Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 36 (6.9.1934)
- Date
- 1934-09-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Weiß de:: Talmud nnd seine Gelehrten behandelt. . Auch aus dem Gebiete der Editionsarbeit ist manches Wertvolle zu verzeichnen gewesen. Für die talmudische Literatur im weiteren Sinne des Wortes, die Literatur neben den Dalnmden, für die Predigtsammlungen der Midraschim, die Tosefta entstand ein neugewecktes Interesse, das sich in neuen Editionen kundtat. Besondere Verdienste haben sich hier I. Ä\ Weiß, M. Fricdmann und S. Buber erworben. Das Ende des Jahrhunderts brachte wertvolle Bereicherungen der talmudischcn Tertlitcratur. In der altkairoer Geniza, einem Sammelplatz, wo in früher Zeit abgenützte Handschriften, die man nicht vernichten wollte, niedergelegt worden waren, fand man diese als köstlichen Schatz wieder aus. Früh erwachte auch das Bedürfnis nach llebersetzungen. Manches blieb in den Anfängen stecken. Erst in neuerer Zeit sind vollsrändiae llebersetzungen talinudischer Schriften in zulänglicher Weise geschaffen worden. Bon den Mrschna-Uebersetzungen ist die Hossmann- Banethsche, die auch kommentiert ist, hervorzuheben. Die Talmudübersetzungen von L. Eoldschmidt nähert sich bereits in zweiter nenbearbcitcter Auflage ihrem Abschluß. Bon lrrikographischen Arbeitendie die Erarbeitung des Gebietes wesentlich gefördert haben, sind ^ohuts „Aruch" und I. Levhs großes Wörterbuch an erster Stelle zu nennen; als weitangelegtcs Realwörterbuch bedeutet M. Guttmann .„Elavis Talmud:?" (hebr.) eine große Erleichterung für die Erforschung der Begriffe des talmudischen Schrifttums nach jeder Hinsicht. Zum Schluß unserer Uebersicht über den Stand der Wissenschaft kann das, was wir als ihre wichtigste Ausgabe halten, die Kulturgeschichte des Talmuds nur mit wenigen Arbeiten von Wert genannt werden. Immanuel Löw hat sein Leben der Erforschung der Flora der Juden gewidmet und behandelt in seinem Standardwerk alle einschlägigen talmudischen Hinweise. Die „Talmudische Archäologie" von S. Krauß gibt für die Erforschung der Realien mehr, als der Titel seines Buchs sagt; Julius Preuß schrieb über die biblisch-talmudische Medizin. Schon diese kurze und. keineswegs vollständige Zusammenfassung. der Ergebnisse zeigt uns den Weg, den die Talmudwissenschast in ihrer weiteren Entwicklung zu nehmen hat. Das meiste ist auf dem Gebiete der inneren Stosfverarbeitung zu leisten. In den Vordergrund gehört naturgemäß eine Aufarbeitung der talmudischen Grundwerke, die den Stofs im Nahmen seiner Eigenbedeutnng hervortreten läßt. Reben den Handlangerdiensten, die der Talmud bisher den verschiedensten jüdischen Wissenszweigen, nicht selten auch profanen Forschungsgebieten geleistet hat. muß nun endlich eine systematische Darstellung der talmudischen Inhalte selbst in - ihrer kulturellen und historischen Eigenart gegeben werden; und zwar so, daß alle seine Inhalte in Beziehung zum jeweiligen verwandten Faktum in nichtjüdischcn Kulturen gesetzt werden. Durch das ganze Mütelacker. hat der Talmud ein isoliertes Ghettoleben gefristet, daher die Mißverständlichkeiten, d:e ihm immer mehr zur Last fielen. Eine Ausgabe wissenschaftlicher Objektivität' ist es nun, - den Talmud in die geschichtlichen Zusanunen- - hänge einznordnen und ihn aus diesen Zusammenhängen heraus zu erklären und zu er- ■ lassen. Die glänzenden Fortschritte, die die Altertumswissenschaften in neuerer^Zeck gewacht haben, geben uns auch zur Lösung d:eser Aufgabe wichtige Grundlagen. Und das :st nicht bloß ein rein wissenschaftliches Testderar, sondern eine Zeitforderung. Die Sorgfalt, d:e man bis jetzt der Aggada zngewandt hat, würde alsbald nicht nur aus das halachische Gebiet übergehe::, wobei viele rcl:gio:^ge° schichtlichen Beziehungen in ein helleres-.ich: gerückt würden, sondern auch auf die. indische Kultur, auf das jüdische Leben überhaupt. Kulturgeschichte des Talmud? muß die Forderung sein. Kulturell ist der