Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 11 (15.3.1934)
- Date
- 1934-03-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Mlhelm IV. schätzten Wllhelm VeTr ganz außerordentlich. Ter letztere bot ihm, dem Ungetansten, den preußischen Erbadel an und schenkte ihm, als Beer ihn ablehnte, das schon von ihm entworfene Wappen, einen Himmel voller Sterne, die sich um den Großen Bär gruppierten. Ein echter Friedrich Wilhelm IV., geistreich und ins Schwarze treffend. Bon den beiden Söhnen Wilhelm Beers verbrachte der eine, Georges Beer, der einen eigentlichen Beruf nicht hatte und in erster Linie Sportsmann war, sein Leben in Berlin, wo er mit feiner Gattin, Alexandrine geborenen Bosen aus Warschau, ein großes Haus machte, in dem viel Hofgesellschaft und ein Teil der Hochfinanz verkehrte. Friß von Holstein und seine Egeria Frau von Lebbin pflegten einmal in der Woche bei den Beers zu essen. Bor den Gründerjahren gab es keinen Antisemitismus in Berlin. Sv fas; denn Georges Beer, der Jude geblieben war, im Direktorium des llnionllubs und nmr Reserveoffizier der Brandenburger Kürassiere, bei denen er die Feldzüge von 1866 und 1870/71 mitmachte. Das einzige Mtnb des Ehepaars Beer, Martha Beer, starb 1906. Sie ruht im Erbbegräbnis der ihr befreundeten Familie von Schwabach auf dem großen Friedhof an der Belle-Alliance-Straße. Ein anderer Sohn Wilhelm Beers, Jules Beer, war naturalisierter Franzose. Infolge seiner Vermählung mit einer Bischosfsheim war er schon in jungen Jahren nach Paris gezogen. wo er und seine Gattin einen großen Musissalon machten. In die internationale .Hochfinanz heirateten auch zwei Töchter Wilhelm Beer-:'. Tie eine nmrde die Gattin eines Lppenhcim aus der bekauuteu Kölner Baukierfannlie, der mit dem Manne seiner Schwester Achille Fould fl8-!'.) bis 18.V2 und 1801 bis 1807 Finanzminister Napoleon III.) in Paris ein Bankgeschäft betrieb. Tie jüngere Tochter nmr die Gattin eines anderen ebenfalls aus Deutschland stammenden Pariser Bankiers, des Freiherrn Samuel von Haber, der in den sechziger und siebziger Jahren einer der reichsten Männer Europas war. Bon seinen sechs Töchtern heirateten fünf in den französischen Hochadel. die sechste wurde Frau von Kloch. Ter jüngste Sohn Amalie Beers starb jung und nnverm'ähkt vor hundert Jahren, erst dreiunddreißig Jahre alt. So blieb sein Schaffen Torso. Kritiker der Feit behaupten, er sei genialer noch getvesen als Fa lob Bi eherbeer, sein neun Jahre älterer Bruder. Schon 1810 wurde das Drama des noch nicht Zwanzigjährigen „Klytemnästra" auf der Berliner Hofbühne mit Beifall ansgeführt. Sogar Friedrich Wilhelm III., der sonst so Nüchterne, ließ durch seinen Generalintendanten Grasen Brühl den -stolzen Eltern Beer des Stückes Anerkennung übermitteln. Michael Beer lebte abwechselnd in Paris und in München, wo er starb. Tas dortige Hoftheater hatte seine Dramen ansgeführt, 1820 die „Bräute von Aragonien", 1827 den von Goethe mit einem Lob bedachten „Paria", der das Schicksal der Juden behandelte, 1828 den „Struensee". In Berlin wurde das Drama „Struensee" erst 1816 ansgeführt, nachdem Meyerbeer zwei Jahre vorher die Musik dazu geschrieben hatte, und alle Nachkommen der Hauptpersonen detz Stückes gestorben waren. Bei der Erstausführung des Dramas in Berlin saß Madame Beer in ihrer Loge. Des jüngsten, heißgeliebten, so früh Heimgegangenen Sohnes TrayMe mik der Musi? des Nettesten, schon Weltberühmten! Wahrlich, sie durfte ebenso stolz sein wie jene andere alte Mutter, die damals neunzigjährige Gutle Roihschild, deren Söhne die fünf Frankfurter waren. vr. Kurt R. Von Georg Hermann! / Von Max Spanier Entzünden Kerzen neu Ihr Licht.... Und Kerzen neu entzünden Licht Und öffnen Raum