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Central-Verein-Zeitung · 1934-02-08 · 6 (8.2.1934) · page 9

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
6 (8.2.1934)
Date
1934-02-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Ijk Mv.6 OUC'wJüUv. Die eigentümliche Schönheit und Größe der Propheten ist erst im späten 19. Jahrhundert entdeckt worden. Das bedeutet natürlich nicht, daß nicht immer im Judentum Me in den christlichen Kirchen ihre Strafreden wie ihre Tröstungs- Worte, ihre sittlich.sozialen Forderungen wie ihre Zükünftsverhcißung erschlossene Seelen gefunden hätten, die von der Wucht ihres Geistes zu Boden geworfen oder auch zu gläubiger Willensbereitschaft im Handeln und im Erleiden entflammt , worden wären. Im Gegenteil, solange der alte, von der Ge-; wißheit der übernatürlichen. Wahrheit gefügte Glaube Un- ' erschüttert in den Herzen lebte, waren die Propheten sehr aktuell; und zwar in ihrem eigentlichen Berufe als Propheten, als Vorauskündiger. Die Evangelien wie die rabbinischen Schriften sind ein einziger Beweis dafür, wie man sich stets wieder auf ihre Weissagungen berief. Ihre messianischen Verheißungen wirkten direkt und indirekt in den Zukunfts- Hoffnungen des Judentums fort, zumal wenn bis in die neue . Zeit hinein sich wieder und wieder eine Welle jenes heißen Glaubens erhob, welche die harrenden Seelen zur Pforte endgültiger Erlösung emporzutragen schien. Und bei der Erneuerung der alttestamentlichen Religion im puritanischen (Christentum beobachten wir, daß ein Glaubensstreiter wie Lliver Cromwell die staats- und kirchenpolitische Situation seiner Tage geradezu in-der Deutung des Propheten Jesaia erschaute und überzeugungsvoll von, jenem Lichte her die eigene und die Erleuchtung kurzsichtiger Gegner erwartete.! i Aber das alles ist Wirksamkeit vom Dogma her oder auf Grund der im Uebernatürlichen verankerten Gläubigkeit. Hier waren die Propheten mehr oder weniger in die feste Institution der Offenbarungsreligion selber eingegangen. Von dieser Haltung muß man die Ausstrahlung scheiden, die in der modernen Zeit von ihnen ausströmt. Die historisch-philo- '• logische Betrachtung der biblischen Schriften, wie sie — heute auch schon wieder an manchen entscheidenden Punkten korrigiert — in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts herrschte, entdeckte in den Propheten, in Amos, Hosea, Jesaia, . Micha, Jeremia, Ezechiel u. a. die frühesten für uns. Nachlebende überhaupt in plastischer Greifbarkeit vorhandenen Persönlichkeiten der Bibel, wahrscheinlich die ältesten uns ' sichtbaren Gestalten der Weltgeschichte. Sie. allein scheinen aus Mythos, Sage und Legende, aus rein dichtender Phantasie und den Nebelschleiern bloßer Einbildung mit festen Konturen hervorzutreten. Woran jedenfalls soviel richtig ist, daß wir ' in den ihre Namen tragenden Schriften unleugbar eine Fülle von „rechten" Worten besitzen, die uns ihre Art wie das Wollen ihrer Zeitgenossen klar und scharf malen.. Lehrt alle Ueberlieserung uns meist gewisser die überliefernden Schreiber als - die beschriebenen Menschen und Dinge kennen, so war hier bei den Propheten auf festem Grunde Fuß gefaßt. Waren eS aber Sterbliche von Fleisch und Blut, keine Legeudengestalten noch mythische Helden, so wiegen ihre Worte als ihre Worte, und sie geben uns den Zugang zu Herzen, in denen.das Brennen des göttlichen Feuers unmittelbar'zuverspüren,, in denen die Lebendigkeit der Erleuchtung noch nicht zur wohlumschriebenen Klarheit einer Lehre abgedämpst ist. So erfassen wir sie nicht als Träger estwr