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Central-Verein-Zeitung · 1934-07-19 · 29 (19.7.1934) · page 10

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
29 (19.7.1934)
Date
1934-07-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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:| -i hnr er als Ordinarius für römisches Recht berufen worden war, trat er mit Bernays in engste freund» schädliche Beziehung, die auch nach ihrer örtlichen Trennung erhalten blieb. Ein schöner Briefwechsel legt davon Zeugnis ab. Bereits als junger Privat» dozent in Bonn hatte Bernays die überragende Bedeutung Mommsens aus seinen ersten Schriften er» lannt. An Mommsens „Römischer Geschichte* nahm Bernays regsten Anteil: er stellte dem großen Freunde Verbesserungen zur Verfügung und hals ihm bei der Korrektur des Werks. Fraenkels neue Abhandlung enthält ein für die Biographie Mommsens wichtiges Dokument: in einein Briefe, den Bernays am 9. März 1855 an seinen Freund Paul Heyse richtet, lesen wir u. a.: „Hier schicke ich von Mommscn ein kleines Absage» gedicht an den Storni, welches er Deiner Diskretion mwertraut; die Ucbersendung mögest Du als ein kleines Zeichen seiner großen Teilnahme für Dich rnisehen.* Jenes Gedicht verkündet Mommsens Abkehr von der eigenen dichterischen Betätigung. Er lehnt cs ab, wieder in den Pfad einzulenken, den er einst als Jüngling mit dem „Liederbuch dreier Freunde*, das er zusammen mit seinem Bruder Tycho und feinem Studiengenossen Theodor Storin ljcrausgab, beschritten hatte. Er gesteht, daß seitdem ihn das Leben zum Ritter geschlagen habe, und blickt auf die poetische Jugendschwärmcrei verächtlich Michael Fraenkel hat seinen bemerkenswerten Fund im H e y s e - A r ch i v der Bayerischen Staatsbibliothek gemacht. Regensburg im AUttelatter Raphael LlranS, Tie Iudengcmeinde Ncgcnsburg im ausgehenden Mittelalter, auf Wrunb der Quellen kritisch untersucht und neu dargcstcUt. Heidelberg, Earl Winters Universitätsbuchhandlung, 1932. Die Geschichte der Regensburger Gemeinde ist mehrfach von nichtjüdisä)er wie von jüdischer Seite dargestellt worden, von der ci:>cn nicht mit dem nötigen kritischen Abstand von den Vorgängen, wie ihn rvissenschaftliche Objektivität erfordert, von der anderen nicht mit dem notwendigen Eindringen in die tieferen Ursachen der Entwicklung. Straus macht in der vorliegenden Arbeit den glücklichen Versuch, beide Fehler in der historischen Betrachtung der Stadtgeschichte zu verbessern und sowohl kritisch wie tiefer schürfend das Schicksal der Regensburger Judenschast mit seiner ausfälligen Wendung aus einer besonders beschützten zu einer besonders hart bedrängten und zuletzt auseinander gesprengten Gemeinde darzustellcn. Gruudzug seiner Arbeit ist der Rachrveis der Verknüpfung dieses Schicksals mit den allgemeinen politischen und vor allem mit den wirtschaftlichen Verhältnissen des ausgehenden 35. Jahrhunderts, speziell mit dem Niedergang der Stadt Regensbnrg, der durch die veränderte Behandlung der Juden anfgehaltcn werden sollte. Dieses Mittel erwies sich jedoch als ganz nutzlos und zwecklos, ja es beschwerte sogar erst recht die Stadt, da sie dadurch in Konflikt mit dem Kaiser geriet, der seine Souveränität über die Juden nicht angetastet wissen wollte. Straus schildert in einzelnen Abschnitten die Kreise, die ans die Lage der Juden von maßgebendem Einfluß waren: die Kirche, den Herzog von Bayern, den Kaiser, die Stadt, zuletzt die inneren und äußeren Verhältnisse der Judenschast selbst. Es ist eine kritische Sezierung der Haltung dieser Kreise in der Jndensrage untereinander und zu den