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Central-Verein-Zeitung · 1934-01-25 · 4 (25.1.1934) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
4 (25.1.1934)
Date
1934-01-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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sjpir< eme neue Von Dr. Friedrich Brodnifz i®.übi© ./ H©tif£B©latiaHa§©sa H1b©ip ®sre'ff©mwsai,2 WMZ SBtis.uaiffi.S4 M©K ®!©BE4®ffiSa©ia «ItadeiatmHm© In Zeiten eines großen Umbruchs zu leben, ist Verlust und Gewinn . zugleich. Verlust, weil alte, liebgewordcne Denk-- und Lebensformen brüchig werden, Gewinn aber. auch, weil eine tiefgehende Ueberprüfung alles Gewordenen Gelegenheit gibt, Ueberledtes von Lcbenöträchtigem zu sondern, eineder großen Selbstprüfungen zu halten, zu denen der einzelne und die EemeinschasU nur im Banne einer Schicksalswende kommt. Für die deutschen Juden war und ist der Emanzipationsgcdanke der Angelpunkt ihres Strebens. Die Starrheit der Parteimeinungen, die von allen ernsthaften Juden bedauert wird, hat lauge eine Ueberprüfung seiner ideenmäßigen Grundsätze in Anpassung an gewandelte und neue Tenksormen verhindert. Heute weigern sich nur die ewig Starren noch, in eine solche Ueberprüfung einzutrcten. Aber bei vielen — und es sind nicht - die Schlechtesten unter uns — wächst die Befürchtung, daß mit dem lebensunfähigen Dogma auch das lebendige Erbe der Vergangenheit über Bord gehen könnte. In der neuentfachten Aussprache ist nun der Begriff der Gruppenemanzipation ausgetaucht. Tie diesen Begriff befürworten, haben viel in ihn hineingeheimnist. Die, die ihn bekämpfen, erklären if)U für unverständlich. (i* ist deshalb vielleicht angebracht, als Grundlage einer Aussprache den Versuch zu machen, den Begriff der Gruppenenranzipativn in seinen einfachsten Linien zu zeichnen. Eines muß vorweg gesagt werden: wir, die wir den Begriff der Gruppenemanzipation vertreten, und das schon zu Zeiten getan haben, als der Umbruch der Zeiten nicht so sichtbar in Erscheinung getreten war, glauben nicht, damit eine neue Erfindung gemacht zu haben. Wir knüpfen.— in der Linie, die wir verfolgen — an das an, was frühere Generationen nicht nur als K'lal- Gedanken gekannt, sondern auch gelebt haben. Israel bürgte für einander, nicht in Passiver Berantwvrtung für das Tun des einzelnen, sondern es formte sein Leben gemeinsam. Wir müssen, und das ist die Grundlage unserer Betrachtung, die ewigen, unveräußerlichen Forderungen von den zeitlichen Wegen trennen, auf denen sie vertreten werden. Es gibt keinen Lösungsweg der Judensrage, der ewige Gültigkeit hätte, aber es gibt r'wige Ziele, zu denen alle Wege führen müssen. Ter Weg des deutschen Judentums hat unmerklich in eine veränderte Landschaft geführt. Tie Welt um uns hat den Bruch mit dem 19. Jahrhundert vollzogen. Statt in Individuen denkt sie in Gruppen. Wir sind noch liberalistisch individualistisch geblieben, als um uns herum, bereits die Wandlung zu kollektivem Denken vollzogen war. Tie Emanzipation der Juden siel mit dem Frührot des liberalen Zeitalters zusammen, dem die Welt unendlich viel Großes und Schönes verdankt. Die Juden verdankten ihm ihre Befreiung, und so hielten sie länger als die Umwelt daran fest. Man konnte sich Emanzipation nur so vorstellen, daß der freie Einzelmensch in einer freien Umgebung emanzipiert wird, das Individuum vom Individuum als gleich anerkannt wird. Wir wollten nicht die wachsende Gruppenreaktion sehen, die uns, nicht als einzelnem, sondern der Gruppe gegenüber in Erscheinung trat. Unser Zusammenschluß in Organisationen war nicht Zusammenschluß zur Gruppe. Man ' hat dem einzelnen die Forderung gestellt, baß er, gestärkt durch den Rückhalt einer Organisation, die individuelle Emanzipation im Sinne des individuellen Liberalismus durchsetze. Damit haben wir Schissbruch erlitten, und das. weil wir uns bis zum letzten Augenblick gesträubt haben, zur Kenntnis zu nehmen, daß die Welt um uns herum sich gewandelt hatte. Man stellt nicht mehr. Einzelmenschen