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Central-Verein-Zeitung · 1934-01-04 · 1 (4.1.1934) · page 9

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
1 (4.1.1934)
Date
1934-01-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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j Von Fritz Engel l Die Nachricht: Von einer Vortragsreise - wd, Holland kehrt der Dichter Jakob Wasser-.! , frank in sein Hans nnd Poetenheim! steiermärkischen Alt-Aussee zurück. Nach! weniqen Tagen hört er aus, zu atmen. Er s ist noch nicht einundsechzig Jahre alt ge-! ^Wir' stehen in tiefer Erschütterung. Wir werden diesen seltenen Menschen niemals mhx sehen und hören. Diese gewaltige Stirn, : von widerspenstigem Haar umflattert, trägt i Piaffe des Gewesenen. Dieses Auge, das! immer zu suchen schien, immer nach den 1 großen Phantomen: Recht und Wahrheit, f jjijtöt verhüllt. Eine rasche äußere Beweg- 1 jjchkmt, Lpiegel einer nie zu stillenden inne- \ rell Unruhe, ist der letzten Starre gewichen. Uns bleibt nur übrig, zu klagen. Bleibt übrig, uns wieder aufznrichten und zu sagen: Wassermanns Werk ist da und besteht. sche, da8 wahrhaft jüdische Gefühl der Humanität. Er könnte Anlaß haben,, die Faust , zu ballen, um sich zu schlagen, nach dem Strafgericht des Himmels zu rufen. Er tut es nicht. „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich dal", kann über Wassermanns Gesamtwerk stehen. Die Schwächen der Menschheit bleiben ihm nicht verborgen. Wie wäre es sonst möglich, zu dichten? Erft aus dem Gegensatz zwi- ' schen gut und nichtgut entstehen die Konflikte, die nicht nur der -Dramatiker, die auch der Epiker zum Ausdruck zu bringen sucht. Aber, über der Erkenntnis der Schwächen steht der. Wunsch und die Fähigkeit, sie zu verstehen. Neber der Gefahr, das; der Einzelmensch und soziale Einrichtungen den Mitmenschen schaden und Humanität und Recht verletzen, schwebt die Hoffnung, bessern zu können, diesen Einzelmenschen, das ganze Erdenvolk, und uns alle dem Ziele zu nähern, das uns in göttlicher Sendung die großen Meuschheitslehrer aller Glaubensbekenntnisse gesetzt haben. Wir können nicht leben, wir dürfen nicht leben, wenn wir nicht das Ideal der Menschlichkeit und Gerechtigkeit aus den Regionen des höheren Seins herunterholcn. Das weiß, das will. Tag um Tag, Jakob Wassermann. Es ist nicht der bequeme Optimismus, der mißverstehend in dieser Welt die beste aller Welten sieht und dann alles gehen läßt, wie es gehen mag. Es ist der Optimismus, der die nun einmal vorhandenen irdischen Zwiespalte ausgleichen und begütigen will. Es ist -der Optimismus der vertrauensvollen Menschenliebe. Er durchleuchtet alles, was Wassermann geschrieben hat. Schon der junge Wassermann, dem Anr » . , . - b schein nach ein Flüchtling des geordneten Leh/a* pmtf 'U*'r tt+dk&ls } oc bens, vertieft sich in alte deutsche Chroniken. d *4*0&t4 'frdct/ut« später niemals nufgohört, das zu tun. acnut+f Die Geschichte des Frantengaus. also doch von Grübelei. Jakob Wassermann, -der Grübler! Was sagt man von den Deutschen? Daß sie Grübler seien und immer nach der letzten Klarheit forschten. Was sagt man von den Juden? Grübler seien sie, die in jede geistige Erscheinung die Sonde des Derstandes bis in die letzte Tiefe senken. Wassermann: Jude