Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1934-08-02 · 31 (2.8.1934) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
31 (2.8.1934)
Date
1934-08-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2277379-2278044-2278075--08736-2289782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

vhne Raum" bahne sich die Ueberwmbüng' dieses Individualismus an. Dementsprechend steht es dem Verfasser 'auch fest, „daß die Lyrik abhängig vvm Staatlichen ist". Stünde das Kapitel ,T?Yrik" in diesem Buch nicht unter der .Herrschaft der politischen Kulturlchre, so ließe sich kaum im deutschen Schrifttum ein aufschlußreicheres und prägnanteres Bild der deutschen , Politischen Dichtung finden als hier.. Wenn wir daraus gerade die Sätze über die Rolle Heinrich Heines zitieren, so hängt dies nur mit unserer engeren Ausgabe zusammen; denn das folgende Zitat ist eher geeignet, das — wir sprechen es unverhohlen aus — ausnehmend hohe und geistig bedeutende Mveau des Ganzen fragwürdig zu machen.- Steinbömcr spricht davon, wie die Ansätze einer echten, Volks- und staatsverbundenen politischen Dichtung infolge der geistigen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen des deutschen Voltes von 1BGU an unter* gegangen seien. „An ihre Stelle traten ein Stil und ein Don, die nicht aus Deutschland, sondern aus der deutsch-jüdischen Emigration in Paris kamen, deren geistiger Mittelpunkt Heinrich Heine war." „Wir können" — fährt der Verfasser fort — „von unserer Aufgabe nicht so weit abbiegcn und darlegen, welche .Zerstörung der geschichtlichen Scelenlage' (Josef Radler) unseres Volkes, welche moralische Schädigung unseres Ansehens in der Welt, welche folgenschwere Verwüstung unserer Sprache Heines verruchte und glänzende Begabung angerichtet hat, genug, daß der deutsche liberale Heines politische Dichtung als den Stil politischer Dichtung schlechthin ansah. Die mangelnde Hörsähigteit des Liberalismtts vernahm nichts, feine fehlende Unterscheidungsgabe unterschied nichts. Der bciilfdio Liberalismus stellte mit seiner „Lbjcltivität" auch hier seine politische Ahnungslosigkeit unter Beweis, indem er sich wieder einmal wtfäl)ig erwies, Freund und Feind zu unterscheiden. Heines politische Poesie ist die Rache des Freigelassenen air Herrschaft, Ordnung und Gesetz. Sic geht immer ans die Zerstörung der Ordnungen, immer ans eine Dreiheit von etwas, niemals ans eine Dreiheit zu etwas, sie appelliert ständig an die „Unterdrückten" als die leichtest verführbaren Werkzeuge ihrer Rache, und vor ihr liegt nicht ein neues Staatsbild, sondern'der Nihilismus. Heines Art und - Haltung aber blieb vorbildlich, nnirde schulbildend und wucherte weiter bis in den Tagesbedarf der Zeitung und des Witzblattes, wo wir die Kleinen von den Seinen bis in unsere Tage haben ertragen müssen. So wurde die politische Lyrik in Deutschland fast ausschließlich eine Ressentimentslyrik, die von den abgetragenen Mustern älterer französischer Vamphlctpocsie weitcrvegetierte. Fast drei Menschenalter ist diese von Heine kommende Linie kaum unterbrochen worden, wenn wir nicht den Schweizer Konrad Ferdinand Meyer für uns beanspruchen wollen." So wird die sonst so besonnene und noble Dar- ■ stellung in dieser „Politischen Kulturlehre" verdunkelt. geraten selbst Gliederung und Stossbeherrschnng