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Central-Verein-Zeitung · 1934-07-12 · 28 (12.7.1934) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
28 (12.7.1934)
Date
1934-07-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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„Lsnk und das Iudevkum" Julius GuttmrrnnsAbschiedsvorlcag Von den Hörern des .Kulturbundes Deutscher Juden", dessen Vortragskommission er nngehört hat, verabschiedete sich Proseyor Julius G-ttmauu mit tief eindringenden, vielbeachteten Darlegungen über ,.Kaut und da» Judentum". Gnttmaun bot mit diesem Bortrage einen Aufriß alle: der Gedanlengänge, mit denen da» Judentum seinen Eintritt in die moderne Kulturwclt vollzogen hat. Das Leben &\ a n t » bezeichnet Zeit und Ört dieser geistigen Ilmsorimmg. denn in dem Deutschland der Aufklärung haben seither die philosophischen Gruiidkrüfte de» modernen Judentum» ihr Zentrum gefunden. Alendelssvhn und die späte Ansllärungsphilvsophie ivaren c», die durch die Cprenguug der kirchlichen und dogmatischen Bande und durch die Ablösung der religiösen und philosophischen Ausdrucksfvrmen von ihrer lpeschichtlichen und streng lvnsessivnellcn Gebundenheit eine Bresche für die jüdische Religion geschlagen haben. Für einen lUi endelSsohn in -seiner abgellärten, fast nüchternen seelischen Harmonie war es nur selbstverständlich, daß religiöser Mlnufa und philosophische lieber,-engung in Einklang standen. Kant sah. bei aller Schätzung des jüdischen Popularphilosophen. mit dem er auch persönlielx! Berührung fand, die Dinge anders, hat sich aber oft aus Mendelssohns metaphysische Dheoreme gestützt, obwohl er in seiner kritischen Philosophie weit über ihn hinauSwuchs. Jüdische Persönlichkeiten. wie Salomon Ntaimon und Lazarus B e n d a v i d, haben als Kritiker und Fortbildner der Lehre Kants gewirkt. und der Briefwechsel mit dem Mendelssohn-Schüler Ntarlus Herz kann geradezu al» ein Dokument Kantscher Philosophie bezeichnet werden. Unter den Schülern Kants rmd unter denen, die bis herab zu Hermann Evhen an seinen: Werk fortgearlvitet haben, sind zahlreiche Inden gewesen, -vier liegt kein Zufall vor. sondern Querverbindungen i i c f ft c r innerer Verwandtschaft haben dieses kulturhistorische Faktum zustande gebracht. Denn bei der Wirkung von Juden für und auf die Kantsche Philosophie ist die Geistesgeschichte nicht stehen geblieben, sondern auch umgekehrt ist gerade Kaut cs gewesen, der dem Judentum weithin seine Begründung im 'Hmim der cnropäiselsvn Philosophie gegeben hat. Diese an sich ungewollte Wirtung der Kant'chen Lehre steht in seltsamem Kontrast zu dein Urteil, das der Philosoph in seinen Schriften über das Judentum gefällt hat. Nach Kant ist das Judentum keine Religion. weil c» statt einer sittlichen eine praltische Lehre verkündet. die sich in der Gesetzgebung für da» jüdischisraelitische Staatsweseu erschöpft und demzufolge auch in seinen Verheißungen nur die Diesseitigkeit kennt. Auf Grund dieser Anschauung gelangte Kant dazu, den Juden die Annahme de» Evangeliums anzuraten, damit sie sich von dieser Basis her zu der reinen Vernunftreligion emporentwickeln könnten, die er selbst ganz aufklärerisch in den sittlichen Forderungen de» Christentums erblickte. Man erkennt leicht., daß