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Central-Verein-Zeitung · 1934-02-08 · 6 (8.2.1934) · page 10

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
6 (8.2.1934)
Date
1934-02-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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fremdartiges Werk wirkt, den das ekstatische Auge über seinen - Cherubin in himmlischer Glorie thronen sieht, dieser Gott hat gar keine Ähnlichkeit mit einem durch Beweise ergrübelten höchsten Wesen. Dem würde schon die Tatsache widersprechen, das; der Prophet in einer der mystischen sehr ähnlichen Gewißheit dieses Gottes viel unmittelbarer sicher ist denn all dessen, was sonst noch existiert. Darum muß man auch jene Deutung deS Prophetismus ablehnen, die im Gefolge ihrer Wiederentdeckung im vorigen Jahrhundert oftmals ihr wahres Verständnis getrübt hat. Wir meinen die Auffassung, welche die Propheten „liberal", .„modern" auslegcn wollte und zum Aufgang einer solchen Erklärung die bei ihnen sich findende Polemik gegen Ritus und Lpserwesen nahm. Bei Amos und Hosen, bei Iesaia, Micha niid Jeremia finden nur eine Anzahl offensichtlich den Höhepunkts ihrer Verkündigung ausmachenden Stellen, die Menschenliebe und Tiervpfer, Recht üben und Tempelkult in scheinbar unversöhnlichem Gegensatz gegcnüberstellen und gern als die prophetische Sanktion einer ritirsfeindlichen Frömmigkeit ausgegriffen werden. Das; hier eine Reaktion urwüchsig hnmanen Gefühls gegen den Pomp eines für heilig gehaltcih'u Apparates vvrlicgt, das; damit zugleich der Mensch und feine Würde als nie zu verlierendes Ziel alles Tuns erscheint, liegt auf d'er Hand'. Das ist die stets dieser Religiosität unausfcheidbar eingeschmolzen bleibende Sittlichkeit. Aber gerade die.Antithetik, in welcher hier Ethos und Ritus immer auftreten, zeigt trotz der manchmal bis zu. leidenschaftlicher Verwerfung alles Tempeldienstcs sich steigernden Feindseligkeit gegen die rituellen Werke, daß hier nicht ein grundsätzliches Dogma herausgelesen werden kann, welche die althergebrachte Form des Gottesdienstes bewußt reformieren will. Die Propheten sind in jedem Betracht konservative Geister; und vielleicht behält diejenige Deutung ihres Wesens am ehesten Recht, die in ihnen die Empörung des alten, naiven, bäuerlichen Lebensgefühls gegen die Verfeinerung der damals aufkommenden städtischen Kultur mit ihren sozialen Folgen und gegen großspurige „Wcltpolitik" sieht. Indem sie in die Ideale der nationalen Vorzeit eintauchen, um Gottes willen das Recht des Alten betonen, sieht der Inhalt ihrer Rede 31tweilen der Eingebung natürlicher Aernunft überaus ähnlich. Und das mag das Ausfälligste an ihnen sein, daß solche über alle Zeiten hinweg die Menschen verbindenden Urompfindüngen sich ihnen als das Wort der göttlichen Offenbarung enthüllen. Damit hängt die Stellung zu ihrem Volke zusammen. Immer wieder weissagen sie den Untergang der sündigen Ration,-die Gotk.Hr Eine und Allgerechte, geradezu um dev ihr zuteilgewordenen besonderen Gnade vor den anderen nicht bevorzugen könne, indem er ihre Schuld nachsieht. Und immer wieder wandelt sich die Zornglut des Weltengottes zu heißer Liebe für seinen erstgeborenen Sohn. . Ins Profane übersetzt: der Mensch der Menschheit und das Kind dieses besonderen, mit der Leidenschaft des Blutes umfangenen Stammes kämpfen einen nie endenden Kamps. Das alles sind Urempfindungcn, geeint und versöhnt in einem tiefen Leben mit Gott. Macht man ans ihnen Lehre, Theologie, so sprengen ihre Widersprüche jede Form. Leitet man ans ihnen eine „Weltanschauung" ab) so mache man sich daraus