Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 31 (2.8.1934)
- Date
- 1934-08-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2278044-2278075--08735-2289781- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
! 2* Beiblatt M >m9 W3<ms mim mms g$<g§<glhu<glfa{f; MMsiMch Ona I i ]f]T j' Jl ij ■ m Ss» Dr. SSNtz FWH-EWM, MM» Der deutsche Staat hat sich im Jahr 1933 von dem politischen Gemeinwesen, das vorher seine Tätigkeit auf die äußeren Verhältnisse der in seinem Verband geeinioten Kirschen, der deutschen Staatsbürger "beschränkte, zum geformten Volk gewandelt, das heißt zur Politischen Organisation des völkischen Gemeinschaftslebens, sich nicht im Institutionellen erfüllt, sondern den ganzen Menschen, auch sein Inneres. sein Denken und Fühlen ergreift. Dieser neue deutsche Staat l)at sich als tragenden Pfeiler seiner Idee den Volkstum- und Rasscbegriff geschaffen; der Begriff hat feinen Niederschlag unzweideutig in den deutschen besehen gesunden. Dementsprechend werden die Juden mit allen gesetzlichen Mitteln vozr einer aktiven Teilnahme am deutschen Kulturleben fcrngehaltcn. Tics ergibt sich ohne weiteres folgerichtig aus der zum Sraalsgcsetz erhobenen Idee des völkischen totalen Staates. Eine Diffamierung oder Mindcrbewerinng des Jüdischen liegt nicht in dem Prinzip. Tie Juden sollen ihre eigenen kulturellen Angelegenheiten unbeschränkt unter sich pflegen dürfen, sich aber in deutsche Fragen derKultur, besonders der Presse, des Theaters. Films, des Schulwesens oder gar der Politik, d. h. der Mitbestimmung des sircnud - Feind - Verhältnisses, nicht einw.ischen. Die deutschen Juden haben es seit einem Jahr nicht an Anstrengungen fehlen lassen, einen Weg zurück, zu sich selbst zu finden und sin ihre neue Lage Verständnis zu gewinnen. Cime sehr erhebliche innere Nöte und Schwierigkeiten. die andauern, konnte der Wandel im Fühlen und Denken nicht vor sich gehen. Tenn zwischen dem Aushören eines jüdischen Eigenlebens vor 150 Jahren und heute liegen viele Generationen, denen bis 1933 von außen nnd innen das Gegenteil, nämlich das völlige Eintauchen in die Kulturgemcinschaft der Umwelt aufgegeben war. Um die Bedeutung und den Sinn der für sie so plötzlich gekommenen Verwandlung, die dem größten Teil von ihnen auch heute noch schlechthin unverständlich ist, ganz zu erfassen. gibt es nur ein Mittel, nämlich auch dem deutschen Juden die tragenden Ideen des neuen deutschen Staates und seiner Kulturlehre mittels des besten Schrifttums, daß in dem neuen Geist abgcfaßt ist, näherzubringen. Kein Buch erfüllt diese schwere Aufgabe besser als das neue (eben in der Hanseatischen Verlagsanstalt, in Hamburg erschienene). Werk von GustavSteinbömer„Polit r f^ck) e K u l t u r l e h r e Ter darin ausgebreitete ungeheure Stoff owter hie erlesensten Beispiele deutscher Kulturschöpfungen aus dem Bereich der Dichtung, der bildenden Kunst und Musik und ist daher gerade den besten deutschen Juden in allen Einzelheiten vertraut. Nahmen doch gerade sie als Schaffende, Genießende und Mittler bis in die Gegenwart an diesen deutschen Kulturgütern den lebhaftesten Anteil. Was ihnen verständlich werden muß, ist die völlig neue Betrachtungsweise der Kunstkategorie oder, des einzelnen Kunstwerkes nach seiner beispielhaften Aussagemöglichkeit über die öffentliche und staatliche