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Central-Verein-Zeitung · 1933-09-14 · 35 (14.9.1933) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
35 (14.9.1933)
Date
1933-09-14
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Fr. Br. Im Verlauf einer ideologischen Auseinandersetzung über die Probleme der - Palhstinaeinivanderuug, die in diesen Blättern ■ kürzlich 311m AicStrag tanien, wurde von uns > die Rotivendigkeit hervorgehoben, imscrem Leserkreis neben den Richtüngstheoricn auch eine sachliche Kcnutnisgrundlage 311 verschaffen. Wer den Wunsch hatte, sich einmal ganz ohne ideologisches Zubehör über die Tatsache Palästina gründlich zu unterrichten, hatte es nicht ganz leicht. Die von positiven oder ncga-; tiven Wünschen gefärbte Literatur ist für diesen Zweck unbrauchbar. Bei Leuten, die jede arabische Stimme mit Begeisterung Nachdrucken, weil sie eS ja „immer schon gesagt, hätten", holt man sich besser keine Belehrung. Ebensowenig gibt aber auch die von den Auf-' bauinstonzen, heranegegebene Werbeliteratur ein vollständiges Bild. Palästina hat nicht, wie andere Ansbauländcr, cm großes Mutter-, land hinter sich. Es wächst durch freiwillige Spenden. Bei der größten Wahrheitsliebe müssen daher die Schriften der Sammelorganisationcn 'den Akzent auf die Teile der Arbeit, legen, die die stärkste Werbekrast haben. Sie. müssen diejenigen Begründungen bevorzugen/ durch die „Menschen 'in jenen unnatürlichen Zustand verseht lverden, in dem sie bereit sind, Geld herzugeben". Sv entsteht leicht ein schiefes Bild. Der Bauer hinter dem Pfluge ist nun einmal werbekräftiger als der Zemeutarbeiter. das Kinderdorf rührt mehr als die Seifenfabrik. Beides ums; man aber kennen, wenn man sich vor: der Struktur des Landes eine Vorstellung machen will. Bisher war, wer sich ein solches vollständiges und unideologisches Bild von Palästina verschaffen wollte, ans schwierige Ouettenstudien angewiesen, llm so lvertvoller lvar es, als Dr. Alfred Bonne, der Leiter der Economic Archives for tl)e Renr Gast, Jerusalem, sein grundlegendes Buch „Palästina", Land und Wirtschaft" (Deutsche wissenschaftliche Buchhandlung G. m. b. H„ Leipzig, Talstraße 2. Atit 60 Abbildungen, 4 Kartenskizzen und 1 Diagramm. Broschiert 11,— RR!., Ganzleinen 12,50 AM. Billige Ausgabe ohne Abbildungen: Kartoniert 4,— NA!.) erscheinen ließ. Das Werk fand überall beste Aufnahme, so daß seht schon die zweite Auslage vorliegt. Sie verwertet bereits die Zahlen für 1032, kann aber natürlich die durch die neuesten Ereignisse hervorgernfene Entwicklung noch nicht mit berücksichtigen. Trotzdem ist das Buch unentbehrlich für jeden, der sich euren ökonomischen Gesamtblick über Palästina verschaffen will. Die nachfolgende flüchtige Wanderung durch die Darstellung BvnneS soll zu eigenem Verweilen airregen, nicht eS ersetzen. Bereuen wird es niemand; schon das volkswirtschaftliche Grnndproblem, das sich durch die Darstellung zieht, die Verpflanzung modernster Methoden der Verwaltung, der Landwirtschaft, der Indrrstric rurd des Handels irr ein Land, daS sich . noch im Stadium einer „halbfeudalen statischen Agrarwirtschaft" mit primitivster Methodik befand, ist überaus interessant. .Bevölkerung. Bonne geht von einer Darstellung der LandeTnatur rurd des Klimas aus. Die eigentümliche geographische Struktur des Landes mit ihren