Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 34 (23.8.1934)
- Date
- 1934-08-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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zur srsamljWlschkir galiung des LrrSaiides -er Jüdischen gagendvereine Deutschlands „Ter .Bund', die deutsch-jüdische Jugend, bewegimg" — diese mit ^.jnß auf den Bund Teutsch-J irdischer fugend iir den Spalten der „E.-V.-Zeitung" geprägte Formulierting, tzat den Verband der jüdischen Jngendvereine Teutsch. Innb^ zu einer 81cl(uni]jwlimc vernnlaßt. In der „Leite der Jugend" hakten wir vor einigen Wochen eine Erklärung der Verbandsleitung veröffentlicht, in der sie den in dieser Wendung zum Ausdruck kommenden AuSschließlichkeitsansprnch des „Bundes" bestreitet, weil „auch für Nnt Verband die aktive Gestaltung des Lebens der Juden in Deutschland im Mittelpunkt seiner Arbeit steht". Don seiten des Lundes ist daraufhin die VerbandSideologie einer nähererr Prüfung unterzogen rvorden. Jetzt wendet sich auch der Der- band selbst an uns mit einem Aussatz, der dartun soll, daß die gesarntjüdische Haltung des Berbandes zugleich eine echte Entscheidung enthält. Wir geben dieser Lelbstdarstellung gern Baum und hosfen, damit zur Aufhellung der vielfach unklaren ideologischen Dorftellungen innerhalb der jüdischen Jugendbewegung lvizutragen. Tie Lchriftleitung. Im deutschen Iudentuin hat cs nie an Stirnnicn gekehlt, die für eine E i n i g u n g eingetreten sind. Allerdings gab es von dieser Einigung keine klare Vorstellung. Auf der einen Leite stehen diejenigen, die aus ihrer jüdischen Existenz heraus eine echte Einheit jüdischer Lebensgestaltung wosten. Auf der anderen Leite stehen diejenigen, die unter Einigkeit verstehen, das; die verschiedenen jüdischen Gruppen sich zu gemeinsamer sachlicher Arbeit zusammcnfinden, wobei aber ihre jeiucilige „Weltailschauung" unangetastet bleiben soll. Gerade in der jüdischen Jugend aller herkömmlichen Richtungen sind stimmen laut geworden, die eine echte Einheit des deutschen Judentums fordern. Ter jüdische Jugendverband hat diese Einheit Zlic Grundlage seiner Arbeit gemacht. Denn er glaubt an die Möglichkeit einer echten Synthese und seine Arbeit gilt der Verwirklichung dieser Idee. Indem er so für die Zukunft des deutschen Judentums arbeitet, glaubt er sich zu einer Au?, einandersetzung mit dein Bund deutsch-jüdischer Jugend verpflichtet angesichts des Ausschließlich, keitsanspruchcs, den dieser erheben zu können meint. Tie Idee des Verbandes hat nichts mit farbloser Neutralität zu Lun. Es muß anscheinend immer wieder gesagt werden, Paß der Jugendverband, der bisher innerhalb der jüdischen Jugendbewegung als „neutraler Verband" existiert hat, durch diese Kennzeichnung in seinem Wollen heute nicht mehr zu charakterisieren ist. Tenn er geht von einer einheitlichen Grundkonzeption der Existenz der Inden in der Welt aus. Er gibt seinen Menschen eine ganz bestimmte, fest umrissene Aus. richtung. Es gab für den Verband zwei Möglichkeiten, die formale Neutralität zu verlassen: entweder sich für eine der beiden herkömmlichen Hauptrichtungen im deutschen Judentum zu „entscheiden" oder die der alten Neutralität zugrunde liegende Einheitsidce in seiner gesamtjüdischen Haltung neu zu gestalten und zu formulieren. Ter Verband hat den letzten Weg gewählt, weil cs seiner tiefen Nebcrzengung entspricht, daß unsere Existenz als Juden eine neue Fundierung verlangt, die ihre Kraft aus sich selbst bezieht. Demgegenüber