dem dornzerrissencg Fuss Und sprühen Trost dem leidumhüllten Die Jüdische Buch-Vereinigung bringt ah etile ihrer Veröffentlichungen den neuesten Roman von Georg H er mann, „Eine Zeit stirbtder in den nächsten Tagen erscheinen wird. Mit Genehmigung der JBV gehen wir nachstehend eines der beschwingtesten Kapitel des Romans mit einigen Kürzungen als Vorabdruck. Georg Hermann behandelt in diesem Roman nicht eigentlich jüdische Probleme, sondern er schildert-in seiner wehmütig-humorvollen Art, die wir an ihm so lieben, die jüdische Gesellschaft der Inflationszeit. D.er Schriftsteller Fritz Eisncr, die männliche Ilauptfigur des Romans, ist in zweiter Ehe mit einer sehr viel jüngeren, geistig sehr beweglichen Frau — Ruth — verheiratet. Ihr genügt auf die Dauer das abgeschiedene Leben in einem Winkel des Neckartals nicht; sie drängt nach Berlin. Hier setzt das Kapitel ein, in dem die Motive, die sie forttreiben, mit grosser psychologischer Feinfühligkeit entwickelt werden. Der Mond _ Draußen ist es ungewöhnlich mild geblieben. Die Berge halten die Wärme vom Tage lange. Und die Laubwälder auch. Hier ist das immer so. Weiter flußab, wo viel Tannen sind, werden die Nächte leicht und schnell kühl. Man merkt das ganz plötzlich. Gerade, als ob man von Italien nach Sibirien käme. Ter Mond rückt hinten hoch, genau gegenüber der Stelle, wo die Sonne gesunken ist. Denn da ist noch ein rosiger Rand am Himmel. Merkwürdig, wie lange der stehen bleibt. Es scheint wirklich so, als ob der Mond der Sonne immer noch traurig nachblickt. Aber er ist kaum noch angeglüht von ihr. Hat sich nur noch mit einem lleiueu letzten Abglanz ihres sterbenden Rots das breite Gesicht geschminkt. Er ist ungewöhnlich groß da über dem Berg. Man sieht den Schattenriß einer Baumkrone klar abgezeichnet in dem lichten grellen Gelb seiner Scheibe. Ganz klein und doch sehr deutlich. Aber wenn er — der Blond — auch noch nicht hoch ist, er ist doch sehr hell schon. Man kann die Dinge bei seinem Schein erkennen, fast sogar ihre Farben sehen. Man könnte vielleicht sogar nach der Uhr sehen oder lesen. Aber, das glaubt man nur. Dazu muß der Mond erst höher sein. Die Kapuzinerkressen vor dem Haus, die Maud heilte nachnlittag verwählt hat, leuchteil noch in [einem Schein gelbrot, und die blauen kleinen Astern, die violetten, habeil in dem grünlichen Licht eine merkwürdige Silbcrfarbe bekommen wie Sanddisteln. Ruth bleibt stehen unb knipst eine kleine Blüte mit den Nägeln ab. Irgendwie hak sie dabei einen gerührt warmen Schimmer in den Augen. Trotz des Mondlichts darin, das eigentlich Frauenaugen nixenhaft und kühl macht. „Ich ernenne dich hiermit für dieses Jahr znm Ehrenpräsidenten des Alten Herrenklubs der violetten Aster", sagt sie, zupft das welke Blümchen vom Bormittag aus dem Knopfloch und nestelt ein neues mondscheinversilbertes an. Und dabei streicht sie ganz unauffällig mir mit den Lippen über die Backe. „Du bist ja doch der Beste vor: allen." (Seit wann stehe ich in Konkurrenz, denkt Fritz Eisner?) Der Mond ist jetzt ganz übern Berg hochgekommen lind es ist Heller geworden. Die Wälder sind bestäubt von seinem Licht und die Konturen der Höhenzüge zeichnen sich klarer wieder gegen den Himmel ab, der in einem schwimmenden Blaugrün mit wenigen Sternen emporsteigt. Die Kirchemihr schlägt, und ihre Klänge singen einzeln und klar über, den Fluß fort. Ruth hakt sich ein. Sie weiß, er hat das gern. Das wichtigste dazu ist die gleiche Länge des Schrittes und der gleiche Rhythmus. Und vor allem die gleiche oder doch fast die gleiche Größe. Wenn man den Kopf menbet, muß man das Gesicht der Partnerin neben sich haben, muß sich gegenseitig gerade in die Ailgen sehen Ibnnen, ihren Atem spüren. Bon