Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 37 (14.9.1934)
- Date
- 1934-09-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Np. Z7 Oowo IEurnftüm®® <£ow° IB§!b®B mg&ff MM@m<£<& IKüSmSÖ / Von Prof. Franz Landsberger V.LV In diesen Tagen, da der Wert der Bibel oder, wie sie von christlicher Seite genannt wird, des Alten Testaments — lebhaft umstritten wird, ist es gewiß von Interesse, sich einmal vor Angen zu stellen, welche^ überragende Bedeutung dieses Brich für die bildende Alunft gewonnen hat. Solange es eine christliche Kunstsprache gibt, ist auch das biblische Thema zum Borwurf gewühlt worden, und gerade die größten Künstler, ein Michelangelo, ein Rembrandt, haben aus dieser Quelle mit Vorliebe geschöpft und den reichen Stoff zu unvergänglichen Gebilden gestattet. lind die Juden selbst, die doch ihrem eigenen Buche am nächsten stehen? Man kennt das Wort aus dem Zehngebot: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleich- Karl Wolfskehl (Zu dem umstehenden Aufsatz) üis nrachen, weder dessen, das oben im Himurel, noch dessen, das unten aus der Erden, oder dessen, das im Wasser unter der Erde ift"4 und man kann von vornherein annehmen, daß ein Volk, das sich einem solchen Gebot unterwarf, nicht jene leidenschaftliche Bildnerfreude besessen haben wird wie etwa die Griechen, denen die Sichtbarmachung des Göttlichen ein unentbehrlicher Bestandteil rhres Glaubens war. Häufig hat man denn auch aus diesem Verbote geschlossen, daß die Juden eine darstellende Kunst niemals besessen haben, und dann wäre das Verdienst, die Bibel zum Bildstofs erhoben zu haben, ganz allein auf christlicher Seite zu suchen. Aber eine noch gar nicht lange währende Beschäftigung mit jüdischer Kunst hat uns zunächst einmal diese Erkenntnis gebracht, daß eine große Anzahl religiöser Schriften in Buch- oder Rollenform mit Illustrationen versehen sind. Man braucht nur die Hagada- Handschristen zu nennen, die gewöhnlich das Leben Mose von der Aussetzung an bis zum Siegesliede der Mirjam darstellen, um sich darüber klar zu werden, daß das Bildverbot der Bibel diesem reichen Miniaturenschmuck nicht hinderlich war. Nun haben aber die Funde der letzten Jahre gezeigt, daß die Bildkunst der Juden sich nicht nur aus das zu häuslicher Andacht bestimmte Buch erstreckte, sondern im Gotteshaus selbst ihren Eingang fand. In Fußböden Palästinas und anderwärts hat man in Mosaiktechnik Darstellungen biblischer Themen —die Qpferung Isaaks, Daniel in der Löwengrube u.a. — gefunden, und besonders aufschlußreich wirkte ja erst vor kurzem die Aufdeckung einer Synagoge in der Stadt Dura-Europas, im oberen Euphrattal, die uns eine ganze Reihe bliblischer Fresken des dritten nachchristlichen Jahrhunderts von stärkster künstlerischer Qualität — soweit man nach den Abbildungen urteilen kann — vorführt. Das biblische Verbot ist also offenbar von den Juden nicht mit voller Strenge befolgt worden, oder, genauer gesagt, es hat damals zum mindesten Kreise gegeben, die, vielleicht unter hellenistischem Einfluß, eine leichtere Auslegung befürwortet hab-u.; — in den jüdischen Schriftquellen der nachchristlichen Jahrhunderte lassen sich ähnliche Milderungen finden. Nun ist es schon öfters ausgefallen, daß die christliche Kunst der ersten Jahrhunderte in ihren Wandgemälden, Miniaturen, Sarkophagen und Elfenbeinrcliess weit mehr altals neutestamentliche Themen verwendet, und hier und da ist daraus auch schon die Schlußfolgerung gezogen worden, daß diese Darstellungen auf jüdische Kunst zurückgehen. Diese Vermutung gewinnt durch die neuesten Funde an Boden; in der Tat scheint die jüdische Kirnst der christlichen in dieser Hinsicht die stärksten Impulse gegeben 31t haben. Einschränkend