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Central-Verein-Zeitung · 1934-04-12 · 15 (12.4.1934) · page 14

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
15 (12.4.1934)
Date
1934-04-12
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Hnb Abendmahl) hinzu. In beiden Schriften spricht Teller mit keinem Wort von der Gotteskindschaft Christi. Der Glaube an Christus wird als darin bestehend formuliert, daß „Jesus Christus ein göttlicher Gesandter gewesen". Niemandem darf der Name Christ abgesprochen werden, ,chcr dem Cvangclium gemäß lebt. Gott als Vater ehrt, Christum als seinen Seligmachcr belennt, und seines Sinnes zu sein durch seinen Geist sich leiten läßt". Cs ist der platteste, für die lebten Jahre der Aufklärung so charakteristische Nationalismus, der hier in Friedländers wie in Tellers Schriften zutage tritt, jene allgemeine Gleichmacherei. die an allen, wie immer gearteten geschichtlich gegebenen Unterschieden der Religioneu und ihrer Bekenner absolut vorbeigeht. Wir werden es also aus der geistigen Situation der Zeit heraus erklären müssen, daß Friedländer in Teller einen Manu erblicken konnte, au den er sich mit der -Trage nach der praktischen Realisierbarkeit dieser in der Ileberzeugung bereits vorhandenen Gtaiibeusvereinigllng aller Aufgeklärten wenden durste. Dazu kommt noch ein anderes. David Friedländers ganze jüdische Arbeit ist dem Cmanzipalionstam.ps gewidmet. Unmittelbar nach dem Tode Friedrichs des Großen wird dieser Kamps mit neuer .grast, aber ohne nennenswerte Erfolge tveitergeführt. Tie Anden bleiben Schutzjuden, ohne jede wirkliche Gleichberechtigung. Am krassen Gegensatz dazu steht die geistige 'Emanzipation der preußischen, vor allem der Berliner Juden, die, gebunden an die Ideen der Zeit. im Zeichen der Aufklärung steht, aber völlig ohne jede Cinslnßinöglichteit ans die im Religiösen herrschende Orthodoxie ist. Deshalb setzt in diesen .greisen, die nur noch selir lose mit dem Judentum verknüpft sind, eine sehr starte Taufbewegung ein, der nun nneder F-riedländer und sein -Ureis mit schwerer Besorgnis gegenübersteht. Ta scheint ihm schließlich der einzige Ausweg ans dieser überaus lrilischen Page der zu sein, den er im Sendschreiben auszeigt: unter Ausgabe des Zeremonialgesctzes. aber durch Anssprechen eines modifizierten Glaubensbekenntnisses, das der N'atnrrcligion in keiner Weise widerspricht. zürn aufgeklärten Christentum überzngehen. Wenn wir deutschen Juden uns gerade heule mit dieser merkwürdigen Episode aus der Cmanzipationsgeschicchte in Deutschland beschäftigen, so liegt die Gefahr sehr nahe, daß Nur allzu ungerecht nur zu einer BernrteUnng des Friedländerschen Schrittes kounncn. Tas Betvnßtsein, daß hier durch die Aahrtausende geheiligte Werte würdelos für die Emanzipation verkauft wurden, wird und soll uns dabei nicht verlassen. Aber nur müssen uns auch davor hüten, geschichtliche Borgänge allzusehr nur vom Blickfeld i.t ii i e r c r Gegenwart aus zu sehen. Deshalb sollen diese Zeilen weder entschuldigen, noch verurteilen, sondern nur erklären. Gerade luenn man es einmal einsieht, daß Friedländer ebenso tief wie Teller im Nationalismus des 38. Jahrhunderts besangen ist. wird uian die Tragik empfinden, die vom Standpunkt Friedländers darin liegt, daß dieser Borschlag der