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Central-Verein-Zeitung · 1933-11-09 · 43 (9.11.1933) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
43 (9.11.1933)
Date
1933-11-09
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Orl :Tnnn7 Vl30uO L.u'i^LiL Nr. 43 JULiv \ 2. Beälag© cJ Von £j C i St C i Ct) £ t fl f) t, Vorsitzendem der Jüdischen Gemeinde Berlin Kahhrner Dr. Benno Gottschalk Zu seiner Amtseinführung bei der Berliner Re formgemein de ■ ^mntcr, tuemt Ml' leiden Malter fallen, fiie rauhen Hcrbststürme über das Land fegen und der Vinter seinen Einzug beginnt, steigt die 9M zahltuscr Bien scheu, die ohne Arbeit und Awt sind, oder nnr einem kümmerlichen h-riuerb nachgehen können. Eine warnte >l>ide. eilt 3türf Brut, ein wärmendes Kleidimg-K'tück und hin unb wieder eine tvarme Atuhlzeit sind der dringendste Wunsch des Augenblicke für zahllose Mensehetr in Berlin. ^eit mehreren Jahren hat sich das Wohlfahrt t-amt der Jüdischen Gemeinde ans die gcht eingestellt, und cs ist erfreulicherweise auch gelungen, in den allernteisten Fällen der dringendsten Aut abznhelfen und dafür zu sorgen, dah üiemand, der von uns betreut wird, frieren und hitngern mitst. In diesem Jahre war unsere Gemeinschaft vor eine besonders fchtvere Ausgabe gestellt. Tie Aeiche-regierung hat eine anstergetvvhnlieb grohe Winterhilfsaktivn in die Wege geleitet. und der Reichskanzler hat bei der ersten Anregmtg für die Winterhilfe zum Ausdruck gebracht, dast es sein Wunsch ist, daß deutsche Aolsti-genvssen und Niehtaricr gleich behandelt werden, soweit ihre Hilssbedürstigkcit dtirch Antrag und Prüfung scstgestellt wurde. Dieser Grundsatz des Kanzlers ist von dem Gauwalter der Berliner ALB seinen Amtswaltern besonders eingeprägt worden. hierdurch sah sich das Wohlfahrtsamt in die Lage verseht, mit der ALB in Verbindung zu treten und Aufschlüsse über die Art, wie die hilfsbedürftigen Juden bedacht werden sollen, zu erbitten. b's nmß besonders hervorgehoben tverden, das; von dcnt ersten Augenblick der Verhandlungen an großes Entgegenkommen tmd sachliche Behandln»g der Angelegenheit von den zuständigen Stellen beobachtet wurde. Unserem Wunsche, das Jüdische Wohlfahrtsamt in den Kreis des Winterhilsswerls einznrcihen. wurde stattgegeben, und als Anlage zu dem großen Rundschreiben der ALB Ar. 33/33 erging folgender Erlaß an die Kreisnnd Ortsgrnppenwalter der ASB: „Ginbezichmig Der tzilfSbeDttrftigen Juvcn in Vas Wintertzilfswerk. Auch die hilssbedürstigen Inden sollen ans der Winterhilfe bedacht tverden. Auch hier ist wie bei den anderen Bedürftigen Voraussetzung, daß jeder Bedürftige einen Antrag stellt, der geprüft und genehmigt worden ist. Unt irgendwelche Streitigkeiten zu vermeiden, ist das Jüdische Wohlfahrtsamt angewiesen, an seine Hilfsbedürftigen die Anweisung zu geben, daß sich diese aus ihrem Kreis für die jeweilig zuständige NSV-Orttzgrnppe einen Obmann heransstichen, der für die anderen hilfsbedürftigen Inden, die zu dein betr. Ortsgruppenbereich gehören, die Unterstühnngsanträge und sonstigen schriftlichen Arbeiten erledigt.. Für den Fall, daß die Mitarbeit dieses jüdischen Obmannes zu Streitigkeiten führen würde, sind sicher innerhalb der Arbeitsgemeiirschuft einige Mitarbeiterimren. die mit dem nötigen Taktgefühl die Obinannschast über die zu betreuenden hilfsbedürftigen Juden übernehmen. Ms Prüfer für die wirtschaftlichen Verhältnisse der jüdischen Antragsteller sind gleichfalls geeignete Mitarbeiterinnen aus der Arbcitsgemeiirschaft zu bestimmen. Im übrigen sürd solche Anträge wie jeder andere Antrag zrr behandeln." Es läßt sich bereits jetzt sagen, daß die Zusammenarbeit mit der NS-Vvlkswohlfahrt glatt und reibungslos verläuft. Die Anträge unserer Hilfsbedürftigen werden durch unsere Vertrauensleute und Helfer ausgenommen, der NS-Volkswohl° fahrt übergeben, und die