Juden, eine Methode wissenschaftlicher Erforschung, wie sie die jüdische Ge» schichtsliteratur bisher noch nicht anfzuweiscn hatte. Es war wichtig, sie einmal an diesem Einzelbeispiel dnrchznführen, zumal der Fall Regensbnrg typisch für die Entwicklung der jüdischen' Lage nn ausgehenden Mittelalter ist und zugleich lvstimmend für die daran anschließende neuzeitliche jüdische Geschichte. Diese neuartige Untersuchungsmethode fördert aber auch eine Fülle von bisher unbekannten Tatsachen und Motiven im einzelnen zutage. Tahm gehören vor allem die neuen Einblicke in die ausschließlich politisck)cu Beweggründe der Ritualmordbcschuldigungeu jener Tage und in die gewalttätige Art ihrer Prozeßsührimg, ferner die Erörterungen über die Judenpolitik der Kaiser, besonders des Kaisers Friedrich III., die Kennzeichnung der verschiedeuartigen Haltung der höheren und niederen kirchlichen Kreise nt der Judenfrage Und ganz de« sonders die sorgfältige Untersuchung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse jener Zeit, deren Zerrüttung den völligen Abstieg Regensburgs bewirkte. Die Vertreibung der Juden und die Wegirahme ihres Besitzes, zeugte, wie Straus an den Einzelaktionen nachweist, keine der erwarteten günstigen Ergebnisse. Ebenso rückhaltlose Kritik übt er jedoch auch an den jüdischen Zuständen. Er zeigt die Fehlerquellen auf, imter denen die Juden von der Umwelt her, die Umwelt aber auch von den Juden her zu leiden hatte, und daß deren Beseitigung durch eine verständige Reform der Rechtspflege und der Gesetzgebung zrr erreichen gewesen wäre. Literarische Hinweise und kirrze Auszüge aus archivalischem Material unterstützen die kritische Darstellung, die freilich gewisse historische Kenntnisse voraussetzt. Ausführlich soll das Tatsachenruaterial in einem Urkundenbaud gebracht werden, der sich bereits in der Drucklegung befindet, i Die vorliegende Arbeit verdankt ihre Entstehung ltn8 Drucklegung 8er historischen Kommission des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden und ist in den Heidelberger Abhandlungen zur mittleren und neueren Geschichte erschienen. Sw wendet sich zunächst an die Kreise der Geichichtsforscher. Es braucht aber nicht erst betont zu werden, welche Bedeutung sie auch für weitere lüdrsche Kreise besitzt. __ M*Fr* Ein „Taschenwörterbuch des Nationalsozialismus" ist im Verlag Quelle u. Meyer. Leipzig, erschienen. Der Verfasser, Hans Wagnet, tft langjähriges Mitglied deS nationalsozialistischen Lehrerbinides. Er hat in alphabetischer Reihenfolge alle Stichworte, die im nationalsozia- Mischen Staat imd in der Partei Bedeutung haben, in kurzen Aufsätzen erklärt. Auch der Judenfrage sind einige Abschnitte gewidmet. Das Buch kann als der bis jetzt fehlende handliche Wegweiser durch daS Staats- und Parteiwesen angesehen ZGA UM Mim Wß öm MMR Bon Zullus Bab Gleich zu Anfang sei betont, daß die beiden schönen Bücher, die ich hier anzeigeu will, nichts Besonderes mit jüdischen Belangen zu tun haben, und daß ihnen auch gar nichts Aktuelles auhaftet. Aber sie gehören zu den sehr seltenen Erscheinungen der gedruckten Welt, die Lebendiges und Schönes, nnabhängig von Zeit und Raum, allen Menschen zu bieten haben. Und da wir wohl annchmen dürfen, daß in den meisten von uns der Wunsch lebt, jenseits aller aktueller Sorgen und Mühen Anteil an dem zu behalten, was für alle Menschen und für immer wesentlich und erhebend sein wird, und da wir auch annehmen dürfen, daß so manchen von uns der Weg versperrt ist zu den Stellen, von denen wir sonst zu Schönem. und Wichtigem geführt wurden — so wird es, denke ich, vielen recht sein, auch hier