Glaubensvereinigung erst 1700 öffentlich zur Diskussion gestellt wird, im gleichen Jahre, in dem Schleiermachers Reden Miniumgeschirr für alle und freut sich, sie freut sich über den neuen Abwaschtisch, den „wir" bekommen haben. Sie freut sich über die neuen Herde. Und es steht ein Gerät da, das uns unbekannt ist: „Rein, daß mir schon so reich geworden sind, daß wir schon Sachen bekommen, von denen mir gar nicht wissen, wozu sie dienen", sagt Judith. Die Kwnza erscheint Lösung brennender Mcnschhcitsfragen, Lösung ohne Gewalt. Lösung ohne Zwang. Wer in die Kwuza geht, weiß, was er tut. Cr gibt das Streben nach persönlichem Wohlergehen ans und nach persönlicher Lebensfreude, nach persönlichem Essen, nach einer Freude, die man der geliebten Frau macht. Cr erhält dafür Schutz und Hilfe einer Gemeinschaft. selbständige N'atnron bilden sich dort zu Führern aus, die für die Gemeinschaft denken und handeln, unselbständige sind des Kampfes ums Dasein enthoben. Tie Mehrzahl ist unverheiratet, eine Minderheit hat Kinder. Es sind fünfzig auf dreihundert Erwachsene. Für sie wird als erste gesorgt, ihnen gehört das Beste. Tas Kinderhaus ist das einzige Gebäude ans Stein. Hier beginnen die'eigentlichen Probleme. Tie Einzelsamilie ist tot. Die Regel, das; die Familie die Keimzelle des Staates ist, trifft für Rußland und auch für Palästina nicht mehr zu. Tie Mutter arbeitet nicht durch Aufzucht der Kinder, sondern direkt am Aufbau der Kolonie mit. Sie gibt ihre Kinder ins Kinderhaus. Tort essen und schlafen und leben die Kinder. Man erwartet, daß so unegoistischere Geschöpfe aufwachsen. Man erzählt zum Beweise der neuen Gemeinschaftsgefühle eine wahre Geschichte. die sich auf einer Kwnza zutrug. Ein Kind sagte, als es Bauchschmerzen hatte: „Unser Bauch tut mir weh." Tie Trennung von 'Eltern und Kindern, dieie Auslösung der kleinen Familie in eine größere, ist sehr problematisch. Sie ist besvn- Auf Grund des neuen Zustellsystems der CV.-Zeitung sind Reklamationen wegen unregelmässiger Belieferung jetzt nicht mehr bei uns, sondern nur noch bei dem zuständigen Postamt (Zeitungsstelle) oder dem Briefzusteller anzubringen. Wir bitten unsere Leser, uns die Arbeit durch freundliche Beachtung dieses Hinweises zu erleichtern. Uber die Religion erscheinen, ein Jahr, nachdem die Romantik bereits öffentlich den Kampf mit der Aufklärung ausgenommen hat. Der Herderische Gedanke vom einmaligen lebendigen Organismus, den Volk und Natur, Landschaft und Mensch miteinander bilden, hat sich bereits soweit durchgesetzt, daß in den Kreisen der Romantiker das Bewußtsein vom Eigenwert und der Eigenart jeder Religion und ihrer Bekenner durchaus lebendig ist. Es liegt — vom Standpunkt FriedländerS ans betrachtet — ein Tragisches darin, daß die Anden hier wie so oft der Entwicklung ihrer Umgebung nachhinken, daß sie noch tief' in der Gleichmacherei der Ansklärung stecken, während die Zeitgenossen bereits ein anderes Ideal ans ihr Panier geschrieben haben. Wir heutigen Inden können freilich dem Geschick nur dankbar für den Ausgang dieser ganzen Angelegenheit sein. Sie zeigt uns, wie weit Juden sich selbst verlieren konnten, sie zeigt uns aber auch — was wir in unseren Tagen ebenfalls erleben dursten —, daß Inden doch — freilich oft durch Zwang von außen — den Weg zu sich selbst immer nneder