Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 33 (17.8.1933)
- Date
- 1933-08-17
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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1 /?^n^nnr—22 woLiujoUüllljLiLiV'' j SoHacje cJ Ms Zs dlM T/CWMZN TESWt 'W W.S.M. Der Zeutralausschuß für Hilfe uitb Aufbau Ijaj: in einer Atitteilung in -prii 9 der Informationsblätter darauf hin-. gewiesen, das; zunächst „die Aufrechterhaltung der sozialen und wirtschaftlichen Hilfsarbeit in Deutschland gesichert ist, wenn das deutsche Judentum wie bisher und mehr als bisher seine Pflicht zur Rettung der Organisationen und zum Schuhe der Einzelexistenzen tut . Er fordert in gründlicher systewatischer Planungsarbeit die notwendige Umstellung und eine diel straffere Zusammenarbeit der einzelnen Organisationen. Diese Forderung, unter dem Gesichtspunkte der sozialen Zentralinstanz der deutschen Inden gesehen, must auch von dem crl)oben werden, der nicht (Anblick in die Arbei! dieses Gremiums hat. Alle die Menschen, welche täglich und stündlich arbeiten, um die Sorgen und Wünsche der jüdischen Erwerbslosen entgegenzunehmen, können nur die gleiche dringende Bitte haben. Ihnen bleibt es unverständlich, das; in vielen jüdischen Organisationen die „Ideologie" den Dem angibt. Die Auseinandersetzung um sie td'.ec alle Bemühungen und hemmt den Glan der Bestrebungen, konstruktive Hilfe zu leisten. Wer nicht in der Reihe der „Strategen" und „Taktiler", sondern inmitten der täglich-n Sorgen jüdischer Menschen im Berkcyr und in eng'ter persönlicher Berührung mit jinuv; steht, denen Hilfe zuteil lverden soll, der kommt selbst in die Verlegenheit, seststelkn zu müsst.i. in uuc geringem Umfange eine oruannierre Hilfstätigtest vorhanden ist, die iu der Lage wäre, praktische Wege aufznzeigen zur Lösung der Fragen, die dauernd von Menschen, die morgen vor denl Nichts stehe.u gestellt werden. Und wenn man helfen will, so ergibt sieh allzu häufig die Notwendigreii, zu prüfen, ob eine angebotene PiP wirtlich der Sachlage gerecht wird. Denn leider sind gerade in den letzten Wochen und Monaten sog. Hilfsaktionen unternommen worden, die mit unznlünglichen MLiclu nnd von unzureichenden, unvvrgebildeten Menschen in die Wege geleitet werden. Ein -olches Uilterfangen ist um so vern e'äicher, weil nicht vergessen lverden darf, er ne lvie große Bitterkeit in der Seele jener wirtschaftlich und seelisch entwurzelten Menschen hervorgernsen wird, die jede ihnen angebotene Hilfe vertrauensvoll annehmen in der Hoffnung aus eine bessere Existenz- Möglichkeit. Die Auszeigung solcher Mißstände erfolgt nicht, um anzugreiseir — wer ehrlich die Dinge sieht, weiß geilau, das; die Entwicklung der letzten Zeit zu rapide ging, lim durch organisierte Hilfe der entstandenen Not entscheidend zu steuern —, sondern deshalb, weil mit großer Besorgnis festgestellt werden muß, das; die innerlich und wirtschaftlich noch unbelasteten Energien, die auch heute noch im deiltschen Judentum einsatzbereit vorhanden silid, zum Teil ihre Kraft Verschlvenden beim Kamps der „Richtungen"' untereinander. Es gibt leider auch heute noch im deutschen Judcntmli Menschen, die meinen, daß es für jede Hilfstätigkcit zunächst darauf ankommt, wer etwas ullteruimlut, um hiernach bewerten zu können; sondern wir glauben, das; in voller Verantwortung nur die eine Forderung erhoben werden darf, daß überhaupt eine Hilfe erfolgt. Jeder der zahllosen Besucher der Beratungsstelle aus den Kreisen der entlassenen Arbeitnehmer, der pensionierten Beamten. der aus ihren Bernsen ausgeschiedenen Rechtsanwälte, der Kauflente, Gewerbetreibenden und anderen Schicksalsgenossen haben nur den einen Wunsch, der gewiß nicht „richtnngsmäßig" bestimmt ist, an die Gemeinschaft und ihre Organisationen: Gebt uns praktische Hilfe, damit wir uns eine neue Existenz aufbauen