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Central-Verein-Zeitung · 1934-09-06 · 36 (6.9.1934) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
36 (6.9.1934)
Date
1934-09-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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CU rgdie llcr fis XIIX. J&Kfgansr 7 Nr. 36 l*r*Gf**6 J^fn^r'r'^n umfasst 2$ Seiten; In ihr haben unter anderen milgearbeitet: Julius Brodnitz, /-co Bacc\, Leo Baerwali, sämtliche Landesverbandsvorsitzende des C.-V., - /'Vi/z Bamberger, ü/ax Wiener, Ignaz Maybaum. Alexander Cultmcnn, Fritz Fricdlacndcr, Ludwig Fcuchtwanger, Hugo Lachmamku Leo Hirsch, Ludwig Meidner, Magnus Davidsohn, Max. ■Spanier, Meta Samson, Iparon.' Hilde Marx, -Marlin Wassermann, Manfred Srvarscnskv. Rudolf Brasch. jE/kn Littmann — ■H!:n. n:us brr i;-S •:brrc-- ■!'r:: Nui ’Vil bft Von Justizrat Br. Julius Brodnitz Von Leo Bctech Tie hohen Feiertage, denen wir entgegengehen, sind für uns Juden niemals Tage rauschender Feste, sondern Tage ernstester Besinnung gewesen. Tas vergangene Jahr hat uns Schweres gebracht. Haben wir uns in dieser Zeit bewährt, haben wir uns unserer Ahnen würdig erwiesen, die in Leid und Not ihre Würde zu wahren gewußt haben, gestützt auf das stolze Bewußtsein des unvergänglichen Judentums? Wer die Geschichte des Judentums, wer besonders die tausendjährige Geschichte des deutschen Judentums kennt — und jeder pflichtbewußte deutsche Jude müßte sic kennen — der weiß, daß unsere Ahnen auch die schwersten Schicksale als göttliche Prüfung hingenommen haben, nicht in wehleidigem flogen, sondern in energischster Selüstprüfung, nicht ihre Erlebnisse nur im Hinblick aus ihre Verächter und Gegner betrachtend, sondern sich immer die Frage vorlegend: was hast du selbst vcnchuldet, um so schweren göttlichen Prüsungm ausgesetzt zu werden? Wir Juden glauben an die Gerechtigkeit des Weltgeschehens. Jede Prüfung, die über uns kommt, stellt sich als eine neue sittliche Aufgabe dar, so schwer sie auch sein mag. Haben die deutschen Juden in diesem Sinne im vergangenen Jahre ihre sittliche -Pflicht erfüllt? Trotz mancherlei Entgleisungen bin ich dankbar dafür, diese Frage im wesentlichen bejahen zn dürfen. Wenn uns das Leben auch vor Ausgaben stellt, die wir früher berechtigterweise als nicht tragbar bezeichnet hätten, wenn auch solche großen Aufgaben in einem Jahr auch nicht nur annähernd gelöst werden können, der Wille dazu ist vorhanden. Tas muß man auch gegenüber mancherlei Entgleisungen sagen; es genügt die Feststellung der Tatsache, daß die ganz erdrückende Mehrzahl der deutschen Juden diese Entgleisungen als solche empfunden und als unbeachtlich beiseitegestellt hat. Tie Juden in Deutschland sind vor eine harte Umstellungsaufgabe gestellt worden. Tabei ist nicht in erster Linie entscheidend, daß die Einnahmen der ganz überwiegenden Mehrzahl der deutschen Juden heute nur einen sehr bescheidenen Teil desjenigen darstellt, was ihnen früher zur Verfügung stand. Bei uns Juden ist niemals der Mensch nach seinem Einkoinmcn geschätzt worden. Niemals waren bei uns nur die Gesättigten und die Reichen die Träger der Kulturarbeit. So hart, es ist, begrüßen wir es, daß unsere unwahre Lebenssassade hat abgebaut werden müssen. Mit anerkennenswerter Energie ist der Wille hierzu vorhanden. Wir sind zum ganz überwiegenden Teil zur Bescheidenheit unserer Väter zurückgekehrt. Erschüttert sehen wir aus die Vielen, deren Lebensarbeit ganz oder auf längere Zeit vcr- — im Hauptblalt und in folgenden Beilagen: Arbeit für das deutsche Judentum, Grossreporlage über den C.