unter dem unwiderstehlichen Zwang des Schlagworts in Verwirrung. Das Gleichgewicht wird wieder gewonnen bei der Darstellung der bildenden Kunst und der Musik. Auch hier nimmt die an den besten „liberalen" Meistern geschulte, im Urteil den Sternen und spannte einen schwachen Vogen durch dieselben. Es hatte einen grünlichen Schimmer, der sich sachte nach unten zog. Aber der Bogen wurde immer Heller und Heller, bis sich die Sterne vor ihm zurückzogen und erblaßten. Auch in anderen Gegenden des Himmels sandte er einen Schein, der schimmergrün sachte und lebendig unter die Sterne stoß. Dann standen Garben verschiedeneu Lichtes ans der Höhe des Bogens wie Zacken einer .Urmre und brannten. Es floß hell durch die benachbarten Himmelsgegenden, es sprühte leise und ging in sanftem Zucken durch lange Räume. Hatte sich mm der Gewitterstoff des Himmels durch den unerhörten Schueefall so gespannt, daß er in diesen stummen, herrlichen Strömen des Lichts ausfloß, oder war es eine andere Ursache der unergründlichen Natur: nach und nach wurde er schwächer und immer schwächer, die Garben erloschen zuerst, bis es allmählich und unmerklich immer geringer wurde, und wieder nichts am Himmel war als die tausend und tausend einfachen Sterne." lieber uns wird der Himmel erblühen, und die Ströme des Lichts werden sich in uns ergießen. Mag sein, daß sie sich 311 anderen Strahlen ent» wickeln, und von einem anderen Gott gesendet wurden. Herrlich bleiben diese stummen Ströme auch für uns. '.'Nag sein, daß der Himmel andere Sterne für uns trägt als für die anderen. Ewig und weit bleibt er auch für uns. Mag sein, daß die Wunder uns anders erscheinen als den anderen. UnergrüMjch bleibt die Natur auch uns. 6. U. ZitzillS MO LÄ Stefan Mg Tcr „Stürmer" veröffentlicht in Nr. 28 foltzende Notiz: „Dein „Stürmer" wird vom Herausgeber der ».Neue l Literatur" mitgeteilt, daß Richard Strauß eine reue Oper herausbringt mit einem Text, den der Jude S t e f a n Z w e i g dazu geschrieben habe. Der sächsische Generalintendant Adolph hätte dieses Werk bereits zur Uraufführung erworben. Daß Herr Adolph keine Bedenken haben mag. wenn heute noch Juden (wie Stefan Zweig!) Operntexte schreiben, das mag vielleicht darin seinen Grund haben, daß Herr Adolph mit einer Jüdin verheiratet war (sie brachte ihm auch Kinder zur Wett). Wer sich schon einmal mit der jüdischen Raste verband^ wie es Herr Adolph tat, von den; immer Ursprüngliche, stekS bewegte Und Ms gleich zuchtvolle Darstellung gefangen. Merkwürdig oft gewinnen Partien der kulturkritischen, stil. und geistesgeschichtlichen Ausführungen auf weiten Strecken Selbständigkeit und lesen sich wie hinreißende Kapitel aus den Werken der vor dem totalen Staat gewesenen, großen, führenden, liberalen Geister Deutschlands, an denen Steinbömer gelernt hat. Aber jeder Gedanke, jedes Beispiel, Deutung und Endsormel, bleiben im Dienste der Idee von der Gesamtheit der Künste als Ausdrucksformen des Staatlichen. — In der „Politischen Kulturlehre" Steiubömers liegt das Grundbuch vor uns. das die Entscheidungsgründe für das über die Kultnrteilnahrne der deutschen Juden gefällte Urteil des neuen deutschen Staates enthält. Darin besteht für uns seine besondere Bedeutung. Kritik und Polemik gegen den Urteilstenor und feine Gründe hoben hier zu schweigen. Unser