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Central-Verein-Zeitung · 1934-03-22 · 12 (22.3.1934) · page 14

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
12 (22.3.1934)
Date
1934-03-22
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Dos gute Buch bestellen Sie bei PlaiMcrlag und OucfiliomlEuno G. m. d.«. Berlin W 15, Pariserstr. 44 J 2, Oliva 1375. sich brüstet, mit den brüderlichen Garben, die 'sich vor der seinen beugten, und schließlich mit Sonne, Mond und Sternen, die sich vor ihm neigten, er mus; ihnen notwendig tief verhaßt worden. Wenn sie die immer spürbare Vorliebe Jaacobs für diesen Knaben schmerzt, so vergißt der Tichter nicht, uns zu erinnern, daß Eifersucht Liebe voraussetzt, mch das; die Brüder tatsächlich eine halb unbewußte aber tiefe, ehrfürchtige Neigung vor der fremdartigen Heiligkeit des greisen Jaaeob in sich tragen, (lind daß ihnen deshalb auch mit der furchtbaren Trauer Jaacobs über die Beseitigung des Lieblings und seinem instinktiven Argwohn gegen die Brüder der wesentlichste Teil dessen entgeht, was sie mit der Beseitigung Josephs zu erreichen Hoisten.) — Auch vermeidet es der Tichter sehr weislich, uns die gehn alteren Brüder als einheitlich rohe Alane hinzustellen: sehr kunstreich läßt er uns jetzt zehn gründlich verschiedene "Menschen erleben, baut die Andeutungen der Schritt zu sehr eindringlichen Charakterbildern aus. Neben die rohe Kraft und rein formale Frömmigkeit von Simeon und Levi, neben die kalte Gchirngeschicklichfeit. das spitzfindige Juristcutnin des Tan etiva stellt sich die schwerblütig dunkle Problematik Judas, und Neuben, der Aeltci'tc^ der Niese mit der dünnen Stimme, den Themas Mann einen „grundanständigen Mcu/ischen" nennt. Tatsächlich versucht Nenben bim Joseph, desien begnadetes Wesen er, ob ai^cl; tief widerwillig, empfinden muß. vor toeii Brüdern zu retten. Tiefe Tradition'ist schon in der Heil'ogen Schritt angedeutet und ivird in der jüdischen Sage, die ja durch Jahrhunderte an der Josevhslegcnde fortgedrchtet hat. noch deutlicher gemacht. Cs ist überhaupt sehr interessant. in der Zusammenstellung von, b i n G o r i o n den nackzbiblischen Josephs,roman der Juden zu lesen (soeben neu hci^rusgefmnmeu im Schocken-Verlag) und zu. sehen, uüe weit Thomas stNann diesen Vorläufern — diesen Weiterdichtern der Bibel — verpflichtet ist. So erwähnt zum Beispiel schon di^ Schrift einen Mann, den Joseph trifft, wüe er auf Geheiß des Vaters die Brüder anfsuchen soll, die bei Sicheln das Vieh weiden; und der Mann sagt ihm, daß die Brüder n§ach Dotan weitergezogen sind. Aus diesem Mg.nnc macht bereits die spätere Sagentradi/ion einen Cngel. Bei Thomas Mann aber 'wird er eine höchst unheimliche Gestalt, ein v^rauswissender aber mlhcrchcher, nur in der; Verneinung bejahender Dämon, ein hagerer Jüngling mit Blähhals, der an eine Verkörperung des ägyptischen Totengottes denken läßt. Cr steht nachher auch an dem leeren ^Brunnen, aus dem die Medianiter Joseph bereits fvrtgeführt haben, und erschreckt den Reuben, der heirnlich kommt, mn den Bruder zu retten, mit mürrisch tiesstnniger Weissagung. Daß der Begrabene und Wiederaufe.rstandene ein Gleichnis von uralter religiöser Heiligkeit ist, das läßt Thomas Mann nicht nur uns fühlen; offenbar empfindet es sein Joseph selbst als Vorahnung, wenn er im Hain des Adonis dem kleinen Benjamin die