als einzelverantwortlich der Welt gegenüber, sondern man hat erkannt, daß die Menschheit in Gruppen von Menschen zerfällt, die durch eine bestimmte Entwicklung und eine gemeinsame. Willens, richtung geeinigt sind. Wir müssen nun mit der Tatsache rechnen, daß bie nichtjüdische Welt uns als eine Gruppe ansieht, die nicht nur durch ein gemeinsames Bekenntnis zu einem bestimmten religiösen System geeinigt ist, sondern als eiE wohlcharakterisierte, biologisch-soziologische, eine historisch gewordene Gruppe, bei der das gemeinsame Bekenntnis entscheidender Entstehungssaktor gewesen ist. Der. einfache Mensch, wie'der Gebildete, sieht uns so, sah uns so auch schon in Zeiten, in denen wir nur das Einzelwesen gelten ließen. Wenn jetzt der Staat neu aufgebaut wird, können wir Juden unseren Platz in ihm nur als Gruppe finden. Nicht der einzelne deutsche Jude kann vor feinen deutschen Volksgenossen hintreten und sagen: ich will mit dir zusammen das Problem lösen, wie wir beide in einem Dolk Zusammenleben können. Man wird von uns verlangen, daß wir einen Gruppenwillen Herausstellen und vor die geschlossene Gruppe der anderen hintreten, um über die Lebenssphären zu beraten. Das Entscheidende ist, daß man nicht mehr dem einzelnen deutschen Juden gestatten wird, sein Problem, Einordnung in die deutsche Volksgemeinschaft, individuell zu lösen. Das Zeitalter individueller Lebensgestaltung, individueller Lebeusordnung kommt für unsere Generation nicht wieder. An seine Stelle tritt Gliederung nach Gemeinschaften. Diesem Umbau ist heute der nichtjüdische Deutsche genau so unterworfen. Dem wirtschaftenden Menschen wird auch nicht mehr die schrankenlose Freiheit des Unternehmertums gelassen. Selbst in Amerika unterwirft sich jetzt der Staat den Eigennutz des Produktionsapparates. Gruppenbildung braucht, das wissen wir heute, kein Ende der Freiheit zu sein. Freie Menschen können auf einen Teil ihrer persönlichen Bewegungsmöglichkeit verzichten, weil, er Ahnen in der ' höheren Freiheit der Gruppe wieder geschenkt wird. Wir geben auch hiermit nichts von den alten Grundsätzen.des Central-Aereins auf; wir suchen vielmehr gerade, um die Verbundenheit mit deutscher Kultur weiter pflegen zu können, uns aus neuem Wege in das deutsche Volk als Gruppe einzusügen. Die deutschen Juden wollen — das ewige Ziel — die Freiheit und Gleichheit ihrer Geltung als Deutsche aus beruflichem, sozialem und politischein Gebiete erreichen. Sie können aber unter gewandelten Verhältnissen nur dann für dieses Ziel arbeiten, wenn sie zunächst einmal der geschlossenen Gruppe eine gewisse Freiheit der Lebensgestaltung erringen. Nur ein geschlossenes deutsches Judentum unter einheitlicher Führung kann zu einer aussichtsvollen Emanzipationsarbeit kommen. Praktisch gesprochen heißt das, daß z. B. die jüdische Gemeinschaft dem einzelnen nicht mehr beliebige Freiheit des Lebensweges lassen kann. Eine Normalisierung unseres Berufsausbaues in Angleichung an die Verhältnisse der Umwelt ist notwendig. Das braucht nicht schematische Anpassung zu bedeuten, will nicht besagen, daß es in kleinen und kleinsten Erwerbszweigen nur genau ein Prozent Juden geben wird. Aber die jüdische Gemeinschaft muß das grundsätzliche Recht haben, den Aufbau und die Durchgliederung ihres .Hauses in die Hand zu nehmen. Ter einzelne Jude lebt zunächst in diesem Hause; erst dadurch, daß dieses Haus mit seiner engen Bewohnergemeinschast im Verbände einer Stadt steht, wird er Stadtbürger. Erst über die Emanzipation der geschlossenen Gruppe gewinnt der einzelne den Anschluß an die Gemeinschaft, die die Gruppen zum Volk zusammenfaßt. Das bedeutet das Gegenteil von Ghetto, denn eS verschließt sich nicht der Zeit, sondern ist ihr geöffnet. Es ist eine Entscheidungsstunde für das deutsche Judentum, wenn es den Weg der Emanzipation weitergehen will, den Anschluß an neues Denken zu finden. Es ist ein Fehler, wenn das deutsche Judentum eine Emanzipation zu behaupten sucht, wie sie von 1800—1983 bestanden hat, aber