Sclbstbewnßtsein, der Rückblick aus die kulturelle Gesamtleistung der d'eü'isch'en Jud'eti für Deutschland, serk der Emanzipation vor 150 Jahren wird durch diese Lektüre nicht erschüttert. Nur viel deutlicher — schmerzhast-deutlich — erkennen wrr alles nach der Trennung. In einem Brief Jakob DurckHardts an seinen Schüler Albert Brenner vom 24. Mai 1856 lesen wir: „Wenn Sie philosophieren, so höre ich zu. bis es vorüber ist, wie in einer Predigt, und sage nichts dazu. Ich habe überhaupt nichts mehr gegen diese Art von Zeitvertreib einzuwcndcn, wenn Sie nur eins versprechen wollen, nämlich in den Momenten philosophischen Hochgefühls (die nicht ausblciben werden) jedesmal dreimal im stillen zu sagen: ,Und ich bin doch nur ein armer Tropf gegenüber den Mächten der äußeren Welt? .Und dieses alles wiegt doch keinen . Gran realer Anschauung und Empfindung auf.' ,Und die Persönlichkeit ist doch das Höchste, um8 cs gibt.' Wenn Sie diese drei Sprüche hcrgemurmelt haben, dann philo- .M In Nr. 29 der „C.-B.-Zeitimg" hatte Kiedrich Brodnitz versucht, den Menschen, die aus der all» gemeinen Presse Herkommen und sich mm vor der Frage finden, ein Verhältnis zur jüdischen Presse zu gewinnen, den „Weg in die tüblfdjc Zeitung" zu weisen. Er ging davon aus. das; es schwer sei, mit den herkömmlichen journalistischen Fertigkeiten ein neues, nahezu fremdes Sachgebiet zu meistern, und daß technische Routine allein nicht ausreichend sei. Weil es aber notwendig ist, die wertvollen Kräfte, die heute zur jüdischen Zeitung drängen, einznordnen und an ihrem neuen Stoffgebiet produktiv zu machen, bat Brodnitz den Vorschlag zur Tistnssion gestellt, in den kommenden Wintermonatou die neuen Mitarbeiter jüdischer Zeitungen in einen; Schnlungslursus znsammcnzufassen. Seine Ausführungen und sein Vorschlag haben in der Oeffeiitlichkeit und namentlich im Kreise der jüdischen Journalisten einen so lebhaften Widerhall gesunden, daß wir es für notwendig halten, einen Teil dieser Aussprache wiederzugeben. Oft schwingen Töne innerster Bemühung mit, und eS wird deutlich, das; hier Menschen um eine neue Form riugeu und aus der Selbstgestaltuug zur Zeitgestaktung vor» stoßen wollen. „Wir, für die der Weg in die jüdische Zeitung noch neu und nicht leicht ist", schreibt die junge Journalistin Hilde Marx an Friedrich Brodnitz. „begrüßen freudig Ihren Vorschlag eines Schulungs» kiirjus und hoffen. Mr uns recht bald die Möglichkeiten einer Belehrung und Bereicherung, einer Bertiefung und Erweiterung unseres jüdischen Schasfensgebietes gegeben werden. Wir wissen, das; am Anfang des Weges das Lernen steht, ehe man zu der rechten Form der produktiven Arbeit kommt. Aber gerade weil unser Berus ,Berufung' ist, weil wir alle seine Schönheit, die nicht zuletzt in seiner heute besonders großen Verantwortung liegt, tief in uns fühlen, merben wir stark genug sein, eine schwere Uebergangsperivde zu bestehen. . . . Die .Thciuenangst', die'' wohl manchen von unS am Beginn des Weges in die jüdisct)e Zeitung überfiel, verschwindet in dem Augenblick, wo mau sich von einer brüderlichen Menge geschützt, getragen, freund, lich behandelt fühlt. Ta fällt alles Beengende wohltuend von einem ab — und liegen nicht in jedem von uns, der eines wahren jüdischen Empfindend fähig ist, ungezählte Schätze, Güter aus