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Central-Verein-Zeitung · 1934-09-06 · 36 (6.9.1934) · page 15

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
36 (6.9.1934)
Date
1934-09-06
Page
– (sequence 15)
Language
German
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<7ext von Ceo Hirsch Zeichnungen von Cudwig Uleidnet §in bescheidener 2lnfang Tie Lache muß von klein auf gemacht werden, dachte ick lind fragte einen alten Freund von mir, der Fritz heißt fick selbst Laß nennt und mindestens vier Jahre alt 'ist was er sich denn fürs neue Jahr wünschte. Obschon ich so' gut wie fid;cr bin, daß ihm das Kalendermäßige noch fremd ist so möchte ich doch (wie ein anderer Brummbär von Dickens) meinen Kopf aufessen, wenn mein Freund Fritz nicht weiß was Wünschen ist. Ich meine, er verstand meine Frage hinrcichcnd, und er äußerte prompt feinen Wunsch in der katccoriichen Kürze, die ihn auszcichuet; denn er sagte: „Bär!" „Also einen Teddy möchtest du zu Nosch Haschana?" frage ich. Jlüüoö —", sagt er, nicht ohne Verachtung, ,,'n rischtischen Bär. mit Hörner!" „Blit — was?" „RÜt Hörner! Dom Zoo!" „Aber ein Bär hat doch keine Hörner", wage ich einzuwcnden. „Toll aber!" meint Fritz lakonisch, und damit schließt er die Tcbatte. «Wenn der erst einmal Zoologe ist, denke ich, sind wir alle geliefert.) Der kleine Zeitgeist Tann begrüße ich Frätzchens großen Bruder Walter, der im März sieben geworden ist und ein ganzer Mann zu sein scheint: er ist nicht artig, sondern geradezu gesittet, etwas altllug, aber sympathisch, selbst seine großen, schwarzen Augen wirken so freundlich r . _v. O. klug und alt. Er hat /N das wohl von seiner eüvas leidenden Mutter, die so bescheiden ist, daß cs in ihrer Wohnung immer ein bißchen nach Veilchen duftet, auch jetzt noch, da nur Astern in der Lase stehen. Als ich frage, wie es geht, sagt Walter: „Danke, ich habe alS Jude in meiner Klaffe J\ nicht zu leiden." (Es f / geht mir wie ein Stich ' durchs Herz, wenn ich denke, wie naiv dagegen unsereins mit sieben Jahren noch sein durste.) Dann frage ich, was cr znm neuen Jahr gern haben würde. „Ich möchte schwimmen lernen", sagte er nach kurzer Ueberlegung: aber nur, um gleich resigniert hinzuzusügen: „Aber ich darf nicht." Warum darfst du nicht? „Ter Doktor sagt, ich bin zu schwach." Auch das ist kein Einzelsall. Ich kenne einen Talmud-Gelehrten, der alles, „nur nicht der typische jüdische Stubenhocker" hatte werden wollen. Es war zu einer Zeit, da Umichichtung, körperliche Ertüchtigung usw. wie jetzt propagiert wurden. Er meldete sich als Schiffsjunge: aber er war zu ichwächlich. und später, da cr um jeden Preis Kapitän werden wollte, wies mau ihn seiner Herkunft wegen ab. bobclsxäne Wie angenehm klingen die Geräusche aus einer Tischlerwerkstatt. Licht alle Geräusche; denn das Holz, in dem immer noch ein wenig vom Leben der Bäume und von der schölreu, grünen Freiheit der Wälder atmet, kann auch, wenn die ^äge re zerreißt, wie vor Schmerzen schreien, und mich bas Instrument selbst ist nicht immer eine singende Säge. Aber der vel-el hat etwas Scharrendes und Schnarrendes, etwas gemütlich' Eiliges und Aufgeräumtes, und als ich eiutrete, pferch bcr junge Hobler noch etwas Aufgeräumteres dazu, und die icpäne fliegen. Ich kannte ihn schon, als er noch Jurist war. br hatte einige Semester Jura studiert, nicht direkt cnw Panöcktenlrebe, und ist nun seit fast zwei Jahren wilchlerlehrimg. Er kommt sich durchaus auvaucrert dabei vor. „Mau sieht doch, was mau schafft!", sagt er und zeigt mir am Holz, wwo cr heute schon „vor sich gebracht" hat. „Was rch nur 7ur« heue Jahr wünsche? Daß ich bald Jus Examen sicrgcn darf, vch meine die Gesellenprüfung. Bestehen werde ich sie schmz, bloß, vb man mich zuläßt -?" Warum w lte man eie nicht zulasten? „Weil ich eigentlich drei Jahre lernen muyte. 