Sphäre, mit anderen Worten, es geht um die inneren Beziehungen zwischen dem Phänomen des Staates und feiner Dichtung, bildenden Kunst und Musik. Ein rein äußere r Zusammenhang zwischen Staat und Kultur, wobei der Staat nur als Förderer nnd Schützer der Kultur, Mäzen und Auftraggeber der Künste austritt, war für die liberale Aera das Wesentliche einer staatlichen Kulturpolitik. Tie neue politische Kulturlehre will den inneren Zusammenhang von Staat und Kultur untersuchen. Sie fragt, welche Funktion das Staatliche in der Kultur, in den Gattungen der Dichtung, der bildenden Kunst und der Musik hat, verwirft dagegen die Theorie von der Autonomie der Kunst, nach der die Kunst ein absoluter Wert in der Rangordnung der Werte ist. Als der bürgerliche Stand sich mit steigendem Anteil des Kulturgutes bemächtigte, wurden Staat und Kultur getrennt. Die souveräne K u n st entsprach dem souveränen Individuum: sie wurde eine Kunst ohne Gesellschaft, eine Kunst ohne Volk, eine Kunst ohne Staat, eine Kunst für die Kunst. Versuche,, die Kultur der wertnihilistischen und individualistischen Willkür zu entziehen, mißlangen. Allen unzulänglichen Versuchen setzte N i etz s ch es Kulturkritik ein endgültiges Ende. In seinen späteren Aphorismenwerken hinterließ er die Fragmente für die antlliberale Erkenntnis der Wcsensbeziehung von Macht und Geist, Staat und Kultur. Der Maler, Dichter, Musiker litt unter der Einsamkeit und Verlassenheit, unter der Ausgliederung der Kunst aus dem Leben der Nation; aber nur wenige erkannten den Grund. „Ter staatsgcgnerische oder staatsneutrale Kulturliberalismus vermochte seinem Wesen nach nicht zu erkennen, daß das Fehlen des inneren Bezuges zur Staatssubstanz die letzte Ursache zur Ent-volkung der Kultur war, und daß nur eine politische Re- ■ 'volution mit dem Erlebnis der Volksgemeinschaft die Voraussetzung für eine volksverbundene Kultur wieder schaffen konnte." Hinter der geforderten und vorgegebenen Wertsreiheit und Objektivität kommandierte das isolierte, Individuum. Die, bedeutenden Kulturphilosophen des Liberalismus, seine großen Sozialtheoretiker. denen Steinbömer übrigens ein hohes Maß von Gerechtigkeit und Anerkennung zuteil werden läßt, konnten mn: die Auslösung aller Gemeinschaftsverhältnisse feststellen. Ucberall kündigt sich das Ende des Individuums an. Steinbömer charakterisiert in kurzen, prägnanten Sätzen die großen Leistungen von D i l t h e y, T ö n n i e s, Simmel, S v mb a r t, Max Weher, T r o e! t s ch, M e i - necke; aber er findet diese Soziologie und Historie nur als negative Wegbereiterin zur Erkenntnis des Zusammenhangs von Staat und ,Kultur. Es gibt zu denken, daß die hier vorliegende neue „Knltnrphänvmenologie", die in der Beantwortung der Frage besteht, inwieweit Kultur eine staatlich-volthafte Erscheinung sei, ohne die berühmten Werke der genannten „Liberalen", ferner von Männern wie Max S ch e l e r, Jakob B u r ck Hardt, Nadler, Dehio, nicht deutbar wäre, die gleiche „Kulturlchre", die die Grundvoraussetzung jener Denker von der absolut souveränen Natur alles Geistigen und Kulturellen so leidenschaftlich leugnet. An welchem Stofs beweist Steinbömer die Lehre von der Kultur als einem staatlichen Phänomen, auf deren Erkenntnis der totale Staat seine Kulturpolitik gründet! Alit steigender Bewegung und Spannung