solchen Nebcilsächiichkeitell kann Wohl und Wehe znnüer Mensehen abhängen. Bielleichk hat uns das — denkt Friß Eisner —, dieser gleiche Rhythmus, unb dieses vollkommene Gegenüber dabei nur zusammcngesührt. Und vielleicht hält es lms nur zusammen. Tenn jede Ehe hat doch Wellenhügel und Wellentäler. Wie schön sich das so geht. Bleiben wir ein bißchen am Waldrand. Ta brauchen nur nicht zu steigen. Die Schatteil im Wald [inb schwärzer als sonst. Mondschatten sind ja überhaupt so bunfel. Vereinzelte Grillen zirpen llvch, Farrenlvedel liegen auf dein Weg, die Kinder abgerissen haben.' Und die Baumwipfel unb die Fächer der übcrhäugendeu Buchenäste zeichnen sich silhouettenhaft scharf mit jedem eillzelilen Blättchen, das sich aus den Rundungen der Laubsäeher hervorwagt, gegen das schwimmende Grünblall der Himmelswölbung. lind der Widerschein des Mondes, der immer höher rückt und wie Tau auf den Wiesen liegt, die sich tu sanfter Linie bis Zlun Fluß senken — der Mondschein liegt so duftig über den Wiesen, das; man nicht unterscheiden kann, ob er es ist oder das Hell, das da irr netucn Stapeln aufgetürmt ist, das so heralisdufket . . . der Widerscheuc tanzt tu den Wellen auf dem ziehenden Flllß, der gerade hier von großen Steinen unterbrochen, über niedrige Kiesbänke hinranscht, Strudel macht, glatt fließt und scheinbar erlahmt, und zehn Nieter davon wie ein Junge ist, der einem fortrollenden Ball nachspringt. Hunderte von kleinen Monden tanzen auf detu Wasser dahin. Immer wieder kommen und schwinden sie. Sind au andern Stellen und von neuem au den allen. Das ist hier nicht die lange Brücke, die der Moild über die Seen schlägt. Mcht sein klares Spiegelbild aus der Tiefe des Teiches. Er ist immer noch hier der gleiche Mond, der vor über hundert Jahren Herzen, Wenn in den Finsternissen werkgefüllter. Tage Die Seele weint und das Gewissen klagt, Wolkenmassen steiler Berge drohen, Die Zukunft welkt, der Glaube siecht. Im hoffnungslosen düsteren Grau des Jammers, Wenn stockt der Fuss, das Herz zerbricht, Entzünden Kerzen neu ihr Licht, Verheissungsvolle Tropfen: Tau der Mo rge nliebe. Oer Weg Es tropfen Tränen in die sandige Flut, sie wird gewälzt vom harten Schritt der Sohlen und öffnet Blick zu ferner Welten Polen: Wohin, Wanderer, lenkt dich dein Dasei nsinut? Du zitierst, wankst und fürchtest die Weite? Dein Blick ist umflort, dich hemmt ein Gaukelbild. Dein Geist sucht Zukunft, die es nie enthüllt. Denk und zaudere nicht; nur schreite. Mutig schreite. Il!!ll!!lillllllllll!l!!!ll!!l!!ll!lllll!l!llllll!lllllllllltilllll!ll!llll!lll!!llll!llll hier einen Eichendorff zum Dichter machte. Rlllh spricht fast nichts. Aber ich fühle cs. sie will sprechen. Vielleicht ganz etwas mvderes, als ich jetzt sagen will. Sie ist beklommen. Sie hat etwas auf dem Herzen. „Wie oft erinnerst du dich an den Atond, den wir. beide zusammen sahen? Nikolassee, über Kiefern, von meinem Fenster ans. Jhtr, vor der Revolution ... die wir beide verschlafen haben. Nteersburg. mit dem Mondstreifen bis nach Konstanz hinüber. Waldsee. in einer Februarnacht, wo alles vergeistert war unb der Stnsengiebel des Rathauses wie voll von Gespenstern saß. So schien E wenigstens. Die Agllädakte vom Sabiilttgebirge her mit ben tiefschwarzen Schalten über der Campagna. Und von Palermo, k oben von dem Kloster mit der riesigen Pinie, lvo die ganze Stadt unten weiß wie eine Araberstadt ivar und ebenso silbrig, lind dann die Mondnacht oben in den Dünen in Scheveningen im vorigen Herbst. Weißt du noch?" Und mir daran, wie Ruth meinen Arin preßt, empfinde ich, wie sehr genau, ja allzu genau sie all das noch weiß. Ruck preßt meinen Arm noch fester. Aber dann lehnt sie den Kops an meine