starken Gegensätzen wird geschildert, das Klima iir seiner Bedcrrtmrg für die Siedlung dargcstellt. Es folgen Zahlen über die Bevölkerung, allerdings heute schon rricht mehr ganz maßgebend, da die letzte Volkszählung im Jahre 1931 stattfand. Damals lebten in Palästina 759 712 Mohammedaner (73,34 Prozent), 174 610 Inden (16,80 Prozent), 91 398 Christen (8,82 Prozent). Die mohammedanische rurd die jüdische Bevölkerung ninrmt ständig zu, die arabische.durch große Frucht- - bartert, die jüdische durch starke Einwanderung. Anfang 1933 war die jüdische Bevölkerung bereits auf 200 000 gestiegen. Die Tabellen der Juden zeigen einen hohen Prozentsatz von Einwandernden mit Vermögen. Dein Herkunftsland nach steht Polen mit 45 Prozent der Einwandcrndcn an der Spitze, cs folgt Rußland mit etwa 20 . Prozeiit. Aus Deutschland stammten 2,8 Prozent, eine Zahl, die jetzt natürlich anstcigen wird. Finanz e n und 93 c r Walt 11 n g. ES folgt ein lieberblick über die Grnndzüge der öffentlichen Finanzen und der Verwaltung. Da ein Parlament bisher nicht znstandegekommen ist, liegt die legislative Vollmacht beim High Eommissioner, dem ein Advisory Council zur Seite steht. Die Einnahmen des Budgets setzen sich im wesentlichen auS Zöllen, Akzisen und Stenern zusammen. Das Steuersystem ist sehr unmodern, belastet die Landwirtschast ganz wesentlich höher als die Industrie. ES ivird der Zehnte (Oscher) vom Bodenertrag erhoben, eine Steuer ans Immobilien (Werkv), die in den Städten 6 bis 10 Prozent vom jährlichen Nettoertrag der Grundstücke ausmacht und schließlich eine Aiehsteucr. Die Haupteiuuahmequelle des Budgets sind die Zölle. (4931: 922 000 Lstrl.) In den Ausgaben der Negierung steht der Posten für Polizei und Grenzschutzkorpü mit rund 640 000 Lstrl. weit an der Spitze, währcnd für die Landwirtschaft nur 80 000 Lstrl. und für Ilnterrichtszwecke nur 140 000 Lstrl. bcreitgestellt sind, ein Punkt, der immer wieder zu starker Kritik heausgefordert hat. Die Währung, das palästinensische Pfund (Unterteilung 1000 Mil) ist durch die Art ihrer Deckung eng mit dem Kurse des englischen Pfundes verbunden, ihre Kontrolle erfolgt in London durch einen von der Palästinaregierung unabhängigen WährnngSansschuß. Es wird der Aufbau der Administration dargestellt, in der dem Eommissioner des Chief Secretarh, der Attorney General und der Trcasurer als Erecutive Council zur Seite steht. DaS Rechtswcsen ist kompliziert, da neben dem die Grundlage bildenden otttomanischen Recht die geistlichen Gerichte eine Nolle spielen. Es ist jedoch England gelungen, in der Justiz wie auch in der Verwaltung die türkische Korruption von früher gründlich auszurotten. Für den Stand des NechtSwesens ist ausschlaggebend die einheitliche Leitung durch englische Richter. Der ausländische Staatsangehörige kann Aburteilung durch englische Richter verlangen. L a n d w i r t s ch a f i. Der zweite Teil des Buches ist der DarsteUung der Urproduktion, vor allem der Landwirtschaft gewidmet. Hier stehen sich arabische und jüdische Wirtschaftsmethoden stärtstenS ' gegenüber, der Fellache mit seiner primitiven extensiven Getreidewirtschaft, der Jude uut hochentwickelter Pflanzungstechnik, der Fellache als Pächter mit kärglichstem Ertrag, der Jude als Siedler mit wesentlich höherem Lebensstandard. Eingehende Untersuchungen über nutzbare Bodensläche