können! Besonders die jüdische Jugend ans den Kreisen der Arbeitnehmer und Studenten pocht hörbar au die Türen der Beratungsstellen und fordert mit lauter Stimme, ihr nicht vertröstende Worte, sondern einen wegweisenden Rat zu geben. Es scheint solchen Menschen unverständlich, daß es in nahezu 6 Monaten nicht möglich gewesen sein sollte, zu praktischen Wegen zu gelangen, die in größerem Umfange eine konstruktive Hilfe bedeuten. Eine praktische Hilfeleistung ist aber möglich trotz aller sachlichen Schwierigkeiten, 5 Sleiue WrmerNrgÄllder Üv vi» Fritz (Snßel (1. Fortsetzung.) Wenn ich den Namen meines Vaters nenne, fallt mir ein, das; ich ihn viele Jahre fpaier auf asiatischem Boden von neuem gehör! gäbe, nicht weit vom Wiegcnlandc.^ Es war in Smyrna, daß ich eine der vielen Synagogen besuchte, von denen jede wieder eine Abart des Judentums darstellte. Als ich eine Kleinigkeit für die Armen gab, wurde ich in italienischer Sprache gefragt, wessen Sohn ich lei. Dann erfolgte der Dank für die Spende 'Am der Kanzel, und als „den Robert" wurde ich über Verdienst geehrt. Seltsam schönes Gef:Ühl, in der Ferne so das Nahe zu spüren! I-l Breslau aber stand er demütig und stolz nahe dem Almemor, und oben, aus der Fraueuemporc, saß sein Eheweib Nanuy, geborene Egers, auch sie voll Selbstgefühl, denn gerade im Tempel gedachte sie des großen Ahnherrn Rabbi Akiba Eger und auch mancher anderen jüdisch-nradligen Abstammung. Sie blickte ans den Gatten, der den silbernen Zeigestock handhabte. Sie sah nach igrcnt Jüngsten unten im Männerraume, und dao tat sie nicht ganz ohne Besorgnis, -lleun aG die neue Shnagvge eingeweiht worden uno er, der Junge, gefragt worden war, ob er auch die schöngeschnitzten Bänke gemerkt habe, war die Antwort gekommen: „Ach, daran kann man ja nicht turnen! Fürwahr, das ivar lästerlich geredet und zudem noch renommistisch. Das Turnen spielte im damaligen Schulbetrieb keme Nolle und erst recht nicht bei mir. Das Schwimmen war ein rein privates Vergnügen, und auch da muß ich gestehen, daß es für Mich das Gegenteil war. Heute möchte ich schamrot werden, .wenn ich daran denke, daß ich zwar in das berühmte Krollsche Wellenbad marschierte, daß ich mich dort aber nur au den Schivimmküusten der Mituienschen erquickte und aus dem Heimwege die Badehose an irgeudeiueui Brunnen durchnäßte, mit vorzu» täuscheu, daß ich mich mit dem feuchten Element befreundet hätte. Im übrigen glaube ich, daß ich ein ganz braver Knabe gewesen bin, nicht sehr artig, nicl)t sehr unartig, nicht sehr fleißig, nicht sehr faul. Ob ich dem Horoskop, wenn ich cs so nennen darf, das mir bei meiner Geburt gestellt wurde, gerecht geworden bin, kann ich persönlich nicht begutachten. Die Familiengeschichte behauptet, daß die Wartefrau, die meiner Mutter zur Seite war, mich dem Vater mit den Worten überreichte: „Mager, aber liebenswürdig!" Im Munde der Frau Frieda sollen diese Worte etwas mehr im Jargon gefärbt gewesen sein. Sie war, wie mir'später bewußt wurde, eine gute und dicke Frau. Ihr Ehemann war Schuhflicker, an Feiertagen Tempeldiener, bei festlichen Veranstaltungen irdischer Natur Lohndrener. Dann zog er über die Arbeitssäuste noble weiße Zwirnhandschuhe. Dann servierte er Rheiulachs und gefüllte Pute. Dann tippte ce mit dem weißen Daumen ans — oder muß ich sagen: in ein braunes Bruststück und sprach so zu meinem Vater: „Geehrter Herr Vorsteher, das für Sie'/' Fch ging in eine Prwatschule. die für die Quarta des Gymnasiums vorbercüete. Sre war in einem Hanse am Ring untergcbracht. Den Hygienikern der Gegenwart wurden sich die Haare sträuben, wenn sie in cmer Schule den damaligen Einrichtungen begegneten. Das Klassenzimmer ivar von jenem anderen Or nur durch einen wehenden Vorhang getrennt - abscheulich! Leiter der Schule war Herr Beißenherz. Damals schien er sehr, müde zu