drese Polemik gegen da» Judentum die gleiche Wurzel hat wie alle vorgebliche Religionsseindlichkeit des Aufklärnngszeitalters überhaupt, daß sie nämlich die Reinheit des sittlichen Gehaltes jenseits der religiösen Formen erstrebte. Gerade in diesem Punkte ober berührte sich Kant sonderbarerweise wieder null einem jüdischen Philosophen, mit Spinoza, der in seinem ..Politischllhevlvaischen Traktat" die Religwiwaesetze des Judentum» als staatsgebundcn zu erweisen suchte, lind nun enthüllt sich eine eigenartige Antinomie. Während noch Spinoza von dein ofü.zicllen Judentum seiner Tage mit dem Bann belegt worden war. haben sich die Zeitgenossen Kants durch dessen abstrahierende Ausjaüung des Jndentmns von seiner Lehre nicht abbringen lassen. Tie haben vielmehr das geistige Rüstzeug de» Kautianismus dazu benutzt, lim sich K’n Eintritt in die europäische Kultur zu erzwingen. Alle jüdischen Philosophen seit Kant, mögen pe sich im übrigen auch zu den Schulen eine» Schilling oder Hcg-l zählen, lehren in den entscheidenden Punkten zu dem KömgSberger Philosophen zurück, bis schließlich in der Figur Hermann Cohens die Synthese von Kantjanismus und Judentum schlechthin unternommen wird. Das alles ist. mehr als die Auswirkung.einer geschichtlichen Konstellation, cs ist auch mehr als die Folge jenes gemeinsamen Strebens von Kantianismus und Judentum, „das Wissen auszuheben, um den: Glauben Platz zu schassen", wie Kaut die Zurückdräugung der gewordenen Form zugunsten ihres sittlichen Gehaltes ausdrückt. Vielmehr ist es der innere Gehalt beider Lehren selbst, der ihren ticssteu Berührungspunkt darstellt. Wie das Judentum, bejaht Kaut die A u t o u o m i c des sittlichen Gebotes, das auf sich selbst gestellt und aus sich selbst begründet wird, mit dem Satz, „daß nichts in aller llllelt gut. schlechthin gut ist, als der gute Wille". Wie das Judentum empfindet auch Kaut das Sittliche als da» Gesollte, als Forderung. In beiden Lehre,, gelaugt der Gedanke der sittlichen Gesetzlichkeit zu philosvphischer Vollendung. Die biblische Metapher von der Gvttcsebenbildlichteit des Menschen ist der religiöse Ausdruck der Kautscheu Idee vom Menschentum als Selbstziveck. Ta» Sittliche erweitert sich bei Kaut zum Religiösen. etz fordert von uns die Ileberzeugung, daß die Wirklichkeit dem sittlichen Ideal nicht fremd ist. daß sie ihm unterworfen werden kann. Das ist auch jüdische Lehre. Aber ' Mrolesscr Sr. David BaumgoM: Cvinoza An einem Kultnrbundabend sprach der Berliner lluvcrsitätsprosessor Tr. David Bau nt g a rdt über „Spinoza im deutschen und jüdischen Denken". Ta das Judentum im Gegensatz zum Ehristentum, das in seiner originalen Form eine Lehre der Welt- Verneinung und Entsagung darstellt, weit mehr die Religion einer Diesseitigkeit und Lebeusbejahuug vertritt, so steht uns Inden Spinoza im Grunde sehr viel naher, als wir cs heute glauben wollen. Demi die spinozistische Machtmoral, hervorgegaugeu ans Spinozas tief-ehrlicher, menschlich-verstchender Afictteulehre im Lichte einer grosnrtigen Raturaufsassnng, fordert mit ihrem Prinzip einer natürlichen Selbstbehauptung etwa» ganz Achnliches, was auch der Talmud den Menschen genietet: Ta» Leben zu mcistcru und die Forderungen, welche au unser Leben gestellt werden, zu erfüllen. Tie