Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 7 (15.2.1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2277379-2278044-2278051--08388-2289385- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
, J; i ' i Berlin Als Stefan George starb, beklagte eine angesehene deutsche Tageszeitung die Tatfache. daß die ausländischen Zeitungen kaum etwas anderes als eine flüchtige Notiz über den Tod des Dichters brachten. „Wenn heute - Herr Emil Ludwig oder Herr Feuchtwanger das Diesseits derließen/ so schreibt die „D A 3", „könnte man gemiß sein, daß sich die große englische und französische Presse in langen Beiträgen ergießen würde .... Die Gerechtigkeit verlangt allerdings die .Feststellung, daß wir in Deutschland fclbit mit daran Schuld tragen, denn es ist der Hehler eines großen Teiles der deutschen Oeffent- [iiWi'it tu den vergangenen Jahrzehnten gewesen, für allerlei mehr oder weniger belang. Ivie Schriftsteller, und häufig leider auch für fatale Eintagsfliegen des Schrifttums, die Fanja re zu blasen, wühreitd die Männer, auf die es eigentlich ankam, im Schatten stehen mußten.... Ter Widerhall, den der Tod des Dichters nun in der deutschen Sefsentlichleit gefunden hat. eine Trauer der Allgemeinheit, die man noch im Aarjahr vergeblich gesucht hätte, lassen erkennen, daß mir heute ans einem besseren Wege sind/ Stefan George ist nicht der einzige große deutsche Dichter, der sich über mangelndes Verständnis seiner Zeitgenossen zu beklagen hatte. Heinrich non Klei st mußte zur Pistole greisen. und auch Detlev von Lzliencron, der zuin Schluß seines Gedichtes „An Kleist" ausruf t: „Ah, mm erkenn' ich deine Schmerzgebärde: Tn möchtest nicht zum zweiten Mal verhungern In deinem Vaterlande", hat sein lebelang gegen die bittere Notdurft des Tages schwer kämpfen müssen. — Der aber bereits im Jahre 1904 mit Leidenschaft sich Tür Lrlrencron einsetzte, das war der jüd r f ch e Dichter Jakob Lüwenberg in: Hamburg! —. Stefan George, der Jahre hindurch von dreien verlacht und nur von wenigen verstanden wurde, hat keinen überzeugteren Interpreten, keinen' leidenschaftlicheren Vorkämpser, keinen liebevolleren Propheten gefunden als Friedrich Gundolf. Frei- 'ch wußten nur wenige,, daß sich hinter diesem Pseudonym der. Jude Gundelsinger verberge. Das Werk Gundolss über Stefan George ist nicht eine. Einführung gleich zahllosen anderen; sie ist selber ein Gedicht, eine schöpferische Tat, eine von tiefstem künstlerischen Derständnis und reinster Gesinnung zeugende . Einfühlung in Wesen und Werk eines Groben. Gundolf meint von George, er bedürfe keiner Werde-Biographie, wie denn überhaupt jedes geschichtlich bedeutende Dasein nicht nur einmaligen Gehalt verkörpert, sondern auch eine einmalige Darstellungsart fordert. Solch eine einmalige Leistung hat Gundolf in . der Tat mit seinem Werk über George vollbracht. Dabei erweist es deutlich, wie tief Gundolf im Volkhaften wächst -und wurzelt, wir-er, wie nur jemals einer, aus der Tiefe der deutschen Seele heraus den großen Dichter und Künder, den Mahner und; Seher George zu .deuten und dem Verständnis nahezubringen weiß. Von dieser positiven außergewöhnlichen Leistung abgesehen aber, ist Gundolss Buch über George ein überaus interessantes Beispiel für die Stellunb des jüdischen Deutschen zu aktuellen literarischen Problemen und k *>■ , -» f xV/ ' ‘ Öt^lSJ §M;B Fritz Lion dt Sonkin* Onkel Sehitomireki Lilly Kann alt Sonkine Mutter ' Phot. Herbert Sonnenfeli, Berlin Phot. Herbert Sonnenfeld, Berlin- Dr, Fritz Jesaner der Regieeeur von-„Sonki**“ und „Paracelsus** ■ . Phot,Irma Cohn,'Berlin 8ur - -geistigen Lage - der - Zeit. - Mährend' die landläufige Meinungdahingeht, daß der Jude kraft seiner, besonderen. jüdischen Wesenheit jedem flachen Journalismus, / jeder. literarischen Modetorheit zugetan