Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 35 (30.8.1934)
- Date
- 1934-08-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Eduard Gans 2× ep/1026051
- Paul Nathan 2× ep/1023795
- Wrocław 2× ep/1002369
- Abraham Geiger 1× ep/1011162
- Christian Wilhelm von Dohm 1× ep/1026006
- David Friedländer 1× ep/1011176
- Israel Jacobson 1× ep/1005126
- Lazarus Bendavid 1× ep/1011036
- Martin Buber 1× ep/1009258
- Moritz Daniel Oppenheim 1× ep/1028430
- Rahel Varnhagen 1× ep/1025716
- Salomon Maimon 1× ep/1000012
- Samson Raphael Hirsch 1× ep/1002782
- Überlingen 1× ep/1045903
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Friedrichs . des . Großen, .die .frei-kapitalistische Unternehmerwirtschast, die vom Staate gelenkt, die Privatwirtschaftliche Initiative ankurbelte, auch den kaufmännischen Wirklichkeitsftnn der Juden in ihre Planung eingestellt: an den Fabrikgründungen der friderizianischen Zeit nahmen Juden Anteil. Tas war die Einleitung der wirtschaftlichen Eman. zipation. Erst das Zeitalter der Aufklärung bereitete den geistigen Raum, in dem der Gedanke der bürger. lichen Gleichstellung der Juden sich ausbreiten konnte. Tie Gültigkeit eines Naturrechts, das mit der Erklärung des Menschenrechts den Grundsatz der Gleichheit aller Menschen vertrat, kam auch den jüdischen Mitbewohnern zugute. Tie Emanzipation der Inden läßt sich nicht von der Emanzipation des dritten Standes trennen: der neuen bürgerlichen Gesellschaft, die in der Zeit des derlöschenden Barock sich nicht nur den bevorzugten Ständen — Adel und Priestertum — gleichstellte, sondern sogar in der Französischen Revolution den Führungsanspruch des bürgerlichen Standes anmeldete. Ties war der Liberalismus. Nur wenn man sich den Zusammenhang bürgerlicher und Judenemanzipation klarmacht, begreift man den Umstand, daß die Männer der Französischen Revolution als erste die Judenemanzipation durch, führten. Man mache sich ferner klar, daß der Nationalsozialismus, wenn er die Idee von 1789, den Liberalismus, verwirft, folgerichtigerweise auch die Judenemanzipation verwerfen mußte. In der Hand Moses Mendelssohns liefen alle Fäden zusanunen. Ter Sieg des Geistes über die Materie hat in der Person dieses denkwürdigen Mannes ein Sinnbild gesunden. Bon der Natur stiefmütterlich bedacht, entblößt von Liebesmajestät, hat er nicht in der Art moderner Scelenzersaserer seine eigene Mißgestalt erörtert, sondern er ging, von Lessings starker Freundeshand geleitet, daran, ein Tiener des Wortes und Gedanlens zu werden. Ter schüchterne und schlichte Mann wurde zum Erzieher seiner Glaubensbrüder, ein Großer in Israel, dem die kulturelle Emanzipation zu ver. danken ist. Nach drei Richtungen hin wurde der ungeheuere Schritt in die Zukunft getan. Es ist eine merkwürdige und durch die Erfahrung unserer Tage bestätigte Erscheinung, daß sich die deutsch-jüdische Welt gerade in Krisenzciten zu ihrer religiösen Ur-Kunde hinwendet: zur Bibel, die man sich in neuer sprachlicher Fassung anzueignen sucht. Wie in unseren Tagen Martin Buber und soeben tätige Ilebersetzer, so hat in jener Uebergangszeit Mendelssohn durch seine Uebertragung des Pentateuchs und der Psalmen den Gebrauch der neuhochdeutschen Sprache — Luthers Bibeldeutsch — erobert. Tas war die wichtigste Tat der kulturellen Emanzipation. Weit bedenklicher war Mendelssohns zweite Tat: durch sein Hauptwerk „Jerusalem" übertrug er die Sitteulehre der Aufklärung auf das Gefüge des überlieferten Judentums. Hierdurch entstand der sogenannte religiöse Liberalismus, von den Strenggläubigen als „Berliner Religion" aufs schärfste befehdet. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dadurch eine Spaltung des jüdischen Lebensgefühls verschuldet wurde, ein Gegensatz, der sich bis in die Gegenwart hinein verbitternd auswirkt. Es sei hier nur an die schweren religiösen Kämpfe des 19. Jahrhunderts erinnert: an Abraham Geiger, den Fortsetzer und Systemdenker des von Mendelssohn begründeten Neligionsliberalismus. an Samson Raphael Hirsch, den geistesmächtigen Führer der orthodoren Opposition und Gegner Geigers, und schließlich an den edlen Ludwig findet er als „freundliche Ruine" wieder . . Am Abend seines Lebens hat er aus einem besonderen Grunde häufiger an der Ilm geweilt; denn als einen der letzten, „deren Jugend noch die Strahlen von Goethes leiblichem Auge empfangen hatte", wählte man ihn 1885 zum Präsidenten der ueugegründcten Goethe-Gesellschaft. Nach mehr als einem halben Jahrhundert betrat er nun die Räume wieder, in denen er den Tichter „in der olympischen Herrlichkeit seines Alters" kennengelernt hatte. Jahr um Jahr ist er dann nach Weimar gepilgert, bis die Krankheit des hohen Greisenalters ihn zwang, die Arbeiten der Goethe- Gesellschaft nur noch aus der Ferne zu betreuen. Kaum irgendwo hat man seinen Tod aufrichtiger betrauert als in ihrem Kreise. In einer meisterlichen Gedenkrede hat Karl Frenze! ihn in Weimar als „ein verbindendes typisches Glied in der Kette unserer Entwicklung zwischen Goethe und Bismarck" gewürdigt: „Eduard Simson ist ein glänzendes Beispiel gewesen, wie innig die Ideale unseres klassischen Zeitalters sich mit den Ansprüchen unseres Patriotismus verschwistern, wie die Bewunderung des Schönen weder die werktätige Liebe beeinträchtigt noch die Freude am Staat und den Eifer, ihm zu dienen, lähmt." F. H. Anneliese Landau sprach im Kulturbund über den Jazz. Er gibt, wie die Tänze und Gassenhauer aller Zeiteil, dem Volk genau das, was es verlangt: lcichtfaßliche Melodie. Gebrauchsmusik spiegelt den Zeitgeist wieder; hier äußert sich in der Härte der Rhythmen das Tempo der Arbeit, die Unerbittlichkeit des Lebenslampses: auf der anderen Seite klingt in den weichen Linien des Blues, mit den entsprechenden honigsüßen Worten, etwas von den sentimentalen Wunschträumen des kleinen Mädchens wieder. Die Vortragende hat dw seltene Gabe. Unterhaltendes zu sagen und doch Niveau zu halten. Auseinandersetzuiig mit einzelnen ihrer Behauptungen würde in ein Fachblatt gehören, -ne Zukunfts-Möglichkeiten dos Jazz erscheinen mir nicht so groß wie der Referentin. Wie abgegriffen, all- Philippson, der die. Gefahr ermessend. .einen- Au», gleich der widerstreitenden Richtungen erstrebte. Jedenfalls lag es im Zuge der von Mendelssohn eingeleiteten religiösen Entwicklung, wenn in dem 1818 gegründeten Reformtempel zu Hamburg die deutsche Predigt eingeführt wurde. Ein drittes Moment der Wirkung Mendelssohn lag in dem großen Einfluß, der von feinem Schülerkreise ausging, vor. Auf feine Veranlassung schrieb der preußische Kriegsrat Christian Wilhelm von Dohm sein bahnbrechende Buch „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden" (1781), das