Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1933-09-20 · 36 (20.9.1933) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
36 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277993-2278029--08122-2289090
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1 fO FQ T .®Mmümn^s\7aDl nnn dln© n I 1 T T f U/ in I!! Jlill i Wir haben eine Anzahl junger Menschen auf gefordert, um za schreiben, in welcher Form sie deutsch«jüdische Arbeit leisten. V/ir bringen die Antworten wie sie eintrafen, ohne Wertung von Bunden oder Gruppen ah lebendiges Zeugnis dafür, dass unzerstörbar in unserer jungen Generation der Wille zum bewussten jüdischen Leben im deutschen Vaterlande wohnt snHL HrsN Von HarDi Swarsensky Wenn es überhaupt für die deutschen Juden noch eine Möglichkeit gibt, sich selbst zu erhalten, so nur, wenn Einigkeit herrscht und der Wille sich Bahn bricht, selbst bestehende Gegensätze utn der gemeinsamen Zuknnst willen zu Überdrucken. Denn die Rettung des deutschen Judentums erfordert die Zusammenfassung aller jüdischen Kräfte, weil der Weg zur Erhaltung und Erneuerung unserer Gemeinschaft schwierig ist. Heute herrscht trotz des Unglücks, das uns betroffen hat, noch alter Hader; dabei hätte die Zeit doch alle belehren müssen, daß ohne neuen jüdischen Geist unser Untergang sicher, daß aber auch eine Lösung gesunden werden muß. die berücksichtigt, daß der größte Teil der deutschen Juden in Deutschland bleiben wird. Man muß allmählich begreifen, daß die alten Partcidogmen längst erstarrt sind und frühere Gegensätze durch die Entwicklung verwischt wurden« Diese Erkenntnis mag für die schwer sein, die viele Jahre oder Jahrzehnte in diesen alten Vorstellungen gedacht haben. Die Jugend aber kann — unbeschwert von diesen Bindungen — sich zu einheitlichem Entschluß durchringen; die Jugend aus allen Lagern kann und muß sich znsammenfinden, um gemeinsam eine geeinte jüdische Jugend, ein neues deutsches Judentum zu schassen. Daß wir versuchen müssen, unsere Stellung als gleichberechtigte, angesehene deutsche Bürger wioderzugewinnen, ist selbstverständlich: der Hinweis mag hier genügen. Damit allein ist aber unsere Zukunft als Juden nicht gesichert.. Wenn cs uns nicht gelingt, unser Judentum in Deutschland wiederzuerwecken und jüdisches Leben neuzugestalten, werden wir selbst dann zugrunde gehen, wenn man uns unsere alten, wohlerworbenen Rechte wiedergibt. Der Prozeß des Bergessens ist bei uns sehr weit vorgeschritten; viele sind sich nur noch wegen der Anfeindungen von außen ihres Judentums bewußt, kennen weder jüdische Lehre noch jüdische Kulturwerte. Die Jugend ist in jüdischem Geiste zu erziehen, damit die kommende Generation stark und innerlich gefestigt ist. Hebräisch muß für alle jungen jüdischen Menschen zum Pslichtschulfach werden, gleichgültig, ob sie eins jüdische Schule besuchen oder nicht. Denn die Sprache ist als Zugang zu den Quellen ein unumgängliches Erfordernis. Die Zeiten müssen endgültig vorbei fein, in denen jüdische Jugend alle möglichen, sogar tote Sprachen erlernte, Hebräisch als Schlüssel zum Verständnis schon der Bibel aber nicht beherrschte. Diese Forderung bedeutet nur, daß wir fähig sind, unsere Üeberlieserungen unmittelbar zu verstehen. Der jüdische Unterricht muß neu und lebendig gestaltet werden. Der Geist des Judentums ist kein historisches Faktum, sondern er ist als ein lebendiger Erwccker zu neuem jüdischen Sem zu pflegen. Erst wenn es gelungen ist, eine Generation zu erziehen, die die Werte ihres eigenen Seins und die geistigen Schätze unserer Gemeinschaft kennt, erst dann werden wir in Deutschland aufrechte, bewußte Juden sein, erst dann wird der Zustand anshören, daß es Inden gibt, die nur Juden sind, weil man sie als solche anprangert. Lebendiges jüdisches Leben allerorts muß