Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 36 (6.9.1934)
- Date
- 1934-09-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Denn die grundlegende Voraussetzung, für fene Idee ist der Glaube an die Möglichkeit der scheu Revolution, im Kerne unberührt geblieben, denn geschichtlich Gewordenes, die Tatsache der Existenz der Juden auf deutschem Boden, kann auch durch eine derart gewaltige Umwälzung nicht ungeschehen gemacht werden; aber wir dürfen nicht übersehen, daß die Aufhebung der Emanzipation und die Ausgliederung der Juden, die das Dritte Reich voraenommen hat, die bisherige jüdisch-liberale Geschichtsauffassung, die überdies von der Assimilation, der Synthese zwischen Deutschtum und Judentum. Zwar ist jene Voraussetzung — daran halten wir fest — auch von dem Umbruch der Zeit, der nationalsozialistiallgerneinen Krise des Liberalismus ersaßt wurde, illusorisch werden ließ. Jedoch angesichts des düsteren Gemäldes, das wir pflichtgemäß entwarfen, bleibt uns eine Hoffnung übrig. Die große Zeitkrise, deren zerstörende Wirkung wir schilderten, gibt zugleich dem jüdischen Historiker, falls er die Kraft findet, sie zu überwinden, eine einzigartige Chance in die Hand. Seine zukünftige Aufgabe wird darin bestehen, aus der Krise die Folgerungen zu ziehen und die Forderungen, die sich aus der veränderten Situation ergeben, herauszustellen. Eine U e b e r p r ü f u n g und Neuorientierung des gesamtjüdischen Geschichtsbildes tut not! Im Gefolge der Krise sind bereits gewaltige Probleme ansgetaucht, deren Deutung Ausgabe der jüdischen Geschichtsforschung sein wird: wir nennen etwa nur das wieder akut gewordene Problem der W a n d e r b e w e a u n g in der jüdischen Geschichte, ferner das^Problem der Rückkehr zur Urproduktion, zu Landarbeit und Handwerk, nicht zuletzt das tragisch zugespitzte neue Kapitel der T i a s p o r a - P r o b l e m a t i k, das sich aus der zunehmenden Nationalisierung der Welt- Völker, in deren Mitte Juden leben, ergibt. ES unterliegt keinem Zweifel, daß die drei genannten Probleme innerlich verwurzelt sind und einer übergeordneten Problemgruppe angehören. Gewiß, Wanderbewegungen hat es stets in der Geschichte und insbesondere in der jüdischen Geschichte gegeben. Aber unter dem Aspekt der Krise und namentlich der deutschen Zeitereignisse erhalten sowohl die bisherigen als auch die gegcnwärtigcn Wanderbewegungen einen neuen Linn und den Charakter eines symbolischen Geschehens. Erst heute vermag der historische Betrachter den tragischen Pulsschlag eines Mischen, allzu jüdischen.'Schicksals in ihnen zu verspüren. Sicherlich empfängt, auch die indische Wänderbewegung unserer Zeit erst von der großen. Krise her ihre letzte Sinngebung. Die Erschütterung der Grundfesten menschlichen Daseins, die Durchlöcherung der bürgerlichen Lebensordnungen, Verengerung des Nahrungsspielraums, Aushebung nvrmaler Eristenzsicherung und der daraus folgende Zwang, den Sprung ins Ungewisse einer verborgenen Zukunft zu tun? hierin erweist sich der Zusammenhang zwischen der allgemeinen Krise der Welt und der jüdischen Wänderbewegung; ein verschärftes S vnd e r s ch i ck s a l i n m i t t e n einer aus den Fugen geratenen Zeit. In der Wänderbewegung wird der Historiker den Schlußpunkt der wiederum labil gewordenen Diaspora-Problematik zu sehen haben. Besonders an einem Atomente ist die Einwirkung der Krise auf die Problematik der Diaspora deutlich wahrzunehmcn: der Zustand der Konsolidier u n g — oder, vorsichtiger ausgcdrückt. einer weitgehenden Konsolidierung —, der zwischen den Inden und den Völkern, in deren Mitte sie leben, hergcstellt war, ist beendet; wiederum