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Central-Verein-Zeitung · 1934-02-15 · 7 (15.2.1934) · page 10

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
7 (15.2.1934)
Date
1934-02-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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'geschlechtliche weltschaffende Leidenschaft)'. „In einem Zeitalter, das mit Stolz und Bewußtsein nur Zeitalter ist, verkörpert George das ewige Menschentum, ... verkörpert, nicht nur verkündet, sein Wort ist Fleisch und sein Fleisch Wort, deutsche Sprache, bis zum Rand gefüllt mit diesem gelebten Weltgehalt." Gnndolf spürt den Atem des Volkst u m s in Georges Werk — denn „das Volk ehrt er als dunklen Behälter des Wachstums, nicht als öffentliche Meinung ..." — und er meint, daß dieser Mann weiter und tiefer im Volk wurzle als irgendein deutscher Dichter seit Goethe. — Volk und Natur, sagt Gnndolf, werden von George nie romantisch, sondern heilig nüchtern angeschaut; die Natur sei ihm „die große Nährerin des Menschen". Aber nicht sic allein formt den Menschen: „Es bestimint die Größe eines Menschen; wie viele Erbschaft der Geschichte in ihm wiederauslebt zur Wirklichkeit." — Im Zusammen- Hang mit der Analyse der Gcorgeschen Wesensart seiner volkhasten Verwurzelung macht übrigens Gnndolf eine Bemerkung, die den seherischen Blick dieses Tichtera'poftcls in einem Maße enthüllt, das; man glauben möchte, er habe Geschehnisse dieses letzten Jahres vvrausgesehen: „Es kann Schicksalsstunden für ein Volk geben, da ein Bliß alle in eins schmilzt und da öffentliche Bellet: soeben er geuzt O t h m a r spann, der weithin und feit langem berühmte Lehrer der Gesell» 'chaßs-- und Wirtschaft-Ävissenschifteu au der Wiener Unviversilät. das Bild des Juden, ivie es die modernste ..Svzivgraphie" und seeleuluude malt. Spanns nuversalistische „Ganzheitslehre". gegen die klassische und liberale Anffassimg von Staat. Volk und Wirtschaft gerichtet, ist in einer Reihe weit verbreiteter vollsivirtschastlicher und gesellschasisphilosophischer Schriften (feine ausgezeichneten „Eaupltlieorien der Volkswirtschaftslehre" in inehr als innnoo Eremplareiy niedergelegt, spann gibt unter dein Titel „ständisches Leben" eine eigene Zeitschrift heraiss, die seine Ideen propagiert und den Untertitel „Blätter für organische Gesellschaftsiii'.d Wirtschastslehre" führt. Im neuesten Gest stellt der Wiener Soziologe „eine geschiwisphilvsovhische Betrachtung über richtige und iniriclitige Begabiingsverioendiiiig" an die Spitze, worin er Tickiechen iind Juden als ,/msgelaugte" Böller eingehend cchral- Wic ..die geistige Türstigkcit" des Tscl)eche»!mns. so sei die chaupteigenschaft der Juden, ihre Verstocktheit, durch „Anslaugiing" zil crtlären. Er folgert dies aus der jüdischen Berivcigermig der ernsten Annahme des christlichen Glaubens? „Ta dieser Glaube gewiß der überlegene und höhere ist. da die romanisch.germaiiisehen Bölkergemeiirschaficil für die verstreuten Indengemeinschistcn min einmal die ualnrge'.oachsenen und die geschichtlich gegebenen ioaren, so mußte es gerade als eine geistige, ivie si!iliche wie geschichtliä^e Forderung erscheine», die Eingliederung in die Wirtsvölker rückhaltlos und beflissen zu vollzieheii. Was laten die Inden? sie weigerten sich dessen. Tainit aber weigerten sie sich: ans der niedcrn in die höhere Religionsgemeinschaft ioie .gultiirgeineinschast überzirgehen. lind durch diese Grnndtatsache üt der Vorgang der Aiislaugung bei ihnen gekeiinzeichnet." Tiesenigen, die sich nich' weigerten und, innerlich nlvrzeugt, zur christlichen Gemeinschaft übertralen, ivareii iin ivesentlichen die Meinung und Volksstimme, d'er millionensame