nnd Deutscher! Er ist in Fürth am 10. März 1873 geboren. Seine Jugend ist schwer. Er hat darüber geklagt,, und dieses Leid individuell heftig empfunden. Aber es ist wahrscheinlich, daß fein Schicksal das allgemeine des Künstlcrmcgschen war, dem es durch eine Willkür der Natur bestimmt ist, in einem artfremden - Boden answachsen zu müssen. Die Blume, der das zugedacht ist, verwelkt, ehe sie eine erste Blüte getrieben hat; der Mensch, wenn er nur genügenden Selbsterhaltungstrieb besitzt, hat den Willen zum eigenen Leben und JAKOB WASSERMANN ALTAUSSEE (STEIERMARK) S'zA/s *f. *f. IV (jt tAlAfr He**' Sckisflu* Im (Jl*7 T*kiio - 7*8» C*#* 44440^ 4Uf g444 ts%y af w* ** aeg&* Qe*a+rt va* mol Qt&u* totr+t'Li ***Au4te*t * tye&t, wf cfwpt oiqA. wo* &u>t fdatdb' ctnis %Oc(a*iXio' /Hud cUud u<U* muA* &tx&* oUua*. Qtc+te* &S4, fMlupAu* H | Jakob Wassermann an die C-V-Zeitung ih/C&ß dU&ud M dein Werk auch der Mensch. Die Erde mag den Menschen einhüllen oder die Flamme mag ihn aufzehren, er ist und lebt in feinem Werk. Wenn es jemals einen Dichter gegeben hat, der mit der höchsten Verpflichtung der schöpferischen Persönlichkeit, der Treue 311 sich jjlbft, an seine Arbeit gegangen ist, so ist es viakob Wassermann gewesen. Wenn Dichterin im letzten Kern nichts anderes bedeutet, als sich selber bekennen und niemals abzulauchen von der Richtung des inneren Kompasses auf die eigene Natur, und wenn erst dies einem Manne, der sich der Welt mitiült, dazu das Recht verleiht, dann sind die Echtheit des Toten und die kristallene Reinheit^seines Wesens beglaubigt. Jakob Wassermann — war er Jude? War er Deutscher? Vor dem Tatsacheuernst des Todes löst sich der Unterschied, wenn er überhaupt jemals Geltung 'hätte, wie eine lliolke im Winde aus. Wieder einmal bleibt "lchts anderes übrig als ein Zusammen- Itrömen in klarer, nebelfreier Luft. Jakob Hermann ist beides gewesen^ Jude und Kutscher. Er war nicht „oder", er war „und", jv* Sefer dieser Blätter wissen es, er hat sich hier oft bekannt, niemals in Ueberheblichkeit, wdem er etwa den Juden gegen den Deut-?n ausspielte oder umgekehrt; niemals mit , l?anschphrasen: stets ausspähend nach der j ^aibiose, an der zu zweifeln ihm ebenso \ Möglich war wie uns. Freilich sprach er ) ohne Abwägungen, aber sie offenbarten e J' daß er sich verpflichtet fühlte, einer ^0 der Gerechtigkeit zu dienen, die nicht n ihm, nur von anderen angezweifelt iitöe* In dieser Art ist auch sein Buch " cem Weg als-Deutscher und Jude" voll löst die Wurzeln aus einer Heimat, die ihm Fremde bedeutet. Gegen den einen Goethe, dem die Vater- und Ätntterwelt die ihm nützlichen Säfte zugefüyrt, stehen hundert andere, deren schöpferische Kraft sich zuerst daran zu äußern hatte, daß sie sich von jeglicher Bindung der Geburt gewaltsam sreimachten und sich ihr eigenes Dasein schufen. Jakob Wassermann entflieht dem Vater, der Stiefmutter. Wie wird er genannt worden sein? „Verlorener Sohn!" Er wird ein Landstraßenmensch, ein Bohömien. Was läßt ihn Betäubung suchen? Was jagt ihn so umher? Er selber ist es, der ihn jagt. Der Genius Peitscht ihn, damit er, blutig geschlagen, sich finden könne. Und mm,, da poetische Frül)versuche automatisch den Weg zum Schreibtisch zeigen, nun entwickelt sich gewiß aus den Bitternissen der Jugend