Wahrheit, D»n RaM«Ä: D«. Max.Wiener■' eines Glaubens,' der die' wahre, die richtige Lehre; von Gott und seinem Gebot! in sich birgt, sondern als die, die auf das von Gott zu ihnen: geraden Wegs dringende Wort selber erst. horchen, die selber Offenbarung s ind, nicht, eine vermitteln. So ist ihr Sein viel bedeutungsvoller als ihr Geben, ihr Erfahren und Leben wichtiger-als das, was sie etwa für unsere Lebenserfahrung leisten könnten.' Sie wirken, sofern sie wirken, wie nur eben Seele in Seele eingeht, wie Menschliches Menschliches zu entzünden vermag. Denn in ihrer „Lehre" ist nicht Eigentümliches, was wir nicht in anderen Teilen der Bibel, vor allem in der Tora, auch finden, ja, was wir nicht dort schärfer geprägt, deutlicher Umrissen, mehr auf den Praktischen Daseinsgebrauch zugeschnitten vor uns haben. Das erklärt sich aber nicht so, wie es das alte Schema der kritischen Bibelwissenschast wollte, daß die Propheten im Wesentlichen dem Gesetzbuch der Tora vvrangohen; denn wir wissen längst, daß religiöse Gebote und auch andere generationenlang im Bewußtsein der Menschen wach sein können, bevor sie sich zu einem Gesetzeskodex verdichten. Diese Tatsache muß man sesthalten, wenn man sich darüber Rechenschaft geben will, was sie uns, uns Menschen von heute, bedeuten können. Es ist sinnlos,. Persönlichkeiten, in denen die Feuerflüssigkeit ursprünglicher Ergriffenheit durch den. göttlichen Geist wallt und glüht, als „Borbilder" anzuschauen. ■ Schon der gewöhnliche Sterbliche kann das Beste, was .er hat, weder verschenken noch autzleihen. Sie sind auch keine Erzieher in irgend einem annehmbaren Sinne dieses Wortes; denn es fehlt ihnen jedes Verständnis dafür, daß der Lehrer zum Schüler sich hjnüberneigen, Herz und Geist des zu Erziehenden in Selbstentäußerung erst erfassen inuß. Sie aber leben und handeln ans jener Paradoxie des Angeredetwerdens durch Gott.heraus, die ihren Zeitgenossen nicht wemger unbegreiflich war als dem gewöhnlichen Leser von heute. Wenn Jesaia. auf Gottes Befehl drei Jahre lang „nackt und bloß" unter seinen Mitbürgern erschien, Hosea eine Dirne zum Weibe nahm und Kinder von ihr sich gebären ließ, so vermochten die Menschen jener Tage mit dieser ungeheuren Pa- . thctik des Absonderlichen so wenig anzufangen tvie mit allem anderen Unheimlichen, was diese Männer redeten und taten.. Wir aber dürfen diese Züge nicht aus dem Bilde der Propheten wegretuschieren, "um ein uns überschaubares Gemälde „sittlich-religiöser Persönlichkeiten" zu erhalten. Sieht man genauer.auf ihre Geschichtsbetrachtung hin und auf die zu Politischen Ratschlägen sich verdichtenden Mahnungen, die sie an die Könige und Führer des Volkes richten, so bleibt kein anderes Urteil, als daß sie utopische Schwärmer gewesen sind. Womit nicht gesagt ist, daß ihr zumeist erfolgender Rat, ihr Volk solle sich von den Wegen der großen Politik zurückhalteu und alles der göttlichen Meltplanung überlassen, sich nicht in vielen Fällen als praktisch vorteilhaft erwiesen hätten Das; liegt aber nur daran, daß Nichthandelu sich oftmals als vernünftiger heräüsstellt als das Falschhandeln. Fragen wir uns nach.dem Gehalt ihrer sittlichen Forderung, so antworten sie uns immer wieder, daß sie nichts, verlangen, was dem Volke: aus/seinen. uralten ..Gottesoffenbarungen, ja aus was Er hat dir fyundgetani o, Mensch, war gut ist. Undwar fordert der Herr von dir? Dqch nur Recht tun, Güte lieben und in Demut handeln .mit, deinem Gott. ' . (Micha 9, 8.) , Lernet Gutes tun,,, trachtet nach Recht, steht den Vergewaltigten bei, sprechet