Schrei und der einsame Ruf dasselbe wollen:" Gnndolfs Werk schließt mit beinahe hymnischen Worten: „Der Mann, der begonnen als der Finder des heimlichen Urworts, worein er ganz und nur er sich fülle, ist im .Stern des Bundes' die Gottes-Stimme eines Volkes. Stets hat er das gleiche getan: das ursprüngliche Seilt, das er lvar, bis zum Grunde gelebt, bis zum Grunde gesagt, bis zum Grunde verleibt. So ist er gewachsen, ohne je zu tun, zu sagen,, zu denken, was er nicht ganz lvar, von dumpfer Not des einsamen Jünglings bis zum Gottesreich . . . Der Mensch hat seit Jahrhunderten sich entänßcrt, sich erlöst, sich fortgeschritten, bis er sein Selbst verlor lind feinen Weg. George gründet ihn wieder ganz in ihn selbst und in seinen einfachen Ursprung: das gotthaft gestaltige Sein." Jln Jahre 1911 aber schrieb die „Dclltsche Tageszeitung" über Gnndolfs Werk „Shakespeare und der deutsche Geist": „.Gin reiner, geschichtlicher Geist weht durch das Ganze, eine tiefe, demütige Ehrfurcht vor alleni Großen lind Schöllen, ein seltener Adel der Gesinilnng, Aristokratie der Seele und des Verstandes. W i r I) a b c n w jeder e i n M eisterwerk £> c u t f cfj c 11 Geistes erhalte n." edleren, geistig unmittelbareren.Naturen; es waren diejenigen, welche die überlieferte Herzenshärte zu überwinden vermochten." Szvmn lvurde zu dieser Erklärung „durch die Darstellung der üblen Zustände des sich auflösenden Ghettos zu Rom" bei Gregoroviuö angeregt und illustriert weiter seine Auslaugungstheorie an shaekespeares Shyloct-Gestalt. Alan kann sich nicht leicht zwei klassische Dokumente vorsteklen, aus denen jüdisches Schicksal und jüdischer Charakter mit saldier Vehemenz hervorbrechen lvie aus Shakespeares Spulfigur und nuc aus den noch heute so lebendigen „Wanderjahren in Italien" des deutschen Historikers vor 80 Jahren. Shylock ist der Paria in der Gnaden- und Musikwelt des britischen Dichters, AU'inc shakespearesche Gestalt ist so ganz der Phantasie entsprungen, aber leine Gestalt hat gleichzeitig von dem dichterischen Genius eine so tiefe, realistische Gewalt empfangen, weit über jede bloße schriftstellerische Absicht hinaus. Wer einen Hauch von dem venezianischen Spiel des Briten verspürt hat. lveiß und hat verstanden, daß dieser Paria Shhlack genau so märchenhaft wie seine Umwelt ist, und daß diese mnsillose, gnadenlose, verstvclte Märchensignr mit irgend etlvas ans Lehre oder Leben der Indenheit in keinem Atom nach des Dichters Absicht verwandt sein sollte, nicht anders wie ctum die Elfen und Edlen und ihre Widerspiele im „Sonnnernachtstramn". Tie Interpretation Gnndolfs ist längst allgemeingültig geworden: „Es genügt zu lvisseu, das; der liumauistischen Renaissance wie dem christlichen Mittelalter der Jude als ein gottesgeschlagener Fremdling galt, bald lächerlich, bald gehässig, bald unheimlich, bald brauchbar oder unentbehrlich . . ., je nach dem Abstand der Betrachter, oder nach ihrem Bildungsgrad oder Glanbenseifer. In dieser Stimmung von Fremdheit steht anch Shylock, wie vor ihm Mar- Ivwes Jude von Malta. Fremdheit und Rachsucht des Parias in einem Inden zu verkörpern, lag beiden Dichtern nah. weil eben das Judentum zugleich die berühmteste und die vertrauteste Pariaschast ihres Gesichtskreises war." Spann beobachtet in Shylock die Eigenschaften der Willensstärke und geistigen Beweglichkeit. die mich heute noch den Juden angeblich vor allem anszeichnen. Hält man damit Shylocks große ewige Rede („Signor Antonio, viel und ofterinals habt Ihr ans dem Rialto mich geschmäht . . .") zusamtuen, so bleibt die Frage offen, ob Spann diesen Teil oder gar die ganze Dichtung unvoreingenommen gelesen hat. Genuß: hellsichtige