ist es beiden Teilen anfgegeben, nach einem neuen Verhältnis, einer neuen Wechselbeziehung streben: radikale Loslösung und Verselbständigung zu einernationalen Minderheit predigen die einen. Gruppenemanzipativn, d. h. Eingrnppierung in den übergeordneten Volksverband, die anderen. Jedenfalls steht es fest, daß der jüdische Historiker von diesem Blickpunkt ans das Diaspora-Problem neu auswersen muß. In dem dritten Faktor — der Rückkehr zur Urproduktion — wird der jüdische Geschichtsbetrachter den großartigen, schlechthin heroischen Versuch 31t erkennen haben, die Krise und ihre Folgeerscheinungen in elfter Stunde zu überwinden. Hier liegt die Ouvertüre eines historischen Geschehens vor, das infolge der Einsatzbereitschaft der Jugend das Versprechen in sich birgt, eine neue weltgültige Form jüdischen Daseins zu schassen. Die Grundfrage unserer Zeit lautet: Ist in der Epoche des Einbruchs der Labilität der Glaube an Israel als einer statischen Seelen- . kraft überhaupt möglich? Bleibt Israel als Urbild und Sinnbild jüdischen Wesens bestehen? Die Beantwortung jener Grundfrage ist Sache des persönlichen Glaubens. Die Klärung der Voraussetzungen ist jedoch Aufgabe einer jüdischen Geschichtsschreibung, die wiederum den Anspruch erhebt, Bildnerin des jüdischen Lebens zu sein. Gegenwartskunde plan und Aufgaben einer Soziologie der modernen Iudenheit Von Ludwig Ferrchtrvanger-München Geschichte, Sprache und Schrifttum der Juden aller Epochen und Räume bis zur Schwelle unserer Tage, die wir selbst durchleben. ermöglichen einen Einblick in den nie zur Ruhe kommenden Gestaltwandel des bizarren und vielgliedrigen Gebildes, das wir die moderne Judenheit nennen. Nur wer von den Schicksalen der Juden in allen Landern und Zeiten weiß, kann die jüdische Gegenwart begreifen. Ein echtes Bild des Judentums — wir sprechen heute wohl von seiner „Soziologie" — wird aus zwei großen getrennten Stücken bestehen müssen: einer Geschichte der Juden, wie wir sie allerdings bis heute, hochwertigen Ansätzen zum Trotz, noch nicht besitzen, und einer Zustaudsbeschreibung des geistigen und materiellen Gefüges der Judenfchaft in den politischen Einzelräumen der Welt. Jüdische Geschichte, wozu auch die Schilderung der geistigen Herkunft gehört, wird zur Abrundung des Gesamtbildes keinesfalls einer vollständig ausgebauten Gegenw a r t s künde entraten .können; die Darstellung des Verlaufs, „wie es eigentlich gewesen ist", muß durch Ausbreitung aller erfaßbaren geistigen und wirtschaftlich-sozialen Tatbestände in der G e g e n w a r t nnch einem eigenen sozialwisscnschastlichen Verfahren ergänzt werden. Wir haben somit unser Wissen vom Judentum, wenn es nicht Stückwerk bleiben soll, durch eine streng methodisch erarbeitete Gegenwartskunde zu erweitern und zu krönen. Gegenwartskunde gehört neben der philologisch-historischen Durchdringung der klassischen Urkunden, an der Spitze der Bibel, und neben der hebräischen Sprache und jüdischen Geschichte zu den Erundfächern jedes Bildungsganges, der das Judentum zum Gegenstand hat. Statt eines streng geregelten Lehrfaches, das in einem organischen wissenschaftsgeschichtlichen Prozeß gewachsen ist und sich in allen Einzelteilen bewährt hat, findet sich heute unser Wissen von der jüdischen Gcgenwart in unzählige Splitter aus allen Disziplinen der Geistes- und Naturwissenschaften zerstückelt vor. Dementsprechend mich für jede an uns herantretende Frage der Stofs von Grund ans immer wieder neu ausgesucht und aufgearbeitet werden. Ueber die Beantwortung von Einzelfragen hinaus ist jedoch eine Zusammcnschan, eine feste, einheitliche Gesamtansicht des — zu unser aller Schaden gerade in den letzten Jahren schmerzlich beobachteten — überaus uneinheitlichen, weilfchichtigen und in sich die größten einander ansschließenden Ertreme bergenden Komplexes „Moderne Judcnsrage" — „Modernes Judentum" schlechthin unmöglich. Für eine Soziobiographie der .'