gesunden haben und finden. I)r. Ellen Littmami. M WÄW W „MMM" Ties erste Heft des zehnten Jahrgangs des „Morgen" gibt in seinem ersten Artikel „Roch einem Jahr" über „Erlebnisse und Haltung der deutschen Juden in dem cntschoidungsschmersien Abschnitt ihrer Emanzipationsgeschichte" einen Rückblick, der zu dem Ergebnis kommt: „Wer die seelische Bilanz des eutscheidungsreichen Jahres zieht, wird diese Berinnerlicliimg, diesen Weg zurück zum Judentum, der in Wirklichkeit eilt Weg vorwärts ist, als den Gewinn buchen, der für den Fortbestand einer materiell zivar geschwächten, in ihrem Bewußtsein und in ihrem menschlichen Wert aber gehobenen jüdischen Gemeinschaft bürgt." B. W e i n r y b erweist in seinem Bericht über ,. T c n t s ch - j ü d i s d) c Wanderungc n i m 1 9. I n h r h n n d e r t " durch ausführliches Zahlen, und Tatsachecimaterial, daß dies Jahrhundert der Emanzipation für dir deutschen Juden durchaus nicht so ruhig ablief, wie man gemeinhin mmimmt, sondern daß immerwährend ein ungewöhnlich hoher Prozentsatz von Juden aus den deutschen Bindern ausgewandert ist; so „war in den Jahren 10—lHr»7 das ttebcrgewicht der Mehrauswandermig über die Eimvaudcruug bei den Juden in Preußen etwa siebenmal so groß wie bei den Nichtjuden." Gesamtwert und Wirken des großen, inuner bewegten, immer bewegenden Svziologen und Oelonomen F r a n z O p P e u h e i in e r betrachtet zu dessen 70. Geburtstag mit scharfer Anahlic und ebenso fd>irfcr Atritif der Polyhistor Ludwig F e u ch t w a u g e r. Bl a x Wiener legt in einer Betrachtung „ R e l i g i o n u n b Bolkssitte " dar. wie gerade das Pestachfest die Einheit in dem scheinbaren Gegensatz von Freiheit und Bindung, von Subjektivität und Tradition im Jttdentum offenbar werden läßt. Wir lesen den mit Spannung erwarteten Abschluß von Mar S a m t e r s „L egende von den Jude n". die ins dichterische erhöhte Er- ,Zahlung vom jüdischen Studenten, der nach ziellosem Umgelriebensein in einent Arbeitsdienstlager unserer Tage ausgenommen wird, und gerade dort, in der Gemeinsamkeit mit den arischen Kameraden. die seine Abstammung nicht kennen, sich seines Judentums bewußt und damit zietbewitßt wird, so daß er, geachtet von den bisherigen Gefährten, gefestigt sein Schicksal wetterträgt. Und zugleich beginnt eine neue Geschichte, die noch merkwürdiger zu wepden verspricht: „Der Garten des Sergeanten Tarda r" von Bl. ch. Den- Gabriel. Wasseitgewöhnte bäurische Bergjuden aus dem russischen Tagestangebirge rächen siebennudsiebzigfach die Ermordung ihrer Eltern an Roten und Weißen und gewinnen nach wildem Abenteuermarsch dnrcti Persien und Irak das dumpf ersehnte Land Palästina. Tie junge Tich« terin Hilde M a r r läßt Nembrands Bild „I e r c - nr i a s Trauer" zu Wort werden tu einem formstreugen, knappen Gedicht, durch das großer Atem und großer Glaube weht. Indes die reife Gestalterin Margarete S u s m n n in einem ein* dringlichen Essay die fast vergessene Erzählung Adalbert Stifters vom marokkanischen, nach Europa verschlagenen Juden Abdias neu entdeckt, in welcher der österreichische Kleinmaler, min Shakespeare im Shylvck-Trama und Rembrandt in seinen Jndeubildern. episch „vom jüdischen Schicksal ein Aeußerstes, das Aenßerste des Bien scheu- Auch eine Buch besprech ung Alan stelle sich vor, es gebe