Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 11 (15.3.1934)
- Date
- 1934-03-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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1 l Erziehung. , : v BistanzgefüM ■ GZ gibt einen alten jüdischen Witz, der in heiterer rmd tiefer Ironie eine Menge über dieses undesinierbare und doch so wichtige Gefühl für die Distanz seinen Mitinenschen gegenüber aussagt. „Eine Jude sitzt in der Eisenbahn und hat, da er müde ist, seine Beine auf den ihm gegenüber liegenden Sitz gelegt. Da steigt ein zweiter Reisen, der ein und schnell nimmt der Jude seine Beine wm si(j herunter. Der Reisende setzt sich, legt sein Gepäck ins Retz, macht cs sich ein wenig bequem wib beginnt ein Gespräch: „Fahren Sie auch, so meint er, über die Pesiach. tage nach Berlin?" „Ach so", sagte der Jude --und legte seine Beine wieder aus den Polstersitz hinaus. Es ist seltsam, — ebenso wie der Prophet nichts gilt in seinem Baterlande, ebenso verlieren die Mensche!: voreinander an Achtung, Respekt und Höf. lichkcit, wenn sie wissen, daß es Menschen ihres» gleichen sind, mit denen sie es zu tun haben. verwandter, bekannter, näher und inniger die Be- Atshungsn zu einander sind, um so mehr sollte man voreinander Achtung wahren, sollte man sich Le. vjene Distanz zu wahren, die die Dovöe.' ' bmgung jeder wirklichen Bindung ist. - -Mir sind ja unter uns", so heißt e8, und weil wir unter uns sind, da kannst du ruhig ungeniert sem, kannst Dinge tun, die du unter Fremden nicht wagen würdest. Warum? Gerade weil wir unter uns sind, wollen wir so sein, daß jeder Fremde dabtt sein könnte. Wir wollen so sein, daß wir unS gegenseitig Hochhalten und uns achten lernen. Unter unS wollen wir sein, — aber mit Distanz, mit jenem Gefühl für den Umgang mit dem Mit- Menschen, mit jenem Takt, der die Beziehimgcn untereinander erst wirklich schön und positiv gestaltet. Man soll sich nicht ,^ehen lassen", wenn man unter sich ist. Denn „unter sich selbst sein," das heißt unter seinen Freunden, Verwandten, Ge« sinnungögenosien, und sie verdienen es noch mehr als jeder Fremde, daß man sie durch gutes Be. nehmen, gute Manieren, Höflichkeit unt> Distanz ehrt und achtet. «utd. „Du, ich möchte mit dir reden. Ich möchte hier weg. Ganz und für alle Zeit weg von hier." „Bitte, Liebling, die Tür steht ständig offen. Ich würde nie jemand halten, der von mir wrtmill. Auch wenn ich es wünschte." „Unsinn, Jvrry, ich will nicht von dir fort. Wie kommst du darauf?" Wenn man eine Weile mit einem Menschen verheiratet ist. betommt man' ein seines Ohr für solche Rnailcen: so etwas heißt doch, Gott, ich weiß es ja noch selbst nicht, aber hast du es etwa schon wieder bemerkt. „Ich will mit dir fort und will von hier fort. Komm, wir gehen wieder nach Berlin. Vielleicht können wir noch die Wohnung von Mutter kriegen. Ersten Lktober gehen die Zwangsmieter heraus. Ersten November muß sie geräumt sein. Vielleicht läßt sich das noch machen. Wir können doch die Wohnung hier :m Tausch dafür geben. Ich habe schon an Lucie geschrieben, sie soll aufs Wohnungsamt gehen und das sagen. Wenn wir ein bißchen den Rubel rollen lassen, gehfs schon." „Mit Rubeln wirste kein Glück da haben, mein Gutes." Freundlich bleiben, ganz nett bleiben. „Was willst du denn in Berlin. Hier ist es doch hübsch. Und einen Vorzug hat unsere Wohlmng wenigstens, aus den du noch gar nicht gekommen bist. Man ist von ihr aus in zehn Stunden in Paris, in zehn Stunden in Amsterdam und in zehn Stunden in Lugano. Und sogar, wenn man's sein muß, Gott behüte, in Berlin. Ich bin als pflastermüdes Pferd da weggegangen, und möchte nicht gern ein pflastermüdes Pferd da wieder werden, Nukelino." „Pferde sind unmodern. Wir halten beim Auto. Jorry. Und wenn der Motor streikt, läßt