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Central-Verein-Zeitung · 1933-11-09 · 43 (9.11.1933) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
43 (9.11.1933)
Date
1933-11-09
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Tagespolitik hinweg, so das; durch die soziale Arbeiten gemeinsamem Wirken eine objektive Beurteilung unserer jüdischen GlaubenSbrüder durch unsere nichtjüdischen Mitmenschen ersocht. So muß e8 denn and) im Sinne unserer religiösen Auffassung unsere Ausgabe sein, durch reichliche Spenden der Winterhüssarbeit der NSV die großen Aufgaben, die ihr Zufällen, erleichtern zu helfen. Hoffen wir, das; aus der Wintcrhilfsarbeit der Jüdischen Gemeinde nicht nur ein Segen für die Bedürftigen und alle diejenigen, die an dem Wirken Mitarbeiten, sondern auch letzten Endes für das gesamte Judentum in Deutschland ersprießcn möge. -T-. 1 - J V v' V/ W’ V V' ‘ -/ -J L/ L- J v ^fm 4. und 5. November kamen die hauptamtlichen Mitarbeiter des G. V. aus dem ganzen Reiche in Berlin zu einer informarorischeu Besprechung zusammen. DaS Programm der Tagung tvar, wie cS der Arbeit des Vereins entspricht, vielseitig und inhalts- Am ersten Tage kamen zunächst einige in der zentralen jüdischen Sozialarbeit stehende Persönlichkeiten zu Wort, die als Gäste der Besprechung den Mitarbeitern des G. B. aus ihren verschiedene!: großen Fachgebieten wertvolle Sachkenntnisse vermittelten. Dr. Eli Ascher vom Palästinaamt gab einen Neberblick über die Pnläüiiuuvanderung im uT.ton Halbjahr, ilber die EinwauderuugLinöglichwiten und die Voraussetzungen für eine ersolgreiäie Ansiedlnng in Palästina. Ter Generalsekretär des Hilssvcreins der denlscheu Jude:t, Tv. Binvk W i s ch n i tz e r > zeigte Möglichleiten für Auswanderung nach anderen Mäudern, besonders nach Uebersee. T. A d l e r - R n bei, der Leiter des jüdischen Aröeitcmachweists in Berlin, inachte in großen Fügen grundsätzlich wichtige A'itte-.nngen aus seinen Ersaliruttgen als BecuSmrater, und Tr. Adelheid Levy, die Leiterin der Studenten- und Al'ademikerbecntung'Ttetle der Berliner Jüdischen Gemeinde, berichtete aus ihreur engeren Fach-- Der zweite Tag begann mit den besonders ."rr die Tätigkeit des E. B. im kommenden sdiuler grundlegenden Referaten der beiden dvudiei Tr. Alfred Hirschoerg und Dr. -s>an-- -‘d e i cif m a n n , die die Sitzung leiteien. Tr. Hi r sch b erg führte in utehrstüudiger -Kehe ans, daß sich die Arbeit des Geuirawereins aus dem Boden seiner im .n.-ru seslstehenden Ideologie und gleichgeoliebeuen Tendenz vollziehe, und erörterte seine Stellung in: allgemeinen öffentlichen Leben und sein Verhältnis zu den anderen jüdischen Organisationen. Dr. Haus ■ll e i ch ni a u u erstattete einen umfassenden k ielseitigen und anschaulichen Bericht über me zatftreicheu Gruppen der juristisch-lvirtsclfasi-ichen Beratuugstätigkeit des (5. B., die der Erisieitzsicherung der deutschen Juden dient. Sein Reserat ergänzte Dr. Fritz G o l d s ch ln i d t mit einer Spezialübersicht über das ihm zugeteilte Dezernat für Beamte, Behördeuaugestellte, Anwälte und Aerzte. Der Vorsitzende des E. 33., Justizrat Dr. Li r o d n i tz, richtete einen starken Appell an die Tagungsteilnehmer und rief sie zu