gefaßt, daß die Vernuust in ihr nicht zur Ruhe kommen wird. Was sic uns künde:;, hat mit Wahrheit oder Irrtun: nichts zu tun; es ist Wirklichkeit, Wirksamkeit des Lebens. Tie Frage, ob es außerhalb des biblischen Kreises oder vor jenen etwas Vergleichbares gegeben, hat darum keinen weserchaflen Sinn. Nicht einmal auf den Einstich, der gerade von ihnen aus die gesamte Menschheit ausgegangen, kommt es an. Tein; sie bergen etwas Höheres in sich: ein seelisches Leben, das abseits von dem Fluß besonderer und vergänglicher Bildungen mit dem Urlaut der Menschen zu uns spricht, die sich von Gatt erfüllt und geschickt wissen. Vorlriige über das Wenkum Professor Dr. I. Guttmann-BerUri: Das Ethos des Judenkums Prof. Dr. I. Gultiuann sprach in der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums über das ClhvS des Judentums. Klar und schlicht, so führte der Vortragende aus, ist die Sittlichkeit des Judentums, sic führt aber ins Tiefste und ergreift das menschliche Bewußtsein unmittelbar. Sie ist nichts Fernes, sondern das von ihr Verlangte ist mit innerer Notwendigkeit anzuertennen. Tic natürkichen Regungen des sittlichen Bewußtseins pat die jüdische Religion ausgenommen, und so hat das 1!>. Jahrhundert — mir das Aenßere erfassend — die jüdische Sittlichkeit mit der humanen Sittlichkeit identifiziert. Tos Gebotenst»; ist die letzte Intention der jüdischen Sittlichkeit. Tie Haltung des Gehorsams und der Demut ist richtunggebend und steht dem auf sich selbst gestellten Weisen entgegen. Das sittliche Wollen ist ein Wollen an und in der Welt, aber es hebt den Menschen aus der Welt hinaus und bindet ihn an Gott. Wohl steht der Gedanke des Gebotes an zentraler Stelle im Judentum, die Gottes- und Nächstenliebe ist aber das Letztlich;'. Ohne Theorien werden die Liebe und das Gebot verbunden. Tie natürliche Ethik wird nicht entwertet. Sittliches Tun wird anerkannt, wo es auch immer auftrilt. Wohltätigkeit tann auch aus Mitleid geübt werden und braucht nicht immer „um Gottes willen" zu geschehen. So umfaßt die jüdische Ethik auch die Regungen der natürlichen Ethik und nimmt sie in sich auf. F.Ar. Professor Dr. Solomon, Köln: Die Propheten Ueber die religionsgeschichtliche Bedeutung der jüdischen Propheten sprach in der vergangenen Woche Professor Albert Salomon aus Köln in mehreren Städten Westdeutschlands. Professor Salomon zeigte, wie die freie Prophetie gegen die beamteten Propyeten die „berufsmäßigen Techniker der Weissagung" kämpfen mußte. Einsam und düster verkündeten sie das dem jüdischen Volke drohende Unheil. der Erforschung des göttlichen Willens zugegewandt, Feind der kraftlosen und spanmmgslvsen Ergebung in den seelischen Alltag. Ter Erfolg ihres Wirkens beruhte freilich auch auf besonderen wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen, der Zerstörung des unabhängigen Bauerntums durch die israelitische Königshercschaft und der Vorstrickung des bisher unangefochtenen jüdischen Volkes in die weltgeschichtlichen Auseinandersetzungen. Tie politischen Vorschläge der Propheten, die sich nicht als Revolutionäre, sondern als die Wahrer der echten Tradition fühlten, waren utopisch, sonnten nicht verwirklicht werde». Aber die Bedeutung der Propheten liegt ja nicht auf politische»; Gebiet, sondern ans religiösem. Sic waren „religiöse Genies und geistliche Helden, welche das überkomincne Erbe in die Größe/Leidenschaftlichkeit, Hingäbe und Liebe ihrer ausgespannten Seelen hinaushoben und in der Glut ihrer entbrannten Herzen läuterten." So „verkörperten sie zu einer Zeit, da Heldentum schlechterdings nur als kriegerisches Heldentum zu denken