folgende Einrichtung: leder Mann eines Dolles müßte im Lause jeden Jahres immer wieder das Wichtigste seiner Boltsliteratur lesen, der Teutsche etwa das Nibelimgenlicb, Walther Von der Bogelweide, Luther, Grimmelshausen, Claudius, Hölderlin, Goethe, Schiller, Kleist, Hebbel ... und es gäbe eine genaue Einteilung. wonach etwa der Faust ans die- Osterwoche, der Simplicisshmis ans die Zeit zwischen Wcihnachten und Neujahr fiele usw. Wäre das nicht eine vortreffliche Einrichtung? Es würde dann die Kluft zwischen, Geist und Volk nicht mehr geben können. Nun. eine solche Einrichtimg ist vorhanden, allerdings nur bei uns Juden, wo die alte Nationalliteratitr ztigleich die religiöse ist. Tie Thora ist in Abschnitte eiugeteilt, bereit Vorlesung an die Tage des Jahres gebunden ist, und da unsere klassische, „die" Schrift, ja die Sonne ist. um die sich alle nachfolgende jüdische (und nicht nur jüdische) Literatur dreht wie ejn Himmel von mitwandelnden Sternen, da die Sonne selbst aber eine stetige Kreiswauderung dtcrch das Jahr macht, so wandeln wir also im Jahre unsere gesamte große Literatur ab. T. h. wir würden und sollten es tun, wenn nicht die einen durch Unwillen und Jgu» .ravz. die anderen durch mechanisches Hernnterloiern sich selbst darum brächten. Und doch iväre es nicht zu viel verlangt, unsere Literatur, wenn man sie schon nicht hebräisch und als Religion zu akzeptieren imstande ist, wenigstens als Literatur zu — lesen. In diesen Tagen fällig und also für Nichtwisser und mechanische Abbeter zu versäumen war das schicksals überhaupt als große Ahnung sichtbar ge« macht hat ..." Ter Glvssenieil bringt in der Presseschau Auszüge aus Artikeln ztir Sprache und Kultur der Juden. Gabriele T e r g 11, die Berliner Jchrist. stc'Ueriu, die jetzt in Palästina lebt, stellt die eurepäisch beciiifhifUe jüdische Photographie in (Segen* satz zur arabischen, nhe Margot R i e ß . die weit, bürgerliche Malerei des si'chzigjährigeu Eugen Spiro der jüdisch betvuteu des fünfzigjährigen Ludwig M e i d n e r gegenüberstellt. Rudolf V e u y .gibt, in knappster Zusammenstellung ausschlußreiche Angaben über die Geschichte der „Juden in Holland" von der ersten Einwanderung der portugiesischen Marranen bis zur Bevölt'ermuP. dichte und Tätigkeitsart der augenblicklichen jüdj. [djeit Bevölkerung und der Einordmmg der jüngsten Einwanderer aus Deutschland. Unter den Buchkritiken sei Hans Bachs Anmerkung zu Thomas Al a n n s Josefs-Roman hervorgelioben. der „mythische Geschichte" als Gegenstück zur „bivlischen Geschichte" genannt wird. lq>, , Hohelied oder Lied der Lieder. Monn man c'8 ohne Bornrteil liest wie irgend eine andere Sichtung von Goethe, Hafis. Li Tai Pe oder Tagore, so wird nunt entdecken, daß es nichts als schön und eigenartig ist und gewissermaßen die Urgroßmutter alter erotischen Poesie. Aber diese Urahne hat trotz ihrem Alter nichts Mumienhaftes. Und wenn sie auch ein wenig kecker, wilder uub leidenschaftlicher die Zähne zeigt als die raffiniertere und dekadentere Mona Lisa sie verbirgt, so ist doch ihr Lächeln nicht weniger lebendig und geheimnisvoll geblieben. Was haben sich die Jahrhuuderie schon um dicS Geheimnis gezautl! Tb es von Salomo oder von tvent sonst sei, ist nicht weniger diskutiert worden als das Shakespeare-Problem, woraus nur Twains