ein Talent der Negation? Könnte eS unter solchen Umständen anders sein, als daß sich ein Schriftsteller erzeugt, der Gott und die Menschen verabscheut und lästert und der die Welt zerstören will, eine Welt, in der es nach seinen jungen Erfahrungen nur Trübsal und Verkommenheit gibt? Die Menschen verachten, sie restlos verurteilen, aus der Erde ein Sodom zu machen, überreif für einen Schwefelregen: wir haben Dichter und Philosophen gehabt, die nur auf dieser höllischen Saite ihres Instrumentes gespielt haben. Aber Jakob Wassermann? Dies ist das Besondere, dies ist das Schöne. Aus unbürgerlichen Wanderjahren erwächst ihm gewiß nicht in jäher Umkehr die Lust am platt Bürgerlichen. Er wird kein gefälliger Nomanverfasser, der den Philistern, selbst wenn er sie sachte ironisiert, immer noch schmeichelt. Aber es reckt sich auf, was in seinem innersten Wesen eingegraben war: das wahrhaft deutnicht die Fremde,- sondern die Heimat, war ihm immer wieder eine Quelle, aus der er trank, um den Becher weiterzureichen. Da gibt es Urkunden vielfältiger Art, verwitterte Burgen sind Zeugen einer unruhig bunten Vergangenheit. Er schreibt, als Erstwerk, „Die Juden.von Zirndorf", die von der Freiheit träumen. Er schreibt, immer mit diesem Hintergründe, ein Buch über den vielumstrittenen- Kaspar Hauser und den „Christian Wahnschasfe", „Das Gänsemännchen", den „Fall Maurizius" und dessen große Fortsetzung „Etzel Andergast". Dazwischen liegt der Krieg mit seinen Schrecken. Auch Wassermann ist im Tiefsten außer Fassung gebracht. Er fühlt, daß diese Riesenexplosion sich entzünden mußte, eben weil ein allgemeines Menschheitsideal von dem hochgezüchteten Materialismus zerrieben lporden. war. Er empfindet, diese Zeit als . „Jahrmarkt der Schurkerei".- Aber er bleibt völlig Deutscher, „Die deutschen Cha-. rattere und Begebenheiten", die er 1915 veröfsentlicht, sind Beweis genug. Ihm graut vor dem „Lebensvoller Tumult", und . er versammelt unter diesem Grundgedanken mit dem Titel „Der Wendekreis" vier Erzählungen. Die Linie jenes Optimismus, der immer nodj hofft und trotz allen Enttäuschungen nicht verzagt, bleibt immer gewahrt. Müssen Kamps, Bosheit, Haß ewiglich währen? Ist sogar die „Trägheit des Herzens", — ein schlagend gutes, von Wassermann geprägtes Wort! — unausrottbar? Sind die Kinder nicht noch anders, können sie uns nicht belehren? Man lese nur die Bücher Wassermanns daraufhin, wie er über die Kinder denkt und wie er auf sie hofft! Die Erwachsenen ruft er stets von neuem zur Selbstbesinnung auf: inr „Etzel Andergast", in-der autobiographischen Erzählung „Der unbekannte Gast". Der Ton bleibt noch vernehmbar, auch wenn er sich, wie in den letzten Jahren, zwei großen geschichtlichen Charakteren zuwendet.. Er berichtet von zwei Optimisten der Tat, von „Christoph Colmn- - bus" und „Stanley". Echte Dichter haben das Gesetz'ihres Füh- .lens und.Denkens in sich,.aber auch das Gesetz ihres Ausdrucks. Dieser Jakob. Wassermann hätte nicht zeternd pamphletisch denken können, weil er nicht so'schreiben konnte. „Zucht und Form", wie er es genannt hat, waren die Wegweiser auch seines Stils. Er ging,, der Grübler, aber auch „Fabulierer von Geblüt und Instinkt", wie Thomas Mann ihn genannt hat,' gern und viel in Einzelheiten. Das Glücksempfinden