setzt die Argumentation, daß die Stunde eine „Entscheidung" im herkömmlichen Sinne fordere, eine Anerkennung der Vorhändenen Spaltungen voraus, die der Jugendverband gerade überwinden will. Wir haben uns über das Wesen der Entscheidung im jüdischen Bereich klar zu werden. Man kann dies alternativ oder dialektisch tun. Wir glauben, daß anstelle einer Alte rnativ.Auffassung eine d ia. lektische „Entscheidung" zu treten hat. Es gibt keine „zwei Seiten", Deutschland oder Palästina, von denen eine „Hilfe" kommen kgnn. „Entscheidung" allein kann nicht „helfen", um so weniger, wenn man sie als Wahl zwischen zwei Seiten nach der so „entschieden", aber auch Primi, tiv klingenden Formel „Entweder — Oder" deutet. Beim besten Willen können wir in einem solchen Verfahren weder eine neue Stellung, nähme, noch eine Stellungnahme „zu dern Neuen" erblicken. Im Gegenteil: Der Mut zu dem Neuen besteht darin, daß wir das Vorhandensein einer Alternative selbst in Frage stellen. Damit lrenbcif wir uns gegen die überkommene Form des jüdischen Partcidenlcns und kämpfen für die Durch, setzung dieser Idee, die uns in den Erlebnissen des vergangenen Jahres erneut bestätigt worden ist. Unser Lebensraum wird ja heute nicht nur durch Gesinnung und Willenscntscheid bedingt. Deshalb stellt der Jugendverband das Gemeinsame der kollektiven geistigen Prägung voran. Stärker als das ideologische Cchlagivort ist für ihn die soziologische Wirklichkeit. Diese Einstellung bewahrt ihn davor, das Hierbleiben deutscher Juden, ebenso wie das Fortgehen anderer, mit falschen Ideologien zu umkleiden. Das jüdische Geschichts. crlsbnis des letzten Jahres hat uns unmittelbar in die eine jüdische Lchicksalsgemeinschaft hineingestellt, ans der heraus wir unseren Willen, in Deutschland zu leben, so aussprechen, daß diese Haltung im Einklang bleibt mit unserem jüdischen Lebenswillen überhaupt. Wäre jene überspitzte Parole ..Hierbleiben oder nntergehen" richtig, so müssten von den deutschen Juden, die seit einem Jahr Deutschland verlassen haben, alle Nichtzionisten Verräter an unserer Lache sein. Lurch eine solche Ueberspitzung der derrtschjüdischen Parole ist dem Lebenswillen und den Lebensnotweiidigkeiten nuferer jüdischen Jugend nicht gerecht zu werden. Die Erkenntnis von der SchicksalSgermnnschast des Judentums richlet den Blick von selbst auf Palästina, weil wir wissen, das; viele von uns ans dem durch Geschichte und Schicksal gezeichneten Boden — wo wäre sonst Hossnung? — ihre neue Heimat suchen und finden werden, und weil wir wollen. daß ihnen dort eine jüdische Heimat werde, jüdisch genug, um auch uns hier Stärkung zu sein beim Neuaufbau. der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Da? ist ober die gemeinsame zentrale Problematik des jüdischen Wiederaufbaues in Deutschland und Palästina: Tie Schaffung eines eckten jüdischen Lebensstiles, einer Personlichen und Gemcinschastshaltung, in der wir unsere Eristenz gestalten können. Mag die Frage des Lebensraumes von dem einzelnen subjektiv und individuell beantwortet werden, die Frage der Lebensgestaltung erheischt objektive und kollektive Antwort. Auf uns selbst gestellt, wollen wir den jüdischen Menschen, der, wo immer er lebt, fern Leben als vollbewußter Jiide ansrecht imd ungcbrochen. lebenstüchtig und in sozialer Verantwort, lichkeit gestaltet Dieses Indesein ist ims m dem Erleben des Jahres m\ alS Not und Aufgabe neu bestätigt worden. Wir sollten diese Not nicht schon wieder so weit vergessen habeii. daß wir nrn.