Urzeiten, die plötzlich übermächtig ans Licht drängen, nur noch ringend mit der Form?" ES ist wohl notwendig, diesen jüdischen Journalisten, die den Weg zu ihrer Zeitung — und das kann heute mir die jüdische sein — beschreiten wollen, helfend zur Seite zu stehen. Dabei handelt es sic!; immer wieder darum, seelischer Aufgeschlossenheit geistige Tiefe zu geben. Km Rahmen der journalistischen Praxis ist daS ein Problem, das bisher noch nie völlig gelöst worden ist: die Frage der Vorbildung. Denn mau i st Journalist und kann es nicht werden, und kein noch so gründliches Wissen ersetzt jenes Fingerspitzen- und Verantwortungsgefühl. das den echten Journalisten ausmacht. „Die Art der beruflichen Vorbereitung", so schrieb eine „alte" jüdische Journalistin, Dora Edinger, die jahrelang eine der wenigen jüdischen Frauenzeitungen geleitet hat. „ist ja bei den Journalisten schon an sich nie ganz unumstritten klar gewesen. Da aber heute weite Kreise unter den neuen Mitarbeitern jüdischer Blätter neue Formen hier geradezu als Bedürfnis empfinden, so möchte idj Vorschlägen, daß die „Mittoistelle für jüdische Erwachsenenbildung" solche Kurse einrichtet, und zwar in Städten, die für einen ganzen Bezirk gut erreichbar sind, oder den Lehrhäusern Arbeitspläne gäbe, nach denen diese etwa zwei Wintersemester hindurch solche Kurse abhalten könnten . . . Mit Friedrich Brvduitz bin ich überzeugt, das; bei der großen Verantwortung. die der jüdische Journalist am Reucnisbau hat, seine Berussfvrlbildung so gut sein muß, Nüe sie überhaupt ermöglicht werden kann." In dieser Zuschrift wird die Broduitzsche Anregung auf eine breitere Basis gestellt. Aber eS erscheint zweifelhaft, ob das Unternehmen eines solchen Schulungskurses, das heute notwendigerweise noch weithin crpcrimentellen Charakter tragen muß. bei dem Mangel an praktischen Erfahrungen eine solche Ausweitung verträgt. Erziehungsarbeit, und nun gar Erziehungsarbeit an erwachsenen, stark geistigen Menschen, ist ein unerhört schwieriges Problem, und es fragt sich, ob cs überhaupt in einem theoretischen Kursus außerhalb der praktischen Zeitungsarbeit gelöst werden kann. 'Wir möchten dieses Bildungsprvblem im positiven Sinne für lösbar halten, wenn auch vorläufig nyr etwa so, daß der von Friedrich Brvduitz vorgeschlagene Schuluugskursus nur au einer einzigen Stelle, etwa beim Pressedezernat der ReichSvertretung durchgeführt werden müßte. Aber neben den zi.'stimmenden Aeußerungen melden sich auch die Skeptüer zum Wort. „Der jüdische Journalist", heißt es in der Zuschrift von Dr. Eugen R 0 t h. „zeichnet sich nach seiner ganzen Ausbildung und feinem Werdegang durch ein besonders gutes und fundiertes Wissen auf allgchteTnem Geblek urtb' ln Spezialfächern au? beruhte sein Erfolg . . . Deshalb erscheint gerade die SchmA-it. dm jüdischen JourneiL der allgemem-Mtschen Arbeit nutzbar zu weniger groß als etwa bei anderen akadeniö?' und nichtakademischen Bernsen. Tie letztenÄ1 Jahre haben dem journalistisch Begabten den aÖ geschult und ihn fähig gemacht, auch schwi^- Verhältnisse überblicken und beurteilen;u fönS? Deshalb glaube ich auch nicht, daß die Vielaeitalü^' keit des jüdischen Lebens in Deutschland einen J3* lich begabten Journalisten verwirren kann" Ist es aber die Aiifgabe des uibi>d)c-i Wtln lifte» in dieser