Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 8 (22.2.1934)
- Date
- 1934-02-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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d blmnl, nbcnftrage r Rettich n (flleim «runiuio: trrni, ff,t tue, (8t„. fiä- Vachdie, toic b rwrde. ifatiouen ^crcini. hriindi-t gönnen Me brn m n n ii, Srijilbc. Mich?,, M»sf ist •er« der :rt wermi die Pariser On ftmnf feit iwch u (’JJJri. fee 'JJin, -thintvl«: c feinen Merline 6. P.. Hoch Zk! t. 'A'loril; verschied fimeiftcr Dntfllicb längerer ItH’retn?. '-r. Veni) I S r G^as, 1.60 ,1.30 ,1.20 inai)ine ^54 9239 Mittelst yB--/y^r||;npm, Cl2 d 7. Z «lflglöaa''Sm Worauf beruht die offenkundig einzigartige Rolle, welche im religiösen Leben die- Überlieferung spielt? — Denn ersichtlich geht ihre Bedeutung weit über das hinaus, was auf jedem anderen Daseinsgebietedas in der Geschlechterfolge ererbte Herkommen an festgeprägter Seelenhaltung schasst. Daß unser Heute sich aus dem Gestern entfaltet, .ist eine Binsenweisheit.;)ii Litte und Brauch, in Moralanschauung und Kmistgestaltung, in Politik und Wirtschaft, ja, meist auch in Wissenschaft und in Technik ist die Kontinuität die Regel; und selbst der revolutionäre Bruch, der bewußt und absichtlich Altes beiseite räumen will, um für Neues Platz zu schaffen, kann den Neu- - bau nur mit den Werksteinen zustandebringen, die ihm der Abbau des Alten liefert. Aber wenn wir von dieser im Wesen . des Geschehens angelegten Selbstverständlichkeit absehen, ist doch wenigstens für den Menschen der neuen und' neuesten Zeit die Blickrichtung in die Zukunft natürlich. Denn ist auch der frisch.fröhliche Fortschrittsglaube des 19. Jahr- Hunderts dahin, die heiter gedankenlose Gewißheit eines unwiderstehlichen Auswärts und Vorwärts einer nachdenksamerm Betrachtung gewichen, so bleiben wir in Denken und Fühlen doch jener Grundanschauung zugetan, welche im geschichtlichen Werden die Schöpfung eines kommenden wertvollen Seins erblickt. Altertum und Mittelalter 'huldigten dem Glauben: Sind wir Menschen, so waren unsere Ahnen Engel; waren sie Menschen, so sind wir Esel. Dann kam ein Zeitalter, das geneigt war, den Sinn dieses Satzes ins genaue Gegenteil umzukehren. Bis wir schließlich ganz besinnlich in der Frage menschlichen Fortschreitend geworden sind und darin wohl das schwierigste dem menschlichen Geist überhaupt gestellte Problem empfinden. In der Geschichte der Religion scheint aber der Blick unwiderstehlich von der Vergangenheit, von dem Uranfang angezogen. In seinem Ursprung erbltcft das Volk der Bibel die Offenbarung; der erste der Propheten, Mose, war zugleich der größte, stand Gott am nächsten, sah — er allein von allen Sterblichen — den Höchsten von Angesicht zu Angesicht. Damals hat der göttliche Wille sich für alle kommenden Zeiten kundgetan; und hier war die Erkenntnis seiner am deutlichsten; denn der Heilige selber enthüllte sich durch Offenbarung den von ihm Begnadeten, um so allen kommenden Geschlechtern sein Gebot mitzuteilen. Und was nun folgt, will den Menschen nie mit neuer Erkenntnis beschenken; nur bas Alte, Wohlvertraute, durch das Siegel der Urosfenbarung Geweihte soll in seiner Reinheit , erhalten und fortgcpflanzt werden. Wir stellten schon fest, daß den Schristpropheten nichts ferner lag, als mit Originalität zu prunken. Ter eigene Gott, den sie schauen, ist der Gott der Urväter, der, wie er im Ahnherrn den Keim zu allen folgenden Stammes- Geschlechtern geschaffen, in der unserm Lehrer Mose'geschenkten Thora das All der wahren Erkenntnis gespendet hat, das man wohl erklären, erläutern, sich verständlich machen, das man aber nicht mehren, noch mindern dürfe in Zeit und Ewigkeit. Za, selbst die Erklärung des am Sinai gegebenen „schriftlichen