nicht bereit ist. den Weg mitzuschreiten, den die deutsche Nation von 1933 ab zu gehen beginnt. Wir können und wollen nicht den Reichtum preisgeben, den deutsche Kultur und Natur uns gegeben hat. Wir können und werden nicht den Anspruch ausgeben, mit unserem Leben und unserer Leistung etwas sür das deutsche Volk sein zu können. Wer wir erkennen den Anspruch des deutschen Volkes an, mit uns, der Gruppe der deutschen Juden, Grenzen und Weite unseres Lebensraumes, Form und Inhalt des Zusammenlebens im grundsätzlichen wie im einzelnen zu bestimmen. Was schreckt heute noch so viele unter uns vom Gruppengedanken ab? Sie sehen nur den B e r l u st, den Verlust an individueller Freiheit, die zweifellos damit verbundene Einschränkung auf unbegrenzte Mit- Nürkuug an den kulturellen, wirtschaftlichen und Politischen Interessen der deutschen Umwelt. Sie wollen es nicht wahr haben, daß eine solche Mitwirkung, die durch eine sichere Gruppensührung geregelt worden wäre, weit unbestrittener geblieben wäre. Sie sehen nicht ein, daß eine ideale Forderung im" grundsätzlichen oft nur sichergestellt werden kann, wenn man sich in der Verwirklichung bewußte Schranken auserlegt. Sie trauern dem scheinbaren Verluste nach, weil sie noch nicht den unendlichen Gewinn zu sehen vermögen, der aus der anderen Seite aus der Geschlossenheit der Gruppe erwächst. Würden wir den Zusammenschluß nur empfehlen, weil ihn der Zwang äußerer Um< stände befürwortet, so wäre es allerdings nur ein Verlust. Wer wir wollen mehr. Wir wollen teilnehmen an den geistigen Kämpfeft dieser Zeit, unserer Zeit. Pflege des Be* sonderen, des Gewordenen und Gewachsenen, um dann über die Besonderheit zum Allgemein-Menschlichen vorzustoßen, ist die Parole unserer Zeit. Wir greifen sie auf, denn sie bereichert auch uns. Sie ist uns nicht neu, ist beste jüdische Tradition. Nur wer sich seines besonderen Wertes bewußt ist. wer fest eingebettet ist in das Gefüge seiner eigenen Gruppe, ist reis und frei zum Leben mit anderen im größeren Verbände. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit einzelnen Parteimeinungeu im Judentum zu tun. Wir wollen unser Haus groß bauen, alles jüdische, alles große wird in if)in Platz haben. Wir werden nicht im Ghetto wohnen; in unserer wieder bescheidenen Stube wird die nahe und die ferne Welt zu Gaste sein. Wir werden aber auch sicherer sein in unserem Ringen um Anerkennung, gerechter in unseren Ansprüchen an die Umwelt und reicher, nicht ärmer, als Juden, als Deutsche und als Menschen. (fielstlg© HJsmjstfellmmg ->■ w£© weit? Von Dr. H. Stern, Berlin Das libyralistische Denken, ber Liberalismus als politisches Prinzip und die Emanzipation als die für uns Juden wichtigste geschichtliche Erscheinung desselben haben auch bei uns eine Kritik erfahren, die an dem Ausgang der liberalen und emanzipatorischen Epoche orientiert ist. In rein Praktischen Unternehmungen mag eine solche Methode richtig sein. Geistesgeschichtlicheu Entwicklungen gegenüber kann jedoch die Frage nach dem Wohin zu keinem gerechten Urteil führen; hier ist die Frage nach dem Woher am Platze. Denn die geschichtliche Betrachtungsweise geht aus und kann nur ausgehen vom Ursprung und den Voraussetzungen einer Entwicklung. Darum ist nicht das Bedürfnis des 20. Jahrhunderts berufen, das endgültige Urteil über die geistigen Prinzipien des 19. Jahrhunderts zu fällen, sondern das der Menschheit am Ausgang des 18., die diese Prinzipien ausstellte, und deren Leistungen im 19. Wir haben also, wollen wir ein objektives Urteil über Wert und Bedeutung des Liberalismus und der Emauzipation sür uns gewinnen, die Situation der vorliberalistischen Menschheit bzw. Judenheit zu erfassen, ihre Lage, ihre Bedürfnisse und die Mittel, diesen Ledürsnissen gerecht zu werden. II. Geistesgeschichtlich betrachtet, ist es unrichtig, das 18. Jahrhundert sür die Geburtsstunde des Liberalismus zu erklären. Wenn es das Wesen des Liberalismus ist, daß er die Freiheit des Indibiduums der Gebundenheit in der Gemeinschaft