verfolgen wir dieses Beweisverfahren, wird doch hier unser geistiges Schicksal, unsere Teilnahme an der deutschen Kulturprvduktion. mit entschieden; denn es geht um das Hauptprinzip des neuen deutschen Stacitswesens., in dessen Namen das gesamte Kulturleben der Nation unter bewußtem siriltem Ausschluß der Juden heute geregelt wird. Steinbömer nimmt sein Material absichtlich nur aus der Neuzeit nach vollzogener Trennung von Kultus und Kultur, nachdem die Kultur in Dichtung, bildender Kunst und Musik eigenständige Sphären gen'vnnen hat. Nicht an Fällen, die den Staat selbst zunr Gegenstand haben, soll exemplifiziert werden. Darum werden gleich beim D r a m a nicht die Shakespearescheu Staatstragödien, sondern die Stücke, in denen es um ewige menschliche Leidenschaften. Liebe, Eifersucht und Denken, geht, zur Erhärtung des Beweisthemas von der unauflöslichen Verflochtenheit der großen Dichtung mit dem Staat behandelt. An „Romeo und Julia", „Othello", „Hamlet" wird bewiesen, daß die Menschen des britischen Dichters beim Aufeinanderprallen der Privatesten Süchte und Leidenschaften „die öffentliche Sphäre stets als sich zugehörig fühlend mit sich führen". Etwa in „Hamlet": „Hamlets persönliches Schicksal und seine Persönliche Erkenntnis des Lumpenkönigs und seiner Kreaturen sind zugleich ein öffentliches Schicksal und eine öffentliche Erkenntnis des Staates und des Menschen." Ebenso die Lustspiele Shakespeares: „Wie märchenhaft auch immer begründet und besonnen, wie zauberhaft gebärdet und träum- ALM WMe MWM Don CiegMeö FmslH Die Kindheit birgt die tiefsten Fasern der Verwurzelung. Was die Erinnerung davon wahrt, viel oder wenig, gibt Kunde von der Art, mit der men an seinem Ort, seiner Landschaft und ihrem weiteren Bezirk hangt. Was klingt zu mir aus meiner ostpreußischen Kindheit? In dem sainländrschen Torf in dem meine Atern vor fünfzig Jahren ihr Web- und Kurzwarengeschäft betrieben, sind sie die einzigen Juden, hn der Tvrfschule erhalte ich meinen ersten Unter» mcht. Sechs Jahre werde ich alt gewesen sein, als Üe Besonderheit meiner Art mir dumpf fühlbar unecht wurde. Ein Junge ruft nur Jude oder Iid Jud Janlel nach: ein anderer schreckt nach, mdcm er an mir eine Operation vorzunehmcn dwht, die (doch das wußte ich damals nicht) längst mr mir vollzogen war. Tie Schreier meinen es nicht schlimm. Jetzt schimpfen sie hinter mir her, gleich daraus nehmen sie mich zum Soldaten- und Ränberß'Ä »der schnitzen mit mir Pfeifen aus Weiden- ^weigcn. Leite au Seite erklimmen wir den Sandig. der am Tvrfteich ragt. Wir baden im See, A. dem wir über Wiesen und Felder wandern, zsär durchstreifen die' Wälder, um Beeren uud ^uw.eu zu suchen. , kleine Eltern stehen mit den Dorfbewohnern ch Quteni Einvernehmen. Ihre besten Freunde sind schl katholisches Ehepaar, stänunige Bäckersleute, shrc kleine Tochter und meine jüngere Schwester lFclen jeden Tag die Köpfe zusammen. Mir ge- IHs die Bäckerstochter lange nicht so gut wie die schönen Töchter des Töpfermeisters. Diese Be- ^'nderung wird von einem jungen Maler geteilt, die Mädchen oft ans die Leinwand bringt. Er z-chZt Lovis Eorinth. Jedes Jahr kommt er einige pichen in mrscr Torf, um seine Kunst zu üben, ßch Aachmittag schickt er immer den Hausdiener ^sthofs und läßt meinen Vater Zum SkatlzA bitten. In unser bescheidenes