Geschichte des zerrissenen und lmederauferstandenen Gottes erzählt und sich dabei selbst einen Kranz aus Mer Mvrthe wLndet, die dem Gotte heilig ist. — Sehr merkwürdig, wie hier die vermutliche Abhängigkeit einer Sage von viel älteren Mythen 'gewandelt erscheint in das mythenbcwußte (und nicht uneitle Spiel) des Sagenholden. Thomas Mann hat ja in einem Briete, den ich wohl zitieren darf, mir selber als die Grundkonzeption des ganzen Buches bczeick^ret: „Tie Mykhologen unter dem Bibelforschern behandeln die Gestalten der Schrift, als legendär und ihre Geschichten als Ausprägungen mythischer Vorstellungen und mythischer Motive. Meine Idee mar cs, die Geseilten real zu nehmen, sie aber im Mythos lcb'm und sich selbst als seine Verkörperung sülzen zu lassen." Eine direkte Fortentwicklung des Mythos noch innen oder außen, seine ganz freie D'cchtertat scheint mir dagegen die eine großartige Wendung zu sein, die (soviel ich sehe) uur Thomas Mann gehört: jenes bunte Kleid, durch dessen Verleihung an Joseph Jaacob den Zorn der Brüder aufs höchste reizt, und das dann zerrissen und blutbefleckt als Beweis seines Todes gebracht wird; dieses Gewand, das schon am Brunnen versprochene Geschenk! das Joseph dem Vater abschmeichclk. es ist hier nichts anderes als der köstliche Brautschleier, den Lea trug, als Jaacvb Aahel zu umfangen meinte! Cr ist das Pfand der Mutter und Joseph sagt: „Leu war mir verkleidet darin, aber des Kleides Herrin war Nahet . . . ich und die Mutter sind eines . . . Jaacob aber meint Nahe!, wenn er auf mich blickt." So treten die beiden großen Wendungen feines Schicksals in Jaacobs Leben so dicht zusammen, das; sie fast gleichbedeutend werden; unmittelbar aus jenem ersten Betrug folgt der zweite, und es ist in all seiner Einfachheit erschütternd, wenn der letzte Satz des zweiten Bandes lautet — zu dem Jaacob gewendet, der über den Tod des Lieblingssohncs fast verzweifelt —: „Ach, frommer Alter! Ahntest du, welch ein verwirrendes Belieben sich wieder einmal verbirgt lßntcr dem Schluchzen deines wunderlich hehren Gottes, und wie unbegreiflich-glückselig dir soll die Seele zerrissen werden nach Seinem Kat! Ta du jung warst im Fleische, zeigte dir ein Morgen als Trug und Wahn dein innigstes Glück. Tn wirst sehr alt werden müssen, um zu erfahren, daß. ausglcichshalbcr, Trug und Wahn war auch dein bitterstes Leid." Und da müssen wir uns entsinnen, daß es im 1. Bande von Jaacob hieß, er habe stets nur zwei Leidenschaften gehabt: Gott und N a h e l. Jetzt aber fangen wir an zu ahnen, daß diese revolutionär erotische, diese individualistische Leidenschaft für die eine Frau, und jene religiöse Leidenschaft, mit der Jaacvb den Begriff des einen körperlosen, allgerechten Gottes umsorgt — daß diese beiden Leidenschaften eine gemeinsame Wesenswurzel haben könnten! — Wenn nämlich im Anfang die Neligivn Abrahams noch einmal untersucht wird, so heißt cs: seine Antwort auf die Frage, wem der Mensch dienen solle, sei gewesen: „Dem .höchsten allein. Merkwürdig in der Tai! Cs sprach aus der An-hvvri rin Selbstgefühl, das mau säst hvssärtig und überhitzt hätte nennen können. Ter Mann hätte mögen zu sich selber sagen: „Was bin und tauge ich weiter und in nur der Mensch! Es genügt, daß ich irgendeinem Elohen oder Ab- und Untergvtt diene, es liegt nichts daran." So hätte er es bequemer gehabt. Er aber sprach: „Ich. Abraham, und in mir der Mensch, darf ausschließlich dem Höchsten dienen." Tamit sing alles an." Damit fing alles au. Allerdings: dieser innerlichste Stolz, dieser herrlich unbequeme Hochmut einer Menschenseele. die sich fühlt, er null nicht irgendeiner Naturtraft dienen noch irgendeinem Dämon, der sie bezeichne!, er will dem Höchsten dienen, das als gemeinsame Quelle all dieser Kräfte geahnt werden kann. Und dieser innerlichste Stolz, dieser herrliche Hochmut eines neuen Selbstgefühls, er null auch nicht mehr der Neuurkrast des Geschlechts, 'dem Trieb der Sippe mit der Erwählung der Ehefrau dienen, ^er bringt das Nene wühlende Clement, die Sehnsucht nach dem subjektiv Höchsten, nach der Schönen, der Geliebten mit Jaacvb zum erstenmal in die Welt. Versteht man nun. ivarnm diese früheste Geschichte von einer individuellen Liebesivahl und ihren tragischen Folgen im Heiligen Buch der Juden steht l Versteht man aber auch, daß der Tichter, der stets das Thema von der Hoheit und der Gefahr, dem Lebensrecht und der Schuld, des Individuell-Abgesonderten, des Eroiisch-Umsorgten, des Schönen verfolgte, daß dieser Tichter in dieser altjiidischen Legende ans eine sehr tiefe Durchleuchtung seines Probleius stießt! Nein, es ist kein müßiges Spiel, ans dem einer der ernstesten. der verantwortungsbewußten, der dichterisch reichsten Geister der deutschen Zeitenwende heute die Fabel von einer schuldhaft großartigen Liebeserhöhung gerade dem religiösen Grundbuch der Juden ent-- nhmnt. Mit dem Stolz einer freien Seele, die sich nur dem Höchsten, dem Vollkommensten weihen will — mit der Größe und der Gefahr solcher Wahl — damit fängt alles an! Immanuel.Kant: „Diedrei Lritikcu." In ihrem Znsammcnhaug mit dem (HefamLwcrt mit vervinvcnvosn Dort zusamurcttgcsastt von Nayunrzrv Schmidt. Alfred Kröncr Verlag, LrÄpzrg. Tiefer Band der ansgezcichnecen Sannnlung ,,-Kröners Taschenausgabe" nst'l.l eine Art Kanl- Lesebuch sein. Um ein solches zu ermöglichen, müssen zuerst der Heransgelzrr nn.d die Leier von der Einheit und Gesthlosteiil^eit der Transzendental-- Philoiophie überzengt sein. Taß der berühmte Treillang: vorkritische, lytische und Attersperivdc tatsächlich ein organisches Ganzes bezeichnet und Kants drei „Kritiken" geschloffenes Süßem verstellen. das ist der richtige Grundgedanke des Herausgebers, auf '02m er sein Kant-Brevier ausbant. Es soll den .^ganzen .Kant" zeigen und damit den Werdegang seiger Philosophie. Alan mag über die Auswahl verschiedener Ansicht sein ldas ui anders nicht n/öglich), den Plmi muß man ans jeden Fall begrüßen. Hermlscchcrs: er will mll dnyee AuÄval,? eine „Emsnhrnngslettüre schesten. die dem „Laien" eine ernstere Beschäftigung mit Kant erst möglich mackst So stellt also Aapuumd Schmidt den ri'd)t oefabv lichen Begriff des philosophischen Laien aus der tamu verteidigt werden tann. Kant selbst' bat immer wieder betont, das; der Sinn des philo, so Phi sehen Unterrichts nict',1 die Philosophie, sondern das Ptiilosophieren ist. Wer die Avtiveiidiqllst und das Verlangen zum Philosophieren verspüg kommt von selbst in das Studium der Probleine und der Geschichte der Philosophie hinein. Ta ailq es also kein Laientum. Gerade bei Kant taiui es leine andere Einsührnng geben als das ernste Studium seiner Probleme, die ihm selbst ans der Geschichte der Philosophie überionnnen finö. Ta edel