spinozistische Lehre will also, ebenso wie die jüdische Religion und wiederum im Gegensatz zum Ehristent.lm, nicht über, sondern im Leben stehen! In dieser Weise wird die Forderung einer gesunden Selbstbehauptung bei Spinoza mit der gleichen Notwendigkeit anerkannt wie in dem schönen Wort des Mischnalehrers Hillel: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich?!" Auf Grund dieser Anerkennung des überall waltenden Machtstrebens, in der Natur wie auch bei den Menschen, haben wir Juden ein besonderes Verständnis für die Größe einer Macht, aber im Zusammenhang mit dem, was uns Spinoza lehrt, glauben wir doch letzten Endes nur jene Macht, die sich bei' aller Stärke auch milde und gütig erweist. Sokönnen wir auch heute bewußt Spinoza jähen, indem wir die Selbsttäuschungen der menschlichen Affekte bei uns selbst wie auch'bei den andern erkennen und das ureigene jüdische Postulat der Selbsterhaltnng zur Geltung bringen, das uns im Lause unserer Geschichte schon svviele Leiden zu überwinden gelehrt hat./' Laura Deltcssn: Das orientalilche MäcKen In einem Berliner Privathause veranstaltete Laura P e l t e s o n einen Vortragsabend „Aus der Welt des orientalischen Märchens". Das Programm umfaßte ansgewählte Stücke sowohl aus der indischen als auch aus der chinesischen' und japauischen Märchenwelt: Heiteres, Ernstes, Anekdoten, sabelhaste Begebenheiten. Besonders „Das tote Mädchen", ein chinesisches Märchen voll tragischer Schauer und Trastik. siel auf. Das Publikum, unter bei aller Uebercinstimmung selbst m letzten Fragen keimt die Gemeinsamkeit zwischen Atmtt|djer Philosophie und Judentum ciu-e Grenze, die nt dem rationalistischen, vom Fort^chrittsgednuken beherrschten 19. Jahrhundert gemeinhin ubersehen wurde Tie jüdische religiöse Aufsasinng lieht Gott als Urheber der sittlichen Weltordnung, tu: bejaht ihn noch vor der ^ittlichlcit jelbst. >w)e» , Moment spricht bei Kaut nicht mit. Lein Zusammenschliiß der menschlichen ZN-wckezu Emem Reich des Siitlichcn ist nichts al» cm sakiilarisierter Messianismus. dex sich daun zur liberal^,' sehen Fortschrittsidee fortentwickelt ha e. Das Jlideutmu aber, da» au» der. niirationaliitilcheil Tiefe religiösen Impulses aufsieigt. hebt den ytttich gesinnten Menschen in die Gemeinschaft Gottes empor. Dieses jüdische Bewiißtfeni der Gottesgemeinschaft, der E i n h e i t m i1 G o t t ist mehr als das Beivnßtscin einer fittlicheu Lendnng. Lv ist das Kantsche Ethos, da» zeitlos zu lein gedachte nicht mehr als eiii zeitgebundener Ausdruck des jüdischen Ethos, in der Echtheit des snoyerischm Aufschivimgs ihm vergleichbar, m der Tiefe seelischer Ergriffenheit crber nnterschieden. Professor Gnttmaun fand mit seinen schwierigcn, gleichwohl immer unmittelbaren Aussührimgen die volle Aufmerksainkeit seiner ZuhörersäM, die ihm lebhafte Ovationen breitete. steht. Der freie, gereiste Künstler wirst die ftclTeto der Gesetze und Grenzeii ab. läßt Schranken fallen und bemüht sich, letzte Dmge zu sagen, weil er das Leben nicht mehr fürchtet und dem Tod V Auge sieht. Das wurde so recht dentlichU den späten Selbstbildnissen eines Neinbrandt, ein"? Evrinth, in den letzten Arbeiten Donatellos und Michelangelo». Das schöne, von Thomas Mann geprägte "Wort von der „majestätischen Müdigkeit