man ihn vier Wochen überholen und dann tut er's nachher ein paar Jahre wieder." „Hör mal, das Käuzchen. Wie weit das von drüben vom Kirchiurm herüberschallt. Und vielleicht ist es ein hervorstechender Zug von mir, daß ich nun mal immer wieder solche tiefe Sehnsucht nicht nach Einsamkeit, sondern nach Selostbesinnung habe. Und das ist das einzige Laster, dem man nun mal in Berlin nicht sröhnen kann." „Unsinn", sagt sie, „man kann nirgends in der Welt mehr für sich sein als in einer Großstadt!" „Und was tun wir da oben? Man ist so mitten drin. Man merkt so peinlich viel von allem. Hier kann man die Tür zumachen und die Dinge tvegdenken. Oder man kann sehen, wie der Mond übers Wasser tanzt. Früher hat mir ein Buchsbämnchen auf einem asphaltierten Hof in der Uhlanbstraße genügt. Heute macht es mich traurig. Vielleicht hätte ich nicht solange schon hier unten leben sollen. Und bester, als das Kiird hier auswächst. .. Denn das ist für eine Mutter doch eigentlich das wichtigste. „Also, das Kind verwildert, verbauert und verdummt hier, finde ich wenigstens." „Deutschland wird meiner Schätzung nach noch drei Millionen solcher Kinder haben. Davon wachsen doch höchstens tausend im Zoologischen Garten auf. Es ist doch nicht unumgänglich nötig, daß sich so etwas generationeuweise vererbt." (Vernünftig sein! Nicht aggressiv und persönlich werden, Mensch!) „Sich mal, Jorry. du kannst ja hier leben." Ihrem Tone höre ich an, daß Ruth in diesem Augenblicke das gleiche gedacht hat: nicht aggressiv werden, nur in Ruhe das besprechen! Wieder wehen, aber jetzt schon von weit her, die Stundenschläge herüber. Ruth hat Fritz Eisner losgelassen und ist stehengeblieben, ist ihm in den Weg getreten, hat grade vor ihm sich hinpostiert. Wie hübsch sie'da-- sich aufgepslanzt hat, denkt er, mit dem russisch-grünen Kleid und dem erdbeerfarbenen , Tastmantel über dem Arm unter dem hohen Baldachin der Buchen gegen den silbrig», grauen Haselbusch am Rand der Wiese. Renoir . . . Ach ja, Renoir ist ja nun auch tot '■ ».. Ist er der letzte oder lebt nicht Monet Noch?!_ , „Du", meint Ruth und hält ihren Mann seft, „du ... ich habe kein schlechtes Gedächtnis. Hat nicht gestern noch jemand sowas gesagt: und dennoch bekommt man den scheuen Gesang seiner Jugend nicht aus den Ohren mit den endlos weiten Roggenfeldern und der Wolfsmilch und den Katzenpfötchen . . . deine ganze Botanik habe ich nicht behalten ... in den Kieferkuscheln . . . und der Birke am Kreuzweg, die voller Flechten hängt, wie vom Winter der Eiszeit aus den Tundren her?! Wer kann das gesagt haben?" „Und unser Berggarten hier?!" . „Ganze sechs Nachmittage sind wir dieses Jahr mit Maud obengewesen. Zweimal ist sie die Steintreppe runter gefallen. Einmal hat sie sich beinah ein Loch in 'n Kopf gehauen. Das kann sie spater auch noch . . . denn du wirst, als Brandsalbe für deine wunde Seele — ja doch oft hier sein. Und sie auch mal. Guck mal zu, Fritz, ich bin doch hier wie das Kind, das in die Ecke gestellt ist und nicht mehr mitspielen darf. Gewiß verheiratet sein, und selbst mit dir verheiratet sein, alter Schurke. — ich kann mir zwar etwas Schöneres vorstellen — und ein Kind 'haben ... ich sage nichts dagegen. Aber es ist nichts das Leben. Einsamkeit und Gemeinsamkeit liegen nicht nur im Reim nahe beieinander." Wie nett sie so etwas prägt. Ganz beiläusig. Und nach einer Stunde hat sie es wieder vergessen. „Ich möchte in eine Redaktion zurück, all irgendetwas mittun. Ich möchte auch politisch wieder arbeiten. DaS bißchen Haushalt, das bißchen Bücher für dich lesen und Inhaltsangaben machen, das bißchen Edeltippeuse bei dir spielen, ist doch nicht alles. Ich bin Jahre heraus, ich möchte nicht den Anschluß ganz verlieren. Wo kann man das hier? Man läuft mal in