Recht der Waise, nehmet euch der Witwe an. (Jc$, 1, 17.) . . Und es Wird geschehen am Ende der Tage, da wird, der Berg des Hauses des Herrn auf gerichtet sein über den Bergen, und et überragt die Hügel, und Völker strömen zu ihm. Viele Stämme werden gehen und sagen: Lasst uns hinaufsteigen zum Hause des Herrn und zum Hause des Gottes Jaakobs, dass er uns lehre von seinen Wegen und wir auf seinen Pfaden gehen, denn von Zijon wird die Lehre ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem. (Micha 4, 1—2.) allen Menschen von natürlicher Gewissenserkenntnis, dort eingeborenem Gefühl her wohlvertraut sein müßte. Es ist ein wesentliches Stück ihrer Eigenart, daß sie völlig nnoriginal zu sein glauben, daß sie nur das alte, längst bekannte, int ehrwürdigen Gesetz wie im Herzen der Menschen Geschriebenes wieder ans Licht stellen wollen. . Diese beiden Pole ihres Seins muß man zusammen im Blickpunkt behalten, wenn man überhaupt ein Verhältnis zu ihnen gewinnen will: der allmächtige, geheimnisvolle Gott in unnahbarer Heiligkeit, der die höchste, ja die einzige in dev Menschenwelt wirkende Kraft ist. die gewisseste Gewißheit, aber weil unendlich überlegen, jedem Zugriff, jeder Klärung durch den Sterblichen spottend, zürnend und liebend, schassend und vernichtend, unendlich fern und ganz nah zugleich — das absolute Geheimnis und der unbedingt Wirkliche und Lebendige. Dann der Mensch, vor allem seine Menschen, sein au*» erwähltes Volk, däs er. Schöpfer und Eigner des Alls, sich erkoren, weil es ihm so gefiel, dem er sein Gebot ins Herz und noch dazu sichtbar und deutlich als die Offenbarung seines Willens gegeben hat. Religion und Sittlichkeit ist hier eins. Das will aber nicht in der Weise eines Vernunftglaubens, sozusagen des gesunden Menschenverstandes lehren, daß Religiosität sich in Wahrung von Gerechtigkeit und Menschenliebe», von Treue und Aufrichtigkeit, in der Sorge für den Schwachen und Armen, für den Fremdling, die Witwe und -Waise erschöpft; — das altes ist in den Versen, den Paragraphen des Tvra-Gesetzeü viel bündiger und genauer, viel mehr ausgeführt und ausgefeilt niedergeschriebou. Man vergleiche nur das bis ins Einzelne höchst überlegt abgefaßte Gesetzeswerk über das Jobeljahr im 6. Buch Moses, das Ideal aller Bodenresormer, mit den hingeworscnen Sozialforderungeu des Amos oder Jeremia. Vielmehr ist bei ihnen die Moral eingeschmolzen der vom Menschen verlangten Haltung zu Gott' überhaupt, das heißt den Grundforderuugen des Gehorsams, , der Ergebung und der Treue gegen Gott. Gerade weil bei. ihnen die moralischen Forderungen viel primitiver, dementtarer erscheinen als in anderen Teilen der Bibel, in der Tor,r oder in den Sprüchen Salomons. von der späteren rabbj^ irischen Ethik ganz abgesehen, erkennt man deutlich, daß sie von ihrer Gläubigkeit unablösbar sind. Und diese Gläubigkeit, sich klammernd an einen Gott von unsagbarer Rätselfülle, dessen Geist unwiderstehlich seine Knechte eben die Propheten, packt, dessen Wort wie Feuer brennt, der unheimlich t H-_J M 5.