^ ihren wirtschaftlichen und nicht auch den seelischen Sektor, also ihre ganze unteilbare Einheit sehen. Diese Aufgabe erkennen rind sie gestalten, ist wirkliche Entscheidung, die wir als Ge. meinschaft zu vollziehen haben. Verkennung unserer Situation wäre eS. die Entscheidung, die uns als Gemeinschaft auserlegt ist, in einer Alter, native Deutschland—Palästina zu sehen. Unter der Perspektive der kollektiv gestellten Frage rücken Erez Israel und Golah einander nahe. Wir erkennen, daß beide unter der gleichen Aufgabe stehen: Dem Suchen nach einer neuen jüdischen Lebensform. Erez Israel und Golah schließen sich doch nicht aus. Nur durch eine falsche Alternativ-Fragestellung kann man dazu kommen, Palästina einfach als Teil der Golah zu sehen. Demgegenüber bedeutet zur Lösung der Probleme der Golah Palästina eine besondere Chance, da sich dort bereits bestimmte Formen einer Antwort ans die Fragen des jüdischen Lebensstils abzeichnen, obwohl in der religiösen und gesellschaftlichen Lebensgestaltung auc£) Palästina sich erst noch zu bewähren hat. Erez Israel und Golah stehen in lebendiger Wechselwirkung. Es ist notwendig, gerade um diese Einsicht fruchtbar werden zu lassen, daß die gesamte jüdische Jugend in Deutschland dem Aufbauwerk Palästinas positiv verbunden ist. Es scheint uns dann eine neue Gruppierung zu geben, die aber nicht mehr ideologisch, sondern faktisch begründet ist, nämlich in jüdische junge Menschen, die nach Palästina gehen, und in solche, die nicht nach Palästina gehen. Es versteht sich von selbst, daß der nach Palästina gehende Teil der jüdischen Jugend schon in Deutschland zionistisch ist. Der in Deutschland verbleibende Teil der jüdischen Jugend darf aber nicht a n t i z i o n i st i s ch sein. Vielmehr sollte an die Stelle jener innerjüdisch kämpferischen Pointievung der d e u t s ch j ü d i s ch e n Einstellung eine gesarntjüdische Haltung treten, die, unter voller Betonung der Verbindung dieser in Deutschland bleibenden jüdischen Jugend mit ihrer deutschen Heimat eine positive Beziehung zu dem Aufbauwerk in Palästina besitzt. Für * die gesarntjüdische Haltung besitzt die Frage: Deutschland oder Palästina keinen Alternativcharakter, da sie den Schwerpunkt der Erzichungsarbeit von der Frage de-5 Lebensraumes zur Frage der L e b e n s g e st a l t u n g verlagert. Sie bedeutet danach in der Erziehungsarbeit ein Abrücken von ideologischen Auseinandersetzungen und eine Konzentration ans die eigentliche ErziehnrrgSansgabc, einen Thpu-s zu erziehen, der aus der Fülle seiner jüdischen Substanz heraus zur jüdischen Einsatzbereitschaft und der — für die m Deutschland bleibende jüdische Jugend — zugleich zu der notwendigen Begegnung mit der deutschen Umwelt befähigt genug ist. Die Entwicklung stellt sich dem Jugendverband so dar. daß die gesarntjüdische Haltung die Einheit des deutschen Judentums zu begründen vermag. Sie bildet unmittelbar das ,Fundament für die Arbeit der jüdischen Jugend in Deutschland. Die zionistische Gruppe muß. auch fa «. palästina-zentrischen Ausrichtung, von dieser samtjüdischen Fundierung ausgehen. Ter deuti^' .jüdischen Gruppe wird cs dann, wenn sie sich S' tieferen Einsicht der gesarntjüdischn Haltunq CV schlossen haben wird, die totale jüdische %LZ sichtbar werden können. e Diese gesarntjüdische Verantwortung. fl<>iroa von der Wechselbeziehung zwischen Erez fttael L Golah. muß einen neuen Erundtrm w die inner. jüdisck)e Auseinandersetzung