Haus kommen Iß -chichten der Bevölkerung. Der neue Pfarrer ljNä'nut ^nicht, seinen Antrittsbesuch auch in der Familie zu machen. Vor unserem Laden halten Magen und Reitpferde der einkaufenden Grundbesitzer. Kümmert mein Vater sich auch nicht mn Politik, so versteht doch Patriotismus sich in der ostpreußischen Familie von selbst. Meine Mutter verehrt schwärmerisch den alten Kaiser Wilhelm. Als er einnial im Winter Königsberg besucht, fährt sie zur Stadt uud steht stundenlang im Schnee, bis der Wagen des hohen Herrn vorübersaust. Stolz erzählte sic immer, daß sie sich ber der Gelegenheit gründlich erkältet habe. Ter Dorflehrer rät, mich eine Stadtschule besuchen zu lassen. In Wehlau lebt meine Großniiittcr. Tort ist ein Gymnasium. Großmutter nimmt inich auf. Einst bewirtschaftete sie mit ihren Töchtern den größten Obst- und Gemüsegarten der Stadt. An dem neuen Ort erfahre ich zum erstcnuial, daß es noch andere jüdische Fanülien gibt. Jüdische und andersgläubige Schüler schließen sich zusammen, lvie die Freundschaft fällt. Im Frühling „schubsen" wir, das heißt, wir werfen Bohnen nach einer Grube und stoßen sie hinein, wenn sie ihr Ziel verfehlen. Wir fahnden auf Briefmarken. Käfer und Schmetterlinge und suchen durch Tausch unsere kleinen Sammlungen zu bcreichern. Im Winter bauen wir Schneeburgen und laufen Schlittschuh auf dem Pregel. An jedem Freitag abend begleite ich den im Haus meiner Großmutter wohnenden Gemeindevorsteher zur Synagoc. In dem Betraum finden wir meist nur zwei oder drei Beter anwesend. Tann werde ich ausgcschickt, um die Säumigen herbeizurufen, ^en einen hole ich voin Ladcl'.tisch, den anderen aus dem Sprechzimmer. An den hohen.Herbstfeiertagen bleibe ich der Schule fern. Dann stehe ich mittags auf der Straße und fe1>e neidlos, wie die Mappenbeschwerten Freunde vom Unterricht kommen. Sie treten heran, bewundern meinen neuen Anzug und ziehen weiter. Unser Gymnasialdirektor ist zu den Juden so streng wie zu den anderen. Als ich bei meiner Einsegnung einen halben Tag zu lange schwänze, stellt er ein peinliches Verhör an, das mit einem scharfen Verweis endet. Wie er aber gesonnen ist, zeigt er. als ich ihn einige Jahre später von Berlin aus besuche. Seine erste Frage ist, ob ich in der ReichShauPtstadt unter Judenfeindschaft zu leiden habe. Ich verneine. Ta klagt er,..an seiner Schule sei ein Fall jener Einstellung kürzlich nufgeflackcrt. Er sei dagegen eingeschritten. Tvch schon, daß cs nötig gewesen, tue timt weh. In solcher vstpreußischen Atmosphäre wuchs damals ein kleiner Jude zum Deutschen heran. Das letzte geschah mu 1895. Ende der Woche, meine Liebe, wollen wir hinausfahren an einen stillen See. Wir brauchen eine ernste Ruhe zu dem, was wir Vorhaben. Eins kleine Prüfung tut uns not, ob wir Schaden gelitten haben in den letzten anderthalb Jahren. Ein Kahn ward uns hinanstragen unter den freien Himmel. Wir werden in die mahnenden Wolken sehen, und wenn unsere Pulse beginneil lverdeil, so langsam und leise zu schlagen wie die Wellen an den Kahl', dann lvirst du mit klarer Stimme Stifters „Lergkristall" vorlesen. Wort für Wort, Zeile für Zeile. Ilnd Wort für Wort, Zeile für Zeile sollen in uils eindringen und uns davon überzeugen, daß sie lvie ehedem imstande sind, vor uns das herrliche, reine Gletschcrland. den sanften Schneefall cnld