des Filters" trifft bedingt in gewissen Grenzen u, Tie eingehenden Analysen Professor Landsveraers .an Hand von Lichtbildern zeigten überp'ngend Flicht Verfall, sondern die größte Höhe küw'iyrischen Schaffens im Atter. " ' ys Professor Franz Landsberger svrach auch in Dresden über Liebermann. den Nteistcr. tzz war eine Freude, von einem Wissenschaitler'durch nnsgezeichnete Lichtbilder in das Werk Liebermaims geführt zu werden. Von genialen Jugendwerk „Die Gäuserirpferiunen" geht der Weg über die meisterlichen Arbeitsbilder: Konservenmacheriimeu, . Arbeiter im Rübenseld. Schusterwerkstatt, Flachsscunur zu den bewegten pteitcrbilderu und Landschaften der späteren Feit. Eine gute Auswahl prachtvoller Porträts beschlossen die Lichtbilderreihe. <j.‘ dein mau auch Japaner und Ehilieseil bemerkte, folgte dem Vortrag und den erklärenden Beuierkungeu der Märcheuerzählcriu mit sichtbarem Interesse. Sr. 28. NuMllm: KdisSr ErSferschung und Erdvslcgr Aus Vcraulassmig der jüdischen Aerzteschast in Breslau sprach Dr.^ W. Nußbaugt vor einem großen Anditvrinm. in dem sich auch Rabbiner und sonstige führende Persönlichkeitcn der Breslauer jüdischen Gemeinde befanden. Der Vortragende ging von dem Ltandplinkt ans, das; die Erbbiolvgie den Menschen aus seinem eugsteu Bereich hcraushebt und ihn als Dnrchgangspunkt in den Ablauf der Generationen hiueiustellt. Wauderuug und Ncischeheu haben die Inden in etiva zwei Jahrtauseudeu als Bolkskörper weit von dem Stamm der damaligen Vorfahren entfernt. Kreuzung,^ Umweltbeeinflussung und Ncutation sind die Grundursachen für die Ncuentstehnng eines Wesens. Genealogische und anthropologische Erbbiologie sind das Rüstzeug für die Erforschung der Struktur der jüdisck-en Bevölkerungen. Ächssenuntersuchnngen an polnisä^n. Berliner und Würzburger Judeu haben bereits interessante Ergebnisse gezeitigt, und zwar bedeutende Gruppenunterschiedc. aber eine einheitliche An»äherung an den zentraleuropäischeu Typus. Da nie qualifiziertes Erbgesüge verloreu geht, kann jede Generation zur Blüte gelangen. Großzügige Aufklärung durch Pädagogen und Aerzte bei jung tmd alt. Eheberatung und Förderung gesunden Rachivnchscs iverden die Juden auch tveiterhin instand setzen, kultursähige Persönlich? leiten hcrvorzubringeu. KcvMr Franz LandZürrger: Das Allrrsweck der großen Künstler Professor Franz Landsberger gab für die Hörer des Berliner Kulturbundes im Bachsaal durch einige Beispiele aufschlußreiche Belege zu seinem Thema „Das Altersioerk der großen Künstler". Dem Vortragenden kam es nicht so sehr darauf au, die Waudlimg des Künstlers innerhalb seiner eigenen Produktion zu zeigen, als die Gemeinsamkeit herauszukristallisteren, die alle Alterswerke im Verhältnis zu den Jugendarbeiten haben. Fast immer kann man sagen, daß die späten Werke organischer, fester in der Struktur sind, der kompositionelle Aufbau mehr den Charakter der Notivendigkeit trägt, daß sie aber oft eine Erregtheit, ja eine Wildheit zeigen, die nicht hinter jugeudlichenr Tcmperamcntsansbruch zurück- §r. Wm MyrrW in §niw Der bekannte Augenarzt Dr. Aieyethof stammt aus Hannover und erhielt seine F^ich. ausbildung an der Iluiversitätsangenttliiit in Breslau unter Uhthosf. lieber ihn äußert sich der. frühere Direktor der Iluiversitätsaugenklinik