tragen. An dieser LtRe bewegt es uns. für den Jugendverband zn bekennen daß wir mit dem Bund Dcutsch-Jüdischcr W»!) als Gemeinsames sehen: Den Wille/ zu einem deiit. scheu Judentum, nicht nur einem der >öcrkun,'t' sondern auch einem der Zukunft, dem seine'jüdisch' Teschuwah ausgegeben ist. Wir würden tgrüßen, wenn jene Gemeinsamkeit nicht nur theo'. re tisch sestgestellt bliebe. Tie einzige, aber auch un. abdingbare Voraussctzung solcher Entwicklung ist daß dem Jugendverband ein klarer Crnndton samtjüdischer Haltung aus dem Bund Teutsch. Jüdischer Jugend vernehmbar wird. Reinliold Herz (Berlin). in Ile illfis Ssltung' Die Schriftleitung dieses Blattes hat bereit zu einer Reihe von Zuschriften zu meinem Arli'ck „Der Weg in die jüdische Zeitung" Stcllunq v. nommen. In der letzten Nummer der „E -I. Zeitung" sind nun zwei Aenßeriingcn von ichr. manu Sinsheimer und Theodor Simon er. schienen, auf die noch kurz eingegangen werden soll. Beide Herren gehen insoweit von irnüm. lichen Voranssetzungen aus. als sie nnneljun’u daß der von mir vorgeschlagene Sch»lungsbn.z für jüdische Journalisten die'Aufgabe der siid-. scheu Erziehung lösen soll. Es ist weder beabsichtigt, ..Erziehungssubstrate herzustellen", von denen Herr Simon befurchtet, das; ihn; der N.R eines frischen Journalismus auf diese Weise ab- Händen. kommen würde, noch kann ans biete Weise jüdisches Lernen dem erspart werden, der sich nen den Bezirken jüdischen Lebens in Deutsch, land nähert. Was erreicht werden soll ist etwas, wenn man so will, ganz Primitives. Von allen Seiten hören wir von Journalisten, die jetzt aas einmal über jüdische Ereignisse und Probleme b?. richten sollen, die lebhaften Klagen, das; sie sich in dem organisatorischen Aufbau des deutschen Judentums und seiner weltanschaulichen Glied?, rung nicht zurecht finden. Gibt es denn keine Möglichkeit, so werden wir immer wieder gefragi, uns in knapper Form über die Organisationen und Institutionen des deutschen Jrrdentinns und der inneren Arbeit zu informieren? Diese hnformationen zu fjeben ist beabsichtigt. In feiner Weise kann bannt und soll damit das Problem jüdischen Lernens gelöst werden, das Hermann Sinsheimer so eindringlich gezeichnet hat. hm Bezirk jüdischer Vergangenheit und jüdische: Gegenwart heimisch zu werden, ist eine Arbeit von Jahren. Eine Arbeit im übrigen, die fast in gleichem Umfang von denen zu leisten ist, die schon länger im Bannkreis des deutschen Indentums leben. Wir lernen alle täglich hinzu wie kaum eine Generation vor uns und uns allen geht es so, daß wir schon Artikel, die wir vor einem Jahr geschrieben haben, nicht ohne innere Beklemmung mehr leseir können, weil die Zwischenzeit uns an neuen Erkenntnissen und Kenntnissen fast mehr gebracht hat, als wir es manch, mal bewältigen können. Diesen Weg. den Weg jüdischen Lernens, werden wir also, verehrter Hermann Sinsheinrer, gcnreinsam gehen müssen. Daneben dürfen aber die Aufgaben cinfndirr Informierung und Unterrichtung nicht vernacklölligt werden. Friedrich Brodnitz. SM Mg 311m J&eefer Ssn Hermann Sinsheimer Wenn man mit Freunden zusammensitzt, die beim Theater gelandet oder vielmehr in feine Flut geraten sind, hört man sie, falls sie Wiener sind, oft von ihren Ingenderlebnissen ans der vierten Galerie schwärmen, von Kainz, vielleicht auch noch von Mitterwurzer, von Baumeister. Lewinsty und Sonnenthal, der Wolters u. a. Tie Berliner pflegen dann ebenfalls mit ihren Erinnerungen an Kainz, dann mit denen