einmal zu zwei Büchern gewiesen zu werden, die mit uns deutschen Inden nur durch die eine, aber am Ende nicht unwichtige Tatsache verbunden sind —. daß wir eben Al e n s ch e n sind, und daß diese Bücher stark und tief zum Menschen sprechen. Sie stammen aus der Literatur des Nordens, diese beiden großen Erzählerwerke. * Tie Tradition der skandinavischen Literatur ist (trotz des Dramatikers Ibsen und Universalgenies Strindberg) in allererster Linie eine epische. Sicher entströmen Quellen aus dem tiefen Boden altnordischer Sagen, aber der eigentlich sichtbare Zusammenhang führt auf den Märchenerzähler Haus Christian Andersen, mit dem vor noch nicht hundert Jahren die selbständige Rolle der drei nordisctfcn Sprachen in der Weltliteratur begann. Das realistische Märchen, der märchenhafte Realismus,- das ist cs, was Andersen geschaffen hat, und dieser geheimnisvoll offenbare Stil der Nordleute lebt am großartigsten fort in einem norwegischen Erzähler und einer schwedischen Dichterin, die heute 75 Jahre alt sind: Knut Hamsun und Selrn a L a g e r l ö s. Beide sind sie soeben mit zwei neuen Zeugnissen ihrer durchaus unerschöpften Dichterkraft hervorgetreten. Dabei ist es merkwürdig, daß Selma Lagerlös. die von jeher in aller Kindlichkeit eine vollkonunene Reife besaß und nie vorn Alter sprach, jetzt ein „Tagebuch* ihres 15. Lebensjahres veröfsentlicht, während Hamsun, der eigentlich schon seit dreißig Jahren in melancholischer Koketterie von der Resignation des hohen Alters spricht, nun nach den „Herbststernen* der „Letzten Freude*, dem „Letzten Kapitel", ein allerletztes Kapitel veröffentlicht, einen unbedingt abschließenden Roman: „Nach Jahr und Tag* ist der deutsche Titel. Aber man muß keine Versicherung dieser wundervollen großen Gaukler allzu wörtlich nehmen. Wir wollen hoffen, daß dieses durchaus nicht Hamsuns letzter Roman ist, und keineswegs wollen wir glauben, daß dieses sehr schöne kleine Buch der Lagerlöf so ganz einfach ein ausgegrabenes und abgedrucktes Backsischtagebuch ist. Dazu ist es ein viel zu vollkommenes Kunstwerk. Freilich, ein echtes Tagebuch wird wohl zugrunde liegen. Tenn wenn auch jene Weitschweifigkeiten, die uuersreulicheu Wiederholungen beseitigt sind, die ein echtes Tagebuch unweigerlich zeigt, es gibt da doch manche Naivität, manche unausgeführten Ansätze, manche kleinen Unklarheiten, die wenigstens für die Echtheit des verarbeiteten Materials sprechen. Verarbeitet aber ist es mit großer künstlerischer Meisterschaft. In die Geschichte von der kleinen Selma Lagerlös, die, um ihren Hinkesuß zu kurieren, nach Stockholm fährt, um dort bei Verwandten zu leben und ein orthopädisches Institut zu besuchen — in den Tagebnchbericht von diesem braven kleinen Mädchen mit dem höchst empfindlichen Gewissen, dem sehr unsicheren Selbstgefühl —, in dieses Tagebuch ist mit außerordentlich planvoller Zartheit eine Liebesgeschichte eingewebt. Die Geschichte einer mir halb bewußten Liebe, die allmählich sogar zu einerrecht romanhaften Spannung auschwillt, um sich dann freilich mit einem leicht melancholischen Lächeln auszulösen irr die übergroße Jugend des Kindes, das doch glücklich ist, wieder nach Hause fahren zu dürfen. Aber in diesenr Kind, das von der Liebe angcrührt wird, ohne sic noch recht zu erkennen, sehen wir doch schon den Keim jenes wundervollen reichen Menschen, der als die große Dichterin Selma Lagerlös der ganzen Welt liebenswert werden sollte. Daß sie schon eine Leidenschaft für das Schreiben hat, jedes Ereignis mit übermäßiger Phantasie auffaßt und uns einmal sogar einen grotesk schauerlichen Rvnrancntwnrf mitteilt — das ist vielleicht nicht das Wesentliche. Achnlichcs urag mau von vielen begabten Kindern berichten können, aus denen dann nichts Außerordentliches wird. Aber das Außerordentliche und Einzige der herrlichen Frau spürt man doch in der andächtigen Zartheit, der tiefen sittlichen Ernsthaftigkeit, mit denen sie dem Wesen der Dichtung nachtastet. Ta steht die kleine Selma einmal neben ihrem Professor im orthopädischen Institut, der in seiner Jugend ein paar berühmte Lieder gedichtet hat. und sie sagt schüchtern: „Ist es ein Vergnügen, Gedichte zu machen?* „Ja, das ist cs*, autnwrtete der Professor, und es sah so aus, als ob er mich recht naseweis fand. Im nächsten Augenblick lachte er. „Aber es ist auch schön, gekrümmte Rücken gerade und steife Glieder gelenkig zu machen*, fügte er hinzu. Und das sagte er sehr schön. Er sah ja Goethe ganz und gar nicht ähnlich, aber als er das sagte, sah er doch wie ein wirklicher Dichter aus.* Diese kleine Wendung ist so schön, daß man sie zum Reifsten und Tiefsten der unvergleichlichen Dichterin Selma Lagerlöf stellen muß. mag sie nun echtes vordeutendes Erlebnis des IMhriaen «mS? ch°ns obet «ne tMnnige Ersindung d« Greisin fein. " Das neueste. daS allerletzte Kapitel von Knu, Hamsun ist merkwürdigerweise gleichzeitig da» letzte Kapitel zweier verschiedener Romane *3 gemeinsame Mündung zweier epischer Ströme' den „Kindern der Welt* und der St'adü Segelfoß* hat Hamsun allmählich die klema Landstadt entstehen lassen, die mit ihren Menschen auch Schauplatz dieses jüngsten Romans ist. Aber von Hamsuns letzten Büchern „Landstreicher^ und „A u g u st W e l t n m s e g l e r* kennen wir dis Leute an der „Bucht*, die kleinen FischcrAente unter denen zinveilen kurzlebige Unternehmungen hochschicßcn, besonders, wenn August, der See« sahrer. der Erfinder, der Unternehmer, der Aller« Weltskerl auftaucht. In diesem neuen Roman mu* hat der Herr Konsul, der große Mann von Ccgelsvß, einen „Allerhandmann*, einen ungemein der« wendbaren und vielseitigen Kerl, von dem sich inu^ sam herausstellt, daß es August, unser wohl« bekannter Freund von der Bucht ist. Er ist noch i\\ grauem Haar ganz so wie er war, ungemein er« siuderisch und beweglich, für jeden Fortschritt ,mx des Fortschritts willen, aber ohne irgendein sach. liches Interesse, ohne irgendeine tiefere Verknüpfung mit etwas Irdischem oder Himmlischem. Eigentlich ein Seemann und ans dem Lande nur eben ein Landstreicher. Das ganze zwiespältige Verhültins. das Hamsun zur Zivilisation besitzt, deren befruchtenden Wert er nicht leugnen kann, bereit Träger er aber in ihrer Natnrlvsigkcit verachtet, dieses ganze zwiespältige Verhältnis zeigt die Figur des August in höchster Schärfe. Wenn er durch einen Zufall wieder Geld iu die Hände bckonuut. so erwacht: auch sogleich der alte Schwiudelgeist in ihm. der skrupellose Reuvnrnüst und Märchenerzähler. (Wie herrlich ist nicht die Erzählung seines Besuches bei Rothschild, den er „trotz hundertsünfzig bewaffneter Diener* aussncht, und dem er einen riesigen Tia« mantcn von Peru aubietet — worauf Rothschild eine! zentnerschwere Brieftasche hcrausholt und zahlt); Und iu unmittelbarster Verbindung mit solcher Renommisterei erwacht der Spekulant, der Unternehmer, nicht um eines Ertrages, sondern um des Unternehmens willen. August kennt nicht einmal den Unterschied zwischen Fettschafen und Wollschafen, aber er legt eine riesige Schafzucht an. Oben! auf dem Berg sammelt er weit über tausend Schass zur Weide. Und au dieser, seiner letzten Spekulation geht er zugrunde; denn der Herr Konsul hat aus dem Berg eine Jagdhütte bauen lassen, und August