müßte man nur dies 1)111311» fügen: die Originalität der biblischen Darstellungen im Judentum bezieht sich nur auf den Inhalt, nicht auf die Form. Denn was diese letztere angeht, so hat die jüdische Kunst Der Stand der Philo Verlag und Buchhandlung G. m. b. H, auf der Ausstellung „Ein Tag für die jüdische Frau*- Fot. Arno Kikolet sich durchaus im Rahmen der allgemeinen Formgeschichte bewegt, und der malerischimpressionistische Charakter der Tura-Fresken z. B. entspricht durchaus jenem Stil, zu dem sich die Antike in ihrer Spätzcit entwickelt hat. Wie lange die bildliche Ausschmückung von Synagogen mih biblischen Szenen in nachchristlicher Zeit gewährt hat, ist angesichts des lückenhaften Materials schwer zu bestimmen. Das harte Schicksal der Juden hat ja der Erhaltung ihrer Kunstwerke mehr entgegengestanden, als sie gefördert. Wahrscheinlich aber hat sich im weiteren Verlauf des Mittelalters in den Gemeinden der Diaspora eine mehr rückläufige Bewegung vollzogen, wohl weil das Glaubensleben im Ghetto immer strengere und geistigere Formen annahm. So wäre denn die Schristmalerei, von der wir oben gesprochen haben, mehr ein Nestbestand aus einer dereinst viel blühenderen jüdischen Kunstübung, deren Gebier sich mehr und mehr verengte. Auch der christliche Kult der ersten Jahrhunderte, der ja vielfach von zum Ehristentum übergetretenen Inden getragen wurde und gemäß seiner Herkunft einen starken Zuström östlicher Elemente enrhielt. ist keineswegs überall in selbstverständlicher Weise bilderfrcudig, sondern hat sich die bildliche Darstellung oft unter mannigfachen Kämpfen erobern müssen. Alan braucht nur an den Bilderstreit des 8. und!>. Jahrhunderts im byzantinischen Reiche zu denken, um die Heftigkeit dieser Kämpfe zu ermessen. Aber diese christliche .Kunst fand im Westen, und hier vor allem in den von der Antike durchpflügten Ländern, eine Bevölkerung vor, der die bildliche Sprache von altershcr so vertraut war, daß sie ihrer auch im christlichen Glauben nicht entraten wollte. §0 zieht sich denn von den Katakomben. den ältesten Begräbnisstätten der Christen, eine nicht mehr aufhörende Linie biblisches Darstellungen durch die Jahrhunderte hin« Und wenn der jüdische Stamm der biblischen Bildkunst mehr und mehr zu verdorren scheint — er hat erst in jüngster Zeit neue Keime entwickelt —, so ist der christliche ans den .bescheidenen Wurzeln unterirdischer Grabgewölbe wie ein kräftig aufwachsender Baum zu immer größerer Stärke, zu immer reicherer Verästelung einporgeblüht. Aber man sehe sich einmal biblische Szenen aus den Anfängen christlicher Kunst- Übung an, etwa die Wände oder die Decke eines Katakombenraumes; was entdeckt man da? Gewiß, dort findet man Moses, wie er aus dem Felsen Wasser herausschlägt; oder Jonas, wie er von einem Fische verschluckt und wieder ausgespieen wird; oder Daniel, wie er unversehrt die Gefahr der Löwengrube besieht. Aber diese Szenen sind nicht um ihrer selbst nullen geschaffen, sondern sie dienen einem bestimmten Zwecke. Nämlich dem, die christliche Lehre überzeugend zu machen. Das Quellwunder des Moses ist ein Vorbild der Taufe; die Errettung des Jonas oder Daniel ein Hinweis ans die Errettung des Christen aus Not und Tod. Die drei Tage, die Jonas im Leibe des Fisches gelegen, erinnern an die drei Tage, die Christus im Grabe ruhte, bis er sich von den Fesseln des Todes befreite. In jener Zeit begann die Bibel eben das zu werden, was sie als Altes Testament neben das Neue stellte: das Zeugnis der Inden galt als Beweis dafür, daß die christliche Lehre aur Wahrheit beruhe, und alles, was im Alten Testament stand, die biblischen Geschehnisse wie die Sprüche der Propheten, das galt als nichts anderes denn als Vorbereitung und