die Absicht der BoUstüinlichteit auch sein man so ist sie erfüllbar doch mir, indem man die LGae zu Kant durch ein spstematischeü Studium erleichtert Knick selbst als Baunieiiter feines Systems steht jenseits des Unterschiedes zwischen Fachmann und Teshalb wäre wohl der pädagogisch fruchtbarste Weg eine spstemMiiche Einsührnng' in Kants Pr» blcnne. Ter Herausgeber geht den anderen Weg: er lägt Kant selbst sprechen und seht den einzelne,! ausgeioäljlten Abschnitten aus leinen Scheinen erläuternde und populär gehaltene Bvrbeniertimgen voraus. Sie enthalten sehr nächtige Gedaulen. lassen aber doch tvohl im ganzen nicht die eigenst liehe geschichtliche Bedeutung Kants begreifen. Juni Schluß gibt der Herausgeber eine tuappe Ileberiicht über Kants Wirkung ans die Aachweli. Bei der llhnralteristit Hermann Eotieus überrascht die Aemerlnng über die „raisenmäßige Ueberivertung des Verstandes" durch diesen Philosophen. KinloU Kjiyser T. Mütter. Von jüdischen Bräuchen und jüdischen: (HoUesdicust (I. Kaufsmann, Frankfurt, Tiefes altbekannte Büchlein erscheint eben in seiner zweiten Auslage. Eine hohe Leistung zunächst in der warmen und schlichten Tarstellung von zahlreichen Bräuchen und Einrichtungen nicht nur des Goltesdieiistes. sondern auch des häuslichen religiösen Lebens. Weiter aber eine wichüge Erquickung in seiner völligen Teudenzlosigleil. Tas Buch spricht vom Herzen znm Herzen, und zn jedem, weliher der jüdischen Pichtnngen. religiösen und politistcheu, er amh angehören mag. Es ist diesmal leine Uebertreibnng: das Büchlein müßte in der Hand jedes Kindes sein, welches die S'chne verläßt, ein Erinnernngs- und Lehrbuch der vielen Tinge, die nicht ün Gebetbuch und nicht im Ecschichtsbuch stehen. Aber, didirl) gesprochen, anest für selir viele von uns Altgetvvrdenen ein ALgtveiser und Tenter durch tverivolle Traditionen, die;vir eutrveder überhaupt nielü verstanden oder die wir nun aus der dunklen Erinnerung glücklicher Jugendtage wieder lebendig begreifen. )1. .Hilve Mary - Peters: „Im Bcro gcsangen." Scwstvertag. Als Schülerin hatte sie den Fean-Paut-Preis ihrer Vaterstadt erhalten. Ann ist sie in Berlin und t.onseriert und sctpceibt sich durchs Ta sein. T\: lichten und die diintlen Tinge, die harten u:-d dar milden Geschehnisse werden in ihr zu Versen m'd Beimen. Selbst im Vers gefangen, fängt sie ihr Leben in Verse ein. Unsere Leier kennen dieses starte und eigene Talent ans Gedichten und Reportagen. Wer sich den Wunsch erfüllt, hin und wieder ein paar stille Piinclten in dem dünnen Heftchen z>i lesen, Iiilft gleichzeitig einen! jungen, imilig icstaiicnden Bleiischen in hartem Lebenskampf. S. H. »um 60. SiduclStug bkS SMrrS <20. März) MMtzMen MÄ .Mg' In don zahlreichen Anssr/tzen, in denen man in diesen Tagen dem sechzi.^ährigen Freiherrn Vörries von Atünchhansen, huldigte, standen viele rühmende Worte übe-/: des Tichters wahre -liittevlid)feit und seine edle Balladenknnst. ->tur ein Thema ivurde kccum berührt: Atünchhauseps Verhältnis zun, Judeutum, obwohl er selber in einem antostiographischen Aufsatz betont, daß cs in seinercc Leben „eine so wichtige Rolle spielte". C?