entsprechenden Gutscheine für Kohlen, Kartoffeln nnd Lebenstnittel werden durch das Wohlfahrtsamt abgcholt und den Hilfsbedürftigen ansgchändigt. In zwei Bezirken von Berlin, Mtttc und Tiergarten, sind Geschäftsstellen in Berbindnng mit der ASB für unsere jüdischen Hilfsbedürftigen durch uns errichtet worden. In diesen Stellen tverden die Anträge unserer jüdischen Hilfsbedürftigen angenommen und itach Prüfung und Bearbeitung die Brennmaterialien unb Lebensmittel ausgegeben. Dort arbeiten gemeinsam Angehörige der ASB zusammen mit jüdischen Fürsorgerinnen. Ebenso nehmen in zahlreichen Bezirken auch unsere Vertrauensleute an den Sitzungen der NSV-Ortsgruppen teil. In den Fällen, in denen sich Schwierigkeiten zeigen, ist bis jetzt immer durch Ber- Handlungen mit den entsprechenden Kreiswaltern oder der Zentrale der ASB ein Weg gefunden worden, um den Hilssbedürstigen zu ihrem Recht zu verhelfen. Wir können der begründeten Hoffnung Ausdruck geben, daß die Versorgung der jüdischen Hilssbedürstigen in Verbindung mit der RSV in dem Geiste behandelt wird, wie er burcf) Erklärung des Kanzlers vorgezeichnet ist. Wir hoffen, daß der Wille des Kanzlers, deutsche Volksgenossen und Nichtarier in gleichenr Maße zu bedenken, auch im Reiche in so vorbildlicher Weise durchgcführt werden wird, wie dies in Berlin der Fall ist. Tie Not trnscrer Glaubensgenossen in diesem Jahre ist besonders groß. Tausende von jüdischen Menschen stehen zu Anfang dieses Winters vor der bittersten Rot. Eine ungeheure Ausgabe nmß bewältigt werden. Sic fällt nicht nur dem Wohlfahrtsamt zu, sondern im besonderen Maße den mit ihm ehrenamtlich arbeitenden Damen trnd Herren sowie der Jugend, die sich in den Dienst der Sache gestellt hat. Aber wir werden in dieser Beziehung keine Schwierigkeiten finden, wir tverden, wie immer, auch durch unsere Gemeindemitglieder unterstützt, die Worte des Propheten Jesaia verwirklichen: „Brich dem Hungrigen dein Brot, wenn du einen Nackten siehst, so kleide ihn und entziehe dich nicht deinem Mit- ' menschen.* Die so sehr veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen in der Großstadt Berlin stellen dem Wohlfahrtsamt noch eine besondere Atlfgabe, diejenigen zu ermitteln und zu versorgen, die von der öffentlichen Wohlfahrtspflege bisher nicht erfaßt sind, und die es noch nicht über sich gewinnen, sich an die öffentlichen Stellen zu wenden. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hat cs sich zur Pflicht gemacht, gerade Direktor Heinrich Stahl, Vorsitzender der Berliner jüdischen Gemeinde, der Verfasser des Aufsatzes „Winterhilfe“ in diesen Kreisen zu wirken und für sie Kohlen, Brot und Kleidungsstücke bereit zu halten« In den jüdischen Wohlfahrts-Bezirken! werden „tvarme Stuben" eingerichtet, in detten für diejenigen, die ein Heim entbehren, ein warmer tmd heller Raum geschaffen tvird, in detn sie sich tagsüber und abends anshaltcN 'können. In diesen „warnten Stuben" wird ein warmes Getränk und Gebäck gereicht. Es wird aber auch versucht, durch Vorträge, Rezitationen und musikalische Darbietungen diesen Menschen öfter eitrige lichte Stmrden zu bereiten. Wir haben schon in früheren Jahren damit begonnen, Speisungen für ttnsere Kinder im Anschluß an den Schnluttterricht durchzuführen. Diese Wohltätigkett wird in diesem Winter in besonders reichem Maße eingeführt werden, und wir hoffen, bald so weit ztt sein, daß in der Nähe von jüdischen Schttlen eine Gelegenheit geschaffen wird, daß die Kleinen ein warmes Essen einnehmen können. Für vorgenannte Fälle ist ein Zusammenwirken mit den öfscrttlichen Stellen der Wintcrhilfsarbeit vorgesehen. Es wird ein gemeinsames Schaffen geben, um Rotleidenden zu Helsen, das letzten Endes attch ztt einem besseren Verhältnis für die Notlage zahlreicher Jtlden führen wird. Vielleicht wird es der tiefste Sinn der Winterhilfe