Freibürg i. B. und erste Vorsitzende der Deutschen Ophthalmologischeu Gesellschaft Professor Aren, seid, der ihn bei der Durchreise nach Japan be. stickyte. in einem Brief gering von Ferdinand Eule.Stuttgart p. 14) cm die eigene Familie in folgender Weise: „Der erste Nachmittag fand seinen Abschluß mit einem Tee im Hanse von Meyerhof. der uns hier einiges von seinen Schätzen alter arabischer und persisck-er Schätze zeigte. Dieser hervor, ragende Ntensch ist ja nicht mir der erste Augenarzt Aegyptens, sondern auch ein führender Orientalist als Sprartstorscher und Herausgeber der jetzt ans Licht kommenden, bisher in den Bibliotheken der Pafckpü und anderer Vornehmer begrabenen Bücher der altarabischen und Kalisciizeit. Vleyerhof hat jüngst von der philosophischen Fakultät iu Bonn den Dodor honoris c:tus:i erhalten und ist zum Ncitglied des deutschen archäologischen Instituts gewählt. Ta könnt Ihr Euch vorstellen, was das für ein Führer war. Dieser erste Nachmittag gab uns mehr, als andere iu Wochen erreichen. ... Er ist einer der tvirksamsten Exponenten deutschen Wesens und Arbcitens. den wir draußen in der Welt haben. Dabei. fürsorglich gegen uns wie eine Mutter." Dr. Ernst Frankcnstcin, Rechtsanwalt am Landgericht Berlin, wurde zum Kommendatore des Orde'us der itnlieitifcljen Krone ernannt. Diese, für einen Rechtsanwalt außergewöhnliche Auszcichmmg. konnte keinen Würdigeren treffen. Frantcw stcin gilt für einen der besten Kenner dcs^ italienischen Recht» irr Deutschland; er stellt zugleich eine der ersteri Autoritätcu aus dem Gebiet des internationalen Privatrcchts dar. Bon seinem großangelegten Werke über iuteruatiouales Privakrccht hoben die beiden bisher erschienenen Bände durch die Fülle der neuen Gesichtspnulte zu dieser immer wichtiger werdenden Rechtsmaterie und durch anßergewöhulichx? Beherrschung des weitschichtigeu Materials au» allen Kulturländern berechligtes Anisehen erregt. Den weiteren Bänden sicht die gesamte Jur'istemvelt mit Spannung entgegen. Franken. Itciu hat zugleich als Professor an der Akademie fiir internationales Recht im Haag durch seine dort gehaltenen Vorträge zu dieser Materie die Beachtung der aus allen Ländern herdeigeströmten Hörer gesimden. den Nobelpreis! So aber heißt es: Ein so großer Dichter ivie Bialik hat noch nicht den Nobel-Preis!" Ter große Z o r n. Obwohl Bialik din-ch""7> wählerischer in seinen Kimstmitteln war als elroa Berenger und doch nicht weniger aristokratisch als elroa Stefan George, rvar er doch populär wie kaum ein jüdischer Autor sonst. Nicht mir, weil er sich mit dem jüdischen Boll identisizierte, fonbern auch, weil seine Lewr komplizierter, verständiger, erlebuissähiger ivaren als europäische Durchschnittsleser. Seit Klshineiv vollend» galt er als die „Stimme de» Bolle»".' Er schrieb drei Gedichte „Ättschire Irasaam", Lieder de» Zorns, die groß und mächtig sind wie die Strafpredigten der Propheten. In keiner Literatur sonst gibt cs dergleichen. Ta» Grauen der Pogrome, die Schrecken der Acetzeleicn, die Bestialität und Unbarmherzigkeit ist mit unvergleichlich unerbittlichem Realismus geschildert, herausgeschrieeu, und hinter der erschütternden Wehklage rollt der Donner der Anklage heraus-und zerrt, reißt, peitscht alle», was noch Herz inr Menschen ist. ans gegen das Unrecht, gegen die -llcenscheu, gegen Gott, der das znläßt! Hier ist ein anderer Ton. als die monoton traurige Klage all der mitlelallcrlichen und antiken Klagelieder, die wir jetzt zu sagen haben, in den drei Trauerwocheu vom 17. Tamus bis Zirm 9. 