Kampf um die GleichoerechtigunZ em gutes Stück zurückwersen 120 gut gedeckte Tische! Der Märchentraum vom Tischlein-deck diäi ist ein. Männertraum. Tie meisten Frauen möchuu garnicht daraus verzichten, selbst die Küche zu führen lintMelbft den Tsch zu decken. In einer soeben erössueten Ausstellung ..Ter gut gedeckte Tisch" zeigt die Leinen- und 'Eelüld Weberei F. B. Grünfeld in Berlin über l°-0 gedeckte Tische für alle erdenklichen Gelegenyciist' deS Lebens. Hier kann das Auge Feste feiern t'.iut Anblick von Leinen, Kunstseide und handgewebter Baumwolle, von Silber und Glas, von Porzellan und Keramik. Bei einem Rundgang durch die Zustellung kommt einen förmlich die Lust an, sich als Gast an diesem Tectisch oder jener Mittag-Kasel niederzulassen und man fühlt sich ebensoicyr btnch zogen. für den eigenen Hausstand dieses oder jenes Gedeck zu erwerben. Nicht zuletzt wird die Erfindungsgabe angeregt: „Das könnte ich so ähnlichchelbst einmal ausprobieren —." Tie Ausstellung macht uns wieder einmal klar, daß der Tisch zu einem leuchtenden Zentrum des Raumes werden kann. Immer aufs ixuic kann er freundlich-einfach oder festlich verkleidet werden. Durch diese ganze Skala vom Alltag bis zum höchsten Festtag führen uns die Beispiele in der mit viel Geschmack uni> Sorgfalt gestalteten Tchau. K. M. sollten. Fünf Jahre später — und das Judengesetz, das der Bereinigte Landtag nach längeren Beratungen annahm und das den Juden im Sinne der Hardcnbergschen Reform, von wenigen Ausnahmen abgesehen, gleiche Rechte und gleiche Pflichten mit den übrigen Staatsbürgern znbilligte, fand Bettinens begeisterte Zustimmung. * In diesen Kampfcsjahren, in denen der liberale Gedanke mit der politischen Reaktion in Preußen um die Eroberung der Macht stritt, schrieb Varnhagen von Ense, der stets hell' hörige Chronist, über Bettina: „Sie ist in dieser Zeit der eigentliche-Held, die einzige wahrhaft freie und starke Stimme. Wie ein leises, fernes Echo tönt üstb .Stimme jij uns Gegenwartsjuden herüber.

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