sein; sie ist ja ein Hilfswerl von Mensch zu Mensch und schreitet über alle Loresizo da Ponte ein Mozörf-Lifareüist Am H. November findet int Berliner Tln'otcr in Berlin die erste Opernanfsührnng deH Kulturbundes deutscher Inden statt: Mozarts „Figaros Hochzeit". Das Textbuch dieser reizenden Oper stammt von Lorenzo da Ponte. Lorenzo da Ponte hat es seinen Biographen nicht leicht gemacht: die Hattptqnelle, wls die sich jeder vvn ihnen gern gestützt hätte, sciite int Jahre 1330 in New Park beendete Celbstbivgraphie (Memoiren), an der er Zwanzig Jahre lang gearbeitet hatte, besitzt nur den fraglichen Wert einer Vis romanees; sie wurde von ihrem Verfasser nur als Zweckliteratur, nnr mtt der bewußten Absicht geschrieben, seine Gegner zu entwaffnen und zugleich den sittenstrengen Bewohnern Nordamerikas ein Beispiel tugendhafter italienischer Lektüre zu liefern, das man auch der reiferen.Jugend zum Zwecke des Studiums der italienischen Sprache in die Hand geben könne. Das Btlch zeichnet sich dadurch aus, s daß viele Tatsachen, an denen ein Biograph nicht achtlos vorübergehen darf, zttr Wahrung der eigenen Interessen seiites Verfassers verschwiegen oder entstellt wiedergegeben werden. so daß erst fremde Biographen sie wieder zurechtrücken mußten. Aus diesem Grunde und auch, weil die ersten Biographen selbst kein Interesse daran hatten, unangenehm auffallende Dinge hervorzuzerren, konnte sich erst un Laufe eines Jahrhunderts mit wachsender Entfernung zu den Dingen die Objektivität der Beurteiler steigern und schließlich in der im Jahre 1918 in Italien erfolgten, mit ausgezeichneten kritischen Bemerkungen versehenen Neuauflage der Memoiren rhren Höhepunkt finden. . In der Berliner Staatsbibliothek ist auch eine ausgezeichnete deutsche Uebersetzung dieses weniger wahren als ergötzlichen Memoirenbuches zu jinden, dessen wesentlichste Daten unter Zuhilfenahme der späteren historisch-kritischen Feststellungen hier genannt werden sollen: Lorenzo da Ponte wtrrde im Jahre 1749 in Eöneda (Provinz Venetien) als Sohn jüdischer Eltern geboren. Der Vater. Jeremiah E o n e g l i a n o , ein armer Händler und Bearbeiter von Fellen, der immerhin den klangvollen Namen einer italienisch-jüdischen Gelehrtenfamilie trägt, spielt in den Memoiren des Sohnes nur eine ganz geringfügige Nolle. Jedoch weiß man aus anderen Quellen, daß er ein dttrch Kinderreichtum und den frühen Tod seiner Gattin Ghella (Nachele) Pincherle schwergeprüfter Mann war, imb als solcher, da Hilfe von jüdischer Seite nicht kam. sich gezwungen sah. seine Zuflucht zu der hilfsbereiten katholischen Kirche zu nehmen. Ein siebzehnjähriges katholisches Mädchen, mit dem er bald daratis die zweite Ehe einging, soll ihm den Ucbcrtritt erleichtert haben; jedenfalls wurde die ganze Familie Conegliano am 29. August 1763 im Dom zu Cäneda vom Bischof selbst unter dem Beistand vornehmer venetianischer Paten getauft und ihr, dem Brauch der damaligen Zeit entsprechend, der Familienname des Bischofs „Da Ponte" gegeben, wobei der damals vierzehnjährige älteste Sohn Emanuele als Zeichen besonderer Fürsprache von seiten seines späteren Wohltäters dessen vollen Namen, Lorenzo da Ponte, erhielt. Mit diesem Akt vollzog sich die erste Wandlung in diesem an Wandlungen so reichen Lebenslauf: von nun an nahm die katholische Kirche die Geschicke der Familie in die Hand; Lorenzo da Ponte und sein Bruder Baruch, nunmehr „Girolamo" da Ponte, wurden dem Priesterseminar in Eöneda zur Ausbildung übergeben. Aber der spätere Freund deS Casanova und Librettist des „Don Juan", verspürte wenig Neigung für einen geistlichen Beruf: .. . . weil dies ganz meiner Berufung und meinem Charakter widersprach": — vielmehr setzte sich seine wahre „Boeazione' dw durchaus aus literarischem Sebiet lag. jch-y nach dreijähriger Ausbildung dttrch: im Seminar übertraf Da Ponte