Gesetzes" durch die „mündliche Thora" ist Gottes Wort; und die Weisheit der Weisen beruht nur in der Treue und Selbst- M.MDZ.MSÄS« entäußerung.mit der'sie auf die, reine,, von deruralten-und . einmaligen göttlichen Offenbarung gespendeten Lehre dringen^ Das ist ein merkwürdiger Geist, für den dem Menschen des liberalen Zeitalters das Verständnis wohl völlig verloren ging. Nicht weil das Gefühl, für das Religiöse verschüttet war, sondern weil das Göttliche mit dem ideal Menschlichen einsgesetzt .und das Heraustreten, das .Zutagekommen, dieses Möttlich- Menschlichen von der zeitlichen Entwicklungvon dem. „Fortschritt" erwartete wurde. /So heftete, gerade die „religiöse. Weltanschauung", wie man in absichtlicher.Angleichung des Göttlichen an das menschlich Welthafte statt Religion gerne-' sagte, das Auge an die-Zukunft. Und wenn man schon das Ererbte und Ueberlieferte anerkannte, oder doch zu schätzen vorgab, so eben, nur darum, weil man es aus der. Kraft , des l!!IIIIIII!!lIIIIIIIII!III!!IIIIIIII!1!IIIIII!IlII»II!!lIIIIII!IIlII!III!!!!I!!!IIIIIIIIIII!!l!!I!!I!I!!III!!III!I!!ü!!!i fIP7 MM"/ w'txnS'i’Vy'Ztrf v/y JV' //1 ) w /' r .vV,Zr^k-'Ä 2^;^ A#0'/Ü> 4.V-'V .-V I Iffrt "VRMtrtvypvV>v. ' 'V/'! -r1-' jwVj-v??r'*''vvnrtv'- *r'l* a v. -fr—?-r?a -ita j h h 72- -»W, bis j \t! ’W /V ei &sn ß? & »1-aa -wssn TjfrJ (, . 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Fotodienst Arno Kikolcr Teilansicht einer besonders schönen Megillah Aus dem Besitx das Jüdischen Museums xu Berlin. ‘ . - Fotodienst Arno Kikoiet ll!llillillillill!IIIIHII!llllllll!IIIIIIIIIIIIII!lll!lllll!lllllillIIIIIIIIIIIIIIIII!ll!llll!ll!lll!!lillHIIIIIIHIItlll Eigenen idealisierte, es aus dem Vorrat der Zeitgedankerl erneuerte/hinter der oft mühselig gestützten Fassade des Tra4 ditionellen ein neues Haus errichtete, dem man den Nameii des alten gab. Das Wesentliche all solcher Reform beruhtq doch darin, daß das Göttliche seine Rechtmäßigkeit an denü zeitlich Menschlichen, die Offenbarung ihre Wahrheit an bet| Vernunft, die Vergangenheit ihre Gültigkeit an Gegenwartz oder Zukunft auszuweisen hatte. Worauf dann oft genug- Menschen mit einem radikalen Drang nach Klarheit die Pati< nierte Fassade umstürzten, eine neue, moderne, zu Inhalts und Zweck des Hauses Passende errichteten und so zwar sich' auf keine Tradition mehr berufen konnten, dafür aber int Zusammenklang von innen und außen die Einheit des Stiles wahrten. Wir haben hier keiner besonderen Richtung das Wort zu reden, auch nicht, wie es scheinen könnte, einer konservativen, historischen. Aber wir müssen darüber ins Reine kommen, was-abseits von jeder „Richtung" das Bewußtsein von Offenbarung und Tradition für unseren religiösen Geist überhaupt bedeutet. Das hundertmal in der Bibel Erzählte, daß Gott zu-Menschen seiner Auswahl sprach, ihnen Gebote und Weisungen. gab. heißt offenbar etwas anderes, als daß kluge, weise, die begabtesten Menschen die Eingebungen ihres Genius in jene Form göttlicher Anrede kleideten, sondern meint wortwörtlich, was geschrieben steht, daß Gott, der Schöpfer und Erhalter, sich ihnen und gerade ihnen ümdgetan. Das ist das Grundsaktum, das für alle Bekenner einer geschichtlichen, einer gestifteten Religion in Geltung, bleibt: es gibt einciD -absoluten Höhepunkt im Dasein der Atenschheit, da Gott zu Österei SUCHT leborg M ili MO MXLN A &M Die sichtbaren und unsichtbaren Kräfte, die in vcn schreckcnsvollen Wiener Aufruhrtagen in die Erscheinung traten, rühren auch eine ^ülle von Problemen auf, die das Wiener Judentum angchcn. (?s ist ungcwitz, welchen Weg Oesterreich inncrpolitisch und dabei auch in bezug auf die österreichischen Inden gehen wird. Es ist jedenfalls zu hoffen» das; die negativen Erfahrungen der letzten 14 Tage über den Unwert