.Juden der Gegenwart" sind heute noch nicht die wissenschaftlichen Fundamente gelegt. Ein künftiges Lehrfach der Jüdischen Gegenwartskunde hat sich aus folgenden, gegenseitig streng abgeschlossenen, im übrigen innerlich miteinander verklammerten, vor allem durch einen einheitlichen methodischen und sinngebenden Geist verbundenen Einzelzellen znsammenzusetzen: 1. Bevölkern ngs-, M oral- und W i r t s ch a s t s st a t i st i k, nach den strengsten Methoden der allgemeinen, für die Gesamtbevölkerung eines Landes oder Landcstciles erreichten Stand der wissenschaftlichen. Statistik, wie sie beispielsweise bei der letzten deutschen Volks-, Berufs- und Betriebszählung vom 16. Juni 1933 vorbildlich durchgeführt wurde. 2. I nn er ft a a t lich e s und Zwische n staatlich es Recht, das sich auf die Juden als solche in allen erfaßbaren politischen Räumen der Welt bezieht. Eine rechtsvergleichende Darstellung oder minde- -stens „Einleitung" ans diesem Gebiet, das den Wechselrahmen für die ständig im Fluß befindliche Gesetzgebung über alle Bereiche des jüdischen religiösen und außerreligiösen Seins bildet. 3. -Das Wirtschaftsleben der In dein. nach Wirtschaftszweigen und regional gegliedert. Tie extremen Methoden, mit denen dieses Teilfach zu rechnen hat, sind sichtbar in den beiden Musterwerken von Werner Sombart „Die Juden und das Wirtschaftsleben" (zum erstenmal 1911 erschießen), und von Alfred Marcus „Die wirtschaftliche Krise der deutschen Juden" (Berlin 1931). 4. Der gesellschaftliche Aufbau: Hier wird weder Berufs- oder Mirtschaftstaktik, noch Einkommens- oder Vermögenszählung getrieben. Es geht vielmehr um eine sozial, und wirtschastsgeschichtlich unterbaute Ständebeschreibung nach Jdealtypen: Der jüdische Kaufmann und der „geistige Arbeiter" voran, danach , erschöpfend alle jüdischen Standestypen nach Herkunft, abgegrenztcn Sondermerkmalen der sozialen innerjüdischen Einschätzung und der Ausrichtung aus die spezielle Teilnahme am Jüdischen. Er'ntrayuny vom 23. Februar1923 Aus den „Protokollen der Sitzungen des Vereins für Lulmr Wißenschafr der Juden." Eine Bemerkung Heines (Aus demZunzarchw) lL*c st*- 5. Ti e Politischen und religiös e n R i ch t u n g e n im Gesamtjudentum und innerhalb der Judcnschastcn der europäischen und außereuropäischen Staaten. Die typenbildende Bedeutung der deutschen und palästinensischen Entwicklung tritt hier zum ersten Male scharf hervor. Von der jüdischen Gcistesgeschichtc ist diefcr Teil der Gegenwartskunde deutlich abzutrcnnen durch eine .minutiöse und unvoreingenommene Zustandsschilderung dieser Richtungen in der Praxis und in ihren Hanptknndgcbnngen. Ter Wandel, auch der unvermerkt vor sich gegangene Wandel der Auffassungen und Lebensformen ist in seinem Ablauf im einzelnen in diesem Abschnitt nicht darznstellen, nur die Tatsache des Wandels und feine Symptome. 6. K o n f e f s i o n s k n n d c, nach der ausgebildeten Systematik der nichtjüdischen Bekenntnisse. Die äußere Seite der Religionslcyre! Tie nnabdinglichen und fakultativen Merkmale einer jüdischen Gemeinde! Beschreibung ihrer Einrichtungen und ihres praktischen Gebrauches durch die Mitglieder! Es handelt sich um eine innerjüdische Konfessionsstatistik mit ihren Folgerungen. 