- rdlenst •am^n u. gewandt. •r!a" Iiln. LBrückol ), Ri:r!;j>.) EL_:J rascs 13 «verFot/p. Jederzeit. lufenthalt. * ^WeiterlOi: tlnnen ,;Len s :hen s oM =2 und Ü Von DT» Hems KM?ch (AsrM) Die Protestanten gedenken dieser Tage Friedrich Daniel Schleiermächers, . der vor hundert Jahren, am 12. Februar 1834, gestorben ist. Jedermann weiß von fernen „Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern". Wenig ist bekannt, daß auch wir Juden besondere Ursache haben, in Dankbarkeit uns seiner zu erinnern Als der jrrnge Eharitö-Prediger 1798 nach Bcrlrn kam. trat er in Beziehung zu den dortigen jüdischen Kreisen, vor allem zu dem Hause des Arztes Marcus Herz, mit dessen Gattm Henriette ihn eine jahrzehntelange vertraute Freundschaft verbarrd. Trotzdem rhm^ der Verkehr mit jüdischen Häusern verschiedentlich übelgenommen wurde, hat er ihn vorurteilsfrei aufrechterhalten. Die Berliner jüdische Gesellschaft jener Tage wrrd meist falsch und einseitig' beurteilt. In rhrem Mittelpunkt standen die Frauen, wahrend die Männer sehr zurücktraten. Am auffallendsten war aber, daß in diesen so berühmt gewordenen jüdischen Salons jeweiligen Wirten kaum Juden anzutreffe waren. Eine ganz überwiegend christliche Gesellschaft fand sich in Mischen Hausern zusammen. Die geistige Bedeutung emiger Frauen - (Henriette Herz, Brendel. spater Dorothea Mendelssohn. Rahel) steht außer. Frage Es muß aber einmal offen gesagt werden, daß es doch -eine völlige Verkennung der Dinar ist, wenn man daraus, daß diese SrmTwi tfmm seste» Platz in der den!sthen Lite a uraelSichte l,ab°". die Berechtigung ßernstnmt' sie als besondere Prunksigure» m habeii^sie'sich ^ufen^lassen!^D/e'bekannteste Mekk°nnLV°ins'n!'kv°^.dM-M damit abzufinden; daß sie' als Jüdin geboren war. Nicht einmal mit Würde'hat sie das Unvermeidliche zu tragen gewußt; Auch Dorothea Mendelssohn.: diese Tochter dieses Vaters, brachte es fertig, in einem Brief an Schleiermacher von dem Judentum zu schreiben, das sie verabscheue. Schleiermachers Freundin Henriette - Herz hat sich von solchen Ausschreitungen freigehalten.; Ihr spät erfolgter Uebertritt (1817) war zweiffellos ernst gemeint. Es besteht kein Anhalt dafür, daß Schleiermacher 'zu ihrem Entschluß beigetragen hat. Er ist überhaupt kein Freund des Proselytenmächens gewesen und hat das in einer für das Judentum kritischen, ja verhängnisvollen Zeit bekundet. Davon soll jetzt die Rede sein. 1769 erregte es in ganz Europa Aufsehen, als Lavater Moses;Dtendelssohn'. die Schrift von Bonnet ^Untersuchung. der, Beweise für: das Christentum" zusandte,' mit der öffentlichen Aufforderung, sie,entweder zu widerlegen' oder - sich - taufen zu, lassen. Unter. dem Beifall,- man kann sagen:, der europäischeu öffentlichen Meinung, konnte Mendelssohn die Zumutung ablehnen. Lavater hat. sich ritterlich entschuldigt. Damit-schien die Gleichberechtigung des Judentums aus geistigem Gebiet erkämpft. - Von damals bis zu Schleiermächers Eintritt in Berlin waren dreißig'Jahre verstrichen; Mendelssohn-war etwa fünfzehn Jahre tot. ein geistiger Nach- ' wuchs schien vorhanden, Marcus Herz, ein - vertrauter Schüler Kants, nahm eine angesehene Stellung ein,.ebenso David F'r i e d - Länder, zugleich Kaufmann-und-Gelehrter.' Für die jüdischen Kreise waren diese dreißig. Jahre äußeren,und inneren Aufstiegs eine Zeit steigender; äußerer.;und innerer . Spannung; Die Arrivierten.- erfüllten sich deutscher Bildung, vorandie Frauen, die dazu mehr Muße Ratten als die im- Geschäftsleben, stehenden Männer.. Nicht allen gelang esgleichmäßig, aut; Ebenso boshaft - wiezutreffend, sagt D-i l t h e.y: „Man bemerkte,, " daß. die Damen;eilten4 die; höHstzn ■ Stufest ■ der Bildung zu ersteigen, ohne die mittleren berührt zu haben." Mährend die Bildung der Männer noch vornehmlich in der Aufklärung wurzelte, schlossen sich die' Frauen der damals neuen Literatur und.später der Romantik au. Auch auf religiösem Gebiet bestand eine Spannung. Man hätte noch nicht einen Ausgleich zwischen der überkommenen Strenge zeremoniälgesetzlicher - Bindungen und den Erfordernissen modernen Lebens