war, zun; erstenmal in großartigster Gestalt das Urbild geistlichen Heldentums." Es ist eine der großartigsten Paradoxien der Weltgeschichte, um die schönen und bewegenden Worte des R'edners noch einmal anznführen, „daß ein Volk nicht nur nicht seinen Gott verläßt, der es dauernd straft, verwirft, auf die furchtbarsten Proben stellt, ihr politisches Gemeinwesen zerstört, sie über die Erde zerstreut, sondern durch alle diese Prüfungen hindurch nur glühender und leidenschaftlicher entbrannten Herzens die Macht und die Liebe, die Einzigkeit und Unendlichkeit seiner göttlichen Majestät preist mit» bekennt. Daß dies möglich uuirde, ist einzig und allein das Werk der Propheten. Nur ihre Verkündigung hat es zuwege gebracht, daß das Judentum sich als religiöser Verband bis zun; heutigen Tage hat behaupten können." R. Rabbiner Dr. Leo Baerwald- München: Die Bibel als Lebensbuch Am ersten Februarsonntag veranstaltete die Israelitische Kultusgemeinde München eine Weihe-, stunde in der Hauptsynagoge an der Herzog-Max- Ltraße. Als ernste Einleitung erklangen der tl. Satz aus Bachs Violinkonzert in F-vur, von Benno Sarsky, von Kapellmeister Erich Erck an der Orgel begleitet, gespielt, und die Arie „Herr I)ob’ Erbarmen", von Rosl Levittc nüt ihrem klaren und seingebildeten Sopran gesungen. Gemeindorabbiner "Dr. Leo Baerwald ergrifs dann das Wort zu seinem Vortrag „Tie Bibel als Lebensbild)". Wenn wir allsablxtthlich bei»; Einheben der Thora nüt den Worte» Salomonis unsere Schrift als den „Baum des Lebens" grüßen, dann kennzeichnen wir mit diesen drei schlichten Worten das heilige Buch am treffendsten. Erfüllt von lebensvollem Gesuchen gibt die Heilige Schrift Lebcnshoffmmg und Lebensstärkc. Sammelpunkt unserer gesamten geistigen Kultur war die Bibel allezeit: von ihr leitete:; sich Religion. Geschichte, Recht, Sitte, Weisheit und Wirtschaft des altsüdischeu Volkes ab und das ganze nachbibltschc Schrifttum ist nur Ast an den; Bauin des Lebens, der die Bibel uns ist. Mag auch tatsächlich der Talmud oft räumlich eine große Rolle in; Geistesleben der Juden gespielt haben, das Buch der Bücher war und blieb von Anbeginn und unausgesetzt das B u ch des Volkes. Die von ihn; verkörperte gottverbundene Geschichts- und Naturausfassung macht dieses Buch für ewig zu d e m Geschichts- und Erkenntnisbuch der Menschheit. In seiner Einfachheit n»d seiner Farbigkeit bleibt diese geschichtenreiche Schrift das B11 ch des Kindes;' die Fülle der Anregungen, die es enthält, läßt es dem reisen Mann und de»; schaffenden Künstler Lebensbuch sein und der Born einiger tätiger Weisheit, die de»; Menschen die Bibel ist. macht sie auch zum ewigen Buch des Atters. Wie lebensvoll und wie heutig sind die Menschen dieses Buches, wie spricht uns jede nüt ihren Gedanken, Fehler:;, Hosfnnngen und Menschlichleitei; an, die unsere Fehler und Menschlichkeit sind! Tie Lebensklugheit und -Weisheit, die unaufdringlich ans den Seiten der Bibel spricht, hat die Bibel zu den; allesüberragenden und ewigen Buch der Religion, des tätigen und deinütig-stolzen Glaubens gcinacht. In seiner Schlichte und Größe ist dieses Werk Wegweiser. Trost und Belehrung jeden; Menschen aller Epochen und vor allem den; unser kurzlebigen, sorgenvollen Zeit. Ihre Grundhaltung ist lebensbejahend und lebenssordcrnd, ihre Forderung tätiges Leben. Die Zeit der Einkehr und des Euchens,' in die wir gekommen sind, muß uns als erhabenstes Ergebnis den 'Weg zu unserer Bibel wiedergeben. — Ter festliche Sang der Händelscheu Arie „O hätt' id) Jnbals Harfe" (aus den; Oratorium Iosnas schloß die Feierstunde, der viele Hunderte von