Schultcr. smBisixsmin* brannten. Ich war verlegen. Ich hatte mich entfernt: von alledem, es eigentlich nur schemenhaft kennengelernt. Was lag nicht alles zwischen dieser Zeit von damals und der von heute. Zeitkämpfo, Derufskämpfe! Hatte man je Zeit gefunden, an solche Tinge überhaupt nur zu denken? Wie ein Kenleuschlag hat Menschen wie n-nZ die Entwicklung von heute getroffen. Wohin? Das alles ging durch meinen Kopf, als ich in der kultivierten Wohnung, vor dem gedeckten Tisch meiner Freunde stand. Tie beiden Männer, der Herr des Hanfes und sein Bruder, trugen die kleinen, schwarzen Kappen ans Seide; die schöne, tiefschwarze Frau hatte den Ehrenplatz am Tisch, und sie sah wundervoll aus, mit ihrem gescheitelten Haar und dem einfachen, schwarzen Kleid, dem schmalen, spanisch-edlen Gesicht. Ueber der Anrichte hing ein altes Judenporträt. Holländische Malerei, ein Borfahre dwses Hauses. Alte Leuchter standen zu beiden Seiten des Bildes, auf dem dunklen Holz der Anrichte. Ein Flügel stand noch in diesem Zimmer. Ich war ganz wach, konnte alles genau und deutlich sehen, wollte diese Stimnurng festhalten. Ter Raum hatte eine so eigenartige Wirkung ans mich. Man sang. Ich verstand nichts. Alles war mir fremd, beeindruckte mich aber so stark, daß ich den Atem sesthiolt. Ans dem Tisch lag eine alte Kachel, hebräische Buchstaben leuchteten von ihrem grauen Grund. Auf ihr lag das Brot, zugedeckt mit einer weißen Serviette. Alles hatte etwas Selbstverständliches. Nichts war -„muffig". Und daun gab es Nudelsuppe. Sie schmeckte genau lute die Suppe aus den Kindertagen. Man trank Wein. Ich war still und konnte kaum sprechen. Dieser Feiertagabend. dieser Freitagabend hatte mich aufgerüttelt. Auch hier brannten die festlichen Kerzen in hohen Leuchtern, wie damals in dem großen Haus. Aber sie brannten nicht einsam für eine alte Frau, die festhielt an Dingen, die ihre Kinder ablehnten. Junge Menschen hatten hier den traditionsgebundenen Dingen „Leben" gegeben. Ich fühlte ganz stark diese Einbeziehung alter Gebänche, religiöser Riten in unser heutiges Leben. Hier war eine Form gefunden worden, die einen nicht einsam draußen stehen ließ, die Beziehung der „Ueberliefernng" zum Heutigen, das hatte man hier geschaffen. Wenn ich an diesen Abend bei meinen -Freunden denke, ist es mir, als könnte er richtunggebend sein für die jungen Inden dieser Zeit. Diese Stimmung zu schaffen, den Freitagabend zum Festabend zu machen, zu einem Abend, aus den wir warten, weil er schön ist, der uns berührt, weil er Besinnung schafft und so ist, daß wir einige Sekunden den Atem festhalten, ist es nicht das, was wir alle wollen? L. P. Esuu&s&iobs (Aus dem Brief eines Prager Kaufmanns an seinen Sohn in Wien.) Prag, den 22. November 1619. Und nun, lieber Sohn, kan nit vil schreiben, bin nun das Schreiben mid, hab nun vielmals geschriben, hab noch nun kein Antwort hekumen von dir, nor die Woche hab ich ein Brie! hekumen mit der Tochter von Bela Chajim Schaines, uu’ kan nit begreifen, was doch aus dir is geworden, das du aso wenig waegst dein vater un’ muter, un' nit gedenkst, was hir fir ein zeit is, das du aso gar nischt schreibst, un' du weist, das es uns ein groser Kummer is, wen andere solen Briefe haben schir ule Woche, un' mir . in 8 oder 10 Wochen kaum ein mal, un’ c'.as mal as du schreibst, is es ein ... briwel von ß oder 6 Zeilen. Kanst mir nit ein ausredo geben, du lernst aso ernstlich, das du dich nit wilst aso vil saumen, das du schreiben kanst. das weis ich wol, das es nit war is, das mag wol sein: vor' Geldgeschäfte machen best vielleicht nit der weil, seit ich aber das gewist haben, un wen mir dein Schwiegervater seit all sein Vermögen gegeben haben, weit dich nit hin geben haben. Dein