Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 31 (2.8.1934)
- Date
- 1934-08-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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C-V.-Ztg. F“ Beiblatt f3 Nr. 31 Lisa I ii B 2. August 1934 c^rz3 i nOji .—J F^7 V©n Professor L.F. Meyer, Berlin Da? Problem de? einzigen Kindes existiert in der jüdischen Familie erst seit etwa fünf Jahrzehnten. Unsere Stammbäume Zeigen alle ungefähr da? gleiche Bild einer umgekehrten Pyramide, oben drei! und unten spitz. Unsere .Großeltern hatten zu- ^eist noch sechs bis zehn Kinder, unsere Eltern noch vier bi* sechs, in der Generation, der ich angehöre, rrercn bereits nur ein bis drei Kinder die Regel, und die folgende Generation beschränkte sich allocmein ain ein bis zwei Kinder. Ganz scharf zeigt die Statistik, daß die Geburtenabnahmen bei uns Juden in den Jahren 18*5 bis 1890 einsetzte und seitdem sich unaufhaltsam fortgesetzt hat. Im ttanse non vier Generationen ist ein Abschwung in der Minderzahl von zehn zu fünf zu drei zu eins erfolgt. Wir stehen mit diesem Eeburtenschwund ' vor einem Novum in der Geschichte der Juden, das von den ernstesten Folgen für ihre Forteristenz begleitet sein muß. L-enn wir uns vergegenwärtigen, daß nach einer Berechnung des Sozialhygienikers Erotjahn auf jede fruchtbare Ehe drei bis fünf Kinder fallen müssen, um nur den Bestand einer Bevölkerung zu erhalten, dann wird Me. km-iitrovhale Bedeutung des Geburtenrückganges ins rechre Licht gesetzt. Es ist nicht uninteressant, daß der Geburtenrückgang bei uns Juden, dein nnierer christlichen deutschen Umwelt weit vorausgeeilt ist. Freilich ist nach dem Krieg die eheliche Fruchtbarkeit auch in christlichen Kreisen in ahnlicher Weise — in katholischer Bevölkerung in geringerem Ausmaß — abgesunkeu. Ter Geburtenrückgang zeigte sich zuerst in den wohlhabenden Schichten, heute aber besteht in den sozial verschiedenen Bevölkcrungsschichten nach Freudenberg kein Unterschied mehr in der Kinderzahl. Auch ircnigcr bemittelte Gruppen, Arbeiter, kleine Angciiellle und Beamte, weisen nur ein bis zwei Kinder se Familie auf. Erst in allerletzter Zeit scheint sich ein Umschwung anzudeuten. 7er Geburtenrückgang ist eine Folge der Zirilisation. In Ländern mit durchschnittlich geräqcvet Zwilisationshöhe, wie Rußland, Polen, Ädemerika, gibt es auch heute noch keine Geävoienabnahme. Aber auch iin jüdischen Palästina, loo die Hoffnung aus die Zukunft alle rationalen . Bedenken überwiegt, ist kein Geburtenrückgang zu kevzeichnen. Ueber die Ursache der Geburtenednehme ist viel geschrieben worden, einmal wurde der wirtschaftliche Notstand, ein andermal die allzu rationale Lebensanschauung der Eltern oder der ÜÜunsch nach persönlicher Sorgensreiheit als Ursache angeführt. Die Motive mögen im Einzelfall wechseln, im Grunde scheint die veränderte -tc-llung der Frau in der heutigen Gesellschaft, ihre Mitarbeit im Beruf, ihre Gleichberechtigung mit dem Alaun zu dieser bedauerlichen, aber nicht leicht Zu ändernden Entwicklung geführt zu haben. Wir deutschen Juden werden in der nächsten Zeit feum eine stärkere Zunahme der Geburten- ■ Zahl zu erwarten haben. Nach einer Berechnung Tr. Händlers gibt es heute fast ebenso viel deutsche Juden im Alter über 70 Jahren wie Kinder bis Zu fünf Jahren. Ta. viele jüdische