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Central-Verein-Zeitung · 1933-09-14 · 35 (14.9.1933) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
35 (14.9.1933)
Date
1933-09-14
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Eine UnlertzÄlNig mii ZerussbM»em f'-r-rv ‘icdfiT-/'//0\nn?nn*—^.r~\ Nr« 35 So Wo 2. Beilage /• IJ I n Aus dem Schlosser kur sus, den die Gesellschaft zur Förderung des Handwerks, der Industrie und der Landwirtschaft unter den Juden, „Ort“, zur Berufsumschichtung deutscher Juden errichtet hat Auf null mr Yolla Kiclas, BcrUn-Ilaleni- <X><X><><>0<X>O^OOOOOC'<XKX><><><>0<><XX> Ck><>C><><XK><0k><X><XXX><X><>O<X>O<KX^ Jahrelang und jahrzehntelang haben jüdische Frauen in Deutschland an ihren Arbeitsplätzen den täglichen Dienst erfüllt. Die „sehe Stellung" im Büro oder Laden, bei Behörden oder in der Sozialarbeit war ein ruhender Pol ihres Lebens, für nicht wenige sogar ein Stück Heimat, der sie nicht nur ihre materielle Existenz, sondern auch ihr seelisches Bestehen verdankten. Plötzlich ist vielen das Stück Heimat genommen worden. Es gibt keinen ruhenden Pol mehr, an den sich das Sicherheitsbedürfnis halten kann. Was wird aus den Frauen, die ihre Posten verloren haben und nicht ohne eigenen Erwerb existieren können? Eine mündliche Umfrage, die ich bei jüdischen Beriistberalern dnrchgeführt habe, ergab dieses Bild: Nur verschwindend klein ist die Zahl der Frauen, die in Deutschland auf ihrem bisherigen Berustgebiet neue Arbeit finden tonnen. Aber auch im Ausland bieten sich ihnen, wenn sie ihren alten Weg weiter verfolgen wollen, nur so geringe Aussichten, das; sie aufs ganze gesehen kaum in Betracht kommen. Somit ist für die meisten die Frage der Beriistiimstellung brennend geworden. Der Ilebergang in einen anderen Beruf ist in erster Linie für die entlassenen kansmännisehen Angestellten fast durchweg eine Notwendigkeit. Weiterhin sind — in geringerer Zahl — Sozialbeamtinnen, wissenschaftliche Hilfsarbeiterinnen, Arademikerinnen und Angehörige der künstlerischen und kunstgewerblichen Berufe zur Uinstellnng geztvnngen. Ein AMpitcl für sieh bilden die Ehefrarien, die bisher lediglich Hansfrarieu waren und jetzt mit eigener Erwerbstätigkeit im In- oder Auslande den Mann wirtschaftlich entlasten wollen. In welche Berufe können Frauen mit verhaunisinätzig guter Erfolgsaussicht umgeschnlt werden? Die Berufsberater nannten mir an erster Stelle die Landwirtschaft mit allen ihren Aebengebieten, wie Gärtnerei, Geflügelhaltung, Dbsttnltnr, Bienenzucht. Blau ums; sich darüber klar sein, das; die Landarbeit körperliche Kraft und Gesundheit verlangt. das; deshalb normalerweise junge Menschen besser geeignet sind als ältere. Die Bedingungen landwirtschaftlicher Arbeiter sind ans jedem Boden, in jedem Klima, in jeder Volkswirtschaft verschieden. Nach der Umschulung ist deshalb oft mit einer physischen und geistigen Umstellung zu rechnen, deren Schwierigkeiten sich im Einzelfall nicht voraussehcn lassen. Die Frau ums; auf dem Lande immer auch im Haushalt tätig sein. Es empfiehlt sich also eine Vorbereitung aus den Doppelberuf der Land- und Hausfrau. . Als zweites Vernssgebiet für Umstellungswillige wurde mir die-Hauswirtschaft genannt. In Familienhaushaltnngcn besteht in Deutschland und mehreren anderen Staaten eine ansehnliche Nachfrage nach Arbeitskräften. Als häusliche Angestellte in größeren Wirtschaftsbetrieben werden dagegen nur wenige ankvuunen können. Ob eine selbständige hallswirtschaftliche Unternehmung •— Pension, Mittagstisch — vielen etwas verspricht, 111 ltf; bezweifelt werden. In Palästina werden gelegentlich Frauen verlangt, die das Grosikochen für Massenbetricbe gelernt haben. An dritter Stelle der Umschichtungsberuse steht daS Handwerk. Verheiratete Frauen haben vielfach besondere Neigung zu handwerklicher Tätigkeit, sofern sie als Heimarbeit ansgeübt werden kann. Begreiflicherweise liegt ihnen und auch vielen Unverheirateten die Schneiderei am nächsten. Das Gewerbe der Masischneiderei ist aber in Deutschland seit Jahren überfüllt! Es mutz also gewarnt werden, sich daraus mnznstellen. Etwas besser sind die Erwerbsmöglichkeiten in der Konsektionsschneiderei. Auch wer Damenpntz lernen null, tut gut, ans Massenproduktion