ungeschwächter Atitarbeit, zu Einsatzbereitschaft und unerschütterlicher Hingabe an die Idee und die Sache des E. V. auf. Die zweitägige Zusammenkunft gab Ge° legcnheit zu eingehender Aussprache und Fragenbeantwortung und zur Entgegennahme von Anregungen und Wünschen. Sowohl die informierenden sozialpolitischen Referate des ersten Tages als auch die im Vordergrund stehenden großen Berichte über Aufgabe und Tätigkeit des E. V. am zweiten Tage boten dazu die besten Voraussetzungen. Auf diese Weise ergab sich ein reger, fruchtbarer Gebauten- und Erfahrungsaustausch, der den Beamten aus dem Laude ebenso lvichtige Anregungen bot wie den Mitarbeitern der Hauptgeschäftsstelle. Die Tagung stand naturgemäß unter dem Eindruck der Traucrkunde vom Tode Ludwig Tietz', der, wie an )eder Sitzung des C. V., auch an dieser wichtigen Tagung teilzunehmcn in Aussicht gestellt hatte. Justizrat Dr. Brodnitz, noch unter dem ersten erschütternden Eindruck der Trauerbotschaft stehend, nannte in wehmutsvollen Worten den in so jungen Jahren Verstorbenen seinen besten Freund. Ihm gelte es nachzueisern, seine Arbeit solle vorbildlich sein für unsere Arbeit. Auch Dr. R e i ch m a n n ließ die Zusammenkunft nicht ohne einen tief empfundenen Nachruf auf den Menschen und Kämpfer Ludwig Tietz ausklingen, dessen Geist dem C. V. und seiner Mitarbeiterschaft stets voranleuchten soll. E. G. L. i (P . , 77/7 T» LU.J L TTcBÜ^Ädwnw Wir habcrr in der vorigen Nummer unseres Blattes mit dem Abdruck vorr Berichten zweier Mitarbeiter unseres Blattcö begonnen, die sich auf einer Paläftirrarcife befinden. Wir scheu nachstehend diese Berichte über Erlebtes und Geschehenes fort. Eine britische Würdigung der Gesamtsragc wird nach Rückkehr unserer Mitarbeiter folgen. Tcl-Aviv, den 28. Oktober 1933. Für den deutschen Juden, der nach Palästina kommt, steht im Vordergründe seines Interesses die Frage der Einordnung der neu in das Land komiuendeu Juden aus Deutschland. Ein überaus kompliziertes Problem, das eines sehr sorgfältigen Studiums bedarf. Erst allmählich beginnt nian, sich auS der Vielfalt verschiedenartigster Meinungen und Eindrücke ein ungefähres Bild der Dinge zu machen. Eine einheitliche Darstellung läßt sich schon deshalb nicht geben, weil je nach der Altersschichtung, der wirtschaftlichen Lage und nach den inneren Voraussetzungen eine ganz andere Situation gegeben ist. Allen gemeinsam ist die Notwendigkeit der Gewöhnung an eine ganz veränderte Umgebung. Die Anpassung an ein neues Klima, die auch bei dem Gesundesten eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt, hemmt die Aktivität in den ersten Wochen, wobei auch der Wechsel der Ernährungsweise inehr Bedeutung hat, als man in: allgemeinen anntuimt. Die sprachliche Umstellung fällt umso mehr ins Gewicht, als ein erheblicher Teil der Einwandcruden in dieser Beziehung sehr schlecht ausgerüstet ist. Man foimiit zwar, und besonders In den Städten, ohne weiteres als Gast in den Hotels, als Käufer in den Geschäften, mit Deutsch durch. Für jeden, der sich beruflich betätigen will, ist jedoch gute Beherrschung des Hebräischen und Englischen, in vielen Erwerbszweigen eine gewisse Kenntnis des Arabischen Voraussetzung. Hinzu kommt der Uebergang