sei,, erweist, nun gerade Gundolf in .seinem. Werke, wie ein deutscher Jude aus' einem natürlichen Instinkt und einem unverbildeten deutschen Geist und Gemüt heraus all. jene Dinge ablehnt und verwirft. Vielleicht sind niemals schärfere Worte' gegen literatenhafte Aufgeblasenheit, gegen snobistisches; Aesthctentum, gegen den oberflächlichen „Zeitgeist", gegen . öde „Fortschrittsmacherei" -und ähnliche Dinge gesprochen worden als.aus dem Munde Gundolss. Nie hat minderwertige Journalistik und volkssremdeFeuilletonistik eine derbere, ätzendere Zurückweisung erfahren als durch den Juden Gundolf: „Nie war die Kluft zwischen dem wirklichen Inhalt des gelebten Lebens und dem Wort, d. h. der Seelengebärde des Lebens, so unermeßlich wie in den Triumphjahren der Presse und des Verkehrs . . nie war die literarische Rede weniger Sache, weniger Blut, weniger Bild . .. me so ausschließlich Phrase, Funktion, leerer Lärm, Und dennoch hielten die Schriftsteller den Trug noch aufrecht, die Wortführer eben biefeö- Zeitalters zu sein . . — Interessant ist Gundolss Stellung zu Heinrich Heine, der nach ihm den Riß zwischen dem Zeitalter Goethes und der auf ihn folgenden Zersetzung . darstellt. Heines Sprache nennt er eine reizende,, aber hybride Mischung ans Elementen der Goetheschen Seelenrede, der romantischen Traumtöne, der Politischen Rhetorik. Byrons und des französischen Salongeplanders: kurz verschiedener zersetzter europäischer Stile aus dem letzten Halbjahrhundert.-' Heine verdankt — nach Gundolf —- seine europäische Popularität der Tatsache, daß er an das Ausland nicht, die Anforderung stellt,' „ihn aus deutschen Wurzeln zu begreifen .. . Seine-Flachheiten und nicht seine Tiefen, nicht seine deutschen und jüdischen Qualen, machen ihn beliebt. . . Für die deutsche Sprache ist er der verhängnisvollste Erleichterer, Vermischer und Verschieber geworden.. Erst seit Heine kann jeder von Dingen reden, die über seinem seelischen Bereich liegen . . . erst seit Heine gibt es in Deutschland Worte ohne Werte." — So wird gerade ein Mann aus „jüdischem Blut" zum schärfsten Kritiker Heines, der ja der Prototyp jüdischer Geistigkeit, d. h. jüdischer Zersetzungslust sein soll, Mit harten Worten wendet sich Gugdolf gegen die Diener des „Zeitgeistes", bei denen Georges Kirnst am längsten Widerstand fand, mochten sie den „Fortschritt der Menschheit" oder die „Entwicklung. der Persönlichkeit" erstreben. Er tadelt „die zügellose . Hingabe an jedes Aeußere oder Innere anders, die bald als Weltsreundschaft, bald als Gottsuche, bald als Menschheitsdienst verbrämte Zeitsron und Selbstsucht (oft bei schmatzendem Jch-Genuß)... Nicht zufällig verherrlichen einige das Aas, denken sich andere ins Ungeziefer, alle iu Sachen hinein— und mit Wollust wühlen die meisten bald in untermenschlichen, bald in außermenschlichen Zuständen, mit animalischem Stosstaumel, amerikanischer Maschinenromantik, abstrakter Menschheitsumarmung: lauter Erregungen, die nicht verpflichten. Hini Vv / - A Ay\ l j X/ \ ' '/*' 'CK 4 Ä? A; * fr* ) x/, h\ ' / \ i V fff \ y-/ V ' XX'" 'M 4 ' Mirandplina (Männer), Marquis (Fink), Graf (Löhnen) Santo (hutkowsky), Fabrizio (Bork), ' Pirro (Herrmann) ffMirandolinaf die Wirtin von Venedig**- Zur Aufführung im „Jüdischen Kulturbund Rhein-Ruhr“ Photo-„Töff, Köln llllllllllll gedungen, die nichts heischen, Wallungen, im Dumpfen.und Ruse ins Leere." — Klingen diese Worte nicht, als wären sie von den Kündern des neuen Deutschlands gesprochen? Oder wenn Gundolf von der Allerweltsniensch-- heit spricht, in der alles gilt, nur nicht:.