Eltern leider nur ein Kind haben, ist es wichtig, die Schwierigkeiten und Erziehungsfehler zu kennen, die die 'luszichung des einzigen Kinde? mit sich bringt. Tonn mir, wenn wir dieser Schwierigkeiten bewußt sind, werden wir eine Fehlerziehung zu vermeiden imstande sein. Tabei ist zu berücksichtigen, daß den gleichen Erziehungsschäden wie die rrnzigen. auch erstgeborene Kinder ausgesetzt sind, wenn ein Zeitraum von drei bis vier Jahren bis zur Eeburt des zweiten Kindes verstreicht, diese Kinder also in der für die Erziehung wichtigsten Abenszcit allein geblieben sind. Auch spatgeboreue Jüngüe und ausgesprochene Liebliugskiuder nehmen r’t die gleiche Ausnahmestellung wie die einzigen cin und sind deshalb den gleichen Erzichungs- Mahren ausgesetzt. heutzutage ist man geneigt, den Einfluß der Er- Ziehung geringer eiuzuschätzeu als den der Erbo n l a g e. Ter entscheidende Einfluß der Erban-!age auf Körper. Geist, Seele kann nicht bezweifelt werden. Immer wieder stehen wir überrascht vor der Tatsache, in welch außerordentlichem Maße Eeital.t und Gehalt, Organstärken und Organschwächen. Edles und Unedles, Talent und Unvermögen den Gesetzen der Vererbung folgen. Dennnoch darf man den Einfluß der Umwelt, in der wir geboren und in der wir erzogen werden, nicht gering cinschätzen. Am stärksten ist dieser Einfluß wj den Jahren der ersten Kindheit, weil dw Aufnahmefähigkeit in dieser Zeit am größten Hk- Ans diesem Grund sind die e r st e n K i n - verjähre, darüber sind sich die meisten Eltern nvch nickst klar, für den Aufbau der Pcri ö ll l i ch k e i t entscheidend. Mit dem Einin das Schulalter ist die Lebenslinie des Kin- Oks schon scharf Umrissen und unsere Erziehung vermag nicht mehr allzuviel zu ändern. Wie das ßinb in dieser frühen Zeit die Welt ausfaßt und *°tc sich zu ihr einstcllt, das bleibt für lange, wahrscheinlich für das ganze Leben richtunggebend vnd bestimmend. Nicht im Ernst der Schuljahre. S?6™ ^tel der lustvollen Kinderstube formen I'ch Lebensstil und Charakter als Diagonale zwischen.Anlage und Erlebnis. Erziehungsfehler sind gerade in dieser Zeit häufig und bringen nachhaltigen Schaden. Das einzige Kind ist in dieser Lebenszeit erhöhten Erziehungsgefahren ausgesetzt, weil die Schäden des Milieus außerhalb des Hauses keinen Ausgleich erfahren. Es waren Kinderärzte, die zuerst aus die Erziehungsschwrerigkeiteu einziger Kinder ausmerksam gemacht haben. (Neter, Czerny und Fried, jung.) Eindringlich haben sie daraus hingcwieseu, worauf die Sonderstellung des einzigen Kindes zurückzuführen ist, aus ein Uebermaß auf der einen ^eite, auf einen Mangel auf der anderen Seite. Ein Uebermaß an Sorge, Aufmerksamkeit, Ucberwachung, Zärtlichkeit, wird dem einzigen Kind zugewandt, ein Zuwenig an ausglcichenden sozialen Einflüssen durch den Mangel au geschwisterlichen Kameraden steht dieser Hypertrophie von Bcrzärtcluug und Verwöhnung gegenüber. Tas einzige Kind ist die Hauptperson der Familie, in der es von der Natur zu der Nebenperson Has KssvMM. nasser! Bezug in Gross - Berlia frei Haus durch, die Versandstelle der ßtaatsquellcn Facbingea und Nicdcrseltcrs, Berlin SW 11, Schüneberger-Str. 16a. Tel.: 82 Lütz. 5261. <tms> bestimmt ist. Allen körperlichen und seelischen Funktionen wird ein übertriebener Wert beigemessen und diese Ueberbewertung geht auf