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Central-Verein-Zeitung · 1934-03-29 · 13 (29.3.1934) · page 18

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
13 (29.3.1934)
Date
1934-03-29
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Da duldete c5 Jette nicht mehr im Hause. Sie ging hinaus und fragte den einen und den anderen DorüLereilenden nach ihrer Herrin. Niemand konnte ihr Auskunft geben. Sie ging durch das ganze Städtchen, fragte in vielen Häusern. Sie kam auch zu uns. Ed schlossen sich ihr ein Paar Leute an, aber die Gesuchte wurde in der Nacht nicht gefunden. Erst am anderen Tage fand man sie — tut; Unter den Brandtrümmern der Mühlenscheune lag sie. Ein herabstürzender Balken hatte sie erschlagen. Sie lag auf dem Rücken, die Kiste lastete auf ihr, und deren Boden war etwas verkohlt. Ta ging es im Städtchen von Mund zu Mund: „Sie'hat so oft gesagt: Was ich zuviel nehme, das soll mir auf dein Herzen brennen ..." Nach vier Tagen war die Beerdigung. ich ging mit zum guten Ort und fühlte mich noch mehr in gehobener Stimnmug als sonst in jener Zeit. Lene ivar zu» rückgekominen. Sie wohnte beim Vorsteher Kahn, denn ihr Elternhaus war niedergebraniit. Sie kehrte aber bald zu ihrer Tante zurück. Anfang November ging ein Geranne durchs Städtchen: in der Dunkelheit zeigte sich an der Stelle, ivo man Frau Heims Leiche gefuiiden, eine unheimliche flamme. Tie Großen erzählten es sieh schaudernd, die Kinder sprachen mit Gruseln davon, und eines Abends ging ich mit Wilhelm Hcineke auf den Heidenknapp. Unten rauschte der Alsenbach. unheimlich lagen im Tämmer die Trümmer der Mühle da. Gespannt sahen nur nach der schauerlichen Stelle. „To, do. sühst du't?" riet Wilhelm. Ein Schauer lief mir über den Körper. Ich riß die Augen weit auf, aber ich sal, nichts, und ich glaube, mein Freund hat auch nichts gesehen. Er hatte immer eine rege Einbildungskraft. Ob irgendjemand die Flamme gesehen hat, ich weiß es nicht. Aber fast alle glaubten an sie, und man mochte zuletzt in der Dunkelheit nicht mehr allein den Weg gehen, der an der abgebrannten Mühle vorübersührte. Ter Pastor lächelte, wenn die Rede auf die Geisterflamme kam. Ter Bürgermeister sagte: „Unsinn!" Aber ihr Ansehen galt in diesem Augenblick nichts. Lehrer Lilienthat predigte in der Synagoge gegen den „Wahnglanben". So hat er gesagt. Ich habe es bis heute behalten. Tie Predigt hätte ihm beinahe die Stelle gekostet. Ten Winter über soll die Flamme gesehen worden sein. Aber man sprach nach einiger Zeit nicht mehr viel von ihr. denn da es nicht talt wurde, sing man schon bald an. wieder auszubauen. Und das nahm die Aufmerksamkeit in Anspruch. Im Frühling . . . ja. da mich ich zunächst von etwas sehr freundlichem erzählen. Lilienlhal holte sich seine Lene. Und so war nun in der Gemeinde eine liebe Lehrerfrau. Lene hatte ihr Besitztum verkaufen lassen, und das junge Paar bezog die Wohnung im Schnkhauie. Tie Leutchen haben sich selbst behelfen müssen. Tas Gehalt war noch geringer als vor dem Brande. Für den Bauplatz und den Garten hatte Lene wenig bekommen. und in der Sparkasse standen ungefähr 1000 Taler. Fenerversichernngsgeld? fragt ihr. Frau Heim hatte mehrere Jahre die Beiträge nicht gezahlt. Und doch stifteten die jungen Eheleute bald nach der Hochzeit Taler als Grundstock eines