die Bäume des WaldeS entstehen zu lasfeu. Daun haben wird, so scheint cs mir, die Prüfung bestanden. Es war für uns rrotlveudig. Heine zu lesen, Heine als jüdischen Dichter, so wie wir ihn früher nicht lasen. Es war für uns notwendig, MendelSsohnsche Musik zu hören und unseren Stolz an dem Bewußtsein zu stärken, daß Spinoza ein Jude war. Das alles war nicht nur notwendig, es geziemte uns sogar, und die meisten von uns hatten und haben viel nachzuhvlcn. uni den Bogen über den Sektor ziehen zu können, der jüdisches Wesen, jüdisches Denken, jüdische Gestaltungskraft in sich zu einer Welt vereint, die ihre Eigenart belvußt zu anderen Welten kontrastieren läßt. Ja, wir haben alle Ursache dazu, die für uns so schlverc Zeit dafür zu preisen, daß sie uns zwang, das Heimatrecht in dieser Welt wieder zu gewinnen. Wir fahren dabei nicht schlecht, und unser Reichtum lvüchse. wenn wir imstande wären, unsere alten Bestände zu bewahren. Man wird nicht reicher, wenn man Neues gewinnt und Besessenes verliert. Besessen aber haben wir Stifter, Lessing. Goethe und Mörike. Es geht nicht an. daß wir ,,Nathan den. Weifen" als'd.aL Werk von ,Wsiulg Gesduchte aus dem Talmud Die Hindin der Morgenröte ' Es ergab sich einst ein Gespräch zwischen den Zwei Lehrern N. Chijcr dem Aeltercn und R. Simeon den Ghalasta. Sie wanderten gegen Tagesanbruch durch die Ebene von Arbel in Galiläa und sahen die Hindin der Morgenröte am Horizont hervorbrechen. Da sagte Ghija zu Simeon: „Gelehrtcnsprvß! Diese Morgenröte ist mir ein Sinnbild für die dereinstige Erlösung Israels; sie kommt erst strich, und strahlenweist, dann aber leuchtet sic Heller und Heller, bis der ganze Osten erglänzt nnd die Sonne ansgeht." Oeberset/t von Kabel bin Gorion. Haft gestaltet, sie führen doch alle ein Element der Realität, wie sie der natürlich-gesellschaftlichen Gliederung des elifabethanischen Staates ciitspricht." - Wir gestehen, daß die Welt Shakespeares nnd der englischen Reuaissaucc- Gesellfchaft vor dem düsteren Einbruch des Puritanismus (außer in Guudolfs Shakespeare-Werk uud in dem gewaltigen elisabethanischen Roman Stuckens) nie so treffsicher und kenntnisreich dargestellt wurde, daß auch dem spanischen nnd französischen Drama der absolutistischen Epoche, ferner der dramatischen Dichtung Goethes, Schillers. Kleists, Grillparzers, Hebbels. Ibsens hier mit knappsten sicheren Strichen ganz neue Seiten abgewvnncn sind. Nur die Schlüsse daraus für eine politische Knltnrlehre vermögen wir mit dem Verfasser nicht zu ziehen. Auf die bewundernswerte Feinhörigkeit, mit der ganze Literatur-Epochen abgehvrcht werden, folgt mit einem Salto morrale der uns fremd und willkürlich konstruiert vorkommende „politische" Zauberspruch: „Die Voraussetzung zur Erscheinung des großen Dramas ist also immer der Staat gewesen, d. h. der Staat, der durch sein Hingeordnetsein auf eine höhere Ordnung zur Vertretung einer öffentlichen Sphäre legitimiert war. Da der demo-plutokratische Staat oder der pluralistische Parteienstaat eine solche Legitimation nicht besitzen, so konnte es in ihnen auch keinen echten dramatischen Konflikt uud kein großes Drama geben. Erst der neue Staat im Werden eröffnet wieder die Möglichkeit für die Entstehung des großen Dramas." Der gleiche Vorgang wiederholt sich bei der Darstellung des E p o s. Wir hören