wieder erstehen. Selbst der nicht religiöse Jude muß wieder den Sabbat heiligen, und wenn es nur durch, eine Feier am Erew Sabbat ist. Durch Einhaltung der jüdischen Feste wird das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Juden nicht nur gefestigt, dadurch erhält es vielmehr erst wieder wirklichen Sinn und tiefere Bedeutung. Palästina kann für alle Juden eine Kraftquelle sein. Die Deutschland als ihr Vaterland lieben, sind doppelt gebunden, alsDeutsche und als Inden. Die Frage: deutsch oder jüdisch? ist völlig verfehlt. Beides gleichzeitig ist möglich. Jeder einzelne aber muß sämtlichen jüdischen Anforderungen gerecht werden. Diese Auffassung darf nicht privilegierter Schatz einer Gruppe bleiben, sondern muß Allgemeingut aller deutschen Juden werden. In allen diesen vorwiegend erzieherischen Aufgaben müssen die Gemeinden die Führung übernehmen. Die körperliche Ertüchtigung der Jugend muß mehr noch als bisher von den in Betracht kommenden Stellen gefördert werden und darf nicht Sache des einzelnen bleiben. Die Berufsumschichtung muß ferner planmäßig durchgesührt werden, nicht durch Beratungen von Hilfesuchenden allein, sondern durch Aufklärung aller, besonders der Eltern, daß das Heil nicht allein im akademischen Berus liegt, sondern daß Handarbeit der Geistesarbeit gleichwertig zur Seite steht. Mit der beruflichen Umschichtung, durch die die ungesunde gesellschaftliche Struktur der deutschen Judenheit beseitigt werden muß, hat der geistige Umschichtungsprozeß Hand in Hand zu gehen. Der TYP des Rur-Geistigen muß überwunden werden. Alle diese Aufgaben sind dringend, sofort muß an ihre Bewältigung geschritten werden. Aber nur eine starke Führung könnte auf diesem Wege diese Judenheit leiten, eine Füh- Die neu geschaffene deutschjüdische Wirklichkeit zwingt zu der Einsicht, daß mit dem Jahre 5694 eine Epoche des deutschen Judentums beendet ist und eine neue ihren Anfang nimmt. Die uralte Gewohnheit des ideellen und materiellen Jahresabschlusses wird jetzt in viel stärkerem Maße Generalabschlnß für einen ganzen verflossenen Zeitraum. Gerade dabei zeigt sich der Umfang des verlorenen, aber auch der eines unveräußerlichen Besitzes. Ter junge deutsche Jude tritt ausnahmslos mit der Erkenntnis seines Judesein. aber auch mit der seiner deutschen Verbundenheit in die neue Epoche. Seine Wesensart ist Beweis dafür, daß der deutschjüdische Mensch keinesfalls als Täuschung ansgesaßt werden kann, und daß er als historisch gewordener Mensch weiterbestehen und erhalten werden muß. Vorbedingung für die Erhaltung der dentschjüdischcn Menschengrnppe wird aber immer die Wiederbeschasfung von LebcnSmöglichkeiten in dein Maße sein, in dem sie verloren gegangen sind. Das bedeutet keineswegs, daß bei dem Versuch, die als Juden aus dem Produktionsprozeß in Deutschland ausgeschalteten Menschen wieder iu ihn hiueinzustelleu, Maßstäbe angewandt werden müssen, die der bisherigen Auffassung entsprechen. Die Notwendigkeit der Schaffung neuen Lebensraumes überhaupt und die räumliche Beschränktheit des dafür vorhandenen Platzes ist so groß, daß nur der nüchterne Gedanke an die Erhaltung der Gemeinschaft unabhängig von ihrem Lebensstandard jedem einzelnen darüber Hinweg- Helsen kann. Die erste nach diesem Gesichtspunkt ausgestellte Forderung verlangt Arbeit schlechthin. Untätigkeit bedeutet Zerfall, und jede auch zusätzliche und damit zeitgebundene Arrnng, die sich frei macht von jenen alten Vorstellungen, „das ist ja reinster Zionismus oder reinstes Assirnilautentum". Diesen Weg können nur junge Menschen Zeigen, denn es ist ein Weg der Jugend, dieser Weg zurück zum Judentum. Noch ist es Zeit. Alle unsere Hoffnungen ruhen — wie immer bei jedem Volk und jeder Gemeinschaft — aus der Jugend, die allein das deutsche Judentum vor dem Untergang