Talmud viel enger mit seiner Umgebung verbunden als religionsgeschichtlich, da seine Eigenart im Denken und Glauben überwiegend auf letzterem Gebiete, gelegen hat. Ist nuneinmal der Talmud durchweg historisch-und vergleichend beleuchtet, dann dürste er eine viel höhere Allgemeinbedeutung gewinnen. Auch stünde die Kontinuität des jüdischen Lebens wie seine Entwicklung von der biblischen Zeit bis heute lebendig vor unserem Augen. Angesichts dieser Forderung einer Kultur- ■ geschichte des Talmuds fehlt es heute noch an den nötigsten Vorarbeiten. Mit guten Einzelmonographien müßte vorgearbeitet werden. Tie Anfänge, die in solcher Weise auf den Gebieten der Mathematik, Naturwissenschaft, 'Medizin, Volkskunde usw. gemacht wurden, müßten weitergeführt werden. Es müßte dabei auf das vergleichende Moment ein viel stärkeres Gewicht gelegt werden, um den Monographien ihren bisherigen isolierten Charakter zu nehmen. Der vorgängige Mangel an guten, einwandfreien Torten müßte beseitigt und. was damit znsammenhängt, das talmu- , dische Handschriftenmaterial in möglichster Vollständigkeit veröffentlicht werden. Diese Forderungen bedeuten viel, und noch mehr in einer Zeit wie unserer. Aber Schwierigkeiten sind dazu da, überwunden zu werden. Und wenn auch die Fortschritte, die zu erzielen sind, langsam sein werden — das große Forschungsziel bleibt. * 7? von Fritz Friedlandcr-BcrlLrr Aus tiefem jüdischen Erleben der Zeit heraus hat Martin Buber den Hintergrund der gegenwärtigen Krise als den Einbruch der Labilität in die Geschichte gedeutet. Etwa vor zwanzig Jahren, also im Schicksalsjahr 1914, ist dieser Einbruch erfolgt. Ein großes geschichtliches Drama, voller tragischer Zuckungen, rollte nun ab. Das furchtbarste Kennzeichen der i Weltkrise, deren äußerlich sichtbarer und greifbarer Ausdruck der Weltkrieg wav, machte sich in der Vernichtung der Eristcnzsicherung bemerkbar. Geldentwertung, Wertminderung und Wertschwankung angeblich wertstabiler Sachwerte, Stockung im Kreislauf der Wirtschaft und Weltwirtschaft, Arbeitslosigkeit und Eristenzverlust, Zersetzung und Niedergang der kultivierten und geistgesättigten bürgerlichen Schicksten, Lockerung und Verfall des sittlichen Herkommens: dies und anderes mehr war Erscheinungsform jener Labilität, die das Unterste zu oberst kehrte, hier trügerisch erhöhte und dort grausam ernicderte, jedenfalls in allen Betroffenen, dem Geschlcchte einer Uebergang?- zeit, die zur Untergangs,zeit verdammt war, ein gallenbitteres Lcbcnsgesühl hervvrgnellen ließ: das Gefühl einer entsetzlichen und tagtäglichen Bedrohtheit unseres leiblichen Daseins. Das war und ist das Antlitz der Krise. Konnte es wundcrnehmen, daß die Stelle des geringsten Widerstandes vom Ansturm der Zeitkrise am härtesten betroffen würde? die jüdische Lebenswclt und insbesondere das jüdische Bürgertum? Wenn Hölderlin, zu seinen Deutschen gewandt, im Vorgefühl kommenden Unheils in die Wehklage ausbrach: wo ist dein Delos und wo dein Olympia?, so dürfte wohl entsprcchenderwcise der bedrohte jüdische Brensch unserer ■ Tage in die Frage, welche zugleich Klage, ausbrechen: wo ist das Zelt des Herrn, auf daß ich dahin flüchte! Tenn täuschen wir uns nicht darüber hinweg: die innere Ratlosigkeit und Haltlosigkeit, die Ausdruck und Kennzeichen ~ der labil gewordenen Welt ist, hat in steigendem Maße auch von der jüdischen Geschichtswissenschaft Besitz ergriffen. In'der Geschichtswissenschaft gibt cs .keine allgemeine wissenschaftliche Wahrheit, sondern nur eine Reihe subjektiver Wahrheiten. Gerade das, was an einer ■ geschichtlichen- Darstellung als subjektiv, einseitig, parteiisch und „unsachlich" empfunden wird/ gibt ihr oft die Farbe der Persönlichen Eigenart, des menschlich individuellen Reizes.. Wohl durste ein Geschichtsforscher vom Range Eduard M eher s gegen Theodor Mo m m s e n den Vorwurf erheben, die Schilderung, die er 'in der „Römischen Geschichte" von der Epoche ' der römischen Republik entworfen