o.cit. Berwiirunge» z„ handelt es ud) nicht vielmehr darum, in iclCMtSn diger geistiger Arbeit aus tiefster Kenntim Ix Erkenntnis heraus einen Weg zum Leben .zeigen? In diese Richtung doul-u die Zuschyst *,» Rabbiner Dr. I a in p e l aus Schwebt a.b.J der freilich herbe Kritik daran übt. w!c- »mctiridi Brvduitz die Aufgabe dos jüdischen Jonrnalii"! gesehen hat. „Als ich seineizeit", so heißt H feinem Briese, „in meiner kleinen Gemeinde eine UOBB-Lvge entstehen ließ, erklärte ich. daß ich 'Ausgabe der Loge darin sehe, die ethische ziehung des Judentums zu übernehmen, nachdem gerade'die besseren Kreise der deutschen Juden die Synagoge nicht mehr als ihre moralische ziehungsstätte auzusehen sich gewöhnt hatten. Wie mm der Logenlc'mpel hinsichtlich der moralischen Erziehung die Kanzel ersetzen muß. so muß der indische Redakteur den Rabbinner zu ersetzen suchen . . . Das deutsche Judeutiim. das liberale zuuiak, denkt nicht daran, den Rabbinern irgendwelche erzieherische Verantwortung m.szuer. legen . . . Wer also soll der moralische Erzieher des deutschen Judentums fein, wenn nicht seine Presse?" Wir möchten nun mit Friedrich Brvduitz glauben, daß Erziehung im eigentlichen Sinne nicht Aufgabe der jüdischen Zeitung sein kann. TerFoin. naIist muß führen, aber Führung setzt immer eine Bereitschaft voraus. Ju diesem Sinne scheint uns ein anderer Journalist. Dr. Stefan Kapier, jener Zuschrift geradezu die Antwort erteilt zu haben. „Wie das Judentum vor den großen Erscheimmgen der Gegenwart bei vielen von uns „neben" den Menschen herging, so auch eine s)eituug jüdischen Inhalts: fetzt, nachdem das Jüdische zum durchgreifenden Schicksal geworden öl. hat die jüdische Zeitung eine andere Betonung erhalten. Der Jude ist ein kritischer Zeitnngsleser: er will Stellung nehmen und verlangt Stellung, nähme, er will weniger geführt als hiugefülm werben, und gerade aus. einem kritischen Leser wird leicht ein kritisierender Leser. Gerade dich!', gilt es, zu gewinnen . . . Von den Fragen und Sorgen seines Lebenskreises her kommt der Leier zu seiner Zeitung. Und was findet er? Die Fragen und Sorgen, die Aufgaben und Arbeiten der Ee> meinschaft im Kampf der Gegenwart, aber nurij ihre Leistungen, ihre Werte, ihre Ziele. Er fiefn sich hineingestetlt in den großen Zusammenhang und sein persönliches Interesse mündet von selch in das. wofür seine Teilnahm erst geiveckt wnb. Der Leser, der die Zeitung aus der Hand lech wird deshalb ein anderer sein, als der. der sie vorher ausschlug . . . Darum kann es für die jedische Zeitung keinen gleichgültigen Leser mehr geben. Sie kann sid) nur au jene Menschen wenden, die dnrd) den Ruf des Zeitlichen — und was anderes als diesen vermittelt die Zeitung! — zu verantwortungsbewußten Schicksalsträgern der Ecmeinschaft werden . . . Für das jüdische Bewußtsein besteht ein Ereignis nicht nur an sich, vielmehr reiht sich in ihm jeder Vorgang in die Yetie der Bedeutungen ein. DaS weist auch der jüdischen Zeitung den Weg." DaS Wesentliche au dieser Aussprache scheint nuS zu sein, daß der Führuiigswitle des verawwortungsbewußten Journalisten heute einen Äw fpruch auf Anerkennung zu besitzen scheint. Und die Journalisten selbst beginnen zu erteuneu. daß die Probleme ihrer Bildung Probleme des SchicU fals der jüdischen Gemeiusdjaft sind. K. J. Ik. kann