dichtender Menschen, über die Gestalten ihrer Phantasie wie die Vorsehung selber zu walten, und sie bis in ihre kleinsten Regungen zu durchforschen, war in ihm überaus lebendige Dann wurde er wohl gelegentlich breit, aber niemand darf sagen,' daß er dabei ausgehört hätte, wahr zu sein. Er forderte Geduld, doch sie wurde belohnt. Was in diesem Haupte noch zum Leben drängte, ob die nächste Gegenwart den Dichter schweigsam-oder.beredt und so oder so zum Pessimisten gemacht hat, das wissen wir nicht. Wir können dem Toten nur nachschauen als einem Meister des Schrifttums und hoher moralischer Gesittung. Wir können bezeugen, daß er erfüllt, was er als den Wunsch seines Lebens und Schaffens ausgesprochen hat: „Die Menschen ergreifen und erhöhen!" Die hZNksHM WZSW! Auch eine VeirachSung zum Tode von Jakob Wassermann Seit vielen Generationen sind deutsche Stoffe und deutsche Ansdrncksfvrmen bei der Atehrzahl der deutschen Juden der weitaus überwiegende Inhalt des Bildungserlebnisses, der Denk- und Lebensform. . Es ist wirklich so: Die heutige Ausschließung der Juden aus dem Deutschtum verwandelt ja nicht sofort die Menschen, ihr So-sein und Nicht-anders-sein. Wo vielfach ganze Menschenalter hindurch keine lüdischen Erlebnisinhalte mehr bestanden, kann man sie nicht über Nacht wieder hervorzaubern. Man nnitet dieser Mehrheit der deutschen Inden sonst eine Unehrlichkeit oder eine Unmöglichkeit zu; man mutet ihnen zu, von dem Duft' einer leeren Flasche zu leben. Gegen ihren früheren Inhalt,. von dem sie keine Ahnung mehr haben können, ist dabei tatsächlich noch dazu bis vor kurzem die Mehrzahl von einem unbesiegbaren Vorurteil erfüllt gewesen. Daraus folgt, daß der Anteil der Juden an der. deutschen Kultur nicht mehr und nicht weniger als eine schlechthin unauflösbare, vom einzelnen menschlichen Willen unabhängige Verflechtung sich darbietet. Der deutsche Jude ist wirklich nach 150 Jahren in den Kreis des - deutschen Lebens hineingeflochten, durch die, deutsche Kultur 'gebildet und- „ihr zurückerstattend, was sie ihm an Reichtümern gab, indem er ihre Fülle durch.seine Besonderheit mehrt". Weder das Zugehörrgkeitsverbot aus der einen Seite noch ein noch so elementarer — aus maßlos enttäuschter Liebe hervorbrechender Groll mit dem Schwur aus beiden Seiten, nie mehr etwas voneinander wissen zu wollen, macht jene geistesgeschichtliche echte Tatsache wieder rückgängig. Der beste Beweis für die Unverbrüchlichkeit dieses nun einmal vorhandenen Zustandes ist die deutlich sichtbare und merkwürdige Erscheinung, daß sich die mannigfaltige Eigenart der deutschen Stämme und Landschaften auch im geistigen Schassen der deutschen Juden deutlich wieder zeigt, ja daß dieser Partikularismus die ganz besondere Kraft der geistigen Leistung auch beim deutschen Juden in häufigen Fällen ausmacht. Mit aller Deutlichkeit wird an diesem Phänomen des Berliner, des schlesischen, des rheinischen, des fränkischen Juden offenbar, daß es hier nicht um den freien Willensakt, sondern um eine unlösbare, seelische Verknüpftheil geht. Der heimatlose Literat. Abstraktheit und Wurzellosigkeit, Zersetzung und bloße Rechen- Hastigkeit, das sind die Schlagworte, die zu ZzMitZks räucher bevorzug©0mm

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