bewahren kann und hinüberretten wird in eine bessere jüdische Zukunst. beit bedeutet nicht nur Bewahrung vor dem Zerfall, sondern auch die Kräftigung der Widerstandsfähigkeit des die Arbeit leistenden Menschen. Tie Aussichten des jüdischen Arbeitsdienstsreiwilligen sind so gesehen vergleichbar mit denen von 300 000 jungen innerhalb der Gemeinschaft stehenden Deutschon. Sie liegen in der Entlastung derjenigen Jahre, die für die Entwicklung des jungen Menschen entscheidend sind. Der heilte vielfach als Notlösung angewandte Berufs- Umschichtungskurs, in dem bereits eine große Anzahl junger deutscher Juden steht, ist gegenüber der Schaffung eines jüdischen Arbeitsdienstes in Deutschland deshalb im Nachteil, weil in einer Zeit der weltwirtschaftlichen Expansion, wie wir sie erleben, der aus dem Kurs hervorgegangene Handwerker niemals, weder im Innoch im Aus lande, konkurrenzfähig fein kann. Zusätzliches, in jüdischen Händen befind' lichcs Kapital müßte, und auch damit ist das Staatsinteresse gewahrt, für zusätzliche, von jüdischen Menschen zu leistende Arbeit flüssig gemacht werden können. Tie darüber hinausgehende Einordnung jüdischer Arbeitnehmer durch jüdische Arbeitgeber in den Produktionsprozeß, wie etwa die Beschaffung von Lehrstellen, entspricht durchaus dem Lebensrecht jedes Menschen, und einzelne Presscäußerungen, die gerade dieses Bestreben jüdischer Arbeitgeber anprangern zu müssen glauben, dürften damit über die allgemeinen im Staatsinteresse liegenden Grundsätze hinausgegangen sein. Die so gewonnene Zeit müßte zu einer völligen Umgestaltung der materiellen Basis der deutschjüdischen Gemeinschaft benutzt werden, bei der jeder einzelne, der seinen Von Adolf Rttbittstein WM öS» LZEsWsea« den versucht. Prüfung ist Frage Gottes. Unser ist die Antwort. Unentrinnbares Schicksal ist eins mit Berufung. Auf den Ruf haben wir zu antworten: „Rede, Herr, denn es hört dein Knecht!'" Gering ist, im Vergleich zu denr Schweren, das uns betroffen hat, die Zahl der Juden, die am Leben verzagt sind und ein Ende gemacht haben. Sie dauern aus. Unter unsagbaren Schmerzen und oft in Verzweiflung, aber — sie dauern aus. In der bisherigen Haltung der deutschen Juden sehen wir einen Erweis des Lebenswillens trotz stärkster Belastung, und damit eine echte Bewährung. Unsere nächste Aufgabe ist: lebeu. Unsere Ansprüche au das Leben müssen wir herabsetzen. Der Rahmen wird eng, das Leben karg, arm und schwer. Wir müssen verzichten aus Genuß unb aus Sicherung des Lebens, und wir müssen noch viel kostbarere Güter entbehren, die Freundschaft mit unseren Mitbürgern und die Anerkennung und Ehre von draußen, an denen es uns bisher niemals in Deutschland gefehlt hatte. Wer weiß, für wie lange Zeit! Dennoch müssen wir leben, will's Gott aus eigener Kraft, aus eigener Würde, aus jener Stärke, die aus einem tiefen Gehorsam gegen Gottes Millen fließt, in Sorgen, aber mit einem hohen Stolz im Angesichte der Geschichte. Aug in Aug mit einer uns feindlichen Gegenwart, voller Verantwortung gegenüber den noch ungeborenen Geschlechtern. Der Kampf nur die Heimat, den wir längst ausgekämpst geglaubt hatten, beginnt von neuem. Erfüllen wir uns mit der Erkenntnis der erhabenen Notwendigkeit, aus der die Demut gegenüber dem Schicksal stammt! Bewahren wir uns den Lebensmut, der bisher nicht versagte! Dann bewähren wir uns im Gericht. Dann zerreißt Gott nach dem herrlichen Wort unseres Gebetes die Urkunden unserer Schuld. Dann dürfen auch wir auf den hohen Segen Gottes hoffen, mit dem hie Geschichte von Abrahams Versuchung schließt: ^Weil du das getan und deinen Sohn, deines einzigen mir nicht vvrenthalten hast, will ich dich segnen, segnen, und mehren, mehren will ich deinen Namen wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am User des Meeres." Ja, vielleicht