-V.; Am Tor der guten V/ünsche; Die Wissenschaft des Judentums; Wirtschaft der Woche; Das Blatt der deutschen Jüdin; Kinderblatt. nichtet worden ist. Vielen von ihnen können wir überhaupt nicht helfen. Aber wir blicken auf unsere Jugend, die gewillt ist, abzubauen und umzubauen und die ihre Lebenskraft in aller Not aus dem Gedanken entnimmt, daß jeder von ihnen, der in diesem harten Ilm» stellnngsprozeß seine eigene Würde und die Würde des deutschen Judentums wahrt, eine Heldenarbcit verrichtet. Wir grüßen die Brüder und Schwestern, die. auf dem geheiligten Boden in Palästina die Möglichkeit geschaffen haben, Zuflucht und Arbeitsraum zu finden. Wir grüßen die Brüder und Schwestern, die hinansgczogen fiub nach dem heiligen Lande, um dort unter harten Lebensbedingungen einen Lebensraiun zu schassen und Pioniere zu sein für alle diejenigen, die jemals den gleichen Weg zu gehen genötigt sind. Wir wissen, daß viele'diesen Weg nicht gehen wollen, und daß viele, die ihn gehen wollen, ihn aus wirtschaftlichen und ans seelischen Gründen nicht gehen können. Wir wissen, daß etwa ö00 000 deutsche Juden auf angestammter deutscher Erde ihr weiteres Leben führen werden, und wir wissen, daß sie es, wenn auch unter Entsagungen, in Würde und in Ehren tun wollen. , Für uns alle erwächst hieraus die Verpflichtung zu Opfern, die bis an die Grenze des Möglichen, sogar über diese Grenze hinaus gehen müssen. - Wir grüßen nach der Väter Sitte auch alle die Glaubensbrüder und Schwestern außerhalb des Deutschen Reiches, die aus ihrem eigenen jüdischen Gefühl heraus Verständnis für unsere Not gewonnen und bekundet haben. Neben den'Ausgaben, die nur von uns deutschen Inden ans deutschem Boden gelöst werden können, gibt es noch große Ausgaben, die allen obliegen, die sich in der Welt zum Judentum bekennen, weil wir deutschen Juden zu arm sind, um den Anforderungen zu genügen. So dankbar wir die Hilfe anerkennen, die unsere Glaubensbrüder aller Länder gewährt haben und noch gewähren, so hat sich doch längst gezeigt, daß diese Hilfe in erster Linie und in immer wachsendem Umfange von den deutschen Juden 'selbst geleistet werden muß. Wir müssen auf ' deutschem Boden alle Einrichtungen fördern, die den Umstcllungsprozeß unserer Jugend ermöglichen. Wir müssen dchür sorgen, daß unsere Jugend diejenigen Fähigkeiten erlangt, die-notwendig sind, um sachgemäße Arbeit auf deutschem Boden oder außerhalb desselben zu entwickeln. Wir müssen dafür sorgen, daß unsere Jugend geistig nicht verarmt, daß sie nach der Art unserer Väter, gleichgültig, welche Arbeit sie entwickelt, dem kulturellen Leben verknüpft bleibt. Waren doch unsere größten Forscher in der Vergangenheit Menschen, ’ die unter kärglichsten Lebensverhältnissen die Zeit für ihre Studien härtester Arbeit abgerungen haben. Wir müssen für die Alten sorgen, die einen Umstellungsprozeß gar nicht mehr vornehmen können. Wir müssen alle Einrichtungen erhalten und ausbauen, die