zu „studieren". Kräftige jüngere Frauen finden vielleicht als Tapeziernäherinnen Beschäftigung. Ans dem Gebiet des Wäschenähens sind wenige Spezialitäten, z. B. die Herstellung von Bernsslleidnng, noch nicht so stark übersetzt. Friseuse, Masseuse, Kosmetikerin — bei den Ervoerbssuchenden sehr beliebt, ans dem deutschen Arbeitsmarkt für jüdische Frauen schlechthin aussichtslos. Im Auslande gibt es für diese Berufe stellenweise Nachfrage, wobei anznmerkeu ist, das; Kosmetik am besten nur in Verbindung mit Frisieren gelernt werden sollte. Die Mittel und Wege der Berussnmschichtnng sollen in diesem Zusammenhang nicht erörtert werden. Nur soviel sei darüber gesagt: Jeder Einzclfatt bietet seine besonderen Schwierigkeiten. Ratsuchende und Berater müssen viel Geduld aufbringcn. Auf Grund der bisherigen Erfahrungen darf man aber feststellen, das; es möglich ist, viele entwurzelte Existenzen zu einem neuen Arbeitsleben zu führen. Frauen in der Berussumschichtung: Sie stoßen sich vom alten Ufer ab und steuern ein neues User an. Für viele ist es ein schmerzhaftes Losreisten, das sie nur mit dem Aufgebot aller Willenskraft ertragen können. Zum Glück — nms; man jetzt sagen — sind nicht alle so fest in ihrem Arbeitsboden verwurzelt gewesen. Besonders unter den kaufmännischen Angestellten findet man eine Anzahl, die nicht ungern etwas Neues anfangen, weil ihre mechanisierte Arbeit lein positives Lcistnngsgefühl anfkommcn liest. Auch sonst scheinen die Frauen leichter als die meisten Männer zur Umstellung bereit und fähig ,zn sein. Sie sind im allgemeinen wendiger und lassen sich eher von einer Art Lebensncugier zu neuer Selbstbetätigung in einer unbekannten Arbeitssphäre treiben. Der Mann wird fast immer in seinem Lebenszentrum verwundet, wenn er seine Arbeit verliert. Frauen arbeiten in viel größerer Zahl nicht aus Berufung, sondern hauptsächlich um des Erwerbs nullen. Sie werden deshalb nicht so tief getroffen, wenn ihre berufliche Grundlage entschwindet. Die meisten Ehefrauen, so wurde mir versichert, stellen sich mit großer Tüchtigkeit und Tapferkeit aus eine Erwerbsarbeit um. Die Aufnahmen in -cn vorigen Nummern der „C. B.-Acitung" stammen ans dem Atelier Herbert Lonueufeld, Berlin m tMM Wk Kl ©iäsÜÜO 025 jäiäs semer Wea* Or. Ludwig Landau (Frankfurk/Oder) Wohl niemals ist eine kulturelle Organisation unter problematischeren Verhältnissen geschaffen ivordcn wie der „Kulturbund deutscher Inden". Trägerin soll eine großstädtische Gemeinschaft werden, die, in ihren wirtschaftlichen Grundlagen gefährdet, in ihrer seelischen Struktur erschüttert, in ihrem inneren gesellschaftlichen 'Aufbau umlagerungsbedürstig. in ihrer Altersgliederung stark gegensätzlich, in ihren geistigen und religiösen Zielsetzungen vielfach anseinanderstrebend, neue Gestaltung ihrer llmweltbcdingnngen suchend, eine Metamorphose von elementaren Ausmasten nicht v"s zwingend innerem Drang erlebt. Wille und Sehnsucht gehen nach neuen Lebensfarmen und Erlebensgehalten, die ungebrochene. ihr Geschick bejahende, von ihrem jiidischen Menschentum erfüllte Menschen verbürgen sollen, die ihren eigcngeprägtcn Wert vor einer feindlichen Umwelt nicht zu verbergen brauchen. Instrument solcher Metamorphose. solcher Gestaltwandlnng. solcher Transformation von Indenheit in Judentum nmst eine tragende jüdisch-geistige Organisation werden, will sie überzeitlicher, sinnvoller Forderung gerecht werden. Sie ist mitberufen, den neuen jüdischen Menschen zu formen, der seinen in der Vergangenheit liegenden Weg durch deutsche Kultur und seine Aufgeschlossenheit dem schöpferischen deutschen Genius gegenüber auch in Zukunft nicht verleugnen soll und kann, der aber seine ursprünglichste Heimat in jüdisch.seelijchem Bezirke wieder finden oder wenigstens suchen soll. Diese ideale Forderung ist nicht die Wirklichkeit von heute. Sie must aber der schwingende Rhythmus der Arbeit aller an diesem Werke sein, der Führer, des schöpferischen oder dienenden Künstlers, der Hörergemeinschaft, deren innere Auftriebskraft vielleicht die wichtigste Voraussetzung für sein Gelingen ist. Die Wirklichkeit von heute erfordert Erkenntnis und Berücksichtigung der nüchternen Tatsachen. Der Kulturbund will jüdischen Künstlern Arbeit und