erfüllt dann Gott auch an uns und an unseren Kindern die Verheißung: „Und segnen werden sich mit deinem Samen alle Völker der Erde, dafür, daß du gehört hast auf meine Stimme." Psalme von Arthur Silbergleit I. Die Folianten der Gelehrten lügen Des Menschengeisles Uebennacht uns vor. Wer aber wäre wohl ein solcher Tor, So stolzem Narrenwahtie sich zu fügen? Wer kann die Riesenweiten überbrücken, 0 Aetherewiger, von uns zu Dir? Wer sich mit Deinen sieben Kleidern schmücken, Dem Regenbogen überm Weltrevier? Wer je die Blüte Deiner Seele pflücken? Und wer enthüllt uns Deine Rätsel hier? Die Brücke, die mit stählernen 'Gestängen Hoch überm Strome ihren Bogen strafft, Bleibt doch trotz stolzem Selbstbewusstsein hängen An dem Geheimnis Deiner Zauberkraft. Nur Trug scheint ihrer Pfeiler freies Schweben, — Du siehst sie nicht im Flusssand eingerammt Und wenn sie sich gleich Jünglinsarmen heben Zur Sternenbrücke, die sie überflammt, Scheint jeder überirdisch festgebunden An Dich durch Bänder von astraler Art, In Träumen talententrückter stiller Stunden Bereit zu 'gängeln unsre Himmelsfahrt, Indessen unter ihr die Nachen gleiten, Im Spiegelstrom Planetenhochzeit blinkt, Und nicht mehr Menschengeist und Torheit streiten, Wie hoch Dein Schwung in jeder Brücke schwingt. Auch unsre Seelen senden wir nach oben Zu Dir, der über Strom und Brücke wacht. Hast Du nicht unsre Schwerkraft aufgehoben Im sanften Schweben mancher blauen Nacht? Wir wähnten Dich schon irdisch überwunden Und wohnen doch in Deiner hohen Haft Und fühlen unsern steilen Stolz gebunden An das Geheimnis Deiner Zauberkraft. II. Du grosser Maler Gott, mit stolzen Pinselstricher» Malst Du Dein Bild der Welt nach innerstem Befehl. Selbst Rcmbrandt, Tizian und Rafael Erscheinen schwach, mit Deiner Kraft verglichen. So schimmert Dir dis Welt wie ein Juwel, Dem nimmer seine reichsten Farben blühen, Als machten ihre Flimmer keinen Hehl, Dass sie dem Regenbogen nicht entwichen. Umrahmt von Himmeln und den blauen Betten Der Fische, Deiner Ozeane Schwall, Und ewig schneegekränzten Alpenketten Erstrahlt Dein Bild, vom Goldorangenball Der schönsten Sonne festlich überspielt. Nur Dichter halten es in ihren Händen. Ira Traum und leben ewig in Legenden, Weil sich in ihrem Blick Dein Himmel hielt Doch wenn einst alle Farbenpracht verblasst Selbst in der .Tempel sattem Fensterglast Wird ihr Geleucht uns noch durch Lieder tönen Und so sich unsern Harfen eingewöhnen, Dass Du uns währst als ewiger Seelengast. III. Auf einem haftbefreiten Tempelschiff Fuhr ich in Dämmerträumen weltenweit Durch alle Meere Deiner Herrlichkeit Und ahnte Deine Hand am Steuergriff. Die Wolken hissten sich als Segel mir. In jeder Sonne fand ich Dein Gesicht. Ich brauchte Nacht um Nacht kein Leuchtturmlicht; Denn Dein Planetenheer schrieb Dir und mir Die gold'nen Pfade uns’rer Fahrten vor, Und Deiner Ozeane Ueberschwang Beglückte hymnischer mich mit Gesang Ais je ein Hajlelujajubelchor. IV. Die Schuppenbuntheit Deiner Süssscefische Trägt wohl Dein stolzes Regenbogenrad, Und Deiner Fabeln farbenreiche Stadt Glüht ins Geheimnistiefe, Träumerische Des Meers voll Algenarabeskengrün, Und Deine go!d*ne Mondapotheose Lässt die Phantastik Deiner Meeresmoose Wie Bernstein und Koralle Wunder sprüh’n. V. In den Fjorden unsrer Sehnsucht schlafen Die Segelboote Deiner Träume oft, Doch wandern sie zuweilen unverhofft Ins Meer aus ihrem heimatlichen Hafen. Und mitten auf der See in Sternenslille Ziehst Du, o Herr, die Ruder leise ein Und lasst Dich treiben von den Wellenreih’n, Als lebte nur im Winde noch Dein Wille. Doch ob Du Dein vergisst in stummer Stunde, Wir, Ewiger, vergessen Deiner nie: Von Deiner Huld wie leise Melodie Gibt jeder Atemhauch dem Abend Kunde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.