Wohltätigkeitsvereins. Alle Gemeindemitglieder traten bei, und der Bürgermeifrer kam mit in die Verwaltung, denn etz wurde bestimmt, daß nicht mir jüdische Arme unseres Ortes, sondern auch :christliche Hilfsbedürftige Alfhausens unterstützt werden sollten, und die Stadt gab einen kleinen Zuschuß. Da hieß es mit einem Male: „Die Flamme erscheint nicht mehr. Das gute Werk hat sie ausgelöscht.".. Der Verein hatte zuerst keinen Namen. Nach einiger Zeit nannte ihn jemand „Verein zur Flamme". Nachher wurde „Verein zur heiligen Flamme" daraus. Diesen Namen hat er behalten.; Jahre gingen hin. Die Gemeinde wurde immer kleiner. Die Alten starben, die Jungen zogen fort. Lilienthals zogen übers Meer. Er hatte einen Bruder in Amerika. ' Wahrheit und Schönheit, Freiheit und Vaterland — sie waren die Ideale seines Lebens. Friedr. Epielhagen Uber Berthold Auerbach. Unter dem Eindruck der Zeitereignisse ist es in jüdischen Kreisen üblich geworden, mit dem deutschen Judentum seit der Aufklärung scharf ins Gericht zu gehen. Man lveist mit Vorliebe daraus hin, daß die außerordentlichen Geister, die im romantischen und nachromantischen Zeitalter aus dem Judentum hervorgegangen sind, zumeist dem Juden turn den Rücken gelehrt haben: Rahel Levin, Heine, Börne, Gans und andere werden dabei genannt. Jedoch bereits im liberalen Zeitalter erfolgte die Wiederbesinnung aus ein positives und glaubensstarkes Judentum. Tie Schmach der Indentausen verebbte. An die Stelle der Glanbensabtrünnigen in der Art Heines trat ein neuer Typus, der am schönsten von dem deutschen Heimatdichter Berthold Auerbach, dem Schöpfer der schwäbischen Dorfgeschichte, verkörpert wird. Nicht nur durch die „Schwar.yvälder Dorfgeschichten", die seinen Namen in der europäischen Literatur berühmt machten, sondern auch durch seine übrigen Romane und Erzählungen ist Auerbach der erkorene Lieblingsschriftsteller des deutschen liberalen Bürgertums geworden. Das Geheimnis seiner Wirkung hat Peter Rosegger feinsinnig gedeutet: „Tie Wurzel von Auerbachs Größe ist sein unzerstörbarer Optimismus, der seinen Schriften etwas Klassisches,, seiner Poesie etwas rührend Kindliches gibt. Er ist kein universaler Kopf, aber ein Weltherz gewesen, das arm und reich, hoch und niedrig den Sieg des Wahren und Guten predigte. Es wäre verhängnisvoll für Volk und Vaterland, wenn die Apostel solcher Gesinnung unzeitgemäß oder vergessen werden könnten." Daß Auerbach gerade durch den sittlichen Gehalt seiner Schriften seine Zeit in ihren Gedanken erfaßte, hat kürzlich M. I. Zwick in seiner schönen Studie „Berthold Auerbachs sozialpolitischer und ethischer Liberalismus" (Verlag W. Kohlhannner, Stuttgart) nach allen Seiten hin deutlich gemacht. Ter Verfasser hat zwar ans eine entwicklungsgeschichtliche Darlegung der Gedankenwelt Auerbachs verzichtet, dafür hat er aber die Hauptpunkte sowie die Zusammensetzung der Weltanschauung des Dichters um so übersichtlicher heransgearbcitet. Auerbachs Wesen wurzelte im Judentum. Ich habe die Kasse des Vereins in Ge- .leirischaft mit dem Bürgermeister jahrelang verwaltet. In den schlimmen Jahren der fortschreitenden Geldentwertung ruhte unsere Tätigkeit. Vor einigen Wochen bekam ich ein Schreiben aus Amerika. Lilienthal ist hochbetagt gestorben und hat in seinem letzten Willen für die Gemeinde 1000 Mark zu