Shakespeare-Antwvrt variieren möchten: daß nämlich das Lied der Lieder and) unserer Meinung nach nicht vom König Salomo, sondern von einem anderen Autor gleichen Namens sein müsse. Ferner fragte man sich, ob es nicht einer ernstlich frommen Betrachtung anstehe, das erotisch Sinnliche des Liedes asketisch geistlich zu deuten, und so erklärten jüdische Kommentatoren des Mittelalters Sulamith für das Sinnbild des Volkes Israel oder: der Prinzessin Sal'bath. christliche Koninientatoren für eine Allegorie der Mrttter Gottes. Renan crrdlidf meinte, das Lied sei „ein. erotiselfes Spottlied ans Salomo, der Ausdruck der Abn'eigrtng gegen den im Prunk thronenden, greisen Despoten von Jerusalem". Am Ende bleibt die natürliche Aussassung Goethes die liebenswerteste: „Tas Hauptthema jedoch bleibt glühende Neigung jugendlicher Herzen, die fidj. suchen, finden, abstoßen. anziehen. unter mancherlei höchst einfachen Umständen. Mehrmals gedachten Hmans dieser lieblichen Berwirrrmg einiges herauszrihoben, aneinander zu reihen; aber gerade das RätselhastcklnauflöKiche gibt den wenigen Blättern Anmut und Eigentümlichkeit". £jC0 bct§ problematisch bei den Juden, die sich durch die Jahrtausende durch Familie und Religion erhalten haben, beide gelten der Kwtiza sehr wenig. Wie die Kinder bleiben auch die Eltern, die Allen ein Problem. Einige Elterrt wurden in die Kivuza ausgenommen. Meistens arbeiten sie mit. Tie Mütter meist in der Kleiderlammer oder in der Krankenpflege. Auf Brenner wohnt aber auch ein Elternpaar, das der Gemeinschaft Geld gab und dafür sein Leben langmitcrnährt werden soll. In dem gemeinschaftlichen Eßraum steht, noch nicht zu kurzen Hosen entschlossen, noch in Rock und Strumpf, Fräulein Margot aus Berlin, Gtzmnastiklehrerin, »ein elegantes Mädchen. Sie steht da in diesem Eßraum. an einen Holztisch gelehnt, wie sie vor kurzem bei einer Tanzerei an einem schönen, geschnitzten Schrank hätte lehnen können, anmutige Europäerin, sie fügt sich ein, sie arbeitet, wohin man sie stellt, körperlich geschult mic sie ist, besser als viele, die immer gehoben, getragen und sich gebückt haben. Losgelöst ans dem ihr genehmen Milien, wird sie nicht zugrunde gehen. Man kann die Wandlung von der Europäerin, der Schülerin der großen deutschen Tanzkunst, der Wigman-Schnleriu. die die Kunst ihrer Gliederbeherrschung nicht mehr benutzt, tun seelische Bewegtheit zu verdeutlichen, sondern tun Apfelsinenkerue zu stecken, man kann sie bejubeln, man kann sie beweinen — aber sie ist da. Zlveitausend Jahre Geschichte werden übersprungen, bie Spanne der Geschichte über die die meisten europäischen Völker überhaupt nur verfügen. Anknüpfend an den Boden des antiken Judentums soll ein neues Judentum aufgebaut werden, das der jüdischen Bauern, die in der Form der Kwnza, also einer kleinen selbstlos unb einheitlich zusammenhaltenden Gemeinschaft, eine ideal gerechte Verteilung der Güter zu erreichen hoffen. W IM W VS <?W Aus Moritz Lazarus’ Lcbonsevimieningen (über den Tod seines Vaters). Lazarus reiste nach Flieh ne, um den Sterbenden noch einmal zu sollen. Nach einer stummen Begrünung flüstert er, der Sohn möge ihm zuguterletzt noch eine dunkle Bibelstelle deuten. Die ganze Nacht denkt dieser nach — am anderen Morgen sagt er dem Vater, was er gefunden. Jener schweigt, ln der zweiten Nacht neues Nachdenken — am Morgen wieder Bericht. Aufmerksames Zuiiören des Alten, dann sagt er: „Gedrückt“. — Auch die dritte Nacht verbringt der Grübelnde schlaflos, um dem Vater diese letzte Freude zu bereiten. Zum drittenmal bringt er seine Deutung vor — da erstrahlt das Antlitz des Greises in heller Freude: „Sehr gut, mein Kind. Ich danke dir.