Gemeindemitgliedern mit Andacht gefolgt waren. H. L. v Die alte Synagoge in Küstrin, die schon vor mehreren Jahren baupolizeilich geschlossen wurde, ist vor einiger Zeit abgerissen worden. Am 17. Ja. nuar fand die Grundsteinlegung der neuen Synagoge statt. Vorstand und Repräsentanz der Gemeinde hatten sich zu einer kleinen Feier dersannnelt. Ter Vorsitzende des Vorstandes, I. D. Müller, gab seiner Freude und Befriedigung Ausdruck, daß cs der Gemeinde gelungen sei, trotz der Schn'ere der Zeit ein neues Gotteshaus zu bauen. Lehrer L ö w y hielt eine kurze Weiherede. Stiftungsfeier im Breslauer jüdisch-theologischen Seminar Das Jüdisch-theologische Seminar in Breslau beging in althergebrachter Weife die Gedächtnisstier für seinen Stifter. Kommerzienrat Jonas Fraenckcl. die, nne üblich, mit den; Amtsantritt des neuen Vorsitzenden des Tozentenkollrgiuins und der Entlassung der von der Anstalt nach Erwerbung, des Rabbinerdiploms scheidenden Studierenden verbunden;var. Ter Vorsitzende des Tozentenkollegiuins. Professor Tr. H e; u e >» n » 11, erstattete den Bericht über das - Jahr IM:;. Er schloß mit der Mitteilung, daß Knraterium und Dozenten Schrille zu einer glück, lichen Weiterentwicklung der Anstalt and; imter den gegenwärtigen Verhältnissen unternommen Ilätten. Ter neue Vorsitzende des Dozentenlollegimns, Senünarrabbiner Tr. Rabin, übernahm sein Amt nüt einem Festvortrag über .Tie Geschichtsauffassung der vorexilischei; Propheten". Tr. 'Nuß bäum sprach namens der zur Entlassung kommenden jungen Rabbiner den Tank an die Kuratoren und die Tozenten ans und betonte, daß die Not der Zeit den Nt nt und die Kraft der Jugend, für das Judentum einzutreten, neu erstarken lasse. Tie eindrucksvolle Feier wurde durch religiöse Gesäuge von Oberlanlor E 0 h n lGlei nütz), begleitet von; Organisten Erich Schäfser, würdig umrahmt. Ter Jahresbericht für lOnn ist int Druck erschienen und enthält als wissenschaftliche Beilage eine längere Arbeit des Tozenten Tr. Albert Lewkowitz über „Tie Hauptrichtungen der Pädagogik der Neuzeit in ihrer Bedeutung für die Neugestaltung des jüdischen ttnterrichtswesens". Schw, : Keine staatlichen Zuschüsse für Rabbiner in Baben Im Badischen Gesetz- und Verordnungsbsttk wird ein Gesetz verkündet, wonach in Zukunft die Rabbiner der Israelit;sd)e>; Landessynagogen und ebenso die freireligiösen Prediger keine staatlichen Anfbesserungszuschüsse mehr erhalten, Deutsch-jüdische Gelehrte im Ausland Das Hilfs-Konütee für die aus Deutschland aus,- gewanderten Wissenschaftler teilt nüt. daß 36 deutsche Professoren, davon 18 jüdisdw Gelehrte, an insgesamt 31 amerikanischen Universitäten eine Anstellung gestunden haben. ehrliche Weise ohne strengen Glauben ins Christentum hineinzukommen? 1709 erschien in Berlin das „Sendschreiben an Seine H0chwürden, Herrn O b e r c 0 n s i st 0 r i a l r a t h und Probst Teller zu Berlin. Von einigen Hausvätern jüdischer Religion". Tie kleine Schrift von 86 Seiten ist das alleinige Werk David Fri edländers. Sein Raine ist nicht genannt, aber er hat sie nie abgelcngnct. Die Schrift bezeichnet einen Tiefpunkt jüdischen Selbstbewusstseins und zugleich einen W ende p u n k t. Man würde aber Friedländer und den Seinen unrecht tun, wenn man ihnen niedrige Gesinnung unterschöbe. Im Gegenteil, es war ein verzweifelter Versuch, eine Sache, deren Unehelichkeit sie wohl einsahen, trotzdem ehrlich zu vollbringen. Soweit tvaren sie noch nicht, daß sie die negative Einstellung zum Judentum als ausreichenden Grund für eine Taufe angesehen Hütten, wie das seither so oft geschehen ist. Die christlichen Dogmen — vor