in eine ganz andere Lebenslust. Aus einer stark reglementierten, beruflich und gesellschaftlich weitgehend durchorganisierten Welt kommt man in ein Land, in dem der Einzelne viel stärker auf sich gestellt ist. Der J::de aus Deutschland kommt an sich meist hierher mit dem Entschluß, sich mit seiner Arbeit, seiner Lebensweise aus neue Wege, aus einen anderen Standard ein- und umzustellen. Er ist nur zu sehr gewöhnt, daß man ihm zeigt, welche Wege er gehen soll. Erst allmählich merkt er, daß das Minus an praktischer Regelung des Lebens reichlich ausgewogen wird durch das Plus an innerer Einordnung in eine aufbaucnde Gemeinschaft. Er geht durch die Straßen der jüdischen Stadt, freut sich über den gesunden kräftigen Menschentyp, der sie füllt, sieht mit Staunen, wie hier jede Tätigkeit, vom Maurer und dem Milchiungen bis zum Verkehrspolizisten und dem Bürgermeister, von Juden ausgezeichnet ausgeübt wird. Er lernt die außerordentliche Hilfsbereitschaft der Landesgewohnten kennen. Damit ist er aber dem Problem seiner persönlichen Einordnung noch nicht näher gekommen. Und hier beginnt nun die große Verschiedenheit der Bilder. Zunächst einmal nach den Altersklassen. Je jünger der Mensch, desto leichter die Einfügung. Wir sprachen in Ben Schemen, dem Kinderdorf, in dem Jugendliche nach modernsten Methoden zu ganzen Menschen und Inden erzogen werden imd in landwirtschaftlicher praktischer Schulung für den Lebensweg des bäuerlichen Berufes vorbereitet werden, mit Jungens und Mädels zwischen 8 und 15 Jahren, die vor kurzem aus Deutschland dorthin gekommen sind. Sie haben sich mit der Anpassungsfähigkeit des jungen Menschen schnell aus die neue Umgebung eingestellt, sie sind gesund und frisch, sind noch in oem Alter, in den: man mit Leichtigkeit neue Sprachen lernt, und finden sich auch innerlich schnell in die veränderte Atmosphäre hinein. Relativ leicht liegen die Dinge auch noch für die nächsten Jahrgänge. Sie kommen meist als Zertifikatseinwanderer in das Land. In diesem Falle ist ihre Unterbringung unter Fürsorge der Jewish Agency gesichert. Es handelt sich in der Mehrzahl um Menschen, die schon vorher in einer jüdischen Jugendbewecchmg waren. Es wurde uns ganz allgemein bestätigt, daß die besten Erfahrungen in der Einorwtungsfühigkeit mit den Mitgliedern der jüdischen Jugendverbände gemacht werden, die schon früher ihrem Kreise den Palüstinagedanken nahegebracht haben. Kenntnis der Tatsachen des Paläü'umausbaues, innere Verbundenheit mit ihm, erste Beschäftigung mit dem Hebräischen reichen allein für den Einfügungsprozeß nicht aus, stellen aber dabei eine sehr wesentliche Hilfe dar. Neben diesen Zertisikatseinwanderern kommen noch zahlreiche jüngere Menschen als sogenannte Kapitalisten mit 1000 Pfund Sterling ins Land. Junge Aerzte, Anwälte, kaufmännische Angestellte. Sie stehen zunächst vor der Frage, ob sie versuchen sollen, sich in ihrer:: alten Berufe eine Existenz zu erobern. Obwohl die Ucbcrsülluug in den akademischen Bernsen ihnen bekannt ist, halten sie die Selbsttäuschung aufrecht, sic könnten das große Los ziehen und selber Glück haben. Tie Kattsleute machen sich nicht genug klar, daß hier nur der Aussicht aus Anstellung hat. der die