„dev heroische Mensch". Stefan''George erst entdeckt wieder den ewigen M e n s ch e n — nicht die moderne Menschheit. Darum findet Gundolf in ihm wieder, was so lange nicht da war: Tiefe, Reichtum - und erdhafte Kraft. „Sein Werk ist völlig frei von den Zerrissenheiten, Skrupeln, Zweifeln. Zerknirschungen, ohne die man sich in Deutschland seit Jahrhunderten tieferes Leben nicht mehr denken konnte. George besitzt . drei Grundeigenschaften in antiker Reinheit, die den Heutigen nur getrübt und verschwemmt erträglich sind: Würdegesühl, Schicksalsgefühl und Liebe (als über-^; ' „Paracelsus" von Arthur Schnitzler ist i das erste Stück eines Einakterzyklus, denr das; ganz nach innen gewandte, stürtile Ehedrama; „Tie Gefährtin" als zweites angehört, und! der in der tragischen Groteske aus der sran-; MschenRevolutionszeit „Der grüne Kakadu", \ dem lecksten und sprühendsten Theaterwurf, z der dem Dramatiker Schnitzler je gelungen s ist, seine Krönung finbet. Aus diesem in einer? frühen Schaffensperiode des Dichters ent- - siandenen Zyklus hat der Kulturbund, in; der richtigen Erkenntnis, daß „Die Gesähr-; tin" für die Dimensionen eines größeren i Bühnenhauses zu intim und „Der grüne .slakadu" heute nicht spielbar ist, den „Para-; celsus" gewählt: nicht, als ob in dem sinn- 1 vollen Renaissancewerkchen irgend etwas spezik fisch Jüdisches Ausdruck oder Gestalt gewonneu hätte — dem jüdischen Problem hat sich i der Wiener Dichter eigentlich nur in zwei \ Werken seiner späteren Zeit, dem Aerztestnck i -Professor Bernhardi" und dem bekenntnis-;■ reicheren Roman „Der Weg ins. Freie" gei nähert — sondern als Aufriß und Gleichnts k der Schnitzlcrschen Welt überhaupt/die sich! schon hier als eine Welt voll geheimer Ahnungen, voll lockender Träume, voll seelischer Abgründe voll „Masken und Wunder vor uns auftut.; Tie Ausführung — wie bereits berichtet, i unter der Regie Fritz Jeßners - ließ in einer J wundervollen Stilisierung, mit verschiveben- : den Tönen und leise gleitenden Bcweglmgen, f den spielerisch-ernsten Grundzug des Ganzen I voll heraustreten, obwohl der sonst treffliche spritz Misten als Darsteller des Paracelsus' - das Ernste stärker betonte als das Spiele-! rische, und das Statuarische und Erhabene - seiner Haltung und Gebärde auch kaum mrt f dem geschichtlichen Bilde übereinstimmte, das. i uns von Paracelsus, als einem in ärmlichster f Kleidung durch die Lande schweifenden,, sah-. renden Gesellen-überliefert worden ist. Aber für das Ueüerlegene, das Suggestive der Gestalt fand er den durchaus angemessenen Ausdruck, und auf dem klangvollen Instrument der Schnitzlerschen Berssprache spielte er Virtuosenhast. Hermann Heuser als Cyprian stand mit beiden Füßen derb, und fest auf dem gesicherten Boden des Wirklichen, glücklich im Besitz von Heim, Weib und ehrlichem Handwerk. Ernst L ena'r t in der Rolle des Junkers Anselm zeigte ganz den jungen, vom „Gram der Seele" überschatteten Stolz des Resignierenden, - der schließlich zu sich selbst, zurücksindet. Ernst Raden als Doktor' Copus - war -eine amüsante Bufsosigur. Von den beiden weiblichen Kräften ließ Ruth Reimer, obgleich noch etwas unfrei in Spiel und Bewegungen, an dem erst gefährdeten, dann, geborgenen Frauenschicksal der „Jugend letzte Schauer" fühlbar werden; Liselotte I a c-o b y. hatte für die Cäcilia den zarten und innigen Ton-einer schämvollen Melancholie. Das Bühnenbild, von denr vielfach bewährten,Heinz Eo nd el l gestellt, zeigte erne seine und 'maßvoll abgetönte Harmonie. Da die Bühne von Kontrasten lebt,' ließ sich unbedenklich neben den besinnlichen-Ernst des Schnitzlerschen Bersspiels die solide,- realistischc Heiterkeit des Ruffcil Jus».kewitsch stellen. Man darf ferne vrelbelachte Komödie „Sonkin undder Haupttreffer" ihrem inneren Gehalt nachnicht an der jüdisch-russischen Dr-ämeirlrteratur - ^seiner Zeitgenossen messen, etrva an Eugen Tschrrr^ kows auS setrtimentalen, , Politischen .und ästigen Quellen gespeisten,. wuchtigem- Pogromstück „Die Juden", oder än dem naturalistischen, von Atartm Buber neu