Leidgelvohnheit, bissiger Witz an8 Gram und Klugheit, verhaltene Scheu des Untreue und Verrat Witternden Innern a»8 jedem Wort des Juden von Venedig, aber der souveräne Gerechtigkeitssinn des großen Dichters bricht aus den Zwei Dutzend Zeilen so übermächtig hervor, das; man ans dem Erstaunen über die Ahmmgslosigleit diesem großartigsten Shakespeareschen Dramen gegenüber nicht herauskommt. Wo empfindet man brenitendc'r als hier den gelassen tiefen und scharfen Hohn des Unheil- PllAem§ wn h§Äe nnö Wer Das Februar-Heft des „Morgen" Das Febrnar-Heft des „Morgen" wird mit einem Artikel von Dr. Otto Hirsch, dem Vorsißenden des Ausschusses der Reiehsvertretmig der deutschen Juden, über die wirtschaftliche ""d politische Lage und die Ausgabe, die heute die Reiehsvertretilng der deiltscheu Inden hat, eingeleitet. Ter Aufsatz, den wir in der vorigen Rnmmer der „EV-Zeitung" in seinen wesentlichen Teilen abgedrnckt haben, gibt ein Bild der Situation und ein dokumentarisches Zeugnis der Konsequenzen, die daraus zu ziehen siiid. gleichviel von welcher jüdischen Seite inan das Problem behandelt. Die lebendigste Illustration dazu bietet ein Beitrag „Wein Bernfsivmisch und die Wirklichkeit", der eine kleine Sammlnng boii Schnlcmssätzeu jüdischer Vierzehnjähriger enthält. Es sind Schüler einer jndischeli Volksschule, die sie geschrieben haben, sie alle erzählen niehr oder weniger kindlich, was sie alles werden wollten, als sie »och wollen, nänilich träumeu konnten, und der rührendste und keineswegs nnehrliche Wunsch eines jüdischen Jungen: Schornsteinfeger zu werden, soll hier für sich selbst sprechen: „Dieses Balancieren. dieses In-Gefahr- Schweben begeisterte niieh. Ob mich dieser Berns ernähren würde oder ob ich überhaupt Anstellung sindeii uuh'be, war mir egal." „Iuzivisehen hat sich die Welt verändert: „Mein Traum. Schornsteinseger zu werden, ist verrauscht, weil ich nicht arisch bin. Der Ernst des Lebeiis tritt zum erstenmal mit seiner ganzen Bitterkeit an mich heran. Wie schwer es mir fällt, von diesem Berns Abstand z>i nehmen, weiß nur ich allein." Heut übers Jahr iverdeii wohl alle diese Jungen bereits Handwerkslcchrlinge sein . . . wenn es möglich ist. Erwin Baer erörtert die Frage des „jüdischen Volkes", analysiert den Begriff „Voll" von den verschiedensten Gesiclitspnnkten her und erledigt eigentlich die Frage oder vielmehr das Fragliche dieses Terminus, indem er seine variablen Anwendnngsmögliehkeiten auszeigt: Es gibt territoriale, politische biologische, wirtsehastliehe, kulturelle, weltauschanliche, gottesdienstliche, pädagogische und gesellschastliche Volksgemeinschasten —was also ist das „Volk"? Siegfried Ucko lvidmet seinen hervorragenden Essay über die „Kämpfe Mefis" dem fünfzigjährigen Hugo Bergmann. Er überrascht mit einer geistvollen Parallele, indem er Mosis Gotteserlebnis — Mose in der Felsspalte — mit Platons Höhlengleichnis konsronlierl. Der Unterschied, der noch bleibt, ist nicht größer als der zwischen Philosophie und Rettbaren und darum anch Unverwundbaren, die heilig Entrüstung über die schreiende Unbill! Mit nicht größerem Verständnis steht Spann der erschütternden Schilderung des römischen Ghetto bei Gregorovins gegenüber. Ter deutsche Geschichteschreiber erzählt (ldöll) von der stattlichen Indensynagoge Livornos, von dem Pessachsest der römischen' Inden: überall Selbstbehauptung allem geid und aller Bersemnng zuwider. Spann sieht >,m: Verstocktheit und Hartherzigkeit. Er wirft tvu Juden vor, daß sie sieh nicht taufen liechen, um der höheren Religion und Kultur teilhaftig zu werden: ihre geistige Regsamkeit und große Willensstärle entspringe bei ihnen nicht einer ursprünglichen Begabimgshöhe, sondern