Schwiegervater hat mir anders zugesagt zu der Hochzeit: er wil mit dir. lernen, das du in kaum zwei Jahren ein Gelehrter nit auf der weg gen solst. izt hastu gelernt Geldgeschäfte machen Tag und Nacht, (hab dich nit gezogen zum Geldgeschäfte machen), fercht mich, das dich (iot nit sol strafen wegen Vernachlässigung des Thorastudiums, der halben, mein lieber Sohn, schreib ich dir da, un’ mein ganzen Wilen un’ meinung, das du mir nit anders solst tun un’ solst her kumen lernen... Jüdische Geschicke, in Briefen gebündelt. Siebenundvierzig Briefe sind an einem Freitag des Jahres 1619 in Prag geschrieben worden, schnell vor Sabbatanfang noch, um sie einem Reisenden nach Wien mitzngeben. Aber es sind unruhige Zeitläufte, die'Wirren dos Kriegs, der dann 30 Jahre dauern sollte, gehen durch das Land. Keiner der Briefe ist je an den Adressaten gekommen. Ein günstiges beschick hielt sie beieinander, und ein zweiter glücklicher Zufall schickte nach fast 300 Jahren dem, der sie ausgrub. Alle Stimmungen, Hoffnungen und Sorgen zeitgenössischen jüdischen Lebens gehen durch diese Briefe, deren private Einzelheiten vor der Weltlcckisse von Krieg und Seuche spielen. Da schreibt in unserem Brief ein Vater an seinen Sohn. Ein langer Brief ist das geworden, weil nach vielen Schlußsätzen der Schreiber es immer wieder nötig fand, ein Stück anzusetzen. Es ist ein Brief, wie ihn Aäter immer an ihre Söhne geschrieben haben und immer wieder schreiben werden: reise Erfahrung spricht voll verweisenden Tadels und stolzen Lobs, mit erregtem Borwurf??^'"'0licher Mahnung. Der Sohn hat Geschäfte gemacht und keine Zeit gefunden nach Hanse zu schreiben — und so schlechte Geschäfte, daß er schließlich doch hat schreiben müssen, um sich zu offenbaren. Und nun gibt der Vater Ratschläge. Behutsame Ratschläge aus Ueberlegungenj die alle Risiken erwöge», mik einer betonten Gewichtigkeit, die weil'., wieviel das Geld wert ist, das man verliert. In all dem ist der Brief ein Brief wie viele andere. Tie Einleitung aber, die nur oben abgedruckt haben, hat' einen anderen To». Sie ist wie ein Orgelstüek, das alle Register verwendet. Sie beginnt mit leiser Frage, die resigniert kaum eine Autivort erwartet, mit müdem Borwnrf, der sich bereits abgefunden hall Die Sprache wird fester und straffer. £ie spricht entschieden die schlimme Befürchllmä aus: der Sohn „lernt" nicht mehr. Tiefe Aengste brechen hervor und werden zur Bcschwörung und zum letzten Anruf an de» „verlorenen Sohn". Uns fiel auf. wie säuberlich von einander getrennt der Alte zwei Sprachen spricht: die der alten heiligen Leidenschaft, die über de»' „Studium der Thora" alles vergißt, und die der lebensklugen Praris, einseitig und überspitzt geworden durch historischen Zwang, bist deswegen keine Falschheit in ihm und keine Doppelzüngigkeit. Aber wir denken daran, daß geschichtliche und soziologische Entwicklung die jüdische All' düng und Beruf und Erwerb der Jude» incmer weiter auseinandergerückt haben. ll»d unsere Gedanken gehen von dem Brief/"-> dein Jahre 1619 zu dem neuen Bildung-Ideal des Juden, das gutmacheu soll, was Schickul und Schuld in Jahrhunderten bewirkt habe». Kdustniü. Das Ku,ist-2Ücrk. die wir Tr. Herber! Lven»'«- stzin herausüeeebene Pvstlarlenreilie imd) —l'vt-n jüdischer Maler, über die N'ir kärglich luTidjlcie», c»>- bäft leigende Darstellungen: Mar Liebermaim: Der'- teich in Elzenlnuisen — Jnlie Wollllwrn: >>vcutcnbilMit*-- — (fHfleu Cdiw: L»dw. Hardt renlierl Hä»c — Tialit: Fahrt zur Verlobung - Mein llotin-Hcoch- Mvrgen am Bergsee — Lev Ätaver (grankiinb: Selb'» bildnis von oben — Julius :»e»'nl'aum: Jcfi’Hi n’;u tum seinen Brüdern vertäust. Teinnäciist erschein! Ticrbiidnis von Max Heiinanu (Berlin).