gewaltsamer unorganischer Lösungen auch den Wiener und österreichischen Nutzen zugute kommen. Teil fast IVOS Jahren gibt cs Wiener Judentum, auch nach zweimaligem schwersten Slückschlag. Der VliL in die Geschichte kann deshalb auch hier wie so oft als die beste Schulung für die geistige und tatsächliche Auseinandersetzung in g-genwartrgen Fragen und Sorgen bedeuten. „Tie Juden Wiens." *) Ein engbcgrenzlcs Thema scheinbar, sowohl was die hierbei ins Auge gefaßte Menschengemeinschaft als a,lch was den Ort der Handlung anbetrifft. Und doch, was hat nicht eine kundige -Hand daraus zu machen vermocht! Ein großzügiges, mannigfaltiges Gemälde entrollt sich da vor unseren Augen, eine vom 10. Jahrhundert n. Ehr. bis in die Gegenwart reichende hrstorische Bahn, deren Etappen hier nur sprunghast und unvollständig anfgeführt werden können: nach spärlichen Nachrichten über Juden in der Ostmark des Karolinger-Nerche^ das von Kaiser Friedrich ll. im Jahre 08 gegebene Privileg für die Wiener ^uden, das ihre Rechtsgeschichte zum erstenmal dokumeutiert; in demselben Jahrhundert aber bcginnen auch jndenfeindlichö Mächte ihre Wirksamkeit: wor allem arbeitet b\c Kirche auf eine soziale und gesellschaftliche Treu» nung der Juden von der übrigen Vevolkerung hin, , was, wie der Buchverfasser wohl mit Recht vermutet, doch darauf hmwerst. 'daß zwischen den beiden Teilen vorher ein Könner bestanden habenmuß. ^as ubnge vollendet-die Verdrängung der Juden auS dem Warenl,anbei m den Eeldhandel. Lnde des >3. Jahrhunderts können die vffato» *) 5)un Hans Hieße Serie» s. P. Tel, Wien UN. riingsbeftrebunk)en triumphieren: das. Wiener Jüdcnghetto wird errichtet. Die Isolierung aber regt die P H a n t ä s i e an: es taucht. das Ritualmvrdmärchen auf, und 1421 folgt schon — diese ganze Entwicklung mutet wie eine Kausalkette an. aus dem jedes Glied aus dem vorangehenden mit Notwendigkeit'hervorgeht — die erste Vertreibung aus Wien.. In den folgenden Jahrhiindertcn beginnt ganz langsam, mit der Zulassung zunächst einzelner. Juden, die Bildung einer neuen jüdischen Gemeinschaft (nicht Gemeinde!) in Wien, die im 17. Jahrhundert einen wohlgeneigten Protektor in Kaiser Ferdinand II. findet. Aber in welcher seelischen Bedrängnis diese Juden , sind, zeigt der umstand, daß die im gleichen Jahrhundert . hervorbrechenden mystischen. Bewegungen, vor allem , die stä) um Sabbataj Zwi gruppierende Eschatologie, auch, in Wien ihren Widerhall und Anhänger findet. . Tenn dre Anfeindung der Juden beginnt von. neuem/ jene Anfemdung. von der Johann Ehristoph Wagenseil, der zu jener ,Zeit in Wien als Erzieher junger Aristokraten .lebte und das Judenghetto oft besuchte, sagte, vieles, was den Juden zmn Vorwurf gemacht werde und gemacht werden-könne, sei dgs Ergebnis der ihnen zuteil gewordenen Behandlung (genau wie im folgenden. 18.Jahv- . hundert,, zwei andere christliche Beobachter: Dohm in Preußen und Fürst de Ligne in Wien, urteilen). Allein.die.-Judenfeindschaft ' triumphiert abermals: 1669 erfolgt die zweite Austreibung der Juden auö .Wwn. Sie ist von großer Bedeutung auch für die Be rlim er Judenheit: geht doch die Wiedergründüng der Berliner jüdischen Gemeinde von einer Gruppe der von Wien Vertriebenen aus. die beim Großen Kurfürsten Zuflucht fanden. Freundlichere Aussichten. eröffnet den ' Wiener Juden das 18.. Jahrhundert. Zwar bedeutete die Herrschaft Maria Theresias, wie ' das Reglement von 1764 beweist, die Anwendüng des. absolutistischen, vormundschaftlichen Stäatsprinzips auf die 'Inden: die Jud'ensrage wurde individuell behandelt, statt Ausenthaltsrecht galtAufenthaltsprivileg, der Grundsatz" der Registrierung wurde streng gehandhabt 4lsw. Aber, die josephinische Aera leitete eine-klare Wendung zu den Prinzipien