mir der Notwehr. Beide sonst positiv zu wertenden Eigenschaften seien bei beit Juden nicht Anzeichen schöpferischer Fähig!,>iie„. sondern „Früchte der Beritocllheil, und diese wieder eine Frucht der Auslangimg" . , * Dr. L. F. gion, und es ist „kein vergebliches Bemühen, zn suchen und zu forschen, ob nidjt die Sprache des Tenlens demselben Urwort dient, mic die der biblischen Lsfenbarnng". Bon den weiteren Beiträgen dieser „Morgen". R'nmmer verdienen neck, ein lAdicy! Iaco'o hl i ca r b,; „Ans der Wintorbrinle". rinn zeitgemäße Erzülgura „Legende von den Inden" von Mar r: a m t e r und eine Beröfsentliehnng unbekannter Briese über A'n'cs Mendelssohns Tod durch Bertha B adt - Slrau tz besondere Erwähnung. Professor Dr. Lazar Gullowitsch iß als o r d e n t l i ch er Professor an die Universität in Dorpat berufen lvvrden. Er nimmt dort den L e h r st n h l s ü v i n d i s clj e W i j s e n s d) oste u ein. Professor G n i k v iv i t s eh Versal, seil dein Jahre tll-'-t das Amt eines Lektors an der Leipziger Universität als Nachfolger des verelvigten Professor Israel K a h a n. Seit dem Jahre Illll? water in der philosophiscchen Fakultät Leipzig als Privatdozent habilitiert und wurde im Jahre zum auyerordent liehen Professor ernannt. Zn gleicher Zeit bekleidete er in der evangelisch theologischen Fakultät neben dem Amt des Lektors das des Leiters der Abteilung für spät jüdische Wisseiiscchajten am alttestamentarisehen Seininar. Seine wichtigsten Werke sind: „Chassidismus religiviiswissensehastlich untersnelst". „Die Bildung von' Abstraltbegrissen in der hebräischen Sprachgeschichte". Zurzeit schreibt er: „Die begriffliche .Konzeption der Frömmigteit im Ghaiüd als Ideal' typiis. Begriffs- und ideengeschichtliche llntcvsuchung." Außer ans seinem Fachgebiet hat Professor G u l k o w i t s ch auch in der Medizin beachtliches geleistet. Seine medizinische Doltordissertation, der „Druck in den Arterien des Angeniimeril" ist in den Schriften der Königsberger Gelehrtengesellschast 102a erschienen. _ Ccntral-Eonscrcnce os L'lmcriean Rabbis, 44. 2lnnual Konvention, June (vnl. XllllD. Der umfanguiid iuhaltswiche Berichtsband über die letzte Konferenz der aineriianischeii Rabbiner gliedert sich in zwei Teile: die eigentlichen Vereins- und Sitzungsberichte und den Anhang mit den lvissenschaftllchen Vorträgen. Reben den religiösen stehen besonders die Frage der jüdischen Erziehung und die dos Verhältnisses von Staat und Kirche im Vordergrund. Alan versucht nach Mglichkeit, die Trennung von, Staat und Kirche in aller Schärfe durchznsotzen. — Berichte über die Lage der Juden in anderen Ländern sind von Interesse, ebenso eine Entschtießung. die die gegen die kalhotische Kirche gerichteten Angriffe verurteilt und allgemeine Glanbensfreiheit fordert. In den uuiienschaftlichenArbeiten stehen die pädagogischen Fragen au erster Stelle. In Ae. reinsten Genüsse, wird getveckt; er darf sich ihr ruhig überlassen — ohne Gewissensbisse; denn keinem geht er ernsthaft an den Kragen; ivie denn, auch die Intrigen nicht eben gefährlich und ohne bitterböse Bosheit sind. 'Sie werden gesponnen von Mirandvliua, dem reizenden Urbild des herzlosen Weibes, die jeden an der Nase hernmführt, ansgenornmen das pp. Publikum, das diese Bevorzugung dankbar quittiert. Es ist von vornherein' in den Zusammenhang cingcweiht, und als Mitnufser der Ränke nimmt es aktiv an der Handlung teil. Wer vermöchte die Wirkung eines Stückes zu bezweifeln, dessen Heldin in'bestem Einvernehmen mit den Zuschauern die anderen Spieler verulkt? Sie hat sich anch prompt eingestellt, die Wirlung -- und „Mirandolina" zieht mit lustigen Kniren und Sprüngen — eine wahre