hat es übernommen, die Fahrstraße dorthin zn bauen. Sie ist auch soweit fertig, nur das Gitter an! der gefährlichen Stelle vor dem Abgrund ist noch nicht angebracht. August kommt nicht dazu, weil cr doch so sehr viele andere Sachen immer zwischendurch zu unternehmen hat. Aber nun ist der eng« lische Jagdfreund des Konsuls da, er schießt oben in den Bergen, die Schafe überkommt eine Panik, und der Sturz der tausend Tiere reißt den August, deb eben die Straße passieren will, an der ungeschützten! Stelle in den Abgrund. „Ein Meer von Schafen ward des Seemanns Grab*, so schließt mit balladcskenr Schwung die Geschichte von August, dem Landstreicher, dem Weltumsegler, dem Spekulanten. Aber neben, gegen und vor August stehen auch in diesem Buche wieder Naturgeschöpse der mannigfachsten Art: drollig beschränkte, prachtvoll üppige, rührend zage und gefährlich wilde Offenbarungen der Lebenskraft. Die Geschichten sind oft etwas lose und lässig verknüpft, der Fug des Ganzen ist nicht so gcwitterhaft stark wie iu Hamsuns stärksten Werken, aber der Reichtum des belauschten, belächelten und geliebten Lebens ist doch noch immer, ist immer wieder stark genug, um uns zu erschüttern, uns andachtsvoll und dankbar hinzureißen: „Tu Geist der Erde bist mir näher, schon fühl' ich meine Kräfte höher, schon glüh' ich wie von neuen: Wein* Ä Ricarda §uch „So macht es mir Vergnügen, die Tage meines verflossenen Lebens an mir vorübergehen zu lassen wie eine Prozession. Es wird seltsame Gestalten zu sehen geben, bunte Fahnen, Bilder, Symbole und Schaustücke.../ So ließ Ricarda Huch vor vierzig Jahren ihren Ludolf Ursleu sagen, und wenn sie jetzt, als Siebzigjährige, ihr eignes Leben noch einmal an sich vorübergehen läßt, wird es ihr nicht weniger Vergnügen machen. Tenn Ricarda Huch ist eine von den seltenen Frauen, denen Arbeit, Ideale, logische und moralische Konsequenz die ersten Lebensbedingungen sind. Sie hat immer alles sehr ernst genommen. Als sie als junge Studentin in die Schweiz kam und ihr Doktorexamen machte, war ihr auch die Schweiz nicht bloß ein Thema und Milieu für ihre Erstlingswerke und ihre Stellung als Sekretärin der Züricher ' Stadtbiblivthek nicht bloß ein Broterwerb; die Schweiz war ihr eine Art von Lebensprvgramm, das Buch über Gottfried Keller ein Bekenntnis zu ihm, und wenn sie später sich mehr dem italienischen Stoffgebiet und Renaissancecharakteren, in der Gestaltung aber dem scheinbar kühleren Formenkult C. F. Meyers ergab, so blieb sie gleichwohl der schweizerischen, kellerschen Rechtlichkeit und Bolkhaftigkeit gesinnungsmäßig immer treu. Zwei Weltgeister streiten in all ihren Werken und bestimmen jeweils die Stoffwahl, der Sinn fürs große Ganze, also der soziale Sinn, und der Sinn fürs große Besondere, für Heroen und Ausnahme-Menschen, und am ergreifendsten ist Ricarda Huch immer da, wo der Widerstreit sich als Kamps der Heroen für das große Ganze abspielt, also wenn sie, in zwei Romanen, Garibaldi darstellt, wenn sie, in einer wissenschaftlich ganz unschätzbaren Biographie, Bakunin auserftehen läßt. Aber selbst noch in ihren Büchern vom Freiherrn vöm.Stein, vom Dreißigjährigen Krieg, von Luther und Karl Schurz und in ihren schönen Städtebildern lebt dieser Kampf. Ricarda Huch war freilich mit nichts als schönen, mit nur erzählen wollenden Romanen, und mit nichts als schönen, mit nur Kunst sein wollenden Gedichten berühmt geworden; und mit Recht berühmt, denn was sie erzählte und sang, war seltsam schön. Aber sie verzichtete auf den Luxus reiner Kunst in der Gewißheit, daß zuerst Volk, Geschichts- und Landschastsbewußtsein, Gemeinschaft