zum ersten Male eine politisch-ökonomische Anschauung der Judenfrage enthielt. Mendelssohns Schüler Markus .Herz und Lazarus Bendavid, denen von fernher, wenn auch in lockerer Verbindung, Salomon Maimon zugezählt werden darf, eigneten sich den Gehalt der Kantschen Sittenlehre an, auf deren Grundlage das sittliche Leben der deutschen Nation sich gerade neu formte. — Ebenso wie Fichte, Schleiermacher, Kleist u. a. ging die geistige Oberschicht des deutschen Judeniums in die Schule Kants. Kants Nolle in der Geschichte der deutschen Judenemanzipation ist noch keineswegs genügend gewürdigt worden: seine Maxime der sittlichen Verantwortlichkeit des einzelnen gegenüber der Gemeinschaft ergriff in ihrer Allmacht auch die jüdischen Kreise und erregte in ihnen den Drang, an dem neu pulsierenden deutschen Leben teilzunehmen. Man macht niemals Eroberungen ohne Verluste. Indem die emanzipationsfrcudigcn Juden die christliche Umweltkultur — ob mit Recht oder Unrecht, bleibt dahingestellt — als die weit überlegene empfanden, beschworen sie eine schwere und böse Krise über ihre eigene Existenz herauf. Dies wurde zuerst an der innerjüdischen Politik David Friedländers deutlich. David Friedländer, der erste jüdische Stadtrat Berlins, war die einflußreichste Persönlichkeit aus Mendelssohns Schule. Bei dem Aufbau des jüdischen Bildungs- und Erziehungswesens hat er ebenso wie Israel Jacobson segensreich gewirkt. Um so abwegiger und merkwürdiger war sein Bestreben, gleichsam durch einen Saltomortale — durch einen religiösen Kompromiß mit dem Christentum — die Judenemanzipation durchzusühren. Tas war ein Griff ins Leere. Und es war zugleich ein Schritt auf jener abschüssigen Bahn, die zu dem furchtbaren Substanzverlust des deutschen Judentums führte: zu jenen Massentaufen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gleich einer unstillbaren Blutung unzählige Opfer gefordert haben. Rahel Varn- Hagen, Dorothea Schlegel, die Tochter Mendelsfohns, Börne, Heine sowie die großen Rechtsphilosophen Eduard Gans und Friedrich Julius Stahl gehören zu jenen Opfern. Im Kerne erfaßt ringen um die Gestaltung des Antlitzes jener Zeit zwei Grundmächte, die durch die geläufigen Schlogworte „Romantik" und „Liberalismus" nur von ungefähr bezeichnet werden. Tie illomantik steht als die Weltanschauung der in Blut und Boden schlummernden Urkräfte in schärfstem Gegensatz zu der gesamt-menschlichen Einstellung der bürgerlichen Ideologie, die von der Aufklärung ausgeht und im Liberalismus ausmündet. Die gesamtmenschlich-bürgerliche Ideologie, die einen Unterschied von Mensch zu Mensch verneinte, bejahte daher den Emanzipationsanspruch der jüdischen Mitwohner. Die Romantik, aus deren mythologischen System die Rassenlehre hervorwuchs, war der Judenemanzipation feindlich gesinnt; wobei man allerdings bedenken muß, daß die Romantik ein keineswegs einheitliches Gebilde dartäglich. matt wirken schon heute die weltberühmten Piecen B. Mayerls! Tie Pianisten S e e l i g . B a ß und Fenster legten einen Jazz aus zwei Flügeln hin. der durch die Eleganz der Zusammenarbeit ausfiel. Viktor Langer hatte als Schlagersänger einen schönen Erfolg, wenn auch zu solchen Dingen eine weniger kompakte Tongebung gehört. L. A. Breslau Tas zweite Konzert des Berliner Knlturbund- Orchesters zeigte wieder den ausverkauften ^raal und die stürmische Begeisterung des dankbaren Publikums. Das Orchester hat in den zwei Monaten, die feit dem letzten Breslauer Konzert verflossen sind, an künstlerischer Geschlossenheit und Ausdruckskraft beträchtlich gewonnen. Vor allem spielen jetzt auch die Bläser bei weitem edler und reiner. Ter Kulturbund präsentierte Dr. Kurt S i ng e r. Generalmusikdirektor Joseph Rosenst c d und Michael Taube als Dirigenten. Taube dirigierte Beethovens erste Sinfonie straff und scharf akzentuiert. Tie dritte Leonoren-Ouvertüre fyielte das Orchester unter Rosenstocks Leitung, der sie packend und erschütternd-plastisch gestaltete. Taube und Rosenstock betätigten sich sodann als Solisten in Mozarts Os-clur-Konzert für zwei Klaviere, das Kurt Singer dirigierte. Tie Solisten erwiesen sich als Kanunermusiker edelster Art, und das Orchester spielte leicht und beschwingt, so das; dieses herrliche Konzert beglückend rein erklang. Tas Programm des Abends war im letzten Moment geändert worden; an Stelle der lange angekündigten ersten Sinfonie von Brahms trat Beethovens Erste. Tas ist bedauerlich, weil auch das erste Kulturbundkonzert in Breslau ein Mozart—Becthoven-Abend war. Zu Beginn der Veranstaltung hatte Intendant Dr. Singer in einer tief empfundenen Anspräche der fruchtbaren Arbeit §es Breslauer Knltnrkreises und des Jüdischen Mnsilvercins Breslau gedacht, der er die wärmste Sympathie des Kulturbundes ausdrückte. Schw. Der Kurt Singersche Chor, Berlin, beginnt seine Proben am 5. September im Breitkops-Taal, Berlin W 35, Steglitzer Straße 35. Im Februar 1935 werden zur Erinnerung an den 259. Geburtstag von I. S. Bach und Händel das biblische Oratorium „Belsazar" und die Kantate „Du Hirte Israel höre" aufgeführt. In den Proben am 5. und 12. September werden stimmbegabte und musikalische Damen und Herren, die die Aufführung mitmochen wollen, als Gäste ohne Beitragsverpslichtung ausgenommen. Meldungen, auch schriftlich, an den Dirigenten Dr. Kurt Singer, Berlin SW 68, Charlvttenstraße 90-92. stellt: Die-Jenaör Frühromanti? nähert sich durchaus der Aufklärung, erst die späte sogenannte politische Romantik der Gentz, Adam Müller und des alternden Friedrich Schlegel erklärt der Aufklärung den Krieg. Wenn man alles nur in allem ninnnt, kann man die gesamte politische Geschichte der Emanzipation der Juden in Deutschland unter dem Gesichtspunkte des Kampfes zwischen der feudal-seigneural-romantischen und der bürgerlich-aufklärerisch-demokratischen Weltaussassung darlegen. In der großen Epoche der Siein-Hardendcrgschen Reformen herrschte der Geist des Liberalismus: folglich wurde in dem größten deutschen Lande, in Preußen, die Judenemanzipation im Jahre 1812 durchgcsührt; ein umwälzendes Geschehnis, das auf andere deutschen Staaten beispielhaft wirkte. Nach den Befreiungskriegen siegte der romantische Nationalismus über die allweltlich.gesamtmenschliche Ideologie des aufklärerischen Liberalismus: folglich nahm der Wiener Kongreß von 1815 den jüdischen Belangen gegenüber eine ablehnende Haltung ein. Diese rückläufige Bewegung bekamen die Juden in der Folgezeit reichlich zu spüren: Im Jahre 1822 wurde sogar das preußische Emanzipationsgesetz von 1812 durchlöchert. Ter judenscindlich eiugestcllte romantischkonservative Feudalismus behauptete solange das Feld, bis nach der Pariser Julirevolntion 1830 die bürgerliche Freiheitsbewegung wiederum mächtig anschwoll und nicht eher rastete, bis in dem blutigen Sturmjahr 1848 der Rechts, und Freiheit?