nach einer eindrucksvollen Eharakterifiernng des „Don Onichote" von Cervantes, daß „der Wille, der diese Dichtung treibt, ein Wille zur politischen Erkenntnis" sei. Und in Grimmelshausens „Simplizissimus", dessen Stoff nnd Sprachgewalt einfühlend erfaßt werden,wird die noch lebendige Herrschaft des pteichsgedankens und. der deutschen Idee des Staates entdeckt. Goethe, Jmmermann, Stendhal, Balzac Zola, Andr6 Gide, Fontane, Frcptag, Willibald Aleris, Thomas Mann. Stifter werden in ähnlicher Weife mit ihren berühmtesten Rvmanwerken zur Erhärtung der „Politischen Kulturlchre* herangezogen. Das bekannteste Zeugnis der Verneinung des Staates und eines rein ästhetischen Individualismus sind für Steinbömer die „Bnddenbrovls" von Thomas Btann, „in denen eine bnrgerliclie Familie verfällt, damit das ästhetische Individuum in ihr erscheine." In Jüngers „Stahlgen'ittern" und iu G r i m m s „Volk empfinden, mir rveil darin ein Problem behmstelt wird, das wir Inden als ein im besonderen cinne jüdisches empfinden. Es gebt nicht an. daß wir die Werke großer Männer absuchen nach jüdischen Helden, jüdischen ritvmanen. kurz, nach einer Art jüdischer Rechtfertigung. Wir dürfen nicht kleinlich. wir dürfen nicht chauvinistisch werden. In unserem eigensten Interesse. Denn es bedeutete für uns den Verlust unserer besten und wertvollsten Dinge, bauten nur einen Wall auf gegen Kostbarkeiten, die für alle da sind. Wir wollen Dtörikes Gedichte weiter behalten, nur wollen nicht ein falsches, uns nicht gebührendes lllichteramt ausüben und Heine contra Mörike abwägeu. Ebenso wie kein Engländer jemals einem Deutschen die Grenzen der Seligkeit bestimmen kann, in die ibn der „S v m m c t u a d) t >5 - träum" führt, ebenso unmöglich ist es. einem Inden den Flug über sich selbst zu verbieten, zu dem er sich mit Faust aufschwingen kaw.u .Die Erlaubnis dazu trägt jeder in sich selbst. Die Höhe des Fluges mißt sich an der runcreii Weite, an der inneren Rnsgeschlvssenbeit. Uud diese Weite sollten wir uns selbst einschränken, sollten engherzig nnd verbittert nicht mehr beten wollen: „Herr! schicke was Du willst, — Ein Liebes oder Leides; — Ich bin vergnügt, daß beides — Aus Deinen Händen quillt!"? ..Ein Liebes oder Leides." Hörst du? Faßt dtt die ganze rührende Alenschlichkeit, die in den vier Worten eingeschlvssen ist? Sie gilt dir. sie gehört dir. Tie vier Worte sind deutsch, ihr Herz aber zerschlägt alle Schranken, die sich zwischen ihnen und dir anfbänmen ivollen. Wir haben früher darüber nicht nachgedacht, ob sich das Bild von Gott nnd der Welt, wie es das Genie auf seiner Höl;e schasst, in unseren jüdischen Augen anders widerspicgele als in den Augen der anderen, und erst die jetzige Zeit hat uns darauf geführt, einzusthen. daß der große Atem unsere Kraft in andere Schwingungen vcrsetzt. Gut. sie sind anders, aber sind sie deshalb schlvächer? Das kann niemand behaupten, weil niemand die Waage halten kann, mit der man Er> schütternngen mißt. Wenn aber ihre Andersartigkeit die Eigenart der Inden ist, wohl int3< Wir haben keinen Grund, uns ihrer zu schäinem Sie soll einer unserer besten und tiefsten Wesens- Züge sein, die unsere Gemeinschaft aciszeichnet. Ende nächster Woche, meine Liebe, rvirft du lesen:.wie die Kinder so saßen, erblühte am Himmel vpr ihnen ein Gleiches Licht mitten unter