sehnsüchtige Erwartung auf das, was im. Christentum zur Erfüllung gekommen war. Ter Kirchenvater Augustin hat das kurz in iüllii! Novelle von Max Eyanier MM MM (I. Fortsetzung) Jan, auf seiner Fähre, sah die Wolken fluchtartig vorüberjageu. und ihm ahnten seltsame Dinge. Tag für Tag fiel unaufhaltsam der Regen. Woher der Himmel diese Wassermeuge nahm? Tie Wege wurden Flüsse und die Wiesen breite Seen. Ter Regen endete, jeder freute sich auf die Natur und die Spaziergänge. Da kam von Kehl, von Mainz und Köln die Meldung: Ter Rhein steigt. Ein schreckliches Signal. Jan sah der Gefahr lachend entgegen. Mächtig rauschte die Wasserflut an. Jan hörte ihr Kampflied in der Tiefe gurgeln, Haßgesang und Krastgeschmetter. Das Wasser stürzte sich feindlich wider das Land, stieß seinen Speer tief in den Sand — zerbrach Steine. Tie Boote, die auf. dem Strom an den hellen Tagen so freundlich schaukelten, wurden abgetrieben, Taue zerrissen, die Schifffahrt ward eingestellt. Jan steuerte die Fähre, als wäre das Wasser nüchtern und friedlich, kein Zuruf konnte ihn erschrecken, keine Warnung zurückhalten. Er sühlte sich auf seiner Ponte so sicher, wie ein Priester auf dem Hochaltar. Tie Gefahr wuchs von Stunde zu Stunde^ das Wasser peitschte über das linke Ufer rmd trug seine Siegesfahne über Felder und Wiesen, aus dem rechten User prallte es in mächtigen Stößen wider den Damm. Angsterfüllt folgten die Bürger denn Wachsen des Stromes, sie hörten das Kriegsgeschrei und beteten hilfeflehend zum Himmel. Greise erinnerten sich, daß vor Jahrzehnten schon einmal der Strom ins Dorf eingebrochen und wie ein wilder Kannibale gewütet. Schrecklich war das Elend und die Rot gewesen. Immer glaubte man, das; über Rächt das Wasser zurückweichc, aber am anderen Morgen stand die Flut höher. Reiche Bürger bereiteten sich zur Flucht vor, wer konnte wissen, wie lange der Damm dem Wasser Trotz bot. Weithin waren die Wiesen überschwemmt, der Strom war zum Meer erweitert, die Bäumchen erhoben sich tiestraurig, als ahnten sie um das Verhängnis. Anfangs fuhren die Kinder freudig auf der spiegelnden Fläche, gondelten mit ihren Booten weit in das Land, wo sonst die Egge linb der Pflug die Erde wühlten. Bald ließen sie furchtsam von diesem Spiel ab und standen weinend bei ihren Vätern auf dem Damm. Jan fuhr unerschrocken auf seiner Fähre. Ein einsamer Wächter. Wenige kamen, die über den Strom begehrten, Kaufleute und Händler mieden das gefährdete Land. Er fürchtete den Tod nicht, das unbekannte Nichts. Herrschte nicht auf der Welt ein höherer Wille! Sechs Tage waren vergangen und die Flut hatte nicht nachgelassen. In der siebenten Nacht zerbrach der Damm. Ein wilder Löwe durchsprang das Gitter, und die Menschen flohen schreiend vor der wilden Bestie. Stück für Stück des Dammes wurde abgerissen und weggespült. Das Wasser schmetterte seine Siegcshymne, floß in die Keller, Ställe, Stuben und Läden. Da half kein Jammern und kein Beten. Die Neichen flüchteten in die nahen Dörfer, schwer konnten sich die Frommen von dem Gotteshaus trennen, erwarteten stündlich göttliche Erlösung und lagen betend auf den Knien. Verzweifelt saßen die Armen in ihren Stuben, hoffnungslos, wie der zum Tode Verurteilte im Gefängnis den Henker erwartet. Das Wasser stieg und stieg. Nun mußten sie fliehen. Und es war so schwer, das Haus, die Möbel und die schönen Erinnerungen zu verlassen und unbekanntem Schicksal entgegen zu laufen. Das Geschrei der Beter schwoll zum mächtigen Klagegesang, doch der Himmel half nicht. Durch Fenster und Türen floß das Wasser, umsäuselte Tisch, Stühle und Kinderspielzeuge. Es war unbarmherzig. Nur wenige Menschen blieben im Dorf zurück, verbargen sich in den Dachkammern, einige Inden