sozialer Arbeit dienen. - " . ' Niemand darf sich über die Höhe der Lasten beklagen, die sich aus der Erfüllung dieser Pflichten ergeben. Bei uns gilt die Erfüllung der sozialen, Ausgaben als religiöse Pflicht und ruht deshalb zum großen Teil auf den - Gemeinden. Aber jeder von uns zahle über den Beitrag, der sich nach Maßgabe seines Einkommens und Vermögens in der Steuer- Pflicht ausdrückt, freiwillig, soweit er cs irgend kann, um die große .Arbeit des Zen- Vergangenheit und Zukunft leben mit ihrem Sinn und Wert voneinander. Bekenntnis zu dieser wird immer auch Bekenntnis zu jener, und Wissen um die eine heischt immer zugleich Wissen um die andere. Früheren Geschlechtern war Vergangenheit etwas, was im Entfernten, im Gewesenen lag. Uns Menschen dieser Wende erstreckt sie sich inmitten unseres Lebens; sie ist ein tiefer Einschnitt, der durch unsere Tage geht. Im Unmittelbaren, in unseren Tagen will darum auch die Zukunft sein. Ein Dasein mit einem geschichtlichen Spalt kann nicht bestehen ohne ein Nahendes, ohne die Nähe einer Zukunft, ohne die Gewißheit. Nur der Schaffende besitzt und gibt Gewißheit, nur der, welcher vom Gewordenen her zu dem hin, was sein soll, Gedanken und Werk und Weg bereitet. Mit neuen Menschen, in neuer Gemeinschaft, auf neuem Boden tritt in unsere Tage das Kommende hinein. ' Zeit der Erinnerung und Anfang der Zeit ist unser Nosch Haschana. tralausschusscs für Ausbau und Hilfe und die damit verbundenen Gemcindeinstitutionen zu stützen. Unsere Gemeinden haben gerade im letzten Jahre Großes geleistet, wofür ihnen der Dank aller deutschen Juden gebührt. Wir deutschen Juden setzen klaren Auges den Ernst unserer Lage. Wir beurteilen die Lage dcS deutschen Judentums nicht, wie so mancher cs leider tut, nach den Umsätzen, die der einzelne Jude noch im Handel erzielt. Unsere jüdische Bilanz ist nicht mit der kaufmännischen Bilanz des einzelnen identisch und darf es nicht sein. Das Gebot der Stunde ist Einigkeit, nicht etwa im Sinne der Verkleisterung weltanschaulicher Verschiedenheit, sondern in der Erkenntnis der gemeinsamen Not und der sich daraus ergebenden Ausgaben. Eigenbrötelei kann heute nicht mehr geduldet werden. Konzentration ist das Gebot. Damit ist durchaus nicht etwa gesagt, daß die großen jüdischen Organisationen und Einrichtungen, die eine bedeutungsvolle Nolle in der Geschichte der deutschen Inden spielen und sich auch heute noch im wesentlichen bewähren. etwa abgebaut werden sollen. Aber alle sollen sich darüber klar sein, daß heute nicht mehr so gearbeitet werden kann, wie vor Jahren,.. daß.die neue Zeit neue Aufgaben gestellt hat. -und daß die Ausgaben des deutschen Juden- . tums eine Vereinigung in der Arbeit für diejenigen Ziele ist, die sich aus der Gegenwart für uns alle gemeinschaftlich ergeben. Ter Blick in die Zukunft in den ernsten Tagen, denen wir entgegengehen, ist trübe, aber' nicht verzweifelt. Wir deutschen Juden .werden uns weiter der Pflichten bewußt sein, die die Gegenwart uns anserlegt, damit wir. wie Ludwig Bamberger einst als Verbannter so treffend ansgcrusen hat, „nnverbittert unsere Pflicht im deutschen Baterlandc erfüllen". Weil wir an die Gerechtigkeit des Weltengeschetzcns glauben, tritt an die Stelle blutleerer Klage der kraftvolle