Augenweide in ihrer blankgepnßten Farbigleit über die oft sehr mangelhaften Bühnen des Spielbczirtes. Ueberall wird sie dantbar ausgenoimnen. Gar nicht verstaubt oder antiquiert ist die tindliche Heiterkeit des alten Spiels. Man kommt zum Genuß ohne den Umweg über die Literarhistvrie, den man bei früheren Goldoni-Renaissancen oft nehmen mußte. Das mag wohl daran liegen, daß unsere Darsteller ihren Kollegen, denen vor fast 200 Jahren die Komödie auf den Leib geschrieben wurde, wieder nahcgekommen sind. Anch sie ziehen mit dem Wagen (ist es ein Unterschied, daß ein Motor ihn treibt?) von einem Ort zum anderen, gezwungen nicht nur allabendlich ein neues Publikum, sondern anch einen anderen Raum (einmal ist er groß wie ein Zirkus, einmal ein selbstgezimmertes Podium) zu erobern. Ans der Aehnlichkeit der äußeren Bedingungen heraus . mögen die Typen der Oornödia del arte, die noch gewaltig in diesem Goldvni-Werk spukt, so köstlich erfaßt und verlebendigt worden sein. Nicht um deu Eharak- 1er der alten Bühne wieder herzustellen, werden hier Versatzstücke statt einer Gesamtdekoration aufgebaut; die Beschränkung ist keine histvrizierendc Regie-Idee, sondern sie ist wieder Notwendigkeit geworden, aus der hier mit Witz eine Tugend gemacht wird. Bielleieht hat diese ähnliche Situation, aus der jcßt wie vor 200 Jahren gespielt wird, dazu beigetrageu, bei Wahrung des Stils der Ueberstilisieruug, die den Erfolg derartiger Stücke oft gefährdet, zu entgehen. Beraten von Obcrspielleiter Fr von und Tr. Paul Acoses, dem ersten Vorsitzenden des Kulturbundes, der sich den Theaterfragen besonders widmet, bot der junge Regisseur Walter Rosen bäum eine Inszenierung, deren Geschmack, Frische und Einfallsreichtum nur gerühmt werden kann. Friedl M ü uze r, Mirandolina: sie hält nicht nur ihre fünf Freier an der Strippe, sondern das ganze Publikum, das nicht müde wird, ihr für die in Frohsinn, Laune, Witz und Anmut strahlende Leistung zu danken. Das edle Trio der Genasführten: Hermann Schindler als Baron, eine wahre Illustration des Begriffes „bärbeißig", stellt nicht nur einen wunderbaren Grobian und Liebhaber wider Willen hin, sondern beweist damit nach seinem Sonkiu und Fernando, wie wandlungsfähig seine Begabung ist. Alfons Fink leiht dem Marquis seine joviale Würde und macht „die Lustspielpuppe" in ihrem Geiz, der Hungerleiderei und Ueberheblichkeit zu einer überzeugenden wirklich komischen Figur. Fred L ö h n c n gibt deu Grafen in einer witzigen Atischnna von Protz und Weltmann. Tie „niedere Spyärc" der Diener und Kellner gehört hier — wie in der echten Stegreifkomödie — dem Harlekin und seinen Abarten. Julius N u t k o w s k y (Santo) und Werner Herrmann (Pirro) als gefräßiger Clown und schmachtender Pierrot geben in winzigen Rollen köstliche Proben besten Kvniödiantelltums. Haus Berk ist ein knabenhafter Fabrizio. °Elli Reicher und Franziska Okmiansky gefallen als hochstapelnde Schauspielerinnen. M. K. Bwfrägß im Bettet SuMmtft vlrihur Elocsscr: Wie entstellt eine Theatervorstcllmrg? Aus einer reichen, in Theorie und Prnris gesammelten Büynenkeimtuis sprach Dr. Arthur Eloesser im Berliner Kulturabend zu dem Thema: „Wie entsteht eine Vorstellung?" An der Hand zwangloser, humorvoll gefärbter Ausführungen, deren Allgemeiugülligkeit durch ein anekdotisches Vielerlei persönlicher Erlebnisse fortlaufend bestätigt wurde, ließen sich die interessierten Hörer willig hinter die geheimnisvolle Bretterwelt leiten, die uns mitten in einer harten Wirklichkeit noch immer die holdesten Illusionen sehasft, ohne sich ihres täuschenden Glanzes selbstverräterisch zu entkleiden. Sie erfuhren dabei, lvie die fertige Aufführung eines Stückes erst auf