schließlich alle Seminaristen in der Fertigkeit, in gebundener Form zu schreiben (eine Ncbung. die in der damaligen Ausbildung als sehr wichtig galt), und durchkreuzte alle Versuche, ihn der Kirche als Priester und Lehrer zu erhalten, durch lose Streiche oder ernsthaftere politische „Offenherzigkeiten". Seine Schwärmerei für Rousseau wurde ihm schließlich zum Verhängnis, und man sah ein. daß man einen jungen Mann, der dttrch poetische Ergüsse unter seinen Schülern für eine solche Irrlehre Propaganda machte, keine Seelsorge anvertrauen könnte. Attch schreckten den als oberste Instanz angerufetten ultrareaktionären venetianischen Senat die in einem Opuskulum mit dem vielberheißenden Titel „Ter Amerikaner in Europa" enthaltenen Neuerungsideen, alles Gründe genug, den Frevler mm endlich aus dem ihm aufgezwungenen geistlichen Stande auszustoßen. Da Ponte hatte seine „neue Richtung" aus den Literaturcafäs in Veitedig bezogen, die er bei gelegentlichen Unterbrechungen seiner Lehrtätigkeit an den Priesterseminaren in der Provinz eifrig besucht hatte, und kehrte nun wieder als freier „Homme de lettres“ in dies ihm gemäßere Milieu der venezianischen Cönacles zurück. Venedig, das eben noch Casanova angestaunt, ihn beherbergt hatte, war damals weit mehr als Paris Kulturzentrum Europas: dort zog nun die ganze und halbe Welt Da Ponte in ihren Strudel und wandelte rasch den Zögling der Priesterseminare in einen Kavalier des späten Rokoko um. Dem Taumel mondäner Genüsse vermochten sein wandlungsfähiger, jedem Eindruck unterliegender Eharakter und seine stets leere, von ' keinerlei Subsidien aufgefüllte Börse keinen Widerstand entgegenzusetzen. In den Jahren 1777 bis 1779 hals er sich zwar anfänglich noch durch Abfasiung literarischer Gelegenheitsarbeiten, Uebersetzungen. Einrichtung von Theaterstücken und dergleichen mehr, auch .kgmeg Hm Diese' Arbeiten. MW sehr Ijustatten, weil sie ihm Routine und Vertrautheit mit Bühitendingen verschafften: aber dev „Affären" waren schließlich zu viele gewordett, und er war gezwungen, Venedig zu verlassen. Zunächst versuchte er in dertt benachbarten Görz fortzukommen, doch zog ihrt das Theater, das damals mir an Höfen gedieh, immer wieder mächtig an. Am Dresdener und schließlich am Wiener Hof meinte er, sein Glück als Theaterdichter machen zu können, und tvagte es. ans Grund recht zweifelhafter Empfehlungen, dorthin zu; reisen. In Wien traf er im Januar 1782 in cittem für ihn günstigen Attgenblick ein: Rc e last as io, der bis dahin die Oper beherrscht hatte, lag im Sterben. Mit Maria Theresia, die schon vorher gestorben war, unb mit Metastasio, der ihr' kurze Zeit darauf folgte, verschwand eine Stilepvche für immer; mit der neuen Zeit aber, mit dem Regierungsantritt Josephs II., wurde auch zttgleich die durch das Abtreten Metastasios freigewordeno Stelle des „Poeta Imperialis“ vakant. Aber Joseph II., der Kaiser der Aufklärung, mochte wohl den Stilwandel und die Borboten einer neuen Aera spüren: er ließ die Stelle tmbesetzt und blieb allen Jahre hindurch fortgesetzten Bemühungen der vielen Bewerber gegenüber kalt, obwohl in den Kulissen des wiedereröfsneten italienischen Theaters, zwischen den Reifröcken der galanten Sängerinnen, außer Da Ponte noch andere italienische Dichter umher tänzelten, die alle als Anwärter aus den Posten des kaiserlichen Hofpoeten genannt wurden. In der Mitte der achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts war diese intrigante Welt der Kabale das Milieu, in dem sich Mozart, seine Freunde und Feinde, bewegten. Für dia Konkurrenten und Kollegen Mozarts am Wiener Hostheater waren in den ersten Jahren seines Wiener Aufenthaltes die Libretti Da Pontes bestimmt; erst nachdem er für diese geschrieben hatte, wagte er es. auf .GrurH seiner Erfahrungen um Mozarts

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