Entschluß zu selbstloser Arbeit. So werden wir auch in diesem Jahre nach unserer Väter Sitte, wenn wir am Ende der großen Festtage das Gotteshaus verlassen, nicht verzweifelt, sondern entschlossen und arbeitsbercit in unsere Zukunft blicken. HWUMME Von NnWinev Dv. 2eo Bnevwnld, München Als der Prophet Daniel vor den König von Babel treten sollte, sprach er das Gebet: „Gelobt sei der Name Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit: Weisheit und Stärke sind Sein. Er wandelt Zeiten und Stunden. Er stürzt Könige und setzt Könige ein. Er gibt den Weisen Weisheit, Einsicht den Bcrständigen. Er offenbart Tiefes und Verborgenes, er weiß, was in der Finsternis ist, und Licht ist bei ihm." (Daniel 2, 20 bis 22). Wenn früher ein Jatzresschluß gekommen war, dann ließ man sein Leben vorüberziehen, die guten und die bösen Tage; auch der Kreis der Nächsten mit allen kleineren und größeren Wandlungen trat vor das innere Auge: der eine war krank, jener gesund geworden, den hatte man für immer scheiden, jenen zu Ehren kommen, wieder einen in Elend versinken sehen. Freude und Trauer, Frieden und Streit hatte man erlebt. War man religiös, dann dachte man an Gottes Waltnng. sah seine Hände im Getriebe des Lebens, dankte ihm für seine Güte, bat ihn um Leben und Gesundheit. Ter Gedanke an ihn'tröstete, wenn Not und Tod vor Augen stand, vor ihm bekannte man seine Sünden, gelobte man im stillen Besserung — ’ das Ich war der Hauptinhalt der hvheii Tage. Daß es auch eine Welt gab über dem Ich, daß der Neujahrstag die Schöpfung der Welt feierte, ward gewiß nicht vergessen, aber es übertras an Bedeutung keineswegs das Ich. Seit zwei Jahrzehnten ist für jeden d:c ~.'Clt vor das Ich getreten. Wir können unser Ich nicht mehr denken, ohne cs verstrickt zu sehen in das Getriebe der Welt. Ter Gang der Weltgeschichte ist so laut geworden, ihre Wirkung so einschneidend in das Leben jedes einzelnen, daß keiner in der Rückschau des Neujahrstages dem Gedanken an die Welt sich entziehen kann. ' Früher hatte mau kaum einen Wandel gesehen; die Menschen wurden älter, das Leben rollte ' ab, aber im Grunde blieben die Zeiten dieselben. Heute verstehen wir das Daniel-Wort ■ tiefer. „Gelobt sei er, der die Zeiten wandelt." Man hatte auch früher 'den „Meschanneh ittiin" gepriesen, aber eigentlich meinte man den Fortschritt, dessen Träger und Zeuge man war. Hatten wir doch ein Jahrhundert des Fortschritte? hinter uns. Was die Zeit der Aufklärung erkannt und gepredigt, schien in der Wirklichkeit sich zu erfüllen. Ordnung, Erfindungen, Wohlstand mehrten sich, politische und soziale Verhältnisse wurden besser, es war -wieder einmal eine Zeit, in der die Menschen sich freudig bestätigten, daß es eine Lust sei, zu leben. Wer hatte sich so in die Geschichte vertieft. daß er von den unvermeidbaren Rückschlägen wußte? Hub doch hätte jeder sich sagen können und sagen müssen, daß keiues- -wcgs eine gerade Bahn znm Reiche des Meinas führe. Das ist uns heute ciuc Selbstveritändlicbkeit geworden. Wir haben es gesehen, mit Händen greifen gelernt, daß Gott die Welt gewundene Pfade führt. In der Natur gibt cs ■ nur an wenigen Stellen gerade Linien, in der Geschichte sind sie offenbar noch seltener.

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