wohltätigen Zwecken bestimmt.' Die Aufwertung des 'Vereinsvermögens bringt uns lv0 Mark. Mit diesem Gelde wollen wir den Verein neu gründen. Und nun schreiten wir .zum frommen Werke.... Im Bannkreis jüdisch-religiöser Ueberlicserung ausgewachsen, sollte der junge Auerbach nach dem Wunsch der Eltern den Rabbinerberuf ergreifen. In schweren Seelenkämpfen löste er sich jedoch aus der vorgeschriebenen Bahn, als eine innere Stimme ihn nnwiderstchlich zum Tichteramte berief. Er wählte die große deutsche Mitwelt zu seiner Gemeinde.' Trotzdem es ihn zur deutschen Lebenssülle mächtig hiuzog. entfremdete er sich keineswegs dem Judentum: in der langen Reihe seiner Dichtungen tauchen jüdische Stoffe und Motive aus: zeitlebens blieb er ein treuer und begeisterter Jude. Das Glück war ihm in imgewöhnlichem Maße hold. Die deutsche Leserschast überschüttete ihn mit Gunstbezeuguugen: deutsche Fürsten würdigten ihn ihrer Freundschaft; .Kaiserin Augnsta bestimmte Ü)n zu ihrem Vorleser. Die besten Köpfe der Zeit gehörten zu seinem Freundeskreis: Uhland, David Friedrich Strauß, Friedrich Theodor Bischer, Gervinus. Otto Ludwig, Friedrich Spielhagen, Karl Mathh und Gustav Freytag. Sie alle schätzten die Vornehmheit, Güte und Lauterkeit seines Charakters. Neidlos beugte er sich vor dem überlegenen Genie seines Freundes Gottfried Keller; mit aufopfernder ''Freundestreue sorgte er für den notleidenden : Otto Ludwig. In seinen Werken wollte er vor allen Dingen Volkserzieher sein: seine Dichtungen sollten zum Guten, Wahren, Schönen hinsühren. Auerbach war ein warmherziger deutscher Patriot, der sich glücklich schätzte, in der Reichsgründung Bismarcks die Verwirklichung der deutschen Einheit zu erleben. Wie seine Zeit- und Gesinnungsgenossen Gabriel Riester und» Eduard Laster betrachtete er sich als deutschen Bürger jüdischer Konfession. In seiner Erstlingsschrift „Das Judentum und die neueste Literatur" (1636). die die Angriffe Wolfgang Menzels gegen das „junge Deutschland" abwehrt, bekennt er sich mit großem Flachdruck als Gefolgsmann Gabriel Riesters, des Vorkämpfers der deutschen Indeneinanzipativn. Er lebt der frohen, zuversichtlichen Ueber.zeugung, die Gesinnung der ganzen jungen Generation der Inden ansznsprechen, wenn er sagt: „Wir stützen uns ans die in der Nation lebende Sitte, ja, wir achten und lieben deutsche Sitte und deutsches Herz; denn cs ist auch unsere Sitte, unser Herz." Um so mehr schlug ihn die gegen Ende der siebziger Jahre ausflammende judenfeindliche Bewegung nieder. „Was ich leide" fa rief er aus, Zagt kein Wort... . Das war der Sturz von memem Jdealturm, ich bin zerschmettert." Die Petition gegen die Juden an Bismarck, die zweitägige Iudendebatte iur Reichstag' drängte dem im ersten Schmerz Verzweifelten den Wchrnf auf die Lippen: „Vergebens gelebt und gearbeitet!" .(November 1880.) „Kämpfen für alles", schrieb der Greis an seinen Freund Karl Emil Franzos.' „was man längst erkämpft geglaubt, und in meinem Alter mit erlöschender Kraft — vH' das ist bitter. Ich wollte, ich hätte diese Zeit nicht mehr erlebt." Als er zur Audienz bei der Grostherzvgin. von Baden war (März 1881), legte er dar, wie tief sein Gemüt betroffen sei: „ E 's i st kein G e r i n g e s, d a ß m an ft ch s a g e n lasse n m n ß, m a n g e h ö r e n i ch t z u d e n D e u t s ch e n u n d