einen Vortrag, spricht mit ein Paar Studenten, die heute hier und morgen schon da organisiert sind. Versucht ein Paar lasche Bürgersrauen zusammenzubringen zu irgendetwas, was nach einem Jahr doch wieder auseinanderfällt. . . aber das genügt doch alles nicht! Das ist so, als ob sie hier beit Neckar da unten . . . wie schön daS setzt blitzt da drüben (ich habe ja auch Augen im Kopf, dummer Kerl! Ich seh das ja!) . . . mit einem Kinderbagger regulieren wollten. Ja, aber soll das etwa das Leben sein?" „Ich habe eine sehr verlockende Aufgabe für dich, Ruth: schreib die Geschichte dieser Siedlung. Sie wäre — ganz still . . . sieh mal den Hasen da vor uns, wie er so ganz vorsichtig... da drüben links am Waldrand . . . wie er so ganz vorsichtig aus den Farrenkräutern guckt . . . jetzt hoppelt er nach der Wiese rüber. Nu ist er im Gras. Da unten, wo sich jetzt die Halme bewegen, mutz er jetzt . . . still. . . Hast du mal eiit,e Eule fliegen sehen ... Da ... Da ... Jetzt da unten ... Da streicht sie an den Birken hin. Ein seidenes Tuch kann nicht lautloser durch die Luft flattern ... Ja, also du solltest die Geschichte dieser Siedlung schreiben . . . Dieses Polypenstocks. Dieser Pilzsiedlung. Dieses Hexenrinas von Menschen hier. So wie wir sie miterlebt haben hier . . . Mit Heiraten und Scheidungen und Tod und Not und Eheirrunaen und Kindern und Zank. Und dem Bächelchen Glück und dem Strom Unglück, wie wir ihn so in den wenigen Jahren hiev an uns mit vorbeirauschen ließen. Ich bin nie soviel Menschen auf einmal so nahe gewesen, ohne ihnen nahe zu sein. Das wäre der beste Roman, der je geschrieben worden war Das könnte ein wunderbares Buch werden.' Ich kann's nicht schreiben." „Wozu soll ich dir Konkurrenz machen. ^.Frauen scheu besser Einzelheiten. Männer beurteilen sie besser. Aber ,ch glaube trotz, dem. du könntest eS besser als ich. Weil du, beides hast . . . eine sraucnhastc Beobachtung und einen männlichen Kopf dabei. „Ich kann nicht schreiben Jorry." : Aach . . . wer sprechen kann, kann schreiben" Und du kannst sprechen." ' Wi» still das jetzt ringsum ist. Nur ganz' ganz weit drüben, an der GegenMe des Flusses unten am Wasser singende Stuben-, ten. So. etlpas kann manchmal sehr hübsch e sein. ... " Rüth will etwas antworten. Aber sis gibt es aus. „Im Leben dauern die Zwischenpausen aber oft länger als das Stück , sagt sie end-, lick. Und es gibt so Momente, wo ihre Stimme sehr tonlos wird. 1 „Warten wir es doch hier noch eine kleine Weile ab, Ruth. Es ordnet sich ja immer alles von selbst. Es sah aus, als ob wir nie heiraten könnten, und eines schönen ^Lages sind wir doch auf den Petersberg gegangen und haben es getan. Es sah aus, als ob ich nie wieder einen Roman schreiben könnte . . . jetzt ist er heraus ... Es sah aus, als ob der Krieg nie ■ aufhören würde . . . als ob wir nie ein Dach übern Kopf kriegen würden. Es ist alles geworden. Auch das wird werden. „Nur nit brumme, es wird schon kumme", sage se hier. Warum meint Ruth eigentlich nichts dazu? denkt Fritz Eisner. . . . ... „Wirklich, mein guter Nuck, nu sei vernünftig. Man kann sich die Dinge heute nicht mehr aussuchen. Man muß mit ihnen sürliebnehmen. Wie man über diese letzten zehn wahnsinnigsten Jahre, die je die Welt sah, hinweggekommen ist, ohne auch nur ernstlich von einem Seitenwind der Lawine gestreift zu werden, das war doch ein unverdientes Glück. Wir heute sind ja alle nur Reiter über dem Bodensee. Wir leben heute. Wir existieren auch noch morgen und in einem Jahr noch. . . . Was ist nur mit dem Mädchen los? denkt Fritz Eisner. sonst nimmt sie mir so ■ nett die Beschäftigung des Redens ab und heute ist kaum ein Lori au'8 ihr herauszubringen. Vielleicht bin ich vorhin doch zuweitgegangen! „Richtig, mein Liebchen, ich sehe das vollkommen etn: Bei uns da oben wißen die Menschen, und vor allem die so um uns, besser, welche Farbe eigentlich Trumys ist. Aber endlich, bist du doch hier auch mit. vielen ganz gut ausgekommen."