2a« ist die Lehrzeit, wenigstens die normale, und das nt auch berechtigt, da die meisten Lehrlinge aus der Bvlk^chule kommen und mit vierzehn Jahren anfangen. Ich om aber 'chvn ein Mummelgreis dagegen, mit Abitur und vier gestern lluiversittisi ich wüusihw eben daß umu mich -Tann hätte ich nämlich schon am 3. ^niiat ctue .^^llimg al? Tischlergesellc." Run, ich wünsche cs ihm siewiß.^^ein --feister läßt ihn schon manches allein machen. Er f seift sei ^'jcd, iiud der Hobel schnarrt, die epäne sucgen. Das Warenbau-, der Wünsche Es gelingt mir, mich in eine Schule l-inzuschlelchen und die grosse Pause aus de», Schutt,°I zu verbringe--^ ch will »cht schildern, wie sentimental mir dabei zumute war und "ie da-magere Suppenhuhn, das über den V0I; itnii rrn Unna Qn jenes andere Gackerwesen von der gleichen « . * :L tttmicrtc, das wir als Tertianer immer;m »» ttttuten: wenn unser Klassenlehrer nb°r lrgcndci. °n Nicht .!°>>>icr l.ich nenne keine Namen!00vutcnd wurde und laut lchimpscn ansing, dann flog das ynhn [\.s ß,affen- “m Papierkorb und irrte gleichfalls zeternd durch r Kuuner^ und der Lehrer ging auf die Jagd . » - ~ * Huhn von 1934 ist als Berliner Kind von anderer Art, und auch die Schulkinder von heute sind anders, als wir waren. Sie stehen offenbar mit beiden Füßen aus der Erde, haben gesunden Menschenverstand und Instinkt und (darum) nicht den mindesten Respekt vor mir. Sie antworten mir gelassen und frisch von der Leber weg, und ich nehme eine Menge der sinnigsten und unsinnigsten Wünsche zur Kenntnis. Um alle diese Kinderwünsche zu erfüllen, würde ich mir, wenn ich Milliardär wäre, ein Warenhauslager anlegen und darin (unter anderem) folgende Waren feilhalten: dunkelblaue Kostüme, Filmapparate, Paddelboote. Motorräder, einen Seehund, der einen Ball aus der Schnauze balancieren kann, ein Rvtizbuch (aber mit Kalender!), ein Segcslugzeug, Zauberutensilien, Feuerwerk. Lakritzen, Herbarien, Riesenpuppen, Eintrittskarten znm „Troubadour". Karl May in achtzig Bänden, eine Kletterei auf die Zugspitze, eine schöne, geräumige Wohnung mit Bad und einem Bett für die kleine Hanna ganz allein (weil Ruthcheu sich immer so wirst im Schlaf), eine Fahrt im Flugzeug nach Jerusalem (und gleich wieder zurück), einen Maschineubankasten, eine Harpune zum Walsischfangen, einen eigenen Lulaw und Esrog (für Papa und mich) usw. Allen diesen Wünschen gemeinsam ist. daß sie den Kindern von anderen Menschen erfüllt werden könnten; der Unterschied zwischen ihnen ist nur ein Preisunterschied. Doch hörte ich auch Wünsche genug, die weder zu erfüllen noch wicderzugcbcn sind, oder die ein jeder nur sich selbst erfüllen kann, z. B.: „Ich möchte Führer werden von unserer Wandergruppe," Oder:- „ganz groß" werden, oder versetzt werden, oder viel Geld haben usw. Man soll nicht annehmen, daß solche etwas nebulösen Wünsche nur der Kindheit aufgcspart und Vorbehalten sind; von Erwachsenen habe ich sie auch nicht selten gehört, und manche Männer, die im Geschäft und im Urteil über andere Personen überaus genau und realistisch sind und jede Phantasterei verabscheuen, waren