Landessprachen, d. h. Hebräisch, Englisch :u:d Arabisch, vollständig beherrscht. Und hier zeigt sich eine betrübliche Tatsache: der deutsche Jude ist an Leichtigkeit der sprachlichen Anpassung zweifellos dem Ostjuden unterlegen. Vom Hebräischen, worüber noch getrennt zu reden sein wird, ganz abgesehen, ist die Zahl der Menschen, die Französisch und Englisch wirklich beherrschen, unter den Neueiuwandercrn erstaunlich klein. Tie Erkenntnis der wenig aussichtsreichen Lage für eine Existenz in der Stadt ist bei sehr vielen vorhanden, aber der Entschluß, aufs Land zu gehe::, füllt den meisten fürchterlich schwer. Es ist das au sich verständlich. Die doppelte Umstellung aus ein neues Land mit ganz anderen L'cbensgcwohnheiten, anderer Sprache und anderen Menschen und dann noch aus eine ganz neue Arbeits- und Lebensweise stellt sehr große Anforderungen körperlicher und seelischer Art. Aber dieses Verständnis nützt uns wenig. Die Wucht der Wirtschaftlichen Tatsache:: ist w groß, daß sie ans die Dauer diese Umstellung einfach erzwingen wird. Und da ist es von entscheidender Bedeutung, daß der notwendige Entschluß gleich am Anfang gefaßt wird, wenn noch Kapitalreserven vorhanden sind, die nicht in sinnlosen Versuchen verzehrt werden dürfen, sondern, sinnvoll eingesetzt, die Existenz nütaufbauen Helsen können. Für diejenigen jüngeren Menschen, die sich zu den: Entschluß durchgerungen haben, geht nun die Jewish Ageney einen Weg, der guten Erfolg verspricht. An zahlreichen Stellen im Lande entstehen jetzt Vorbercitungslager, die unter Leitung erfahrener landeserprobter Chaluzim Freundschaft zu werben, und bestürmte ihn, sich nun auch ein Libretto von ihm schreiben zu lassen. Mozart, der sich wohl etwas von den: Sensationserfolg versprach, den Beaumarchais in Paris mit seiner Komödie ,,lw Ickanaga äa Figaro“ erzielt hatte, schlug reibst dieses'Cnjct als Grundlage für ein Textbuch vor, und Mozarts Gönner, der Baron Wetzlar, versprach, die Sache zu finanzieren, damit die Oper im Ausland aufgeführt werden lärme, falls der Wiener Hof, der die Ausführung des Stückes als gesprochene Komödie verboten hatte, dieses Verbot auch ans ihre musitalische Bearbeitung ausdehnen sollte. In sechs Wochen gemeinschaftlicher Arbeit war das Merk „Le Noz/.o di Figaro1' im wesentlichen vollendet. Zum Glück fehlte es den: Hoftheater an Opernmaterial, und desi-alb, und weil inzwischen ans der Komödie des Beaumarchais ein harmloses, völlig apolnisches Libretto geworden war, erlangte man die Freigabe von allerhöchster Stelle. Der Erfolg war groß, obwohl die besten Feinde alles dazu taten, denselben zu beeinträchtigen. Da Ponte war mit emem Schlage der gesuchteste Librettist geworden, um ihn bewarben sich bald darauf die drei prominentesten Komponisten der Wiener Opernbühne: Der Spanier Biceute Martin y Solar, bekannt unter den: italienischen Namen Martini, der Italiener Salieri (der gefährlichste Feind Mozarlss, und Mozart selbst beanspruchten gleichzeitig ein B::ch von Da Ponte. So taucht nun rieben zwei Sujets für Martini und Salieri der Plan zum „Don Giovanni" aus und wird unter Vorbedingungen gefördert, die Da Ponte selbst in höchst amüsanter und für die damalige Epoche charakteristischer Weise