7. Das religiöse Brauchtum in strenger Abgrenzung von Religivnsgeschichtc. Konsessionsknnde und von der historischphilologischen Darstellung des Gottesdienstes und der Liturgie. Anznstrcbcn ist eine „Religiöse Volkskunde": die Realien (Knltgegenstände) wie die Minhagirn (Kultgebränche), die Formen der Frömmigkeit, wie sic tatsächlich geübt werden, nicht eine Beschreibung der halachischen Vorschriften oder der Pslichtenlehre des Schnlchan-arnch oder der „Richtlinien" sind systematisch zu beschreiben. Der ■ künstlerischen Seite, der großen Frage des „Bedeutungswandels" und der Anteilnahme an allen Einzclcinrichtungen ist für die westeuropäischen Gebiete, namentlich für Deutschland, den klassischen Einrichtungen des Chcdcr, der Jeschiwah, des Bctyha-midrasch, der Beth-din-Einrichtungen i nt O ft c n besondere Aufmerksamkeit znzuwenden. Abgrenzung und Stossanfbereitnng nach modernen soziologischen Methoden sind auf diesem Teilgebiet ungewöhnlich zurückgeblieben. Ter Arbeiten von Mar Grnnwald in seinem „Jahrbuch für jüdische Volkskunde" ist hier besonders zu gedenken; sie sind jedoch über Einzelbeobachtungen und Spezialaussätze zu historischen und volkskundlichen Kuriositäten nicht hinausgekommen. Als methodisches Vorbild haben wir setzt das große Werk von Mar Rumps, „Religiöse Volkskunde" (Stuttgart 1933) anzusehen. 8. Das a u ß e r k n! t i s ch e g e i st i g e Leben, namentlich Schule und Unterricht, Presse und Predigt. Wertung und Vergleich mit den nichtjüdischen Parallclinstitutwnen sind hier von Wichtigkeit. 9. I n n e r - n n d z w i s ch e n st a a t l i ch e Org a n isa t i o n s s o r mc n der jüdischen Gemeinschaften öffentlicher und privater Natur, namentlich die Verfassungen der Gemeinden in den verschiedenen Ländern einschließlich der Formen und des Aufbans der Wohlfahrtspflege; die gemeindlichen und übergemcindlichen Institutionen der Kulturpslcge außerhalb des Schulunterrichts. 10. Spezielle Länderkunde: Hier soll vor allem eine differenziertere eigene' Palästina-Kunde Platz finden. Für die übrigen Länder ist auf diesem Teilfach der Anteil der Juden an dem Gcsamtkulturleben der verschiedenen Länder und Staaten besonders zu betrachten. 11. Zwischenstaatliche Zusam. menhänge der Juden der Welt: Soziologische Betrachtung von „Diaspora" und „Minorität" als Schicksal. Ausgabe und Existenzdcutung. ‘ . Sozio-Psychologie und So-' zio-Brologie der Inden der Gegenwart. Wie das vorige Teilgebiet gehört die Kunde von dem besonderen seelischen und körperlichen Verhalten der Gruppe „Die Juden" zu den S^zialausgaben einer modernen verfeinerten soziologischen Betrachtung. Die großen Fragen der Gruppenaffekte und ihres Wesens kommen hier znm Austrag: „Dissercnzaffekte" (Affekte der Abstoßung des zur Leidenschaft gewordenen Verschicdenheitsbewußtseins) und ihr Komplement: Mittclpunktswahn und Dimensionsblindheit („Zentralitätsasfekt"). Ferner die Figur des „Paria" — Der Mythisierimgsvorgang in der öffentlichen Meinung — Intellektuelle und Wurzellose (abstraktes Denken) — Grnppenrichtmaß. In der Sozio- Biologie: die Erkenntnisse, der Rassen, sorschnng und die Eugenetik (Krankheiten der Juden). Ein reiches, überreiches Programm! Damit die zwölf hier zum ersten Mal ausgestellten Grundthemen einer „Jüdischen Gegenwartskunde" Danerrahmen für ein Lchchach mit kontinuierlicher Stoffcinteilung werden können, ist zunächst für jedes, hier naturgemäß nur skizzenhaft und provisorisch ab. gesteckte Teilgebiet eine methodologische, systematische und bücherkundkiche „Einleitung" hcrznstcttcn. Die obige Skizze konnte vor allein noch keine eindeutige Abgrenzung gegen die „Geschichte" und gegen eine jahrbuch- oder kalenderartige Statistik der wichtigsten jüdischen Daten und Einrichtungen geben. Eine „verstehende Soziologie" der Juden, die allein als produktive „Gegenwartskunde" gelten kann, muß außerdem gleich weit entfernt von Stofs- und von Sinn-Huberei bleiben. Wir leiden an einem Ucbermaß der „Ideologien", der tiefsinnigen Sinndentnng und vor allem an ' einem Ilebermaß der Homiletik sowie der schöngeistigen, unverbindlichen Predigt. „Gegenwartskunde" hat mit allen diesen Erscheinungen nur als Forschnngsobjekt zu tun; zu begreifen ist hier lediglich eine spezifische geistige Haltung der jüdischen Gruppe. Als Arthur Ruppin im Jahre 1904 eine erste einfache. anspruchslose Darstellung der „Juden der Gegenwart" gab, hätte hier der Anfang einer allmählich ausznbaueuden „Gegenwartskunde" liegen können. In der zweiten Auflage (1911) überschätzt Ruppin bereits seine Kräfte. Und das große zweibändige Werk „Soziologie der Juden", das schließlich (im Jahr 1930) aus den bescheidenen Anfängen entstand, ist eine einzige große Enttäuschung nach der stofflichen Seite und nach der wissen, schastlichen Durchdringung des Materials. Man täte dem russisch-jüdischen Historiin Dubnow Unrecht, wenn man die Proportion seiner zehnbändigcn jüdischen Geschichte zn einer idealen, noch nicht vorhandenen Geschichte der Inden vergliche mit dem Verhältnis der Rnppinschen "„Soziologie" zu einer idealen, ebenfalls ungeschriebenen „Gegenwartsknnde des jüdischen Stammes". Das große religiös-ethische Sinngcbildg des Judentums, seine Lehre, seine Geschichte, seine Sprache bleibt auch das Erkenntniszict einer sozialökonomisch-statistischen Kunde von den Jndenschastcn des Erdkreises in der Gegenwart. Ohne diese ständige Ausrichtung ans den geistigen Zusammenhang mit der einzigartigen Gestalt, die wir Judentum neunen, bliebe Gegenwartskunde nichts anders als eine nützliche Statistik der Inden, ein Kalendarium ihrer Einrichtungen religiöser und charitativer Art. Um zu einer „Soziologie der Inden" zu kommen, die das historische, schlechthin individuell Einmalige zwar der „Geschichte" überläßt, aber deren genaueste Kenntnis voranssctzt, da sie daran? abstrahiert — um dazu zu kommen, muß gleich im vornherein die Bestandsaufnahme, die Ziisammentragimg de? Stoffes, ständig davon durchdrungen sein, daß „Gegenwartskunde" mit einer auf das Verstehen verzichtenden naturalistischen Soziologie nichts zu tun hat. Die reinen Formen der Vergesellschaftung und ihre eigene Gesetzmäßigkeit, gezeigt an den Juden der Gegenwart, also die Be- ■ trachtnng der generellen Art der Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen materiellen Bereichen des sozialknltiircllen Lebens, am jüdischen Dasein vorcrerzicrt, eine reine -„Naturlehre" der Gesellschaft also, interessiert uns nicht. Ohne die wertbeziehende Erkenntnis der einmaligen Gestalt des Judentums und seines Gestaltwandels ist unsere Disziplin undenkbar. Wir wollen nicht hochtrabend von „Kultursoziologie" sprechen. Aber wir wollen gleich von Anfang an aus der ergänzenden Disziplin der Gegenwartskunde keine Hilfs- Wissenschaft. keine „Bürgerkunde". keine „Statistik der Juden" machen. Der weiträumig^, heute noch so schlecht ausgestattete Bau ^des Wissens vom Jüdischen, von jüdischem Geht und jüdischer Art. soll vielmehr durch ein echt geisteslvissenschaftlichesHauptfach gekrönt werden. Eine auf solche Weise richtig verstandene Kunde von den Inden der Gegenwart i?t gleichwertig der Erkenntnis der hebräischen ■ Sprache, der jüdischen Geschichte, der und des gewaltigen Gesamtlorpus der indischen Pflichtenlehre. Denn diese „Wihenschasten" sind samt und sonders in den -menst der Gegenwart gestellt: sie lehren, warum wir als Juden weiterlcben und eine Zukunst haben.