und Siedlungskapazität zeigen, daß selbst bei vorsichtiger Bewertung rund 170 000 Familien (das Doppelte der heutigen Zahl) vom Ackerbau leben könnten, wofür allerdings Voraussetzung Reform der Bodenbesitzverhältnisse, Entschuldung der arabischen Pächter und Klärung der politischen Vorbedingungen notwendig sind. Der Unterschied zwischen Landwirtschaft und Lebenshaltung der arabischen und jüdischen Landwirtschaft kommt in getrennter Darstellung zum Ausdruck. Die Statistiken der Fcllachenwirtschafleu sprechen eine erschütternde Sprache. IahrcSerträgnisse von 20 bis 30 Lstrl. sind die Regel, bei der großen Zahl der mohammedanischen Bevölkerung eine wichtige Tatsache für die Konsumkraft des Landes an Verbrauchsgütern. Primitivste Methoden, Abhängigkeit vom Verpächter, schwerste Verschuldung formen daS Bild. Man mnß sich in die Untersuchungen vertiefen, um ermessen zu können, was der Einbruch modernster Landwirtschaft hier bedeutet. Die jüdische Siedlung wird in ihrer Geschichte gezeigt, die bekannten Formen der Siedlung dargestellt und die aktuellen Probleine beleuchtet. Die letzte Erhebung von 1930 weist 117 jüdische Siedlungen mit 38 772 Menschen aus, hiervon 57 zionistische Siedlungen mit 7556 Menschen. I n d u st r i e und Hände l. Der dritte Abschnitt deS Bonneschen Buches bringt Untersuchungen über Industrie, Gewerbe und Handel. Beim letzten Jndustriezensns 1928 bestanden 3500 gewerbliche und industrielle llnternehmungen. davoll % nach dem Kriege gegründet. Ter Aufschwung der letzten Jahre ist jedoch gerade auf diesem Gebiet so stark gewesen und ist eS noch, daß verläßliche Zahlcnangaben nicht zu erhalten sind. Schon 1928 war >4 des Gesamtkapitals aller Betriebe in jüdischen Unternehmungen investiert. Alls der Vorkriegszeit stammt noch die Seisenindustrie, die auch heute noch im Export der Industriccrzcugnisse an der Spitze steht. Ter größte Ilidustricbetrieb des Landes find die Resher Zementwerke in Haifa (300 000 Lstrl. Kapital, 400 Arbeiter). Tcnhöchstcn Produktionswert liefert die Mühlenilldnstrie. Die iildnstrictte Entwicklimg ist erst durch die Elektrifizierung Palästinas möglich geworden, das Werk Nuthenbergs. Seine Palcstiue Electric Corporation versorgt mit drei lokalen und dem Jordankraftwerk das Land mit Strom (1932: 15 000 Abnehmer). Die Aussichten der industriellen Entwicklung des Landes lverden von Bonne durchaus zuversichtlich beurteilt. Durch die zunehmende Industrialisierung wird auch der Exporthandel neue Belebung erfahren, der sich bisher ailf die Ausfuhr von Orangen, Seife und Getreide beschränkte. Die Handelsbilanz ist stark negativ, wenn sich auch das Verhältnis von Import zu Export von 100 :20 im Jahre 1925 auf 100:31 im Jahre 1932 gebessert hat. Für Palästina bedeutet dieser Umstand jedoch keinen Anlaß zur Sorge, da es fein Defizit der Handelsbilarlz durch ständigen Kapitalimport deckt. Ter Aufschwung gegenüber der Vorkriegszeit ist enorm, 1912 ein Import von 1,5 Millionen Lstrl., 1932 von 7.7 'Millionen Lstrl. (Export voll 'l,l aus 2,3 Millionen Lstrl.). Als Umschlageplatz bekommt Haifa mit seinem neuen Hasen, dein Endstück der Mossul-Petrolcum- Leitllng und als Knotenpunkt von Eisenbahnllild Fluglinien ständig erhöhte Bedeutung. Inlport lind Erport werden an Hand zahlreicher Tabelleil dargestellt, die Handelsverträge als Grundlage der