not tue, und schrieb nun ihre großen Bücher von der deutschen Seele und Not. Und sie meinte es auch damit wieder lebensmäßig zu ernst, als daß sie sich mit dem bloßen Schreiben begnügen konnte. Und selbst von den vielen Ehrungen, die ihr zuteil wurden, wies sie manche um des Lebens willen zurück. Ten großen Widerstreit zwischen den Geisteswegen zum Großen und zum Ganzen hin findet Ricarda Huch einmal gelöst und proklamiert die Gelöstheit und Lebendigkeit in einer kleinen Schrift, für die wir ihr besonders dankbar sind. Sie heißt „Der Sinn' der heiligen Schrift" und ist ein Bekenntnis zur Bibel. Zwar zum Alten Testament nur als zu einer Stufe des Neuen und zur jüdischen Geschichte nur als zur christlichen Vorgeschichte, aber doch so voller Hochherzigkeit, Gott- und Welt-Aufgeschlossenheit, daß wir sie gar nicht hoch genug schützen können. Der großen Dichterin und dem großen Menschen Ricarda Huch gelten unsere besten Wünsche. —eb. Mhrlm vM SHch Der Mann mit dem breiten, schweren Schädel, der zu seinem 60. Geburtstag mit Recht als einer der reichsten und - reifsten deutschen Dichter gefeiert wird, ist in den fast vier Jahrzehnten seines sehr mannigfaltigen Schaffens immer jenseits der literarischen Moden, abseits, doch nicht einsam, gestanden oder geschritten. Dem in Berlin geborenen Sohn von Bis» marcks letztem Finanzminister war, wie er selbst berichtet, von einem „astrologischen Freund" eine „ausgesprochene Polarität seines Wesens" zugesprochen worden. Die aus Schlesien stammende Familie vererbte ihm den Hang zur Mystik; Jugend am Bodensee unb spätere Tätigkeit am Stuttgarter Staatstheater förderten seinen Trieb zur Klarheit und reiner Form. Dies Doppelstreben offenbart sich gleicherweise in seinen theoretischen und forschenden Schriften über Mystiker, Dramaturgie und Landschaft, wie in seiner lyrischen, dramatischen und erzählenden Dichtung. In der Blütezeit des Realismus um J.900 suchte er eine neue Romantik^ dann noch mehr eine neue Klassik. Davon zeugen gehaltsschwere, formedle Lyrik un& zu Hebbel hinstrebende Dramen des „Konflikts großer Lebensmächte". Eine Epoche von Gcbranchsdramatik mit Lieferer Bedeutung („Vertauschte Seelen", „Der Wettlaus mit dem Schatten") wurde schließlich abgelöst durch eine Reihe großartiger in seelische, religiöse Tiefen vordringende R o m,a n e. Was Scholz zu geben hatte, ist nicht von: oder für bestimmte Richtungen veranlaßt, sondern ist Dichtung für alle. Wenn aber gerade die deutschen Inden unter denen sind, die Wilhelm von Scholz besonders herzlich beglückwünschen, so hat das besonderen Anlay. Scholz hat zweimal jüdisches Schicksal mit 1° viel Kenntnis,, Verständnis und Anteilnahme gestaltet, wie es nur selten in der Weltliteratur zu finden ist. Und gerade bicje beiden Werke sind, durch beinahe dreißig Jahre getrennt, zu seinen wichtigsten und gewichtigsten zu zählen. Mit dem „Jud.eu von K o n st a n z" erkämpfte der noch nnyt Dreißigjährige für immer seinen Platz rn dev Geschichte des deutschen Dramas, nut dem „Weg nach Jlok" hat der säst Sechzig* jährige einen der bedeutendsten Gottsucher- Romane geschaffen. . Beides historische Dichtungen: im Mittel Punkt steht ledesmal eine Judenversolgung- Aber in beiden werden durch die Flamme oe^. Scheiterhaufens nicht nur die jüdischen, sondern auch die nichtjüdischen £al!Pr gestalten gereinigt und geläutert. Der „Ist p e von Konstanz", im 14. Jahrhundert. M der getaufte jüdische Arzt Nasson. der einsehen muß und immer wieder ausspricht, o o kr keine Heimat hat, lveder im Judentun, ■■ \;! ■ i H y\; i H ’ *

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