allem die Gottessohnschaft Jesu — zu bejahen, waren sie außerstande. In dieser Lage wendet sich Friedländer vertrauensvoll an Teller und legst ihm die Sache in dem Schreiben vor, das, wie man richtig bemerkt hat. an die gesamte protestantische Christenheit gerichtet war. Merkwürdig das Motto: I. Corinther 13. V. 10, 11: „Wann aber kommen wird das Bollkonunnere. so wird das Stückwerk anshören. Ta ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind, und war klug wie ein Kind, und hatte kindische Anschläge: Ta ich aber ein Mann ward, tat ich ab, wnS kindisd) war." Friedländer hat sich die Arbeit nicht leicht gemacht. Eingehend, man sieht wiederwie schwer gerade dieS auf ihm lastete, legt er die Bürde des Zeremonialgesetzes dar, das keine Berechtigung mehr habe. Seine Auseinandersetzung über die Dogmen liest sich w;e eine Apologie des dogmensreien Judentums. Die Juden' hätten den Vorteil, „daß sie die Dogmen ihrer Religion keiner läuternden Feuerprobe zu unterwerfen bedürfen." ^,Wenn der bessere Jude zur Reinigung seiner Religion bloß die Hülle seiner Zeremonialgesetze abzustreifen braucht, so muß der bessere Christ die Grundwahrheiten der seinigen einer neuen Prüfung unterwerfen." Die Ablehnung der christlichen Dogmen wird so deutlich zum Ausdruck gebracht, daß Schleiermacher hier eine „tiefe, aber furchtsamere Bitterkeit" gesunden hat, „welche nicht recht wagt, hervorzutreten." Beim Judentum wird neben dem Zeremvnialgesctz die Hoffnung auf den Messias und ans Rückkehr ins heilige Land als abzustoßende Unzuträglichkeit empfunden. Es wird versucht, den positiven Kern aller Religion herausznschälen. Diese Kernlehren werden entwickelt: Es ist ein Gott. Die Seele ist unkörperlich und unsterblich. Die Bestimmung des Menschen ist Streben nach höherer Vollkommenheit. Gott hat den Menschen geschaffen zu seiner Glückseligkeit. Diese Lehren findet Friedländer auch im Christentum wieder, besonders im Protestantismus. Er legt sich die Frage vor, ob eine Gruppe, die sich dergestalt von; überkommenen Judentum entferne, als Sekte zwischen Inden und Christen stehenbleiben könne. Hier kommt ihm wieder der Gedanke, der doch hinter allem steht, ob für diese Sekte die Emanzipation zu erlangen wäre. Er bezweifelt das und erwartet „von dem echten Geist des Protestantismus, daß er auch uns und unser System bergen und schützen wird." Das Entscheidende sind die Schlußsätze: „Schreibt übrigens die Religion der Prvtestauten gewisse Zeremonien vor, so können wir uns diesen als bloßen Formen, die zur Ans. nähme eines Gliedes in eine Gesellschaft erfordert werdem wohl unterwerfen. Wohl verstanden, daß wir mit Grund vvrcmssttzen, diese Zeremonien iverdcn nur als Handlungen, als Gebräudjc gefordert, um zu beurkunden: Daß das aufgenommene Mitglied die ewigen Wahrheiten ans Ueberzengung angeiwmmen und sich den daraus fließenden Pflichten als Mensch und als Staatsbürger unterwirft, nicht aber als Zeichen, daß derjenige, der sie vollzieht, stillschweigend ein-gesteA es. nAme die Tpgmen der Kirche dieser Gesellschaft gläubig an." Und daun die Schlußbeinerknng: „Möge übrigens dadurch der Ausspruch des Propheten Zcphanja in Erfüllung gehen: Einst werde ich bei den Völkern die Sprache läutern. daß sie alle den Namen Jehova erkennen, und ihm dienen einträchtiglich." Die Schrift machte ungeheures Aufsehen. Sie ist damals und später verschieden beurteilt worden. Ungerecht ist der Geschichtsschreiber der Romantik, Rudolf hay m, lvcnn er sagt: „Die aufgeklärten Verächter der Religion ans jüdisch';' reichten denen ans christlicher Seite die Hand, denn auch in; jüdischen Lager