Wirtschaft beleuchtet, Preise lind Lebenshaltung untersucht. Banlcn und Genossenschaftswesen, Verkehrswesen, Post und Tetephoil finden ihre Darstellung. Eine wichtige Einnahmequelle deL Landes ist der Touristenverkehr: schon 1930 besuchten 13 200 Touristen das Land, die Gesamteinnahmen eines Rormaljahrcs ans dem Touristenverkehr werden auf 280 000. Lstrl. geschätzt. B e r u f s st ä n d e. Für den, der sich mit Jnvestitionsplänen in Palästina trügt, ist das folgende Kapitel über Berufsstände und wirtschaftliche Organisation wichtig. Von den im Handel beschästigteil Palästinensern bilden die Juden nur ein Drittel, von den Erwerbstätigen in Handwerk und Indllstrie dagegen 43 Prozent. Unter den jüdischen Erwerbstätigen sind 13,3 Prozent im Handel, 18,5 Prozent in der Landwirtschaft, '8,4 Prozent in freien Berufen, 29,4 Prozent in Handwerk und Industrie tätig. Ein Jndustriellcnverband nimmt die Interessen der Arbeitgeber wahr, Handelskammern bestehen in Jerusalem, Jaffa. Haifa, Gaza, Nablus und Tibcrias. in Jaffa und Haifa getrennt für Inden und Araber. Tie palästinensische Arbeiterschaft ist sehr straff organisiert. Anfang 1933 waren etwa 30 000 jüdische und 45 000 arabische Arbeitnehmer vorhanden. Tie Durch» schnittslöhne der Inden liegen über denen der Araber (z. B. für ungelernte Arbeiter 80 bis 150 Mil pro Tag für Araber, und 200 bis 300 für Juden). Die gewerkschaftliche jüdische Organisation ist dieHistadruth mit 35 000 Autgliedern Ende 1932. Sie unterhält eine Krankenkasse, eine Arbeiterbank, Absatzgcnossenschaftcn. In einer Zusammenfassung wird ein volkswirtschaftlicher Ueberblick gegeben. Ter Anhang bringt den Mandatstext, eine Reihe von Tabellen, die wichtigsten Einwanderungs- und Zollbestimmungen und eine Literaturübersicht. Schon dieser knappe Bericht wird gezeigt haben, welche Fülle von wichtigen Fragen in dem Buche Bonnes behandelt wird. Tie klare Tarstellungsweise und die wissenschaftliche Gründlichkeit sowie die Fülle des Materials heben es ans der Flut der Palästinaliteratur heraus. Wer für Einzelprobleme noch detailliertere Angaben braucht, sei auf die Veröffentlichungen der Palästinaregierung hingewiesen: EensuS of Paleftine 1931, Part. 1. Report, Part. II. Tables, Alexandria 1932, sowie die alljährlich erscheinenden Blue Books. Von in deutscher Sprache erscheinenden periodischen Veröffentlichungen ist dieZeitschrift„Palästina", herausgegeben von Adolf Böhm in Wien, die wichtigste. Sie bringt viel Material und grundlegende Aussätze. i i f:! filciue NinnerungsMer Es AM €1 (3. Fortsetzung.) Wie Hütte man dem Theater sernbleibcn können? Tie Breslauer Bühne hatte den Ruf einer großen Vergangenheit und eine schon mehr umstrittene Gegenwart. Waren die einheimischen Kräfte nicht bedeutend oder gingen sie, wenn sie entdeckt waren, nach Berlin, Haniburg, Frankfurt a. M., so kamen die größten Künstler deutscher Zunge doch häufig gastierend an die Oder, und das war allemal vorher und nachher ein Ereignis. Auch die Oper wurde fleißig besucht.. Dafür wiederum zeugt ein Konvolut reichlich abgegrisseuer Textbücher, die noch jetzt in meinem Regal stehen. Jeder Kunstgenuß, jedes bessere 'Buch wurde voll ausgcnutzt und wurde bleibender Besitz. Noch gab es nicht die drängende Fülle der Darbietungen, die später „ein kunstliebendes Publikum" von einem „Ereignis" zum anderen riß