schildert: ,.AIZ ich drei Sujets gefunden hatte, ging ich zum Kaiser; dem ich meine Ideen klarlegte und ihm meine Absicht mitteilto, die drei Opern gleichzeitig auszuarbeiten. werden Sie nicht schaffen', erwiderte er mir. .Vielleicht nicht', erwiderte ich. .aber ich will cs versuchen Ich werde nachts für Mozart schreiben und mir cinbilden, im Inferno von Dante zu lesen. Morgens werde ich für Martini schreiben und glauben, den Petrarxa vorzuhaben und abend» für Salieri, und daZ soll mein Tasso sein.' ■ Ter Kaiser fand diesen Vergleich herrlich, und ich ging gleich nach ' Hause an den Schreibtisch, an dem ich volle zwölf Stunden hintereinander sitzen. blieb, rechts von mir eine Flasche Tokaier, in der Mitte da? Tintenfaß und links eine Tose mit Sevilla-Tabak. Ein bildhübsches Frauenzimmerchcn von 16 Jahren (eigentlich hatte ich mir ja vorgenonuncn, sie nur wie eine Tochter zu lieben, aber . . .) lebte bei mir mit ihrer Mutter, meiner Haushälterin, und kam aus Klingelzeichen in mein Zinnner. Und ich läutete, weiß Gott, recht oft, besonders, wem: mir schien, daß mir der poetische «Lchwung ausging. Sie brachte mir dam: eine Ntehlspcis' vb:r eine Tasse Kaffee, oder auch nur ihr schönes, immer heiteres, lachendes Gesicht, das wirklich dazu angetan war, den Poetischen Schlvung und die geistreichen Ideen zu fördern. Mit kurzen Unterbrechungen fuhr ich so^ zwei Monate lang fort. 10 bis 12 Stunden täglich zu arbeiten, und während dieser ganzen Zeit blieb sie mit einem Brich oder einer Handarbeit in: aly'toßenden Zimmer, um auf das erste Klingelzeichen zu mir zu kommen. Oft setzte sie sich auch zu mir, ohne sich zu rühren, ohne auch nur zu reden oder mit der Wimper zu zucken, sah unch dabei scharf an, lächelte mir zärtlich zu, seufzte mid schien weinen zu wollen; kurz, dies Mädchen war für mich die Kalliope der drei Opern . . . An: ersten Tage . . . unter Tokaier, Sevilla-Tabak. Kaffee, der Klingel und der jungen Muse habe ich die beiden ersten Szenen des ,Don Juan' und mehrere der aw deren beiden Opern geschrieben . . ." Die Harmlosigkeit und Schelmerei, mit der der Autor sich unter Beihilfe seiner Muse ans Werk gemacht hat, lassen allerdings kein anderes Resultat voraussetzen, als den oft .genug kritisierten Text zum „Don Giovanni" der ein mehr oder weniger heftiges Plagiat eines schon früher vorhandenen, ebenso unbedeutenden italienischen „Drehbuches" von Bertati darstellt. Immerhin muß man zugcben, daß oer Glanz^ der Unsterblichkeit, in den Da Ponte ohne jede Vorahnung durch Mozarts Ätusik, ge,rissen worden ist. feinen Lorbecrkranz allzu hell beleuchtet hat und daß auch ein anderer. Größerer, diese Helligkeit nicht vertragen haben würde. Jedenfalls ist ihm damals nicht allzuviel an seinen Lorbeeren gerupft worden, denn das Publikum stellte gar keine höheren Anforderungen an eine „Musik-Unterlage", die dem Komponisten und Sänger n::r als Vorwand dienen sollte und gar nicht als selbständige Leistung beurteilt wurde. Da Ponte erhielt für zwe: Jahre weitere Aufträge, auch von Mozart, dem er noch den Text zu „Eosi kan tutte" schrieb, jener Oper, die, sagt er: „den dritten Platz einnimmt unter den von diesem berühmten Vater der Harmonie gezeugten Schwestern". — Aber