hatte man, seit der ehrliche Mendelssohn Lavaters zudringlichen Bekeyrnngseifer ernst und kräftig znrückgewiesen hatte, Fortschritte in der Richtung des Jndisfercntismns gemacht." Schleiermachers Biograph, D i l t h e y hebt mit Recht hervor, daß c§ den Juden erscheinen konnte, daß die Aufklärung alles, was das Christentum von einer abstrakten Vernnnstrcligivn schied, beseitigt habe, und daß so der Gedanke der Begründung einer Gemeinschaft des reinen Vernunftglaubens innerhalb des Christentums habe entstehen können. Friedländers Anerbieten lief doch auf die Zumutung hinaus, innerhalb eines fehr denaturierten Protestantismus ein ebenso denaturiertes Judentum als Sondergruppe zu dulden. Das ging das Christentum an, in das dadurch ein Fremdkörper hineingetragen worden wäre, für das Judentum hätte die Durchführung den Todesstoß bedeutet. Die zweite oder gar dritte Generation hätte die Sonderstellung nicht aufrechterhalten. Eine Flut von Streitschriften für und Wider trat hervor, die meisten recht minderwertig. In einer von ihnen wurde auseinandergesetzt, inan solle ohne viel Aufhebens die Inden ohne Rücksicht auf die innere Ueberzeugung zur Taufe zulassen. Diese Schrift hat 'ganz besonders den Zori; Schleiermachers erweckt. D i e I u d e n schwiegen. Wer sollte auch für sie reden, wenn der, der nach Mendelssohn ihr Sprecher war, selbst die weiße Fahne aufgezogen hatte. Teller selbst antwortete verbindlich, lelbstverständlich ablehnend. Es muß für Friedländer hart gewesen sein, in der Antwort zu lesen: „Aber, möchte ich Sie nun fragen, nicht >üs christlicher Thcolvg, sondern als Freund einer and; fluten, wünschenswerten Sache, warum lassen Sie es n-icht vor der Hand dabei bewende», das reine Gold Ihres ursprünglichen israelilischen Bekenntnisses von den naehyer hinzngekoiii' menen unedlen Teilen geschieden zu I;abc»' Schon damals, da Lavater an Ntvses Mendelssohn, ehrvotten Angedeulens, die belanntcx rauhe Aufforderung ergehen ließ, wünschte id) nicht int geringsten, nebst mehreren von kälterer lieberlegung, daß er sid) daran kehren möchte." Dreißig Jahre nach Mendelssohns Händel mit Lavater mußte sich Ntendelssohns N'och" fahre von einem christlichen Theologen dergestalt zurechtweisen lassen. In den Kreisen der jüdischen Prominenz scheint nur einer seit» geblieben zu sein: Marcus Herz. Warum er nicht selbst das Wort ergriffe!; hat, Nüssen wir nicht. Er hat das Verdienst, seinen Freund Schleiermacher veranlaßt zu haben, eiit.p greifen. Ebenso wie Friedländer schrieb Schleiermacher anonym, aber jedermanu wußte, daß er es war. Die „Briefe be; Gelegenheit der politisch t l^e 0 l 0 * gischen Aufgabe und des Sendschreibens j ü discher H a u s v ä t e tv „von einen; Prediger außerhalb Berlins ‘ haben in 135 Jahren wenig von ihrer sprünglichen Frische eiugebüßt. Nicht^atles lesen wir gern. Das liegt aber an der Snch,^ nicht am Verfasser. Mit schneidender Jrome wird Friedländer gegeißelt: „Wie tief verwundet muß besonders der treffliche Friedländer sein! Ich bin begierig darauf, ob er niäjt anfstehen wird, um seine Stimme zu erheben gegen diesen Verrat der b c ss e r en S ach c . . ." „Warum denn über alle Atöglichkeiten,^welche inzwischen liegen, hinweg, jener gennülige Sprung ins Christentum hinein" . . . „und zwar sv >>n-' graziös, wie er hier geschieht, mitten unter den ernstesten Protcstationei; gegen dasselbe »nd und unter den tvnnderlichsten Gebärden, welche offenbar zeigen, daß eveder Liebe zur neuen nach Haß gegen die alte Religion die Ursache dieser lKwerjälligen Veränderung ist,"

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