- ansprirch de8 nationalen Bürgertums sich sichtbar darstellte. Tie erste deutsche Nationalversammlung, die in der Frankfurter Paulskirche tagte, nahm die Gleichberechtigung der Juden in die Grundrechte der deutschen Neichsversassung auf. Ter Grundsah des Liberalismus hatte. wenn auch nach schwerem Kampfe, gesiegt. Nirgends wird der Wandel in der Auffassung der Judenfrage vielleicht so deutlich, wie an dem Schöpfer t>e-5. zweiten Reiches der Deutschen: Bismarck. In dem ersten Abschnitt seiner politischen Entwicklung stand Bismarck im Banne der politischen Romantik: deshalb hat er sich im vereinigten preußischen Landtag des Jahres 1847 gegen die Judenemanzipation ausgesprochen. Als er jedoch die Romantik in seinem Innern überwand und sich zu einer realistischen Betrachtung des Politikers hindnrchrang, als er zudein den deutschen Juden in seiner wirklichen Gestalt kcnncnlernte, da bekannte er sich in steigendem Maße zu einer „liberalen" Auffassung der Judenfrage. Daher verankerte er in feinem gewaltigen Verfassungswerk die Judenemanzipation in der gleichen Weise, wie es die Neichsversassung des Frankfurter Parlaments getan hatte. Die Norddeutsche Bundesverfassung des Jahres 1869 vollzog die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden. Das Ziel endloser Bemühung schien erreicht: im zweiten Reich der Tentschen besaß der Judo das Bürgerrecht. Wir haben die geschichtliche Entwicklung der Emanzipation absichtlich in den allerknappsten Strichen gezeichnet, um die Knotenpunkte: das Auf und Ab der gegensätzlichen Bewegungen um so deutlicher hervortreten zu lassen. 1812—1848—1869: es sind Jahre der Entscheidung! Will man sie in einen geschichtsphilosophischen Nahmen hineinstellen, so läßt sich vielleicht beobachten, daß der Dreitakt der Hegelschen Logik in der Geschichte der deutschen Jndeneinanzipation wiedertönt. Thesis — die Zeit vom Ende des 15. Jahrhunderts bis 1812 — entspricht den Anfängen, Antithesis — die Zeit von 1812—1848 — dem Niedergang, Synthesis — die Zeit 1845—1869 — der Durchführung der Emanzipation. Aber das Bild, das wir in knappein Umriß entworfen haben, wäre unvollständig, wenn wir nicht abschließend einen Blick ans das-Antlitz des deutschjüdischen Menschen jener Epoche werfen würden. Betrachten wir etwa die Gesichtszüge David Friedländers und Israel Jacobsons, wie sie uns von Künstlcrhand im Portrait ansbcwahrt sind, so bemerken wir eine elegisch-edle, eine wenig schwermütige und gedankenvolle Haltung, wie sie dem Menschen der klassizistischen Epoche eignete. Tas sind Naturen, die von der großen Verantwortung gegenüber ihrer Uunvelt und Mitwelt erfüllt sind, Naturen, an denen jeder Zug verrät, daß sie es mit ihren Menschen- und Bürgerpflichten bitter ernst nehmen. Humanität, Menschenliebe, Sittenstrenge und Demut vor dem Unbegreiflichen formen das Wesen dieser Naturen zu einem Bilde des bürgerlichen Menschen, das jedoch infolge ihres metaphysischen Einschlags über den Bezirk des Nurbürgerlichen hinausweist. Güte und Schlichtheit, Vornehmheit und Lauterkeit des Charakters machen jene Männer zu den würdigen Nachfahren Moses Mendelssohns, dessen physiognomische Note auch bei ihnen in die