man nicht verlangen, daß er dabei etwaS — sagen wir — Unpassendes findet, wenn im heutigen Tentfchland Juden noch Opernterte schreiben können. Durch längeres Zusammenleben mit Angehörigen der jüdischen Rasse verliert sich daS feine, abwägende Gefühl, daS einer haben muß, wenn er dem deutschen Volke der Gegenwart vollwertig dienen will. Also, bei Herrn Adolph können wir manches verstehen. Daß aber Herr Richard Strauß zu seiner neuen Oper ausgerechnet einen Text sich gewählt haben könnte, dessen Erzeuger der jüdischen Rasse angehört, daS können und wollen wir nicht recht glänben. Würde es Tatsache sein, daß sich Herr Richard Strauß für seine noch kommenden Werke jüdischer Atitarbeiter bedienen will, dann müßten wir daraus Schlüsse ziehen, die auch uns keine Freude zu machen vermöchten. Also, wir können eS vorerst noch nicht glauben." Am 27. Juli teilte die Essener „National- Zeitung" folgendes mit: „Wie der Großdeutsche Pressedienst meldet, hat Richard Strauß seine Oper „Die schlveigsame Frau", deren Libretto bekanntlich von dem Literaturjuden Stefan Ztveig stammt, von der im Dresdener Staatstheater vorgesehenen Uraufführung zurückgezogen. Diese Nachricht wird — wenn sie sich als stichhaltig erweist —- überall Befriedigung anslösen. Denn eine solche klare Entscheidung des im nationalsozialistischen Deutschland an hervorragender Stelle stehenden bedeutenden Komponisten für die Welt- und kunstanschaulichen Anschauungen und Belange des neuen Reiches war nachgerade zu einer dringenden Notwendigkeit geworden. Auch der Umstand, daß Richard Strauß seine Atitlvirkung bei den Salzburger Festspielen abgesagt hat, wird seiner Position im Kulturleben des Dritten Reiches nur förderlich fein können." Mustk-Probleme Die „Nationalsozialistische Monatshefte" (Zentralverlag der NSDAP. Franz Eher Nachf.. München) widmen ihre neue Folge (Heft 52) vornehmlich den Grundfragen des Musiklebens. Dr. Friß Stege, der seit Jahren für eine musikalische Erneuerung aus völkischer Grundlage eintritt, gibt Richtlinien für eine allgemeine Umgestaltung in einem Aufsatz, den er nach einem Wort Cäsar Flaischlens „Vor des Lilles, msrtzes Tempels" übers schreibt. Er fordert die Wiedergeburt des Sakralen in der SJiuj'if und weist dabei auf das Vorbild Glucks hin. Der Fesifpielgedanke muß in der Gemeinsamkeit von Wiedergabe und Kunsterleben, selbst in der Gestaltung des Raumes, die Grundlage für die musilalischc Bühne bilden. daS Konzertleben muß von jeglichem „Betrieb" gereinigt und als musikalische Feierstunden den breiten Bolksschid)ten zugänglich gemad)t werden, damit die Atusik als Weihe und Freude daS ganze Volk bewegt. Der rheinische 'Musiksührer 'Professor Hermann Unger (Köln) weist der Kernfrage „K u n st in u s i k oder Volks m u s i k?", die sich beide im Sinn von WaguerS „Ateisterfingern" brüderlich die Hand reichen, den Weg zur Lösung dnrd) die kulturell regsamen Kräfte. „Kunstmusik und Volksmusik" lautet auch die Rundfrage, die Dr. Stege im Hinblick auf die nachschafsende Dtusik darüber veranstaltet hat, ob die ernsthaften deutschen Tonsetzer der Gegenwart auch für die verbreiteten Volksinstrnmente wie Zither, Bandonion. Guitarre. Mandoline, Mundharmonika usw. Werke schassen können. Dr. Stege gibt seiner Verwunderung darüber Ausdruck. daß viele jüngere Komponisten die