2lb. in denen uns hundertmal der Tempel zerstört worden ist und in denen mm-auch der Dichter gestorben ist. Ehajim Nachman Bialik. Sein letztes Wort. Als Bialik im Juni Palästina verließ, um sich operieren zu lassen, veranstaltete man noch einen Abschiedsabend für ihn. es wurden die üblichen Reden gehalten, und schließlich wünschte ihm Tr. M. Glücksvhn. er möge bald gesund wiederkehren. Bialik dankte mit einer kleinen Ansprache, die mm den Charakter ciues Vermächtnisses gewonnen hat. Es ist eine Abrechnung mit diesem Palästina von heute, und inan kann sie gar nicht ernst genug nehmen. „Ich verlasse Tel Arviv, weil ich krank bin", beganu Bialik. „aber ich fühle, daß auch Tel Awiv und daß unser Volk im Lande krank ist. Die Zeichen dafür haben sich jetzt erst in unserem Verhältnis zil unseren Brüdern gezeigt, die ans Deutschland und anderen Ländern hergekommen sind. Anstatt für sie zu sorgen tmd ihnen ein Winkelchen Heimat. und sei es selbst mit Baracken, zu bereiten, haben wir ihr Unglück zmn Erwerb ansgenutzt. Das zivcite Krankheitssymptom ist der schändliche Handel, der uns anffrißt wie Würmer. Der teuflische Glanz de» Goldes hat unsere Augen mit der Vorspiegelung von Ausstieg und Wirtschafts, blute verblendet, während in Wirtlichkeit mir Handel und Betrieb da ist. Jeder Dunam Boden geht durch zehn Hände, jedesmal steigt der Preis, und das nennen wir Aufstieg, während der Boden in Wirklichkeit keinen anderen Wert haben kann, als den: Menschen zu ernähren und in schlimmen und Notzeiten zu speisen. Das dritte 5lrankhcitszeichen ist die Flucht vom Land iu die Stadt. Das Schicksal hatte uns die Gnade erwiesen, uns Arbeiter, jüdische Arbeiter zu geben, die auf» Land gehen und unser Leben erneuern, indenc sie uns wieder mit der Erde verbinden. Und jetzt, bei der Vorspiegelung vom Aufstieg der Städte,' verlassen jüdische Arbeiter die Dörfer, lasten unsere nationale Vtachtposition im Stich und lausen über zum bequemeren städtischen Leben. Und daher kommt ein neues Unglück. Das vierte Kranlheitszeichen ist die fremde Arbeit. Tie geivaltige Eroberung von Jahrzehnten, die große nationale Festung: die jüdische Arbeit wird vor unseren Augen zunichte. Wir wollen keine Berechnungen anstellen, aber was werden wir an einem künftigen Tag tun, in einer Zeit der Not, wenn fremde Arbeiter unsere Kolonien füllen werden? Wer wird uns dann beistehen, wer wird uns beschützen an einem Tag von Sturm und Unglück? Und das schlimmste Zeichen unserer Zeitkrankheit ist der schauderhafte innere Zerfall, die Parteikämpse, der Brudcrhaß. der uns ausfrißt. Wir sind krank — so schloß Bialik sein „letztes Wort" — und auch Tel Aviv ist krank. Ich bitte euch, ich bitte für euch und bitte für mich, wenn ich Zurückkomme, Zeichen der Gesundung sehen zu dürfen." Das End c. Am Morgen nach dieser testamentarischen Rede, die ihn noch einmal all das erwiesen hatte, was seine große Bedeutung ausmachte, als den ÜDtatm des Volkes, das Herz, daS Gewissen und den Fürsprech des Volkes, am