fei ohne Vaterland. Da s muß ich n o ch m i t e r l e b e n, d e r i ch bereits 46 I nh re lia d} bester Kra ft für da s deutsche V o l k arbeite und im P a t r i o t i s in u s n i e m and n a ch - st e h e." Zn Fritz Manthner, dem bekannten Kritiker, sagte er über denselben Gegenstand: „Ihr jungen Leute werdet auch das verwinden und vergessen. Ich aber nu'vbc daran zugrunde gehen. Ich soll kein Deutscher sein! Die Schäm läßt mich nicht mehr ruhig schlafen! Ich werde das Ende nicht erleben." Km; darauf, im Jahre 488V,' starb er Erst wir Heutigen können die Tragik Berthold Auerbachs in ihrem ideengeschichtlichen Ausmaß ermessen. Der Dichter war ein überzeugter Anhänger des Assimitationsgedankens der liberalen Zeit. Es freute ihn besonders, daß die Inden seiner Zeit bei den verschiedenen Völkern so national gesinnt würden. Beim Bankett für den französischjüdischen Staatsmann?ll Eremieur, der in Angelegenheiten seiner «stamntesgenossen in Berlin weilte (1860), hielt Anerbach eine Rede. Er sprach unter anderem ' „von der Mission der Inden, die in Frankreich volle Franzosen, m Deutschland volle Deutsche nsw. werden, uub wie darin die Mission läge. Staatsleben und Nationalität im höheren Sinne nicht auf die Blntabstammnng. sondern in den Geist zu setzen." Er schloß mit dem Vergleiche, daß die Juden wie die Bibel wären, „die, in alle Nalionalsprachen übersetzt. denselben unvergänglichen Inhalt halle". Schon in der Lebensgeschichte Spinozas (1840) führte er.-denselben Gedanken näher aus: „Wie die Bibel in alle lebenden Sprachen übertragen und Mittel und Merkmal der Sprachbildnng und der Kuttnrent. wicklung wurde, so hat sich auch der zersprengte jüdischeStamm in atteNativnalitäteii cingelcbt. tätig und leidend im Staatsganze», ein lebendiges Zeugnis von dem alle Rationalitäten in sich schließenden Menschheit»- gedauken." — Es war das Verhängnis des greisen Dichters. daß er schon zu alt und zu sestverwurzelt in liberalen Vorstellungen war, um zu begreifen, wie e i n e Z e i t st i r b t. So stand er den Vorboten einer neuen Weltanschauung, die entgegen seiner eigenen liberalen Weltansicht die Bracht der Blntabstammnng über den unverbindlichen „Geist" stellte, fassungslos gegenüber. Erst wir, die wir den Sieg der neuen Weltanschauung erlebt haben, empfinden heute die sinnbildliche Schicksalsschwere jener Zeitenwende, an der der Greis zerbrach. Dr. l'riiz Friallaonder. / Glück und TragiS eines deutschen Juden gegr. 1876 MIMM <y Rfjiirnnr™ liaiiaölkju as uültMtlü Internationale Spedition BERLIN NW. 40, Lüneburger Straße 22. Tel. C 5# Hansa 5640 ' Transporte jeder Ärf' aadk Umzüge , ffsesefs ciffest JFßdkttungen : Auskünfte unverbindlich und kostenlos □ r -:-•— Anzeigenschluss fOr die sildiste Mummer ist der Feiertage wegen erst am di, den 4. April abends ««‘.bildete, geschäftlich erfahrene IMmc, gewandt. gute Kamille, sucht Tätigkeit in Berlin, evtl, mit etwas KnpitnlbeteiHjcuncr. Off. «nt.. V. 71« an die „t'.-V..5?:eltunpr“, Herlln \V. 15. rQcrih J. HORW1TZ & Co. HERREN-MAASS-SCHNEIDER BERLIN W 8 CHARIOTTENSTR. 59, ECKE MOHRENSTR. Wer will fetefüässlie verfraulen? Leistungsfähiges Versandgeschäft bietet leichte Vcrkaufsmdgllchkeit. Off. von vertrauenswilrd. Damen o. Herren uut. B. 714, C.-V.-Zeitung, W.15. 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