Erscheinung tritt. Dieselbe physiognomische Grundart treffen wir auch bei jenem herrlichen Alaune an, der sich zunächst in selbstloser Bescheidenheit unserem fragender; Blicke zu entziehen sucht: Leopold Z n n z. In der Eeistesgeschichtc der Juden in Deutschland lebt Zunz als der Begründer der „Wissenschaft des Judentums" fort. Diesen Ehrentitel hat er durch seine bahnbrechenden Forschungen verdient, die die jüdische Theologie und Literaturgeschichte auf eine wissenschaftlich-kritische Grundlage stellten. Zusammen mit Eduard Gans, dem künftigen Apostaten, und Moses Moser, dern Freunde .Heines, begründete er 1819 den „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden", der — hierin in gewissem Sinne em Vorläufer des heutigen „Kulturbundes Deutscher Juden" — die Bildung der jüdischen Erwachsenen Pflegen und insbesondere den Zusammenhang mit dem wertvollen deutschen Kulturgut Herstellen wollte. Fassen wir Zunz' Physiognomie genauer ins Auge, so gernahnt uns sein schönes Lockenhanpt an jene erhebenden Typen romarrtischer Universalwissenschastler, die — wie Eörres, Grimm, Carus und Schrrbert — in genialer Jntrrition die Ganzheit ihrer Wissenschaft im Busen hegen. ‘ An d'er Grenzscheide zwischen' RornaM Z* den naturalistischen Mächten des 19. Jahrhund, erblicken wir die schillernde Proteusnatur d-s genialischen Menschen, der Tichter und anderes als Tichter war: Heinrich Heine 4m reiche Bildnisse halten die Umrisse seiner sterblÄn Gestalt fest; und sie lassen, indem sie Mienenspiel und Linie des Gesichtes zeichnen, zugleich sein Un sterbliches ahnen. Was verraten, was sagen sie uns? In den Jngendbildnissen ist der romantisch, träumerische Einschlag unverkennbar: erst bei dem alternden, todkranken Tichter setzt sich jener *4. gische Leidenszng durch, der an so manclze Figur 4r jüdischen Geschichte erinnert. Nichts davon ist in dem Meisterpvrträt nr spüren, in dem Moritz Oppenheim Antlitz und 4. stalt Ludwig Börnes uns aufbewahrt hat. 7^ politische Idealist, der heißblütige Patriot 'der spxungberc-ite Kämpfer, der geistreich-witziae'Kvpi der pointierende Stilist und Finder schlagende^ Sentenzen: in jenem Bilde, das nunmehr im B<rli'. ner Jüdischen Museum häugt, bleibt er derHach. welt uuvcrlvren. * ' J Und die «zcne erweitert sich. Es treten Manner auf den Plan, von denen der eine ein weicheversöhnliches. humanistisches Teinperament. der andere ein starres, doktrinär-dogmatisches. den Melancholisch-Düsteren zugewandtes Gcmm besitzt Es sind die beiden Vorkämpfer der Judenemanzb pation: Gabriel R i e s s c r ans Hamburg und Johann I a c o b y ans Königsberg. Tie Stauunbäume der beiden Männer weisen nach dem Osten, aus dem seit der großen Juden- Wanderung des späten Mittelalters in rückläufiger Bewegung Kraftströme ins Mutterland zurück, geflossen sind. Sowohl Jaeoby als auch Nieisec sind als Politiker der deutschen liberalen Bewegung in die Geschichte eingcgangen; dem bürgerlichen Berufe war der eine Arzt, der andere Rechtsanwalt. Im Kampf für die staatsbürgcrliche Gleichberechtigung ihrer Glaubensgenossen haben sie sich die politischen Sporen verdient. Ein frcistaatliches, ans dem Grunde der Selbst, bestimmung ruhendes Deutschland erschien sowohl dem einen wie dem anderen als das höchste nationale Ziel der Deutschen. Auf dem Weg zur Verwirklichung jenes großen politischen