Rcorgeu also fuhr er lviedcr nach Europa, wurde in Wien, trotz seiner Vorahnungen, die er in seiner Weise geäußert hatte, operiert (er hatte ein Blasen- und Nierenleiden), die Operation glückte, Bialik hatte täglich Besuch von Wiener Freunden, unterhielt sie munter und heiter wie immer, noch am Ncittwoch scherzte er in bester Laune und bestem Befinden mit seinen Freunden, und abends, als e-s anfing dnnkel zu werden, griff er sich plötzlich ans Herz, sagte: „Äcein Herz —" und war Sekunden darauf tot. Embolie. * Während diese Worte gedruckt werden, trägt ein Schiff sein Sterbliches iu die letzte Heimat. Wenn fromme Juden sterben. Pflegt man ihnen ein paar Krumen heilige Erde unter das Haupt zu legen: ihm gebührt das ganze heilige Land. Seit Jehuda. Halevi hatte die heilige Sprache nicht mehr solche Süße, nicht mehr solchen tanzhast leichten Gang und solches helle Feuer, seit den Propheten nicht mehr solchen Zorn und noch niemals solche Verlassenheit. Die Menorah. der siebenarmige Leuchter, und der Atogen David, der Schild Davids, wurden die Zeichen des Judentums. Sie begleiten seinen Weg. aber sie gehen ihm nicht voran. Sie sind als Sinnbilder unserer Deutung offen, und darum m Zeiten der Besinnung der Sinngebung zugänglich. Alt wie der Tempel, in dem sie stand, ist die Menorah. Wie Ez chaim. der Baum des Lebens, entfaltete sie die Zweige ihrer Arme. Lieben Flammen trug sie crnpor. gemäß der Siebcnzahl der Wandelsterne. Die sieben Flammen de» Leuchters stihren empor zum Himmel. Flamme bedeutet oben, lvie Wasser die Tiefe auzeigl. Sv lassen sich ans deui Sockel jedes Leuchters, den das schicksalhafte Relief nn Titusbogen »mserm Auge bewahrt. Bteertiere und Adler erkennen. Beide als Zeichen 'ür das Wässerige-, denn das Reich des Adler» sind d:e regenspendenden Wolken. Höhe und Ticsc. Feuer und Wasser, verbindet die Rtenorah. An ihre Seite, gewissermaßen auch an ihre Stelle trat als Zeichen de» Judentums der Tavidschild. Spät erst, längst nachdem das Sechseck (-Hexagramm) als Symbol für den Stein der Weisen allgemein gebräuchlich und auch in der abendländischen Heraldik anzutressen war. Vielfältig ist die Bedeutungsgeschichtc des Taoidschildes oder Salomosiegels. mit den einst Tavid die hervorbrecheuden Wasser der Tiefe tarnte. Ter Grundgedanke, besser die Gruudauschammg. geht von den beiden ineinandergeschobcneu -vreiecken ans. von denen eine» nach oben, zur Feuerregion, das andere nach unten zmn Bereich de» Wassers iveist. , . Somit zeigt der Tavidschild die gleiche .sinn» räumliche Verspannung wie der siebenarmige Leuchter. beide dürfen als verschiedene Zeichen für den glichen Zusammenhang der Deutung gelteri. Auch im Sechreck erblickten die jüdischen Mystiker die Eiebenzahl, indem sie das Hexagramm in die stchö umrandenden Dreiecke, die Wochentage, und in da» Sechseck der Mitte als den sie einschließenden Sabbat eintcilten. In solch innigem Verein von Feuer und Wasser. Oben und Unten. Sabbat und Alltag gibt sich der Tavidschild als Zeichen sur dre Aufhebung der Gegensätze zu erkennen. Die Flammen der Menorah sind eingegalige in die Harmonie des Mögen. Wer könnte heu den tiefen Sinn dieser urtümlichen Gemcinsätti von Leuchter und Schild verkennen! &

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