zu einem fast träumerischen Blick imstande und antworteten auf die Wunschfrage etwa: „Wenn ich dort und dort wäre —", oder: „Wenn ich der Herr von Sowieso wäre —" Glück und Glas .. « Ein junger Manu, der dieser Tage das Gymnasium verläßt, erweist sich als Realist mit folgender Antwort: „Ich wünsche mir znm neuen Jahr, daß ich eine Lehrstelle bei einem Glasermeister bekomme." „Versprechen Sie sich soviel Glück davon?" „Ja, denn ich kenne kaum einen Jungen, der wie ich ein Handwerk ergreifen soll und gerade auf dieses verfallen wäre. Aber sehen Sie mal, wenn es notwendig ist, daß Juden Bauern, Landarbeiter, Bauarbeiter, Tischler, Schlosser, Elektrotechniker werden, muß es doch auch jüdische Glaser geben. Oder nicht? Was meinenLie? Ich wünsche mir, daß ich Rösch'Haschana übers Jahr solche Hände habe, wissen Sie, denen man es ansieht, daß sie einen Diamanten führen können und daß ihnen Kitt kein Geheimnis mehr ist." Die Träume der Bescheidenen Es gibt eine Fülle von Fällen, die fast an Wnnschlosigkeit grenzen, und dann auch solche, deren Wunschträume gar nichts Außerordentliches haben. Aber in dieser unverschrobcnen, bescheidenen, einfachen Erdcnwelt spielen sie dennoch die Rolle von Träumen und Sehnsüchten, und das Glück ist es um so mehr, wenn cs erreichbar ist. Ich wünsche nur, sagt eine kriegerwilwe, deren Kind an der Berliner Universität Medizin studieren darf: die Frau verdient mit Mühe das Geld auch noch für dieses Studium, — ich wünsche mir, daß ich auch im kommenden Jahr meine Stellung behalte... In der vorigen Woche, sagt ein Kouscktiousrciscudcr, kam ich von der Reise zurück. Ich habe'mehr Aufträge mitgebracht, als meine Firma liefern kann. Für das neue Jahr wünsche ich mir weiter nichts, als daß ich immer ebensoviel Orders bekomme und daß meine Firma alles liefern kann. Wenn mir die Arbeitslosenunterstützung noch ansgezahlt wird, sagt ein älterer Mann, so will ich auch zufrieden sein. Eine'Krankenschwester, die sich eine Infektion geholt hat. sagt leise, mit einem Lächeln, das erhört werden muß, wenn -5, > im si? ' \v';! W , - *' \ W * '/ r-r. /*'>»•' 9; Ü U 4V schon ihr Gebet nicht erhört werden könnte: Wenn ich wieder gesund werde. . . Und manche, die nur eben am Leben sücd, vieles durchgemacht und jetzt nichts als gerade-, noch ihr kümmerliches Auskommen haben: Wenn cs,nur nicht schlechter wird .... Es ist ein bißchen dumpf' in dem Raum, den ich betrete, und das kommt daher, daß darin zugleich gekocht und gearbeitet wird. Es ist gewissermaßen cine Wohnküchenwerkstatt, und die Frau Bteisterin geht mit der gleichen Geschwindigkeit mit dem Kochlöffel um, mit der ihr Herr und Gebieter die Radel handhabt, wobei nicht unterschlagen werden darf, das; er auch im Bügeln Erkleckliches vermag. Er ist Flickschneider und als solcher ein Licht. Was wünscht cr sich fürs neue Jahr? „Daß die Lausejungen möglichst viele. Hosen zerreißen!" sagt er und lacht, und die Frau Ateisterin lacht, und auch ich lache. Der Trust des Lebens Wenden wir uns dem Ernst des Lebens zu. Ernst des Lebens nennen wir einen Mann in reiferen Jahren, der alles durch verdoppelte Brillengläser sieht und alles ernst nimmt. Er ist Philologe, in seinen Kreisen nicht;lnbckannt, ein bedauernswerter, kein Ausnahmefall. Er hatte früher eine vorzügliche Lebensstellung und heute gar nichts. Er ist heute aus das Judentum angennescn, dem er nichts zu bieten hat als profunde'germanistische Kenntnisse.. Er muß umlernen. Wie ernst cr