habe, beruhe aus einer tendenziösen Verzerrung; das mag ' zutresfen, aber um wieviel lebendiger nnd sunkensprühender ist Mommsens Darlegung, wenn man sie gegen die farblos korrekte Dar- ° lcgung Eduard Meyers hält. Denken wir an - unseren trotz allem verehrungswürdigcn G r a e tz. der durch die Grobschlächtigkeit seiner Urteile'dem Leser oft die Lektüre verbittert, jedoch gerade durch die ^Leidenschaftlichkeit - ffinc: Irrungen und durch den störrischen Eigensinnseines polemischen .Naturellszu einer monumentalen Figur emporwächst. Denken wir ferner an. seinen Gegenspieler D n b n o w, der durch die starre Dogmatik seines materialistischen Standpunktes die Buntheit des geschichtlichen Lebens oft zn einem limmcnsihen Grau abstrakter Konstruktion entfärben läßt, jedoch durch die großartige Einheitlichkeit seines nationaljüdisehcn Emch . sindens ebenfalls gcfangcnnümnt. Darin liegt; aber der Unterschied! In: 19. Jahrhundert -und in der anschließenden Zeit bis zum Einbruch der Krise ist — man denke nur an Treitschke und in gebührendem Abstand an Schlosser — in der Subjektivität der Histvrikerformeln eine gewisse Großhcit des Stils enthalten: die subjektiven Zeitmeim.mgen verdichten sich zn Kristallisalionskerncn, die in: Sinne Wilhelm v o u H u in boldts als höchste Ideale gelten können. Iüdischerseits gewinnt die liberale Weltansicht die Herrschaft, der im Verfolg der beginnenden Entkosmopolitisierung und zunehmenden Nationalisierung die nationaljüdische Weltausicht aus den Ferseu folgt: von hier aus nntcruiuuut Gractz, von dort aus Tubnow sein Geschichtswerk. Wir sind auf den Einwand gefaßt, daß . Dubnow sein Werk ja in der Zeit der Krise veröffentlicht hat. Aber die Konzeption des Werkes ist im Stadium vor der Krise anzusctzen. Heute jedoch, in der Herrschaftszeit der 'Krise, ist eine derartige,' über das unabdingbar Subjektive hinäusgrcisende- Synthese unmöglich: darin liegt eben die'Tragik der gegenwärtigen jüdischen Historie: ihr fehlt das, :vas gesicherte Zeiten ohne weiteres besitzen, ein fester Standort und ein stabile? weltanschauliches Bezugssystem. Weder das eine noch das andere kann innerhalb der labil gewordenen Welt vorhanden sein. Au die Stelle von Weltanschauungen, die wie die' jüdisch-orthodore, jüdisch-liberale und jiidisch-nationale im Seelcngrunde weiter schichten verankert .waren, sind heute die weltanschaulichen Ersatz stvsse getreten. Ter ernste, über eine grandiose Forscherlciftung gebietende Historiker, der wie Gractz oder Tubnow im Auftrag einer ganzen Weltauschaimugsrichtung das , geschichtliche Material anslegen durste, muß heute vielfach dem mwerantwortlichcn Literaten, der den Hausier schein für Wcltanschanungsgewerbetreibende in der Tasche trägt, weichen: teils in chauvinistischer liebertreibnng, teils in düsterer Untergangsstimmung, teils in ekstatischer Verzückung sind Gesamtbilder der jüdischen Geschichte aus das Aktualitäts- und Scusatiousbedürfuis des Publikums hin zngeschnitten worden. Diese Behauptung möge nicht et:va so mißverstanden werden, als ob wir sagen wollten, die jüdischhistorische Forschungsarbeit sei zurzeit' zum Stillstand gekommen. Das Gegenteil trifft zn: allenthalben sind rüstige Arbeiter auf den 'Feldern tätig. Aber wesentlich ist, daß jene Forschungsarbeit nicht mehr im Zentrum des jüdischen"Bildungsintercsses steht, sondern gezwungen ist, an der Peripherie ein einsames Dasein zu führen. Gerade dieses Sympton 'weist der jüdischen Ocfscntlichkeit eine schwere 'Verantwortung zu: die jüdische Historie bedarf des Kontaktes mit dem jüdischen Leben; entzieht sich die jüdische Ocssentlichkcit jener Not- Wendigkeit, dann muß sie es mit sich austragen, wenn — wie es heute vielfach schon der Fall ist — die jüdische Historie sich in eine lebenferne überspezialisierte Fachdisziplin verkapselt. Das zweite Symptom für den Umstand, daß die jüdische Historie nicht mehr Bildnerin des jüdisch-kulturellen Lebens ist, müssen wir in dem wirtschaftlichen Notstand