“ Das waren seine letzten Worte an den Sohn . .. Man kann diese Begebenheit erzählen und wird kaum in die Gefahr kommen, ans ihr ein rührendes Genrebild jüdischen Lebens solcher Art zu formen: der in der Welt und Wissenschaft bekannte Sohn, der berühmte Philosophieprofessor, der in frommer Pietät die letzten frommen Wünsche des Vaters erfüllt. Dazu ist das, was sich begibt, zu tief, und die Symbolkrast zu stark, um uns etwa einen Biodermeiermalcr wie Oppenheim als den Gestalter solcher Szene vorznstellen. Was uns berührt, ist überhaupt weniger die Anschaulichkeit und der Stimmungsgehalt des Vorganges, als die — Gesinnung.' die sich in ihm ausspricht. Wir sind nachdenklich gemacht durch den Wunsch des Alten, aber'weit mehr getroffen von der Tatsache und der Art der Kritik, dte er übt. Es kommt nicht darauf an, daß einer sich um den heiligen Text nur bemüht, daß er sich damit beschäftigt, sich damit nur abgibt. Tas jüdische Lernen, das so gut ist wie'Beten, ist — doch und trotz allem — nicht an sich gut. Es ist leine fromme Haltung, die man am nimmt, in die man sich hineinstellt. Es iit nicht gut, wenn es nur die Zeit füllt. Cs iit unter den Begriff der Wahrheit mit jener um erbilllichen Strenge gestellt, mit der der sterbende Greis eben darum nach der ersten Rächt den Sohn in schweigender Ablehnung und nach der zweiten mit dem verrverfenden Urteil, daß die Deutung gezwungen, gedrückt sei, zurückiveist. Cs gibt schöne und einprägsame Gleichnisse einer ganz anderen Art von Frömmigkeit. Das altfranzösische Gedicht erzählt die Legende von dem „Tänzer unserer Lieben Fraun", dem tumben Jüngling, der seiner Jungfrau Alaria nicht anders zu dienen >oeiß, als vor ihrem Bilde zu tanzen, den die weisen Alönehe verlachen, dem sich aber die Mutter« gottes ans ihrem Bilde entgegenneigt. Und die.chassidifche Legende verklärt in ähnlicher MDetfe den einfältigen Buben, dessen Kinder-., lw'pfeif „in Schul" Gott wohlgefälliger ist als das Gebet der Männer. Wir verspüren den Wert und den Reiz der Gesühlsinuiglett, die darin sich ausfpricl,!; Hur möchten sie nicht vernnssen. Aber aus der Bitte des alten Lazarus spricht zu uns das tiefe Verlangen, zu totsten und zu erkennen, das den Weg der geistigen Geschichte. des ^Uldcntums wahrhaft bestimmt hat. Tiefes ugen hat uns geformt imb getrieben, -dir werden es nie anfgeben. auch wenn uwu es noch so sehr als Intellektualismus schelte. Der Dichter Paul Hehse tmrftc mit Reelst nn Lazarus schreiben: „Ich preise Dich glückdaß Du s o hast Abschied nehmen, so den Verlust Dir zu ewigem Gewinn hast machen tonnen. Wenn ich'an meine letzten Verluste denke, deren Bitterkeit mir noch i>n Blute sitzt, deren Bild ich gewaltsam abwehren nutsö um das tausendfältige Gicke, lvas jenseiD liegt, nicht im Nachgefühl mir verstören und zerrütten zu lassen, empfinde ich doppelt die Wohltat und Weihe einer solchen Trcuplung," J^knstnid. j

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