und das Gestrige durch daS Heutige rasch vergessen machte. In dieser bürgerlichen, ich darf wohl sagen, kerngesunden U'.nwelt bin ich geboren und zu Jugendjahren gekommen. Und immer wieder wirst mir daS Blitzlicht des Gedächtnisses kleine Erinnerungsbilder auf das Schreibpapier. Krauchte da nicht im Elternhause die alte Kinderfrau Johanne umher, mit ihrem harten Bauerngesicht die „kinderliebe" Güte in Person? Borgten wir sie nicht, wenn wir uns im Konfitürengeschäft, von Puschel für einen Dreier Abfall kaufen wollten, um dieses unverzinsliche Kapital an? Stundete sie es uns nicht/bis sie uns jeweilig zu unserem Geburtstag erklärte, ihr Geschenk sei, daß sie die Anleihe überhaupt nicht mehr zurücksordern wolle? Als mein Bruder sein Freiwmigenjayr abdiente und im Morgen- - grauen in die Kaserne jagen mußte, legte sie sich nicht vor seiner Zimmertür im Korridor auf den Fußboden, um nur ja munter zu sein, wenn sie ihn wecken mußte? Als ich selber klein war, schlief sie mit nur in der gleichen (Stube und bewachte mich. Wenn ich in meinem Bettchen lag, ergab sich allabendlich der folgende Dialog: „Fritzel, schläfste schon?" — „Nee, Johanne, schläfst du schon?" — „Nee, Fritzel; nu schlaf' ock, Fritzel!" — Panse. — Erneute Frage: „Schläfste schon, Fritzel?" — Antwort: „Nee, Johanne, schläfst du schon?" — „Nee, Fritzel; nu schlaf' ock, Fritzel!" — So fort, und immer wieder ein Dacapo, wie bei großen Opernarien. Bis sie oder ich ftuniui blieb oder höchstens ein sanftes Schnarchen verriet, daß ein weiterer Gedankenaustausch unnötig geworden war. Nur einmal in langen Jahrzehnten hatte sie das Haus verlassen, damals, als ein Freier lockte. Rasch war sie wieder da und half den Kindern und hals der „Madame", bis sie nicht mehr weiter konnte. Sie hatte sich bei meinem Vater, Groschen auf Groschen, die Summe von nicht weniger als Zwölshundert Talern erspart. Als die Flügel meines Geistes sich zu regen begannen, als ich lesen und schreiben lernte, habe ich mich sofort an diesem edlen, aber analphabetischen Wesen pädagogisch versucht und ihr die frisch eroberten Wissenschaften Lcibringen wollen. Ich habe sie maßlos damit gequält und schlage jetzt reuevoll an meine Brust. Die Flügel regten sich noch stürmischer. Ich dichtete, ich zeichnete. Das Beweisdokument hat sich im Nachlaß meiner Mutter gesunden, mit der Bemerkung von ihrer Hand: „AuS seinem achten Lebensjahr." Damals also habe ich meinen Tageslauf ' rhythmisch beschrieben und mit eigener Hand und mit einem offenbar schlecht gespitzten Bleistift illustriert. Da steht der Vater im Schlafrock vor einer gewissen Tür. Er klopft an und spricht: „Mein lieber Sohn, du mußt dich sputen! — Es ist halb acht in fünf Minuten!" Nachher wird gesrühstückt, und es geht zur Schule: „Wenn's kalt ist, bringt Mama den Twin —- Wenn's warm ist, geh' ich ohne ihn!"... Welch ein Poem! Es verlangt sogar eine Fußnote. „Twin, im Englischen eigentlich „Zwilling", war damals die Mvdebezeichnung für einen Mantel. Niemand, nicht einmal ich selber, wird wünschen, daß ich näher aus die Jugend- .Poesien eingehe, die sich dann dieser kindlichen Stammelei nach und nach angeschlossen haben. Es ivallte und wirbelte nun einmal in mir, Rhythmen und Reime schwirrten durch den Kops, und wenn ich auch den edlen Bemühungen des Geigenlchrcrs einen zähm Widerspruch entgegensetzte, so