- verlohnt wohl, hier dieser menschlich mrd literarisch fesselnden Lezielyingen kurz zugederlken. Sie gehen bis in Vlünchhansens früheste Jugend zurück. Cr r,iurde zu Hitdesheim in einem Hans geboren., mit dessen jüdischem Wirt die Eltern i^n freundlichem Verkehr standen: der Sohn erwähnt dies Faktum, weil es bei hannoverschem Edelleutcn damals ganz ungewöhnlich tvar: „Nur eine geistige Freiljcit, die lucit ülxtr krem Durchschnitt stand, war dessen fähig, tind diese Freiheit nach rechts und linls, nach oben und unten, war das Wesentliche an der Luft, die bei uns wehte. Meine Eltern waren völlijg unfähig zu jeder Einseitigkeit." In engrrce Fühlung mit jüdischen Kreisen tam Münchhausen, als er das- Gymnasium zu Hannov er besuchte. Unter seinen Rcitschülcrn tvar d>'r Sohn des Landesrabbiners; er vertrug sich >Krcsgezeichuet mit ihm. der sollst unter den: Ji^dcnhaß sehr 311 leiden hatte. Weit wesentlicher aber war für Münchhausen die Freundschaft mit einem anderen Klassengesährten, Ludwig Heynemann-, sie schlossen sich bei gernc^tzamer Tätigkeit in literarischen Vereinen noch enger aneinander. Zusammen besuchten sie. als Sekundaner die Synagoge: ..Ich habe dort bei zahlreichen Festen die Begeisterung stür das Alte Testament in mich gesogen, aiptz der meine jüdischen Balladen e;> wuchsen. "Allich das Passayfest habe ich stn Hause \zwitx Eltern als .Fremdling, de^ in U)vcn 2wen weiltcP mitgefeiert und einen tiefen Eindruck davon erhalten, der dann durch eingehendes Lesen der Pessach-Haggada, die er mir lieh, verbreitert wnrdeT Ten treuesten jüdischen Freund gewann Ntünchhansen während seiner bunt bewegten Berliner Studentenzeit. die ihn überhaupt mit einer Fülle anregender und bedelitsamer Persönlichkeiten zu» sammenführte. Als Rcedaktenr einer sehr kurzlebigen Zeitschrift „Aiünchhausen", deren: Titel ihm den Zorn seiner ganzen Familie nrzog. zälslte er zu feinen tünstlerisckjen Mitarbeitern auch den Zeichner Ephraim Moses Lilien, den fromm.jüdischen Sohi^ eines armen galizischen Handwerkers. Tzsitz der Grundverlchiedenheit ihrer Herkunft ultd ihrer Lebcnsauffassungen kamen sie einander sehr nahe. Lilien ist es auch gewesen, ))er gemeinsam mit einigen Gesilimingsge'uoffen Münchhausen dazu bewog, seine se/t jenen Selundanertagen entstandenen testamentarischen Balladen gesondert herau^zugeben. Er versprach ihm, Zeichnungen dazu zu liefern, wie sie kein anderes Werk iiu. deutschen Cchrifttmn aufzuweisen hätte, — und Ijat nicht übertrieben. Tiefer Gedichtbv/nd „Inda", der 1W0 erschien und inzwischen schon, abgesehen von zahlreichen Ueüc^etzungen, das zwölfte Tausend erklomm (wie ja Münchhausens Werke insgesamt cii>en für Poesie schier beispiellosen Erfolg beim, deutschen Publikum errangen), ist jedenfalls^ eines der eigenartigsten ' Bücher unserer Literatur. Selten hat wohl ein Aichtjude |ify so tief in die Welt des Alten Testaments eingefühlt wie dieser Sproß hannoverschen stlradcls. Wie wundersam ergreifend sind, die schwerniüiigcn Melodien seiner Gesä>ige! Wie pracküvoll echt ist seine Schildc- 'Umg biblischen Levens! Atit einem Appell an den Leser beginnt das Werk: „Laß Kram und Waage stehen, sei, was bu bist, das alte. Israel!" Tie schönste der Balladen, die dann folgen, handelt von Nahab, der Jerichonitin, die nächtlich Josuas Sendling bei sich anfuiuuut und nach der Juden Triumph den Tod jucht. Lervegend, ja, wahrhaft erschütternd ift auch die Erzählung von Simsous Ende. -lUit einem gewaltigen Akkord klingt das Buch cnG. einem Gesang des Jehuda „Sabbath der ScLosiathe". Er schließt also: „Sei still, Judäa, und schweige, du