an Matkowsky, Volmer u. a. einzufallen. Tie Münchener schließen den Reigen mit ihrem Possart, Heuser oder gar noch mit Clara Ziegler. Ich sitze dabei wie ein Ausgestoßener. Von den meisten dieser Großen und Größen habe ich zwar als Student in Wien, Berlin und München gerade noch genippt. Kainz und Pofsart sogar noch in ihrer ganzen Größe oder Großartigkeit kennengelernt; aber meiner Jugend hat die „vierte Galerie" samt allem, was dazu gehört, gefehlt — und dies so sehr, das; ich als Fünfzehnjähriger nicht einmal hätte sagen können, was eine vierte oder andere Galerie ist. Ich kannte nur eine Galerie, und die war in dem alten Gartenhaus meiner Großeltern — und siewar voll von Hacken. Spaten, gebündelten Reben und altem Gerümpel und von Mäusen besucht, so daß das Betreten dieses unwirtlichen Ortes mit anderen als tragischen Erschütterungen verbunden zu fein pflegte. Meine „vierte Galerie" waren . Reclam- Bändchen und Klassikerausgaben in Goldschnitt, waren die langen Berichte über Theaierpremieren, die ich in der „Frankfurter Zeijung" las, die mein Vater hielt, und die nicht viel anders auf mich wirkten als etwa einige Jahre vorher die Geschichten von Robinson Crusoe oder Lederstrumpf. Ich bekam, zwischen den Dichtern und den Kritikern in einem luftleeren Raum lebend, den denkbar romantischsten und irrationalsten Begriff vom Theater. Theater war in meiner Vorstellung etwas Abenteuerliches und Verwegenes. Der Schauspieler, von dem die Zeitungen damals noch nicht täglich Bilder brachten wie heute, wurde der große Unbekannte. etwas für meine ganz im Törflichen verbliebene Phantasie fast Unvorstellbares. Ich kannte den Winzer, den Schmied, den Schreiner, den Knecht, ich kannte allerdings aitch den jährlich dreimal ins Dorf kommenden Karussellbesitzer und sogar — das war die Höhe — die alljährlich einmal erscheinende Seiltänzertruppe der (inzwischen durch Zuckmayer in die Literatur eingeführten) Familie Knie. Von dieser, die mit ihren zwei Wanderwagen in der Nahe meines Elternhauses zu domizilieren pflegte, berauschten mich vor allem zwei Erscheinungen: das Mädchen im Trikot und der dumrne August, der Clown. (Wir, in Westdeutschland, nannten ihn „Bajas"). Das „Mädchen im Trikot" war in Wahrheit die Frau Knie und Mutter vieler Kinder. Aber wenn sie im Trikot und geschminkt war, wurde sie zum „Mädchen", zur Jungfrau, zu etwas Märchenhaftem. Und wenn sie gar über das hohe Seil lief, durchbrach sie für mich vollends die Grenze zwischen Irdischem und Ueberirdischem. An ihr sättigte sich zuerst meine Ahnung von dem Schauspielertum als etwas Erhöhtem und Hohem, als etwas Schwebendem und- Schwankendem. Und dann der Elown, der Bajas: er hatte lächerlich kurze Beine, fast keinen Hals und einen übermäßig dicken Kopf. Er konnte ebensognt ans diesem Kopf wie ans jenen Beinen stehen, er konnte sogar den Kops total zwischen die Beine nehmen. Er machte Witze, er schlug Purzelbäume, ja — hier begann das Gegenteil des Wunders. das beängstigende und geradezu peinliche Unwunder — er wagte es sogar, mit dem „Mädchen im Trikot" aller- Hand Possen zu treiben, die freilich von ihr mit hoheitsvollem und sichtlich auch verächtlichem Lächeln teils quittiert, teils abgelehnt wurden. Im Clown verkörperte sich mir das Niedere der Schauspielkunst. nämlich das, was eigentlich niederer war als man selbst. Possenreißer — das verstanden wir doch alle, wir Jungens, und wir bemühten uns sogar, einige seiner Kunststücke nachznmachcn. Das „Nachmachen" spielte alsbald eine große Nolle in unserem Kreis, die wir täglich eine Stunde Wegs, zwischen Weinbergen und Obstgärten, bis ins nächste Städtchen, wo die Lateinschule war, znrückzulegen hatten. Oft genug mimten wir unterwegs die Familie Knie. Einer, der übrigens später Bersichernnasöeamter wurde, konnte sogar das „Mädchen im Trikot" nachmachen. Ein anderer, später Kleriker und Kapellmeister in einem berühmten deutschen Tom. schwang sich znm Direktor, zum Herrn Knie selbst, auf. Ich machte keine Karriere, ich hatte bei diesen Spielen immer Herzklopfen und war aufgeregt, wenn ich etwas darstellen sollte, was ich ja doch nicht war . . . Denn aus den Dichtern, die ich Nächte hindurch las, war mir schon das seltsame Wunder Verwandlung ausgegangen, vor dem ich mich fürchtete. Als wir im väterlichen Hof des späteren Tomkapellmeisters eine Bühne anffchlngen, deren größte Sehenswürdigkeit ein bemalter Vorhang war, der wirklich auf- und zuging, da wurde mir nur der Posten des Ausrufers und Geldeinsammlcrs übertragen. Wir führten keine „Tichtmrg" ans, sondern wir waren die Familie Knie, eine Spezialitätentruppe. Ich rief aus, das heißt: ich sagte an. was kommeit würde, und das tat ich vor Aufregung so laut, daß mir von den anderen auch die Eignung hierzu bestritten wurde. Das Schlimmste aber war das . Geldemsammeln. Bei der richtigen Familie Knie besorgte das der Clown, und dies war mit ein Grund, warum er bei uns weder angesehen noch beliebt war — ein „Niederer". Ich aber mußte nun in seine Fnßtapfen treten, das demütigte mich. Zn jener Zeit nahm mich einmal mein Vater mit nach Mannheim, das zwar schon jenseits des Rheines lag, was ihm als „ferne Stadt" in meinem Kindergemüt allerhand Respekt verschaffte, aber immerhin in einer Bahnstnnde zu erreichen war. Tort sahen wir am Nachmittag in einem Lokal eine Volkssängertruppe, von der, nach Absolvicrnng eines Teiles ihres Programms, einer bei den Güsten einsammeln ging. Er hatie eine bunte Papiermütze ans und _ quitllerie jedes Geldstück, das er'bekam, mit einem Am?. Er machte seine Sache besser als ich. und W schämte mich ein bißchen. Warum hatte man mir aber nicht auch eine so bunte Papiernm^' aufgesetzt? Als dieser, mein engerer „gmR kollege", zu einem älteren Mann.^der allem am Nebentisch saß, mit seinem Teller trm. machte der eine llmstvoll abwehreude -mmcgung und sagte: „Selbst Artist!" Ter Nlum wa'?glatt rasiert, hatte hochgeoürstete. wcme Locken und große Säcke unter den Augen, osah aus wie ein Fremdling. Aufgeregt fragte ich meinen Vater, mm das sei — em Artist? Ntein Vater autwormd ein Künstler! Und nun ließ ich nicht ab. Dc>. alten Mainz, der so würdig aussah. sem,,^' dankenschtveres Hairpt in eine ringgeschuulMt- Hand stützte und nichts zu zahlcii brauai.^ angistarren, mich an seiner Erscheinung znsangen und zu versuchen, in seine innerlm Geheimnisse zu dringen. Dieser edle Greis also war em Künstler. Natürlich ein Schauspieler. Einsam, i-* traurig saß er da und träumte vor sich b ' kein Mensch wie die anderen, die Geld Sammelteller warfen, sondern fern und Gut, fern von Heim und Harts, eine ans dem Märchen. In ihm trat nur die <- sonifikatiou der Kunst in einer edlen uno' gischen Gestalt entgegen. Nun endlich ich. wie ein wirklicher Künstler aussay- - ihm verblaßte sogar das m Trikot". Er ging in meine Träume usv meine Sehnsüchte ein, er begleitet ", Lektüre der Reolain-Bändchcn und der schnittklassiker. *?,t riL" Einmal faiit in unser Tors auch er