fühlte ich mich von der Schwestermuse begnadet, um nicht zu sagen, geküßt. Aber eines darf ich versichern, soweit es sich um rein lyrische Ergüsse handelt, bin ich meinen Mitmenschen nicht lästig gefallen. Niemals habe ich im Familien- oder Freundeskreise einen Vortragsabend mit eigenen Dichtungen arrangiert, weder mit noch ohne Entree. Das Buch, zwcckgemäß geziert mit einern bunten Deckel aus Blumen in Hochrelief, in dem ich mich für die eigene Person verewigt habe, ist verborgen geblieben bis aus den heutigen Tag. Hin und wieder, beim Großausräumen des Schreibtisches, ist es mir noch einmal in die Hand gefallen. Ich fuhr mir dann über die entlaubte Stirn, ich sagte: „Dummer Junge!" und sprach mir doch ein herzliches Mitleid aus, weil ich nicht mehr ein Junge bin und nicht mehr ganz so dumm. Denn ich weiß ja nun, daß in diesen Versen so gut wie nichts Eigenes steckt. Beinahe von Poöm zu Poöm kann ich feststellen, welche Lyriker von Rang ich damals jeweilig gelesen haben muß und wie ich mir dann ihr gedankliches und metrisches Wesen angeeignet habe, schuldlos und unwissentlich, wie ein Kind, das die Mutterbrust nimmt, ohne zu ahnen, daß es sich nährt. Das waren die Klassiker, das war Freiligrath, das war Scheffel. Nachahmend war ich Stürmer und Weltverbesserer, ich glühte und liebte nach erhabenem Vorbild, wenn auch immer im Hinblick auf ein lebendes Objekt. Ich dichtete Trinklieder, ohne ein Hvraz oder Analreon zu sein. So oft ich das Buch anblättere, erschrecke ich bei dem Gedanken: „Mein Gott, sie werden dich einmal finden!" Mein Blick geht nach dem Ofen, meine Hand greift nach der Streichholzschachtel. Heinrich von Kleist hat, ein unwiederbringlicher Verlust, eine Anzahl seiner Manuskripte verbrannt — und ich zögere, auszumerzen, was nichts ist als nutzlos beschriebenes Papier? Warum tue ich es nicht? Es gibt, lächerlich genug, auch eine Pietät gegen sich selber. Es gibt ernste Männer, die sich von ihren Bleisoldaten nicht trennen können. Es gibt Frauen, Großmütter, die auf dem untersten Boden ihrer Truhe noch ihre Puppen verwahren. So fristen die Puppen meiner Knabenphantasie noch immer ihr gespenstisches Dasein, zusammen mit tausendundeins Gedichten, deren ich mich später schuldig gemacht habe. Mein Gott, sie werden euch einmal finden... Allmählich, von seiten der Familienfeste, die sich in Schlesien niemals abwickeln lassen, ohne daß neben dem Geklirr von Messern und Gabeln auch der holdere Ton der Leier vernehmbar wird, allmählich und weil ich aus die Aeltereu, die sich dichtend vermaßen, konkurrenzneidisch wurde, hatte ich mir abseits meiner Gcheunpocsie schon den Nus eines Schaffenden zngczogcn und war bemüht, mich an diesem Sängerkrieg würdig zu beteiligen. Es waren Verse, in denen man voll tiefer Ergriffenheit Heil und Segen aussprach und die Zukunft golden ausmalte, singbar nach einer gerade gängigen Melodie. Es waren auch Verse, in denen man die kleinen Schwächen der Verwandten nicht etwa geißelte, denn dazu fehlte Talent und vermutlich auch der Anlaß, sondern nur sanft kitzelte. Aber der Onkel und me Base waren dennoch gekränkt. Im übrigen blieb man immer in Demut vor den Großen der Dichtkunst, die man nicht verunehren wollte, sondern ehren, indem man sie parodierte. ■>jxLu> (Fortsetzung folgt.)

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