das Kind über, das bald erlernt, die Schwächen der Eltern zur Durchsetzung seines Willens auszunutzen. Tie Angst einer unerfahrenen Mutter um ihr erstes Kind wird jeder verstehen, ja eine gute Mutier muß neben ihrem Glücksgefühl ein gewisses Maß von Angst haben, wenn sie ihrer Verantwortung bewußt werden soll. Hat doch die Natur die Mutterschaft iin Ticrleben mit Acugstlichkcit erfüllt. Mit welch aufgeregter Augst betreut zum Beispiel die Katze ihre Jungen, die Henne ihre Kücken. Indessen kann die mütterliche Angst um das Erstgeborene solche Formen annehmen, daß man geradezu von einer Mutterschaftsueurose spricht. Auffalleuderweise ist diese Besorgtheit bei intellektuellen Frauen, besonders bei Aerztiunen. die die Möglichkeiten des Krankseins kennen, am ansgeprägtestcn. Die sonst so gescheiten Frauen verlieren dabei nicht selten jedes Augenmaß und es gibt tüchtige Aerztinnen, die jedes Symptom ihres eigenen Kindes maßlos überschätzen und alle Objektivität dabei verlieren. Solche Nervosität der Mutter ist der Entwicklung des Kindes nicht günstig. Schon der junge Säugling hat ein seines Gefühl für die . seelischen Schwingungen der Umgebung. Eine Mutter, die aufgeregt und unruhig ist, bringt lhm kein Be- Hagen; von einer Mutter, die verängstigt daraus wartet, ob ihr Kind auch genug trinkt, wird das Baby gewiß seine Nahrung schlechter nehmen, als von einer alten Kinderfrau, die ihre Ruhe bewahrt. Tie Besorgnis der Eltern um das Wohl des Einzigen gibt Anlaß zu einer Reihe von Erziehungssehlgrifsen. Tas Einzige, das gerade so sehr der Spielkameraden bedarf, wird aus Angst vor Ansteckung von dem Verkehr mit Kindern zurückgehalten, es wird verweichlicht und vor jedem Lustzug bewahrt. Ein einziges, spät in der Ehe geborenes Kind ist mir in Erinnerung, dessen Kinderstube man nur im weißen Mantel und nach Sublimatwaschung betreten durfte. Es war eine tragische Ironie, daß gerade dieses Kind an einer Blutvergiftung von einem kleinen Furunkel aus sterben mußte, vielleicht, weil cs in seiner splenckick isolalion keine Hebung tu der Bildung von Abwehrstoffen erwerben konnte. Tie Kinderkrankheiten und Katarrhe, die im Kindesalter gehäuft auftreten, sind ja nicht nur als gesundheitswidrig aufzufassen, sie bringen auch Positives und Gutes; denn sie seien den Körper, der sie überstanden hat/ gegen Infektionen. Tas sei zum Trost den Müttern gesagt, die durch die Anfälligkeit ihrer Kinder besonders leiden. Die Besorgtheit der Eltern läßt eine Selbständigkeit der Kinder nicht zur Entwicklung lommen. sie bleiben hilflos und ungeschickt. Allzu behütet darf auch das ältere Schulkind nicht allein zur Schule gehen, jeder Schritt wird überwacht, damit der Liebling keinen Schaden leidet. Diese ständige Aussicht des Erioachseneu ist aber auch nach anderer Richtung bedenklich. Ter Erwachsene ist ein allzu bereiter Beantworter der tausend Fragen des Kindes, die gar keiner ernsthaften Beantwortung bedürfen. So wird die Sprache zu früh entwickelt, der Geist zu früh entfaltet und au die Stelle der schönen kindlichen Ausdrucksweise tritt oft ein altkluges Gerede. So manches kleine Mädel wirkt inseinem Gehabe bereits wie eine ältere Dame. Dabei wird das scheinbar so kluge Kind von der gesamten Familie bis zu den Großeltern und Tanten in seinen Leistungen bewundert, und diese Bewunderung