Tochter des Sem! Hänge dein Hoffen ans Später, Tratte dem Gotte der Väter: - -Aus Zeiten polt Schande und Spott Führt dich dein heiliger Gott Rtit nnerforschlichem Rat, — Ter Sabbath der Sabbathe naht!" Die enthusiastische Aufnahme, die „Juda" um die Jahrhundertwende fand, läßt sich heute kaum mehr beschreiben. Das Qberrabbinat von Numünien fandte Alünchhausen eine Adresse; in Wien wurde über sein Werk gepredigt; sogar in spsiagogale Gebete soll sein und seiner ÄAutter Name ausgenommen worden sein. Unter dem Heer der Tankenden befand sich auch Theodor Herzl. dem übrigens Vtünchhausen ein besonderes Gedicht gcroidmet hat. Noch wiederholt hat der Tichter seinen Balladen jüdische Stoffe zugrunde gelegt, so jene zarte Geschichte von dem Prager Nab bi Manasse Kohen, der durch eine weise Rede einen Herennwrd verhütet, und eine tiefsinnige Erzählung von Ben Akiba („Tie Vier vor Gvtt"). Ebenso berührt er in seinen Essays öfter jiidische Probleme. In einer Betrachtung über Verse E!i EltanaS. die starten Eindruck auf ihn machten, wendet er sich lWö gegen Proselytentum und Missivnarisieren: „Ich empfinde es als nuvornehm, einem anderen mit aller Gero alt meine Ueberzengnng ansdrängen zu wollen. Meine jüdischen Freunde wogen Inden bleiben und meine türkischen INohaminedancr, meine Freunde von links mögen links bleiben, und meine Freunde von /ocksts, — und ich deute, sie werden ritterlich genug sein, dann auch mich zu lajsen, >vo ich bin!" Um einige Nuancen wennzer freundlich klingen Urteile/die Rcünchhausen unlängst in einer an sich sehr lesenswerten Betrachtung über „Tie neue Dichtung" fällte. Ta finden nur doch unrichtige Verallgemeinerungen und schroffe Augrilse; aber gerade auch an dieser Stelle versichert der Tichter ausdrücklich: „Ich denke nicht daran, etwa Antisemit zu sein!"!*£ W> ILr TT3. /!> Aus ciiioin Briefe Tleynumn Steiiifluds au lUn-thokl Auerbaeli vmu IN. August lSüö. r. . Ich fühle wie die Königin und cioeb nicht mit ihr. Den Treubruch des Königs und Irmas Fühle ich wie sie, und Sie haben dieses Gefühl so kväfti" geschildert, dass ich fast staunte, und doch hätte ich sie gescholten, wenn Sie es weniger kräftig dargestellt hätten. So wie Sie die Königin sprechen lassen, so habe ich schon hinget vorher gedacht, trotz der Zartheit, mit dei Sie das Verhältnis des Königs und Irmas erzählt haben. Für diese Zartheit danke ich Ihnen; Sie wollen mich schonen. Ahm’ es hilft nichts; in mir empört es sich. Ich fühle wie die Königin; aber dennoch nicht mit ihr. Denn ich habe den König nw geliebt und auch Irma nicht. Denn du' Liebe der Königin zu Irma ist ja nur dm Reflex oder der Zusalz ihrer lache zin;> König. Ich liehe beide nicht. Aber soh'lm Menschen sind da (leider (Julies!), chw Dichter hat sie darzustellen; aber züchtigen soll er sie mit schrerkenerregeiuie^ Geissei. Das konnten Sie nicht. >(- wollten es, das merke ich; das muss, deniu ich, jeder Leser merken; es kann keinen verständigen Leser entgehen. Aber da^ u mir klar: heute hat kein Dichter (uw hätte er Shakespeares Genie) die Km ' jene Schrockcnsgeissel zu führen . - - ' ^. führen uns den König und Irma hnss>ene vor, und die Königin versöhnt sich m beiden. Ich kann mich so nicht mit ihnen versöhnen. Irma biissl, leide!, es isi Pich ' i c Ii habe U a c h 111 onus 111 i l 1 n '

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