der' Aufklärung ein, und das Toleranzedikt vom 2. Januar- 1782 kennt nicht mehr' nur -einzelne Juden/ sondern strebt eine allgemeine-Gleichstellung der Juden an (allerdings unter ausdrücklicher Verweigerung der :Gemeinderechte). . . .. Diese Besserung macht sich schon im Beginn, des 19. Jahrhunderts in einer gehobenen .gesellschaftlichen Stellung bemerkbar. Die Salons der angesehensten -Wiener Juden werden übrigens zum Teil von Damen Berliner Provenienz gegründet, wie- Arnstein, Eskeles und Dorothea- Veit, -die Tochter - Moses-Mendelssohns-(dem Einflüsse Berlins auf Wien werden -wir auch auf anderen Ge- ' bieten begegnen)'. Und gleichzeitig mit der ' Hebungder bürberlichen und gesellschaftlichen-Stellung tritt auch der Patriotismus der Wiener Juden in --Erscheinung, nament- ^lich in/den napoleonischen Kriegen.' - ' Allein bald macht - sich auch die geistige Kehrseite derneuen Lage geltend: eine i „lange . Reihe von; Konvertiten" geht vor allem aiis dem reichen Wiener Judentum . hervor/ und diese Bekehrung-ist weniger die ' Folge - innerer Ueberzeugung. als--der Verführung .durch das . freudige.. rauschende 'Wiener Leben- (S. 147, 152). Abtrünnigkeit vom Judentum wird ferner von den allgeincinen Ideen der Aufklärung hervorgerufcn. Auch in Wien,-wie in-Deutschland, ja unter starkem Einfluß des. ^Berliner' und Ham- /burger Reformjudentums, entstehtdas Be- . streben, diesem immer größeren Umfang an- ,- nehmenden Abfall durch die/Reform entgegenzuarbeiten. - Aber ebenso vergeblich: '„Ab- , splitterung und Veräußerlichung gehen weiter" (S/ 156). ' Schon der Sektionsches Pfleger bemerkt 1817/„daß man dem-Juden, den man. von seiner positiven Religion ab-- zieht. eigentlich nichts an deren Stelle gibt".' In ähnlichem. Sinne beurteilt der Polizeiminister Sedlnitzky.in einem Bericht an. den Kaiser (1824) das Ergebnis der liberalen Reform in Wien. Die Revolution von 1848 hat die letzten . noch erhalte gebliebenen Reste der einstigen Ausnahmestellung der Wiener Juden: die Judensteucr und die Anfcnthaltstaxe, besei-- tigt; dafür aber den Grund gelegt zu einer neuen, immer mächtiger werdenden Forur der .Judenfeindschaft. Juden hatten sich als „natürliche Anhänger und Träger der liberalen Idee" an dieser Revolution eifrigst beteiligt.. Einen ihrer Führer auf diesem Ge-- biete, Adolph Fischhvf, hat später sogar Earl Lueger als „das einzige staatsmännischo Talent der Bewegung" gefeiert. Im übrigen .waren es nicht allein liberale, sondern auch .' soziale Ideen, die gar inanchcn jüdischen Anhänger jener Märzrevolution beivegten. Tee Jude Rothschild galt diesen Juden als die ' lebendige Verkörperung des hasseutzwertelv Kapitalismus. Dennoch erweckte das Hervor* ' treten der Juden vielfach Unwillen, ebenso die wachsende Einflußnahme von Juden auf die Wiener Presse. Und der christliche Ätittetstand fühlte sich bedroht durch die gleichfalls unter Beteiligung von Juden stark fortschrei- .- tenbe kapitalistische Entwicklung. Aus diesen Wurzeln-erwuchs — unter dentlichem Ein- - fluß des judcnfeindlicheu Schrifttums in . Deutschland — der Wiener Antisemitismus, speziell in seiner christlichsozialen Form. . . _ Einer der gefährlichsten und gewissen» - losesten Judenfeinde saß freilich in Oesterreich selbst: Professor August Rohling in Prag. Zrr. seinem Besieger wurde der in den achtziger , Jahren in dem Wiener Vorort Floridsdorf . als Rabbiner tätige Tr. Joseph Bloch. Roh- . Ung, entlarvt als Fälscher, mußte sein Lehramt verlassen. Dieser Sieg machte Bloch zu einem Führer des österreichischen Judentums. Reben dem orthodoxen und liberalen Jilden- ' tum (dieses geführt"von Adolf Jellinek) trat damit die nationale Strömung energisch auf den Plan. Daß ihr Vorkämpfer Bloch'ans ' Galizien stammte, war ein sinnfälliger Be-