ist wieder für sich abträglich, sie muß Eitelkeit und Einbildung selbst da züchten, wo das Kind anlagemäßig bescheiden ist. Tie Enttäuschung des frühreifen Kindes wird von ihm selbst später-. um so bitterer empfunden werden, je mehr man es daran gewöhnt hat. sich als ungewöhnlich klug zu betrachten. Tas gibt dann die Typen des Hjalmar Ekdal der „Wildente", die im Leben scheitern müssen. Auch die Eigenliebe wird durch die Vergötterung dcS KindeS über das gesunde Maß hinaus bis zum sogenannten Narzissmus gesteigert. So werden Menschen erzogen, die niemals den Grund eines Versagens in sich selbst erblicken, stets sind die anderen oder ein widriges Schicksal daran schuld. Solche Menschen bleiben im Leben eine Plage ihrer Umgebung und treiben selbst der Neurose zu, weil sie mit keiner Frage des Leben? fertig werden. Nicht weniger schädlich ist das Uebermaß von Zärtlichkeit, das dem einzigen entgegengebracht wird. Wohl bedarf der Säugling einer zärtlichen Hand, die ihm leibliches und seelisches Behagen spendet, er bedarf der Liebkosung der Mutter, wie jede? Junge in der tierischen Lebewelt. Wenn ich also die Bedeutung der liebevollen Nestpfloge für Körper und Seele des Kindes sehr hoch einschütze, so ist . doch jede U e p e r t r e,i b u n g körperlicher Zärtlichkeit zu verurteilen, wie sie gerade bei einzigen nicht selten ist. Tie Liebkosung. das Küssen und Herzen, sind manchmal zu zärtlich und entbehren nicht eines erotischen Einschlage?, wodurch Ansprüche erweckt werden, die dem Kind nicht nützlich sind. Nicht unbedenklich ist es auch, wenn das Kind, sei es zu seiner Beruhigung, sei es zur Freude der Eltern, in daS Bett deS Erwachsenen genommen wird: die scharfe Beobachtungsgabe des Kindes nimmt Tinge wahr, die nicht für es bestimmt sind. Bei oller liebevollen Hingabe der Mutter soll die Kinderstube freibleiben von erotisch gefärbten Schwingungen, um nicht frühzeitig sexuelle Regungen zu erwecken. Tie übertriebene Aeugstlichkeit um das Wohl des Einzigen macht sich für den Arzt besonders unangenehm bemerkbar, wenn das Kind erkrankt. Schon die Untersuchung dieser verwöhnten Lieblinge ist nicht leicht. Tie Abwehrstellung des Kindes ist manchesmal durch Erlebnisse begründet, und es ist die Sache deS Arztes, das Mißtrauen zu überwinden und durch Art und Gang der Untersuchung das Vertrauen dos kleinen Patienten zu gewinnen. Tazu verhilft am besten die reine Wahrheit. Man wird die Erfahrung machen, daß selbst der Schmerz, auf den man ein Kind vorbereitet hat. standhaft ertragen wird. Dagegen wird eine Ueberrumplung des Kindes oder eine Unwahrheit das Vertrauen aus lange erschüttern. Es wird sich bisweilen empfehlen, das Kind ohne die Anwesenheit der Eltern oder sonstiger Angehöriger zu untersuchen, weil die kindliche Abwehr von einer Umgebung, die es ofsensichtlich bemitleidet, nur gestärkt wird. Das störrischste Kind wird, allein mit dem Arzt gelassen, biegsam und leicht zu leiten sein. Mitleid der Umgebung steigert die Schmerzempsiudlichkeit und den Grad der Schmerzäußernng. Ta? übertrieben bemitleidete Einzige erträgt die Krankheit schwerer und bei der vielfachen Versleehtuug von Körper und Seele ist auch ihr Verlaus oft langwieriger und ernster, weil sich nervöse Symptome dem körperlichen Leiden anfpsropsen. Tie Messung der Körperwärme, die Betrachtung