Umfrage unbeantwortet ließen, während sich ihr die älteren mit größter Anteilnahme zugewendet hätten. Die Mehrzahl der Einsender, unter denen sich bekannte deutsche Komponisten von heute be* finden, tritt für die geforderte selbständige Förderung der Volksmusik und deren Eigenleben ein, daS bei rechter Pflege eine neue Musikblüte ermöglicht. Ueber die natürlichen und geschicht-i ftchen Beziehungen von Kunstlied und Volkslied, in denen beiden sich am unmittelbarsten das Walten und Schassen der Volksseele offenbart, schreibt der Berliner Komponist Professor Georg V 0 l l e r t f) u lt. Walter Abendrot!) gibt ein Charakterbild des Musilschöpfers und Bekenners Hans P f i tz n e r, und ein Gespräch mit dem Intendanten der neuen Berliner Reichsoper, Wilhelm Rode, stellt dessen grundsätzliche Stellung zur Opernführlmg im Dritten Reich dar. die einen vokalistisch-einheitlichen Großen Stil anzustreben hat. k Zl. fei SkWM •frier und da tu deutschen und ausländischen Blättern, und zwar nicht gerade in den meisten, kormtZ xran dieser Tage eine Notiz finden, daß der Frankfurter Gelehrte Dr. Carl Gebhardt gestorben ist. Atan hat mit dem Toten so weni-l hcrgemacht wie zuvor mit dem Lebenden, teils weil Dr. Gebhardt nicht der Mensch dazu umv, sich sonderlich feiern zu lassen, teils weil seine immense Arbeit eben der Erhebung, Feier und Erkenntnis anderer, größerer galt. Vor allem galt sein Leben der Erforschung Spinozas, und schon darum glauben wir, ihm, der kein Jude gewesen ist, ein ehrendes Gedäd)tnis zollen zu dürfen. Dr. Earl Gebhardt war ein fOuiim mit einer geradezu universalen Bildung und den viP fältigsten Interessen, und weil ihm das Schvp'ertfd)c eigentlich fehlte, konnte er im Kleinen Unendliches wirken. Er war zeitweise Knm'tkritiler der „Frankfurter Zeitung", er war einer der Gründer deS Frankfurter Bundes für Voll->' bildung. dem er viele Jahre mit Vorstand, er hat sich alS Volkspädagoge immer wieder bewähr.. Er hat zur Verbreitung und Vertienmg der Kenntnis der Sprachwisse'uschast. der Philosophie und der Literatur in ganz unübersehbar reichen Kleinarbeiten wesentlich beigetragen, er war ein hervorragender Kenner Schopenhauer-, und vor allem Spinozas. WaS Dr. Carl Gebhardt für die Spmoza- Forschung bedentet. davon macht sich der zunächst schwerlich einen Begriff. Aber schon eine Hebersicht seiner wichtigste» Bemühungen damr dürfte ein ungefähres Bild geben. Spinoza^ Gespräche und ^Spinozas Briefe findet man, anbesten in den Ausgaben Gebhardts. Die Wem Spinozas sind von ihm 1925 im Auftrag der Heidelberger Akadentie in der eriitio äpkimtim veröffentlicht worden. 1920 gründete Gebharm mit anderen im Haag die „Societas Spinozana, die mit dem „Chrouicon Spinozamun" und de „Bibliotheca Spinozana" die Grundlage der mH dernen Spinoza-Fvrfäjung schuf, mid 19-' D * Haus im Haag erwarb, worin Spinoza die . sechs Jahre seines Lebens gelvohnt hatte. - HauS ist nun als Bibliothek. Archiv und Nayeu auch der Sitz der Spinoza-Gescllschast. Das kleinste Spinoza-Werk Dr. Gebhardts iü die Biographie, die zum 300. Geburtstag Philosophen als Reclam°.Heftchen erschien, klar, gemeinverständlich, ansprechend und wu . geschrieben, und war von allen Hiildigungen * ben Genius die bescheidenste und utcüctdi schönste.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.