der jüdische:: Geschichtsforschung suchen. Tie jüdische Geschichtswissenschaft liegt größtenteils in theologischen Händen. Gewiß sind unter den geschichtsschreibenden Theologen auch sehr.tüchtige Historiker: ebenso wie Graetz ist der Mann, zn dessen Ehrentage die vorliegenden Blätter die Suunne der jüdisch-wissenschastlichcn Existenz ziehen, von der Theologie zur Historie gelangt. Jedoch der im Nebenamt de? Historiker? tätige Theolog wird zum Schaden der geschiehlswissenschaftlichen Erkenntnis gar oft versucht sein, in die Beurteilung geschichtlicher Personen nnd Vorgänge mvraltheologische Gesichtspunkte und Kriterien hineinzutragen. Darin liegt eine entschiedene Gefahr, denn der Zielpunkt des Theologen ist die sittliche Welt, wie sie sein soll, während der Zielpunkt de? H i st o r i t c r? in der wirtlichen Welt, wie sic nun einmal tatsächlich i st, besteht. Es ist die ungünstige Vermengung der Arbeitsmethoden und Erkenntnisprinzipien z:veier Wissenschaften, die von Haus aus grundverschieden sind. Tie logischen und psychologischen Mängel, an denen Graetz' große? Geschichtswerk krankt, beruhen auf jenen: metliodischen Znnespalt.. Jüdische Pro* sanhistoriker werden aber deshalb stets Ausnahme sein, weil sie keine wirtschaftliche Eristenzmöglichkeit finden. Fehlt demnach der jüdischen Geschicht?- wisseuschast svnwhl ein rveltanschaul'icher al? auch ein nürtsckiastlicher Untergrund, so dürste diese Feststellung, was das Wlettanschauliche anbelangt, aus entschiedenen Widerspruch ' stoßen. Namentlich die nativnaljüdisch eingestellte Geschichtsschreibung wird sich gegen die Behauptung, sie entbehre einer einheitlichen :veltanschaulichen Orientierung, scharf verwahren. Wir wollen nicht gegen sie polemisieren: iedvch die Bteinnng, daß der nationaljüdischen Geschichtsausfassuna eine einheitliche Idee zur Verfügung stehe, ist nur ein schöner Wahn, der bei sestcrcm Zugriff entzwei bricht. Denn im gegenwärtigen Stadium, ihrer Entwicklung entbehrt die nationaljüdisch'e Idee ' jeder Einheitlichkeit. Pen:' p a l ä st i n o z e n - t r i s ch e n Zionismus, der mit fanatischer Ausschließlichkeit nur in Palästina die Lösungder Iudensrage sucht, steht der/jüdische.T i a - ,s p o r a - Nationalismus .entgegen, der 'die 'Auffassung vertritt, daß das'Schicksal .der Iudenheit sich in den. sogenannten „Wirtsländern" vollziehen werde. Dem älteren politischen Zionismus, der in'praktisch-politischer Einstellung dan Aufbauwerk in Palästina zu 'verwirklichen strebte, folgte wie die.Rene dev Tat der sogenannte „Kulturzionismus", der eine geistig-seelische Reformation propagierte, aus dem Fuße. Dem älteren politischen Zionismus ist nunmehr in den: S t a a t s z i o :: i s :::::? o d er Rev i s i o n i s m:: s ein gesähr- 'licher Gegner erstanden: jene jüngere-Richtung rvendet sich von der Kompromißbereitschaft der älteren Richtung, die einerseits :nit England, anderseits' mit .den Arabern paktiert, verächtlich ab; sie will in machtpotitisch-faschistischer ’ Gesinnung aus eigener Kraft ihr Ziel, den Judenstaat, -verwirklichen. Hierbei ist sie in schärsitem Gegensatz zn der jüdischen Ar b e i t e r b e w e - gung Palästinas geraten, deren religiöses Freidenkertum ein weiteres krisenverschärsendes Mvment bildet. Ueberhaupt ist die Einstellung zum Religiösen, die. zwischen extremer Strenggläubigkeit und - Ungläubigkeit einherschwankt, eine Erscheinung, die zur Zeirissenheit des modernen Zionismus ein Beträchtliches beigetragen hat. Da nun auf jeder der gekennzeichneten Richtungen.und Strömungen innerhalb des Zionismus eine selbständige Geschichtsauffassung ausgebaut werden kann, dürste es klar, sein, daß es ein Geschichtsbild, das aus einer einheitlichen n.ationaljüdischen Idee beruht, nicht -geben kann. ^Tenn eine Persönlichkeit')vie Hei'zl, der — mit Herder re: sprechen — „alles in Eins sah", ist nicht mel^c vorhanden. Aber auch die j ü d r s ch - l i b e r a l c Idee ist in ihrem seelischen Bestände.erschüttert.