des Halses, das Eiunehmeu von Medizin stößt ans Widerstand' des kleinen Kranken. Ein Umschlag muß zum Gegenstand langer diplomatischer Ber- Handlungen gemacht werden, die Nahrung wird verweigert, kurz, die Turchführung de? sachlich Notwendigen wird so erschwert, daß dabei unnötigerweise die Kräfte der Umgebung und des kleinen Patienten verbraucht werden. Vielleicht ist dieser unnötige Kräfte- und Nervenverbrauch nicht ohne Schuld daran, daß viele Erkrankungen gerade bei einzelnen Kindern einen crusthastcreu Charakter aunehmen. Dem Uebermaß an Besorgnis und Liebe, das dem einzigen Kind entgegengebracht wird, steht ein empfindlicher Mangel gegenüber. Es fehlt den ' Eltern an Energie, um Ordnung, Selbstbeherrschung und Tiszipliu.. drei wichtige Lebenseigeaschasteu, zu lehren. Infolge der geschilderten Erziehungsfehler kann es bei einzigen Kindern zu einer Reihe unerfreulicher Eharakterzüge komme». Altklug und intellektuell zu weit vorgetrieben, herrschsüchtig und unsozial, ängstlich und sehen, ehrgeizig und eifersüchtig, au die Mutter gebunden und verzärtelt, so tritt manches einzige Kind in Me Gemeinschaft seiner Gleichaltrigen. Man wird verstehen, daß bei solchen Kindern soziale Konflikte nicht ansbleiben und ungünstige Folgen für das fernere Leben zeitigen. In die Hand der Eltern ist es gegeben, dieser Entwicklung vorzubeugen. Sie müssen sich der großen Verantwortung, wie ne die Erziehung eines einzigen Kindes anserlegt, bewußt sein, und durch richtige Erziehungsleitung das ausgleicheu. was die Natur versäumen ließ. Tas Problem des einzigen Kindes hat vor vielen Jahren schon Möricke erkannt und kurz und schon in einem "Gedicht besnitgen: Ich bin meiner Mutter einzig' Kind Und weil die andern ansbliebcn sind. Was weiß ich wie viel, die sechs oder sieben. Ist eben alle? an mir hängen blieben; Ich habe müssen die Liebe, die Treu, die Güte Für ein ganz halb Dutzend all"iu ausesscu. Ich wills mein Lebtag nicht vergossen. Es hätte mir aber wohl mögen frommen. Hält' ich nur auch Schläge für sechse bekommen. Professor Br. Erich Benlamin: Die Krankheit der Zivilisation, ein Beitrag zu? Erziehungsfrsge. Verlag Rudolph MUUer und SSeinicke. Preis 2.CO Mark Bereits iin Jahre 19.00 hat B e u s a m i u. der bekannte Leiter des Ebcnhausener Kinderheims, ein Buch über Grundlagen und Entwicklungsgeschichte der kindlichen Neurosen verösientlicht. das in ärztlichen und pädagogischen Kreisen größtem Interesse begegnete. Das oben augezeigte kleine, aber iuhaltreiche Werk. das neuerdings seiner Feder entstammt, wird über die Fachkreise hinaus auch die Aufmerksamkeit der gebildeten Laienwelt finden. Schon in seinem ersten Buch hat Benjamin gezeigt, daß die Lebenszeit zwischen zivei und vier Jahren für jedes Kind (aber auch für den Erzieher) schwierig ist, weil die sozialen Konflikte in dieser Zeit sich zu einer Lebenskrisis verdichten. Die Krisis äußert sich in verschiedenen Formen, das eine Mal ist sie nur augedeutet und bald überwunden. das andere Mal — bei Schwererziehbaren — zu richligeu Krankheitsbildern gesteigert, die ärztlicher Behandlung zugeführt iverdeu müssen. Alan hat diese kritische Periode im Leben des Kindes die Trotzperiode oder erste Pubertät genannt. Benjamin bezeichnet sie treffend als Sturm- und Drangperiode des Kindes. Sie wird dadurch