gegenüber proklamiert hat, dann sind der Liberalismus und sein Zwillingsbruder. der Individualismus, mit der Renaissauee geboren, die den Menschen geistig und — durch die Reformation — religiös aus den Bindungen des Mittelalters befreite und ihm das' Recht zusprach, seinen Standort im Geistigen selbst zu bestimmen. Während diese Entwicklung über Descartes,' die Aufklärung und den Humanismus bis zur vollen geistigen Freizügigkeit fortschritt. erleben wir die seltsame Tatsache, daß in der Politischen Sphäre die entgegengesetzte Entwicklung vor sich ging: Der Ständestaat kon-' servierte die sozialen Verhältnisse des Mittelalters bis zur Erstarrung, und der absolute Staat stabilisierte die politische Einflußlosigkeit des Untertanen bis zur Aushebung der Persönlichkeit. Das vorrevolutionäre Frankreich und selbst der aufgeklärte Absolutismus Friedrichs des Großen macht dem rückschauenden Blick diese Zwiespältigkeit besonders bewußt: „In meinem Staat kann jeder" — geistig und religiös — „nach seiner Fasson selig werden" — aber politisch gilt nur ein Wille, dem ein absolut willenloses Kollektiv gegenübersteht. Daß ein solcher Zustand un¬ ■rB f/ vr 410 4 io * vnr« 4ödänr s io Ist «Mmäsmw» haltbar, also geschichtlich überlebt war, liegt auf der Hand. Der Ausgleich mußte kommen: entweder durch Rückwärtsentwicklung des geistigen oder durch Vorwärtsentwicklung des politisch-sozialen und — nicht zu vergessen — des wirtschaftlichen Lebens. Daß die Angleichung des politischen Lebens i. w. S. an das geistige die geschichtliche Notwendigkeit war, beweist der damalige Sieg des Liberalismus selbst da, wo man ihm den härtesten und bewußtsten Widerstand entgegensetzte. Und die Leistung? Die liberalistische Jde§ hat einen Begriff und eine Erscheinung hervorgebracht, die das vorliberalistische Zeitalter nicht kannte: die P e r s ö n l i ä) f e i K Der Liberalismus hat die Stagnation im Ausgang des 18. Jahrhunderts in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft überwunden und ist zum Motor des — nehmt alles nur in allem — gewaltigen Aufschwungs int 19. Jahrhundert geworden. Denn er hat biß letzten schlafenden Kräfte in den Individuen wie in den vernachlässigten Volksgruppen — Bauern, Arbeitern, Frauen. Jugend — mobil gemacht und damit erst Staat und Gesellschaft die Mittel für ihre gewaltigen politischen und wirtschaftlichen Aufgaben zur Verfügung gestellt. Wenn man ihm heute die Zersetzung des Gemeinschaftslebens zum Vorwurf inacht, so sei daran erinnert, daß er der Schöpfer und Träger des Nationalstaats- und Volksstaatsgedankeus gewesen ist (Italien! Deutschland!). Er hat den sozialen Gedanken geweckt und in Deutschland zur sozialen Gesetzgebung geführt. Tie Gemeinschaften, die er abgelöst hat, waren nicht mehr die lebenerfüllten Organismen des Mittelalters, sondern deren ausgeblutete, entseelte Formen. Mit dieser Feststellung objektiver Tatsachen soll nun durchaus keine Anerkennung des Liberalismus als der einzig möglichen politischen Weltanschauung sür Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausgesprochen sein. Nicht mehr und nicht weniger sollte nachgewiesen werden, als daß der Liberalismus seine historische Aufgabe gehabt und gelöst hat. Mehr hatte er nicht zu leisten, und mehr h a t d a r u m niemand v o n i h m zu verlangen. Danach ist er den Weg alles Fleisches gegangen. Und des Geistes: insofern er von einer neuen Geisteshaltung und politischen Praxis abgelöst wird, die den andersgearteten Aufgaben einer neuen Zeit besser gerecht zu werden versprechen, die aber von seinem unzerstörbaren Gehalt genau so viel in sich ausgenommen haben, bewußt oder unbewußt, willentlich oder unwillentlich, wie jede neue Epoche vom Erbgut der Vergangenheit überninunt. III. Auch die Judenemanzipation ist nur zu verstehen und zu würdigen, wenn man Fortutzung der „Aimprache" Hauplblall 3. Seite nach auswärtsbemusterte verlangen sie ang ebofe - rücke CG90*180 w 90* 2?0 «90x360

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