und arme Tagelöhner. Der Rhein war ein Meer. Auch die Fähre hatte er an den Strand geworfen, wie Kinder das Spielzeug überdrüssig fvrtschleudern. Jan hatte sich auf ein Boot geflüchtet und wurde der große Netter, von dem sie Hilfe erflehten. Tag und Nacht fuhr Jan hin und her. Tie Arbeit war hart, aber er tat sie wie eine selbstverständliche Sache. Er zählte nicht die Geretteten, fragte nach feinem Namen, ließ sich keine Belohnung zahlen; wer seine Hand nach ihm ausstreckte, den brachte er auf sichere Erde. Kinder und Mütter weinten, Väter griffen sich sorgenvoll an die Stirne, ihr Glaube an Gott zerriß. Das Lamentieren half nichts. Entweder enteilen oder ausharren. Zuletzt fuhr der Kaplan über den Rhein, und der greise Pfarrer segnete den Fährmann. Jans Boot trieb einsam durch die Kanäle, als er die Leere und Qede in den Häusern sah, ward es ihm unendlich weh ums Herz. Alles Leben war erloschen, des Todes knöchernes Gerippe hinkte über das Wasser und grinste schadenfroh. Menschcnwcrk ist nichtig, eine Welle zerschmettert cs. Er war in diesem Dorfe nie glücklich gewesen, hatte es nie geliebt; aber jetzt, wo es wie ein Grab gähnte, wo Not und Verderben hochaufspritzten, bemitleidete er die /Bürger. Die Dunkelheit fiel herab. Geister schauten ans -den Fensterhöhlen und feixten. Jans Kahn trieb führerlos unbekanntem Ziel zu. Er lauschte, was die Tiefe wimmerte. Der Mond schien hell und spiegelte sich beglückt in der Flut. Aus dem Wasser floß eine Melodie, ein Klagelied. So singt ein Mädchen., das den Bräutigam erwartet, so haucht eine Verliebte ihre Sehnsucht in den Wind, so weint eine Verschämte ihrer Mutter das Herzeleid. Rein und heilig lohte die Stimme empor und bezauberte den Ruderer. Er öffnete die Arme, vom Himmel die "Sängerin zu empfangen . . . aus. dem Wasser stieg sie . ,, dieser schlanke Körper, diese jauchzenden Augen, diese Lippen voll Schmerz und Wehmut. Er kannte das Mädchen, wußte, wo sic wohnte, und innerem Zwange folgend, lenkte er sein Boot nach der 'Altgasse. Aus dem Dachfenster des Hauses strahlte rotes Licht. Sie war nicht entflohen; er sah das Gespenst des Hungers vor ihrer Tür. Krankheit in ihrer Stube,,sie weinte nach dem Erretter, und er zögerte. Mit dem Ruder schlug er wider die Haustür: „Aufgemacht!" Keiner antwortete, nichts regte sich in den Stuben. Stärker fiel das Ruder ander die Tür. „Wer ist daN' fragte eine Greisenstinune. „Jan Ween, der Fährmann von.Rees. Er null euch retten/ — „Fahrt weiter, wir bleiben in unserem Haus/ — „Ihr werft euch selbst in den Tod." — „Wie Gott es will/ „Wahnsinnig seid ihr", schrie Jan und hämmerte die Tür, bis sie zerkrachte. In jener Ladenecke hatte er damals gestanden, sie hatts ihm zugelächelt und freundlich „Auf Wiedersehen" zugerufen. Jetzt schwammen Hosen. Flanell, Garnrollen, Bettuchstoffe auf dem Wasser. An der Treppe band er seinen Kahn fest und stürzte die Stufen hinauf. In einem kleinen Raum saßen Vater und Tochter nebeneinander. Das Mädchen las laut aus einem schwarzen Buch, und der Vater, in einem zerrissenen Anzug, Asche auf dem grauen Haar, nickte bejahend. Sein Eintritt störte die Lesende nicht, helltönend und zuversichtlich schwebte die Stimme. Jan verstand diese beiden Menschen nicht, er spürte Erbarmen und Mitleid mit ihnen. Erst als da? Mädchen das Kapitel beendet hatte, wandte sie sich höflich an ihn, schrie er donnernd: „Ich will euch retten. Folgt mir." — „Wer rief dich, Störenfried unserer göttlichen Weihe?"— „Ihr verhungert, das Wasser frißt euch." —> „Fahr fort, Ruth, den nächsten Psalm Davids." — „Unser Schirm und Schutz ist Er." Da packte Jan die Verzweiflung. Er blies das Licht aus, packte den Alten, trug ihn die Treppe hinab in den Kahn, stürzte zum >}