hervorgerufcn, daß das bis dahin nur seiner Lustbefriedignng lebende Kind der Gemeinschaft. ihren Anforderungen, Fornten und Sitten angepaßt werden muß und gegen diese Anpassung ansbegehrt. Die Abwehr des Kindes äußert sich in drei verschiedenen Arten der Reaktion, in Auflehnung. Abwendung und Rückwärtswendnng. Tie Auflehnung, praktisch die häufigste und bekannteste Art der Abwehr, führt zu den Trotz.szenen, die dieser Lebenszeit den Namen gegeben haben. Die Abwendung, eine seltenere Reaktionssorm, ist für die Umgebung weniger störend, die Kinder werden scheu, in sich gekehrt und versuchen, sich von der Außenwelt abzuschließen. Die dritte Art des Protestes, die Rückwärtswendnng des Kindes, bleibt nicht nur stehen, sondern fällt in frühere Stufen zurück, schon erworbene Eigenschaften gehen verloren. Sprachstörungen, Bettnässen, Appetitlosigkeit u. a. m. gehören 311 dem Zeichcnkreis dieser Protestform. Benjamin zieht interessante Paratlelen zwischen der Psychologie des primitiven Menschen aus früherer Entwicklungsstufe und dem Seelenleben deS schwererziehbarcn KindcS, die ■ manche gemeinschaftlichen Züge ausweisen. Erziehnngsschwierigkeiten der Jugend waren bereits, wie das eingehende Studium der römischen Klassiker lehrt, im alten Rom nicht unbekannt. Daneben litt das römische Reich unter den gleichen Krankheitserscheinnngen. die auch aus unserer Zeit lasten: Verfall der Ehe. Emanzipation der Fran und Kinderlosigkeit. Diese auffallende Uebereinstimmnng der Zeitprobleme veranlaßt Benjamin, von einer Krankheit der Zivilisation zu sprechen, die er für die Ursache von Roms Untergang hälJ. Es ergibt sich aus dieser Auffassung der Mahnruf an unsere Zeit, alles daranzusetzen, um Meie Krankheitserscheinnngen zu bekämpfen und zum Schwinden zu bringen. L. F M. Dr. E. Posenbusch: Grundformen seelisch-geistiger Anomalien beim Kinde. Verlag S'f ermann Beycr& Söhne (Beyer u Mann), Langensalza 1933 Der Autor erörtert in seiner sehr beachtenswerten Schrift die Frage. ob sich wvhl die verschiedenartigstcn Fälle anormaler Kinder in bestimmte seelisch-geistige Grnndsvrmen znsammenordnen lassen. Es handelt sich also bei Rosenbnsch darum, einheitliche Formen pspchischgeistigen Seins über die individuellen Krantheitssinnptoine hinweg festznstellen. ans den . verschiedensten Eigenschaften und Handlungen, die im einzelnen einander nicht entsprechen, dessenungeachtet gemeinsame Strukturen heransznfinden. in ' den verschiedensten Bezirken seelisch-geistigen Seins, eine innere Geschlossenheit, eine gewisse innere Homogenität, zu erkennen. Rosenbnsch zeigt in seiner Untersuchung, die er mehr als eine charatterologische als eine typvlogische bezeichnet, wie seine Betrachtungsweise besonders zur pädagogischen Bchandtnng seelisch-anormaler Kinder von Bedeutung ist. Das Ziel aller Nl: e n s ch e n b i l d u n g : die Totalität d e 3 l'Jt e n s eh e n z u r E n t f a l t n n g z u b r i n g e n, gilt jedenfalls als ideale Forderung auch für solche Kinder, die eine s e e l i s ch - g e l st i g e F e h l e n t w i ck - l n n g ausweisen, an ch ihne n m n ß m a n einen Weg ins Leben bereite n. (Seite 80.) Dr. Kri:>t Stcckelmachcr. Das Jüdische Atuseum, Verkirr, Oranienburger Straße Ul, bleibt vom 1. August bis 2. Scpteinder lOllL einschließlich geschlossen. Wiedereröffnung am ll. Eeptember.