gesunden. Mendelssohn selbst ist hier einer Entscheidung ausgewichen. Dabin liegt eine der Hauptursachen für seine geringe', unmittelbare Nachwirkung. Libera-. lismus wie nwderne Orthodoxie ruhtm noch im- Schoße der Zukunft. Religiös war die Lage ganz unbefriedigend. Das Zeremonialgesetz wurde von dem Vortrupp der Gebildeten in einem Grade als hemmend empfunden, der . für uns heute kaum noch vorstellbar ist.' Eine moderne Gestaltung des Gottesdienstes hatte man noch nicht, die-christlichen Dogmen lehnte man ab. der positive Kern des jüdischen religiösen Bewußtseins wurde zusehends schwächer empfunden. Und das wenige Jahre nach Mendelssohns Tod.- in seinem nächsten Kreise. Bei den Frauen lag es besonders schlimm. . Alle' Zeugnisse damaliger Zeit besagen.. daß ed ber -ihnen an einer religiösen Erziehung fast völlig gefehlt hat. Das Verhalten der Rah'elE ist nicht zu entschuldigen, aber zu Begreisenwenn man erkennt, daß sie religiös völlig entwurzelt-war. Neben . dieser Spannung auf religiösem Gebiet lag die andere 'zwischen der Stellung, -die man. nach Bildung, und. Tätigkeit bean- - spruchen zu können glaubte, und der äußeren Stellung, die man im Staat hatte. Was das bedeutete, können wir heute wieder; verstehen, :aber anders als heute wo die R a s.s e entscheidet — kam es damals nur auf die Religion . an. Wer sie aufgab, war vollberechtigt. Groß war'die-Bersuchung. durch Aufgabe einer Religion, in der man sich längst nicht mehr so heimisch fühlte, wie die Väter es getan, die " .bürgerliche Gleichberechtigung zu gewinnen. In jenen Zeiten der abklingenden Aufklärung lag der Gedanke einer allgemeinen Vernunftreligivn in der Luft, und die aufgeklärten Juden wußterr. daß ihre aufgeklärten christ^ lichen Freunde die christlichen Dogmen vielfach nicht wörtlich und nicht streng nahmen. Da inochte der Gedanke anftauchen. ob sich nicht eine Brücke finden ließ. Tatsächlich ist der Versuch dazu gemacht worden. Es ergab fid) die Tragikomödie, daß Führer des Judentums sich öffentlich erboten^ sich taufen zu lassen, wenn ihnen nur ein angemessener Nachlaß an Dogmengläubigkeit gewährt wurde. Damals hat Schleicrmacher eingegriffen und hat, in christlicher Weise allerdings, aber doch so, daß jedem Juden dabei das Herz aufgchen kann, das gesagt, was man gern von einem Juden, ans jüdische Weise gesagt, gehört hätte. : Die merkwürdige, für das Judenbun recht beschämende Angelegenheit bedarf näherer Beleuchtung, um richtig belvertet zu werden. Die Lage der wirtschaftlich und geistig vorgeschrittenen Gruppe, der Friedländer, Ephraim, Jtzig usw. war in der Tat bedrückend. Der Federführende unter ihnen, David Friedländer, hat die Beengtheit, unter der sio litten, und vor allem die nagende Sorge nur das Schicksal der Nachkommen ergreifend geschildert. Sie wollten so gern Juden bleiben,- aber ebenso gern Deutsche und Staatsbürger werden. In den achtziger Jahren war es über dre „Reform der jüdischen Kolonien rn Ben Preußischen Staaten" zu Verhandlungen mit der Regierung gekommen, bei denen Friedländer, der auch die Aktenstücke darüber herausgegeben hat, der Wortführer der Juden war. 1792 ließ die Negierung wegen der Kriegsläufte die Sache liegen. Erst zwanzig Jahre später, 1812, kam es zu dem bekannten Edikt. Damals ist den Männern um Friedländer die Geduld und der Glaube an dreZiikunft verlorengeaangen. Sie hatten das Gefühl, daß es so nicht weiterginge. Die bürgerliche Gleichberechtiglmg hing vom Taufschein ab. Sollte es nicht möglich sein, aus i u ui M ■'Jhx

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