Ideals des 19. Jahrhunderts gelangte Jacoby in die preußische Nationalversammlung von 1847 und in das spätere preußische Parlament, Niesser gelangte in die erste deutsche Nationalversammlung von 1848/49, deren Vizepräsident er wurde. In dem schicksalsschweren vorigen Jahrhundert hat der Zwang zur Assimilation immer wieder, jüdischen Angleichungen an die deutsche Umwelt Vorschub geleistet. Extreme Pole dieses Assiinilationsdorgangcs stellen die beiden Männer jüdischer Abkunft dar, die in der deutschen allgemeinen Geschichte Epoche gemacht haben. Einmal Friedrich Juli ns Stahl, der Judenstämmling, der zum Verkünder der Idee des christlichen Staates und zmn Schöpfer des konservativen Parteiprogramms wurde, sodann Ferdinand Las falle, jener Feuerkopf, bei dem aus dem Gedanken die Tat folgte: die Sammlung der deutschen Arbeiterschaft unter dem Banner des nationalen Staates. Stahl war Prophete rechts. Lassalle Prophete links, das Welkkind in der Mitte war Vert h o l d Auerbach, der liebenswürdige Heimatdichter, der volkstümliche Erzähler des deutschen Bürgertums. In der Person des gütigen, optimistisch heiteren Mannes schien die Emanzipation, sofern sie Assimilation war, der Vollendung ncchegcrückt zu feiu. Das war ein Trug, ein schöner Wahn, der bei der judenfeiudlicheu Bewegung der Stöcker-Zcit entzwcibrach. Im Schatten der Titanen, der das Hohenzollernrcich aus der Feuertaufe hob. nehmen '.vir die Eharakterköpse zweier deutschiüdischer Politiker wahr, die unter restlosein Einsatz ihrer Perlonlichkcit am Ausbau des neuen Reiches Anteil genommen haben. Neben der hageren Erscheinung Ludwig Bambergers, der mit gedankenschweren Augen gleichsam in die Ferne blickt, steht die kleine, nervös bewegte Gestalt Eduard L a s k e r s : und jene gedrungene Figur im Hintergrund der beiden, jener Alaun init dem energischen Eesichtszng, das ist nieinand anders als Paul Nathan, jüdischer Epilog der liberalen Aera. Tas ist bedeutsam: beim während Bambergen an die Schaffung der Währung und Laster an die Schaffung der Gesetzgebung des neuen Reiches der Hohcnzollern seine Kraft wendete, wuchs Nathan insofern über seine beiden Lehrmeister hinaus,, als neben der deutschpolüftcheir außerdem die gesamtjüdische Aufgabe und Verantwortung zum Inhalt seines Lebens wurde. Deshalb weist Paul Nathan -über das Zeitalter der Emanzipation in engerem Sinne hinaus in jene Epoche, die die unsere sein wird. wenn nur^dw Kraft haben, sie zu der unseren zu machen. Die Emanzipation ist eine Frage des Lebcnsraumes. Solange das Raumproblem für die jüdische Menschheit ungelöst ist, wird immer Emanzipation erforderlich sein; ob sic erreichbar sein wird, steht auf einem anderen Blatt. Die Emanzipation nun stets in gewissem Umsang eine Assimilation zur Folge haben: „So mußt du sein, dir'kannst du nicht entfliehen!" Eins AiMirkkM dsr AWesiie Dem Kaufmann Albert R o f e n t h a lund dem Verwaltungsdirektor der Breslauer Jüdischen v * metnbe, Tr. Ernst Rechnitz, die als Versätze bzw. verantwortlicher Redakteur eines oc August-Nummer des Breslauer Gemeindeblaues erschienenen Artikels .JZch suche meine Brüder" vo> Sondergericht Breslau am 14. November 1933 p einem Jahr drei Monaten Gefängnis derurten worden waren, sind auf Grund der von dZr Rewb-' regierung erlassenen Amnestie der Rest lyr Strafen im Gnadenwege erlassen worden.