errtdeckten und übersetzten düsteren Proletarierdräma Eisick Scheftel" von. David Pinski: dazu ist ^uschkewitschs Milieustück'. zw ^naiv und?unbeschwert, zu problemlos in seiner volksstück. mäßige» Phtisiognomie. Gerade, desßalb siegt aber, wie mir scheint,.keui.Anlaß vor,, gegen die . Wahl dieses Stückes 'vom jüdischen Standpunkt aus irgendwelche Bedenkerr zu äichern. Warum dem armen, in der Enge des Lebens zertretenen, gutherzigen Juden Sonkin das kindlich herbeigesehnte, märchenhafte Glück mißgönnen? Warum ihm verwehren,, was man dem vom Bauer zum Millionär avancierten. Fortunatas Wurzel bei Ferdinand Raimund -neidlos zugesteht? Wir haben im Lause der Jahre so viel häßliche Abartender Shylocks und Schmocks über-uns ergehen lassen müssen, so viel abstoßende unb verletzende Karikaturen jüdischer Wirklichkeit, daß wir uns freuen-dürfen, aus den Brettern wieder einmal der. Gestalt eines innerlich sauberen, - unverdorbenen, . unverzerrten .Juden zu begegnen, wie er seit Lessings Zeiten als Bühnenfignr immer seltener geworden ist. Wenn ick. gegen; das Stück etwas einzüwenden hätte, so wäre es nicht gegen die vermeintlich schädlichen Auswirkungen seiner Grundtendenz aus unser heutiges Lebensgesühl/ sondern ich sehe in - dem Stück einen, gewissen Mangel an dichterischer.Phantasie, eine' dramatische Kurzatmigkeit, die sich zu früh erschöpft, noch bevor sich der Hauptfigur äußere Widerstände in den Weg stellen. Aber solche Erstarrung droht schließlich allen Ptilteustücken, die in der Aitsmalung von Zuständen und Situationen ihre besondere Stärke suchen, mib der Ausgleich muß dann immer durch Tempo und Farbigkeit der-Ausführung-geschaffen werden. .Fritz Jeßners Regie leistete in dieser.Hinsicht Ausgezcüchnetes; sie ließ in den behaglich ausgebreiteten,, mit' lebendigster Anschaulichkeithingesetzten Szenen keinerlei Pausen entstehen. In'den Darstellern fand er . die beste Unterstützung. Kurt. K at s ch, der WandlungSfähige, spielte die ^Pallenberg-Rolle des . Sonkin. . Es darf ihm zum höchsten - Lobe angerechnet' werden, daß er das große Vorbild, für'das die Rolle prädestiniert erscheint, nahezu vergessen ließ: so rührend schlicht,-mit soviel.echter: Zügen der Erwartung, der Ueberraschung, des srerrdigen Ueberschwangs gestaltete er den armen Schlemihl, der durch eine Laune des Zufalls zum Glückspilz wird^. aus der Einfalt eines gläubigen Kinderherzens, das schließlich unter der Fülle des Glücks ztlsanimenbricht. Reben ihm als Frau Sonkin Käthe F o e r d e r, die den Weg aus der beengenden Rot zu Glanz und Reichtum sicher und sehr vergnüglich mit parvem:- hastem Stolz zurücklegte, und Fred Alexander in der Rolle eines Untermieters mitden Allüren einer selbstgefälligen, schnodderigen Zudringlichkeit. Auch die kleinen Rollen ivaren bei Fritz Lion. Rtartin Brandt, Martin Wolsgang sowie bei Lilly Kann und Gerda Klein-Weißmann sehr gut aufgehoben. Alles in allem: ein Abend, mit dem sich das Schauspieltheater 'des Kulturbundes in die vorderste Reihe der Berliner Bühnen gespielt hat. Dr. Hugo Lachmanski. j 2m §hsMs§MrSN „MlrandoUna. die Wirtin von Venedig-, Lustspiel von Carlo Goldoni. auf der kulkurbundbühne Rhein-Ruhe ' Merkwürdig, welche Kraft dem reinett. -Theater, dem problemlosen Spiel der Figuren, innewohnt. Die Diskussionen über die Spielplangestaltung der Kulturbund-- theater scheinen für die Dauer dieser 2tuf=- sührung jede Berechtigung verloren zu haden^. Die Frage, „warum Rtiraudolina?X die der künstlerische Leiter der Bühne Nheiit-Rrchr beantwortet, wird vom Zuschauer nicht gc- . ftcllt. Da er sich an der heiteren Begebenheit freut. über die Pointen schmunzelt und über-die Situationskomik lacht, vergißt er alle programmatischen Bedenken, die ihm heute ein wenig zu häufig kvmrnen. . Seine Schadenfreude, bekanntlich; eiue^deiz Xi -