... „Gewiß, die Menschen haben mich ganz gern gehabt. . auch hier, weil ich weder häßlich noch dumm bin. Aber, wenn ich hier weggehe, werde ich doch kaum wissen, von wem ich mich verabschieden soll." Und dann schweigt Ruth wieder . . aber in ihr spricht es weiter . . das fühlt Fritz Eisner. Schade drum — sie ist so auserlesen schön, diese Mondnacht. Sie fühlen das beide und trotzdem treiben sie auseinander, statt zusammen. Schade drum. Gehen stumm und verärgert nebeneinander her. . , . Plötzlich fällt Ruth ihren: Mann um den Hals und küßt ihn. Sie bleibt gar nicht mal stehen dabei. L)der nur einen Augenblick. „Sag: nie wieder Krieg!" ruft sie, „sag: nie wieder Krieg! Also sprich nach: nie wieder Krieg! Noch mal. Lauter: Nie wieder Krieg!!" Jetzt lacht sie wieder: „nie wieder Krieg!" v Die Jüdische Buchvereinigung» deren erste Dcrs vssentlichung, der Roman von Georg Hermann „Eine Zeit stirbt", für ist re Mitglieder in den nächsten Tagen, Iierautzgegeben wird, bringt im Jabr vier Bücher. Der Mitgliebübvitrag beträgt monatlich 1 tH'.Ut, dazu kommt einmalige Einschreibgebühr von 0.2i> AM. Anmeldungen zur Mitgliedschaft sind an die Jüdische Buchvereinigung, Berlin W 15, Pariser Straße 7 (.Abteilung M), zu richten. C j mmm ysi(&i vm rini©n §9© RM? DS© juristisch - wirtschaftlich©« Berafungssfollen des Central-Vereins BorfSrs Büro der Hauptgeschäftsstelle des G -V. Büro des Landesverbandes Gross-Berlin Büro des Landesverbandes Brandenburg W 15, Emser Str. 42, IV. Tel.: J 2 Oliva 8141-45. Montag—Freitag. 12 bis 14 Uhr Königsberg Büro des Landesverbandes Ostpreussen Junker$tr.l8,H.Tei.:32922. Tel. Anmeldg. erwünscht Stettin Büro des Landesverbandes Pommern- Grenzmark Hohenzollernstr. 10. Tel.» 36288. Montag—Freitag 9—13 Uhr; vorherige Anmeldung empfohlen BQUfhOft (O.-S.) Büro desLandesverbandes Oberschlesjen Kalidestr. 5. Tel.» 3527. Tel. oder briefliche Anmeldung Breslau Büro des Landesverbandes Niederschlesien Junkernstr. 19, Ik. Tel., 50322. Montag—Freitag 9—11 Uhr, sonst nach te!. Anmeldung Leipzig Büro des Landesverbandes Mitteldeutschland König-Johann-Sfr. 17,!. Tel.: 12038. Montag bis Freitag 10—14 Uhr, sonst nach tel. Vereinbarung Hamburg Büro des Landesverbandes Nordwestdeutschland Beneckestr. 2, ptr. Iks. Tel.: 445071. Montag bis Freitag 10-13. Sonst nach Vereinbarung. Hannover Nebenstelle des Landesverbandes Nord- Westdeutschland (ur den Bezirk Hannover) Georgstr. 15, I. Jeweils nach Vorankündigung in der „C V.-Zeitung". Herford Büro des Landesverbandes Ost-Westfalen und Nachbargebiete Komturstr.21. Tel.: 4333. Tel. Anmeldung erbeten Essen Büro des Landesverbandes Rheinland- Westfalen Dreilindenstr. 24. Tel., 31212. Montag—Freitag 11—13 Uhr, sonst nach vorheriger Vereinbarung iCSSn Büro des Landesverbandes Linksrhein Mo!tkestr.31. Tel.:218414. Montag bis Donnerstag 17-19 Uhr Frankfurt es. äft» Büro des Landesverbandes Hessen- Nassau und Hessen Steinweg 9, Zimmer 22. Te!.: 25403. Montag bis Freitag 11—13 Uhr, sonst nach vorheriger Vereinbarung Mainz Nebenstelle des Landesverbandes Hessen-Nassau und Hessen (für Rheinhessen) Franziskanerstr. 11—10. Montag, Dienstag, Freitag 11—13 Uhr; Dienstag auch 15—17 Uhr. Karlsruhe . Büro des Landesverbandes Baden (Vereinigung badischer Israeliten) Herrenstr. 7. Te!.: 5399. Montag bis Freitag 10 bis 12 Uhr Stuttgart Büro des Landesverbandes Württemberg (Würftembergischer Landesausschuss) Friodrichstrasso 54. Tel., 23502. Montag bis Freitag 9—12 und 15—17 Uhr JodÖSH- . ÄGtÄlSÄTSM "ifed, wird JtedjGOi, fvHoftgleGd uoid Mäeüutyrad sdkrrföllelli erSeSSt! ,!'! I f