die fröhliche Ilokokozeit sollte nicht eivig dauern, allzufrüh folgte :hr der schmerzhafte E Umschwung. Joseph II. starb 1790 — mit ihm wurde das Rokoko zu Grabe gettageu. Mozart komponierte keine italienischen Opern mehr, sondern wandte sich mit der „Zauberflöte" deutschen Textbüchern zu: er hatte nicht den Mttt gesunden, den Anregungen des scharfsichtigen „Amerikaners in Europa", Lorenzo da Ponte, zu folgen und mit ihm nach London zu gehen, zu fest glaubte er sich an die Habsburgische Dynastie gebunden und wollte das Sterben des Rokoko nicht begreifen. Da Ponte hingegen war bereit zu Kampf und Stilwandlung. Mit südländischer Energie verließ ex den Hof des Nachfolgers Josephs II., des Kaisers Leopold II. Mit der Absicht, sich nach Paris zu begeben, machte er seine Abschiedsrcverenz vor dem sterbenden Rokoko durch einen Besuch bei Casanova in Dux ab. Dieser riet ihm, statt nach Paris, nach London zu gehen. Dieser Rat und die Nachricksien von dem Verlauf der Revolution in Parts jagten ihn 1792 nach London, wo aus ihm der moderne Mensch des 19. Jahr- Hunderts geformt wurde. Er fuhr nicht allein dorthin. In Triest hatte er noch, bevor er den Kontinent verließ, unter Beachtung aller.Regeln des gesunden Menschenverstandes die Tochter eines englischen Kaufmanns jüdischen Glaubens, wahrscheinlich nach jüdischem Ritus, geheiratet. Sie hatte ihm die für seine Auswanderung so tveseutliche Erlernung der englischen Sprache ermöglicht und ihm den Uebergang in ein bürgerliches Dasein erleichtert. Nachdem er sich von jeher als „Americano in Europa" gefühlt hatte, durste es ihn: nach Jahren der Enttäuschungen in England und ben Niederlanden nicht schwer fallen, mit seiner Familie eine Heimat in dem Lande zu suchen, das er als Asyl schon solange gepriesen hatte. Tie rauhe Wirklichkeit des gcpriesenen Amerika hat aber seine poetischen Schwärmereien nicht nach Verdienst gelohnt. Er hat dort jahrzehntelang um feine Exisicnz kämpfen müssen, hat als Bühnendichter, Sprachlehrer, Kaufmann, Drogist, wieder Sprachlehrer und Buchhändler die bösesten Erfahrungen, die der Westen zu vergeben hatte, ausgekostet, und sich schließlich doch durchztrsetzen vermocht, so daß er. als er 1833 im Alter von 88 Jahren starb, seinen Kindern (eine seiner Töchter war mit einem Neffen des Präsidenten Monroe verheiratet, die Nachkommen sollen noch leben) ein geachtetes Andenken hinterlassen konnte. ^Die Nordamerikaner sind ihm dankbar dafür, daß er der erste war. der ihnen die italienische Literatur vermittelte, der bei ihnen erstmalig über Tante publizierte: der Lehrstuhl „Lorenzo da Ponte" an der Colmnbra Unwersity in New-Pork bewahrt späteren Generationen den Namen eines Mannes, der dem Wandel der Epoche folgte und ein seltenes Beispiel der Assimilationsgabe und Zähigkeit im Lebenskampf bietet, der den bunten Rokokosrack eines Kavaliers des 18. Jahrhunderts und das nüchterne, schwarze Gewand eines würdigen Nordarmenkaners des 19. Jahrhunderts mit gleicher Anmut zu tragen wußte. Für den Mitleleuropäer rst er in den Lichtkreis der Unsterb- Mer!t nur emmal getreten: damals, als er Mozarts Genius ein Helfer sein durste. - Lotto Voek.

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