das nimmt, bclvcist er mir. als ich nach seinem Wunsch frage. „Ich werde Ihnen morgen antworten. Geben Sie mir 24 Stunden Bedenkzeit", sagt cr nach reiflicher lieberlegnng. Warum Bedenkzeit, da ich doch keine Gewisscnssrage gestellt habe? „Ich will erst einmal in meiner Kartothek Nachsehen." „Wa—as? eie haben eine Kartothek — von Wünschen?" „Rein, aber vielleicht finde ich da etwas, das . . . also, ich rufe Sie morgen an." — Schön, denke ich, dieser Mann hat wieder eine Lebensbeschäftignng, (Bis morgen.) Am andern Tag ruft er an: „Ich habe mich für einen Katechismus des Judentums entschieden." „Für einen Katechismus?" „Des Judentums. Verstehen Sic mich bitte nicht falsch. Die Sache ist so. Wenn ich von der Bibel an bis zu den Veröffentlichungen der Hochschule für die Wissenschaft des Jcidcutums alles Wichtige lesen will, muß ich erstens noch mehrere Sprachen, lernen, und zweitens eine Literatur durcharbeiten, die ein paar Tausend Bände nrnfaßt. Etwa würde ich wohl soweit sein, wie ich heute sein müßte, um im Jüdischen zic arbeiten nsie bisher im Deutschen. Wenn cs mm aber einen verhältnismäßig kurz gefaßten Katechismus gäbe, der mir einen ungefähren Begriff vermittelte, — den würde ich mir wünschen." (Diesen Wunsch zu kritisieren, habe ' ich mir schon bei meiner Unterredung mit dem Ernst des Lebens erlaubt, kann es ihm sund mirj also hier ersparen.) Drei jüdische Wünsche In einem jüdischen Altersheim stimmen drei Damen in dem Wunsch überein, die ganzen Feiertage von Nosch Haschana bis Ssim- ___ chas thaurvh in Palästina zcc verbringen. Warum, frage ich die älleste. die längst über achtzig ist und ein bezaubernd altmodisches - tnuMjo. über dem YKM ' V. T 1 -"Kf i pp,, \v. , \ ' ” \ NV ichcitel trägt. „Warmn? Was glauben Sic wohl? Meine Kinder sind doch in Jerusalem,und mein Enkclchcn hat sich in einem Kibbuz verheiratet, und vor vierzehn Tagen ist ein Kleines angekommen..." Eine andere Dame macht die frischgebackene Urgroßmutter darauf aufmerksam (gewiß nicht znm erstenmal), daß die Reise ja so langwierig und beschwerlich' und daß die Reiselustige selbst nicht mehr die Jüngste ist. „Wenn das Geld da wäre —", lächelt aber das verschrumpelte, freundliche Gesicht unter dem Häubchen, „um etwas Gutes zu sehen, ist man niemals zu alt. Was meinen Sie, junger Herr?" — Ein Kantor, den ich nach seinen Wünschen für Rosch Haschana frage, .schnauzt mich an, ols ob ich sie als Aufträge cntgegenzunchinen Hütte und so etwas wie ein Rlcisender in Wünschen unire, dessen Firma seine Kunden bisher miserabel bedient hätte: „Daß die Leute rvährend des Gottesdienstes nicht immer hin und her laufen, zu spät kommen oder sich unterhalten oder sonst sich ansführen, . wie sie cs im Theater nicht wagen! Was iü denn das für eine Unverschämtheit! Wissen sic denn nicht, wo sie sind?!" Jchstnuß wohl ein Gesicht gemacht haben, als wenn cr das „sie" beim Schimpfen groß geschrieben gesprochen hätte (wenn man so sagen darf), denn er mäßigte nun seine schone Stimme und grollte nur noch einen Rachdoimer: „Oder habe ich unrecht?" — Ter gute, alte Rabbiner, der die leisesten und liebenswertesten Trauredeu von Berlin zu hakten versteht, sagt auf ineine Frage: „Ich wünsche mir zu Rosch Haschana, daß >oir Inden uns an diesem Tage alles Gute für uns ausbetcn. und daß Gott cs uns erfüllen möge, so wie cs für uns gilt ist — - nach seiner Meinung", fügte cr ein wenig lächelnd hinzu.

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