vielverschlimgenen, vielerprobten, vor Iloberraschnngen und Zufälligkeiten keineswegs geschützten Wegen znstandekvmmt. wie Bühnenmanuskript, dramaturgische Eiuriclitung, Regie, Besetzung der Rollen, Dekoration zusannnenwirken müssen, um einem Werk zum Erfolg zu verhelfen, der in seinen größeren oder geringeren Ausmaßen doch von nielnaudem vormisgesehen werden könne. Wenn der Vortragende bei den Vorbereitungen einer Aufführung dem Regisseur die wielstigste Aufgabe znwies, so konnte er gleichzeitig bezeugen, wie diese Aufgabe von dem für die programmatische und künstlerische Gestaltung des Bühnenspielplaus während der letzten Jahrzehnte maßgeblichsten Regieterzett erfaßt und erfüllt lvurde: von Otto Brahin, Ibsens und Hanptmanns nncrmüdlicheln Wegbereiter (der freilich nie den Ehrgeiz hatte, mehr als ein „stiller" Negissenr zu fein), von Atax Reinhardt, der mit ement völlig „ansgedichteten" Regiebnch schon ans die erste Probe kam, und von Victor Barnolvsky, der es mit einem so schlvierigen Werk wie „Peer Ghnt" in Berlin zu vielen Hunderten Aufführungen gebracht hat. Es sei bei dieser Gelegenheit auf ein reizendes. vor kurzem im Verlage Bruno Eassirer. Berlin, erschienenes Büchlein „Wie ein Theaterstück entsteht" von Karl Eapek (mit flotten, amüsanten Zeichnungen von Josef Capek) hingewiesen, das sich dem Thema mit den Rtitteln einer heiter-intpressionistischen Betrachtung z>st lveudet. Ein scharfblickender Skeptiker, der das bunte Gewimmel hinter dem Vorhang nicht mw aus der Vogelperspektive kennt, erlöst sich iell'st und alle, die schicksalsmäßig oder aus eigener Wahl in den Bann des Theaters geraten sind, auf seiner Wanderung durch die Vorstationen einer Allffuhrung lachend von den Spaumiugen. Erregungen, Aengsten und Widersprüchen, dicß sich aus dem Zusammenstoß von Schein und cem, von Leben und seinem farbigen Abglanz, der Bühne für die Beteiligten ergeben. Scherz. Ironie und tiefere Bedeutung. Dr. H. L Rezitation Ilse Intrator-Tavidsohn Ilse I n t r a t o r. D a v i d s o h n hat das Zeug, ganz allein ein Bortragsprogramm mit ihrer^re- Produktiven Kunst der Rezitation zri füllen. Das ist viel. Sie hat ein weiches, wohlklingendes Organ, das die Skala der lyrischen Empfindungen voll ausschöpfen kann, sie hat eine beherrschte Technik der Sprache und viel Geschmack in der Lüalst ihres Stoffes. Sie femtt aber nicht ganz ihre Grenzen, sonst würde sie alles auf Kraft gestellte vermeiden, lvie etwa Tehmels „Rtahle, Mühle, mahle!" Aull) in der immer wieder bezaubernden „Weise von Liebe und Tod" Rilkes, an dessen Verführungen kein Sprecher vorübergehen kann, gelangen ihr die verträitinten. andentenden Stellen besser als jeder schon vom Dichter so zurückhaltende — Vorlwß ins Heldische. Ausgezeichnet brachte sie die schoii klassisch gewordenen kleinen Prosastücke von Peter Altenberg. Das voll besetzte Parkett des Berlin er Theaters bedachte, angeregt und unterhalten, die Sprecherin mit herzlichem Beifall. b b- Der Berliner Kulturbund teilt mit: Im Atai d. I. finden mehrere Aufführungen de? „I u d a s M a k k a b ä u es" von Händel stall. -Zs Orchester des Kulturbundes, der Opernchor und die gemischten Chöre von Kurt Singer und Leo- Kops werden sicki zu gemeiirschastlicher Arbeit zusaunnentun- In die beiden zuletzt genannten Chöre können!l»nii'- bcgabte jüdische Sänger iind Sängerinnen au genommen lverden. Interessenten werden gebeten, nnverulglich ihre Adressen mit der Mitteilung, welchem Cbvr sie vorübergehend oder dauernd bci;utrelcn wunswen, an das Büro des Knltnrbundcs. Berlin chZ'. >Z- Charlottenstraße s>(>—!>2, z. H. von Tr. Kurl Li>>gci< einzusenden.

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