Brot, dem deutschen Inden Entspannung und Sammlung, Erheiterung und Erhebung geben. Die Welt, die sich gegen uns abschließt und immer mehr noch zu verschließen droht, wird unser Wollen und Können betrachten und beurteilen. Wir dürfen uns aber nicht der Bewußtheit überlassen, sondern müssen nur der inneren Stimme gehorchen. Diese Schlln'erigkeiten muß jeder in unseren Reihen den Männern zugute halten, die sich um das neue Werk strebend bemühen. Was mir — auch der unbeteiligtere in der Provinz lebende Jude fühlt die Solidarität gemeinsamer Verpflichtung für den Erfolg, und er darf daher die Situation klären Helsen — von ihnen verlangen, ist die Erfülltheit von dem besonderen Weltgefühl des deutschen Juden, von der neuen jüdischen amor munäi. Wer dieser Entscheidung ausweicht, wer zwischen den Welten, schwebend sein ihn verpflichtendes jüdisches Schicksal, das, wir dergehen nicht, mit dem allgemeinen deutschen Schicksal verknüpft bleibt, nicht erkennen oder nicht bejahen kann, wer für diese innere Transformation zu stark seiner andersgestalteten Vergangenheit verhaftet ist. dem fehlt dad heilige Feuer, das Führertum ausstrahleü soll. Und keine orgauisatorijch-technische Begabung kann diese Berufung zum Führer ersetzen. Ideale Forderung und reale Tatsachenkenntnis setzen der Betätigung des „Kulturbundes" die Grenzen. Hier einige wenige Andeutungen. Wir wollen kein Konkurrenztheater. Aeusterlicher Wettbewerb würde nur ehrgeizige, oberflächliche, in Wahrheit unkünstlerisch empfindende, un-wesentliche Spieler und Hörer schaffen, ganz abgesehen davon, daß jede Vergleichung grundsätzlich fehlgehen muß. Wir wollen kein Tendenztheater. Jede Leistung, die nicht rein menschlich erlebnishaft wirken will, sondern auf neben der Sache liegende Dinge schielt, verkleinlicht unser Wollen, verkennt auch von vornherein die Aufgabe eines Kulturbundes deutscher Inden. Dnrnm muß auch das Werk deutschen Geistes auf jüdischer Bühne von jüdischen Künstlern nachgestaltet werden. Nicht deshalb, weil deutsche Dichter wie Hebbel (Judith. Herodes und Mariamne), Ludwig (Makkabäer), Grillparzer (Jüdin von Toledo), Lessing jüdische Gestalten und Stoffe bearbeitet haben, sondern aus bejahender Einstellung zum Deutschtum heraus. Was will denn die bloße Nassezugehörigkeit allein besagen? Was besagen denn, auf den eigentlich jüdischen Gehalt geprüft, die Namen jüdischer oder halbjüdischer Bühnenkomponisten gegenüber Sophokles und Tolstoi. Goethe und Maliäre, Shakespeare und Calderon, die der Menschheit gehören? Und Lessings „Nathan" ist jüdischer als Gutzkows „Zopf und Schwert". Schauspiel und Oper sollen den Menschen jüdischer Art erziehen und bilden helfen. Der darstellende Künstler soll fühlen, daß innere Bindung den da unten mit ihm umschließt, daß seine Leistung nicht nur Einstehen für sich selbst bedeutet, sondern Dienst an der jüdischen Gemeinschaft. Dem jüdischen Dichter der Gegenwart wird eine Znsluchtstätte geschaffen. Nach den Verlautbarungen deutscher geistiger Verbände bleibt ihm die andere Umwelt verschlossen. Diese Tatsache verpflichtet nicht, das Unzulängliche zu pflegen, weil sein Autor Jude ist. Aber das Bedeutsame darf nicht untergehen« Tie wesentlichste Pflichterfüllung, die anstrengendste Selbsterziehung harrt des jüdischen Hörers. Ter „Kulturbund" wird nur dann leben, wenn eine jüdische Erlebensgemeinschaft entsteht, die ihrer Verantwortung der jüdischen Gesamtheit gegenüber sich bewußt wird und bleibt. Wie alle sind wir irdische Menschen, dem kleinen Alltag zugewandt. Unser Schicksal allein macht uns nicht heroischer. Die Intensität unseres Gefühls, der Wille, neuer jüdischer Art und Ausgabe mit Demut und Hingebung zu dienen, gibt unserem Leben als Gemeinschaft ethischen Gehalt. Und unsere Propheten lehren uns, daß nur der ethoserfüllte Mensch zugleich heroischer Mensch sein kann. Unter allgemeinem Beifall ist Geheimrat Professor Dr. Adolph Goldschmidt, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, von dem internationalen Kunsthistorikerkongreß zu Stockholm zum Ehrenpräsidenten gewählt worden. Die hohe Ehrung wurde u. a. dadurch gerechtfertigt, daß die Schweden in Goldschmidt einen Begründer ihrer Kunst-

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