sein; am mildesten, wenn er zu seinem Geburtstag von den Eltern der Schüler Torten und sonst Nahrhaftes empsmg. Zur Gegenleiftuna wurden die Jungens klassenwerse m seine Privatwohnung geführt und Schok'Kade und Kuchen gesperst. Herr Beryenherz hatte einen schönen blonden Hetlrgen. kops; später wurde er ein hrtzrger Kampfer für Berufsumschichtung Hier wird nicht etwa geschlafen, sondern so wird Unkraut gejätet Aus der Lehrgärlncrci Breuer, Lichlcnrade bei Berlin Phut. Sonnenfchl wenn das „Trennende", das manchmal nur künstlich errichtet wird, um eine eigene Existenz organisationsmüßig zu rechtfertigen, zurückgestellt wird. Diese Forderung ist schon deshalb eigentlich selbstverständlich, weil die Opfer der Entwicklung sich ans Kreisen aller jüdischen Richtungen zusammensetzen. Die Fragen der Vernfsmuschichtung und der Neugliederung der aus ihrew Tätigkeitsbereich entfernten jüdischen Menschen kann in ihrer Gesamtheit niemals gelöst werden unter dem Gesichtspunkt irgendivelcher „Ideologien". Wer Arbeit schaffen will, muß Arbeitsplätze erschließen, hierauf die zu betreuenden Menschen vorbereiteu und sie daun dorthin stellen, wo sie leben können. Wie wenig diese Dinge mit grundsätzlicher theoretischer Betrachtungsiveise zu tun haben, ergibt sich aus der täglich feststellbaren Erkenntnis, daß ein^Nationaljude nicht eher nach Palästina gehen ivird, bevor er dort eine Arbeitsmöglichkeit hat, und umgekehrt der deutsch-jüdische Mensch, dem in Deutschland kein Lebensraum mehr bleibt, bei einer Arbeitsinöglichkeit im Ausland sich dorthin wenden ivird. In diesen praktischen Fragen hat keine Richtung irgendein Vorrecht, denn es gilt allein die Zukunft der einzelnen Aken scheu, die zum deutschen Judentum gehören, lebensmöglich zu gestalten. Die Frage, ob ein deutscher Jude seine Existenz innerhalb oder außerhalb Deutschlands findet, kann also uieinals zum Ausgangspunkt irgendeiner ideologischen! Auseinandersetzung gemacht werden. Mollen wir aber ivirklich helfen, so rnns-- sen nur die Wege gehen, die uns praklisch weiterführen. Es darf nicht eine Mauer dort errichtet werden, wo jüdische Menschen mit bisher anderer grundsätzlicher Einstellung Rat suchen. Neben der notwendigen Aufbauarbeit zur Seeleustärknug und zu kul» tureller Erneuerung des deutschen Judentums ivird die Fähigkeit der deutschen Inden, ioittschastliehe Hilfe zu bringen, ein Prüfstein: sein für die Fähigkeit, in dieser Zeit großzügig aus eigener Kraft das Schicksal zu meistern. Nur das Verantwortungsbewußtfein zu einer solchen Ausgabe ivird die demscheu Inden befähigen, vor der Geschichte lls Träger einer bedrängten, aber nicht zerbrochenen Generation zu bestehen. Diese Forderung ergeht nicht nur von der deutsch-jüdischen Jugend, sondern von dem gesamten deutschen Judentum an die Führer. Schärft uns Arbeit und Lebensramn, sonst wird die Zeit mit Unerbittlichkeit über ein Judentum hinweggehen, das nicht den Weg zu sich und der Gemeinschaft zurücksinden konnte. Gerade an heißen laqen .,. * das herrlich Chißrr»rJrm* „ crl)ä[ibic 3äf)nc erfrischende ^naoroaont " gesund u. weis; Zahnpaste - Mundwasser eine Sache, die ihm eine gute zu sein schien: er wurde ein Häuptling der Breslauer Kommunalautlsemiten. Daun stand das Gymnasium vor der Tür, vielmehr ich vor der seinigen. Es ivar die hochberühmte Anstalt St. Maria Magdalena, im Schatten der gleichbenannten Kirche. Direktor ivar der Professor Heine, ein feuriger Mann, der gefürchtet, aber auch verehrt wurde und die Söhne des schlesischen Hochadels in Pension hatte. Er war der Vater des Parlamentariers Wolfgang Heine und starb als Direktor der Rittcrakademie und Domherr in Brandenburg a. d. H. Dieses Gymnasium, seine Lehrerschaft, die Art des Unterrichts: auch das wäre ein besonderes Kapitel. Die Erinnerung' drängt ins Elternhaus zurück. Das stand zuerst iu der Herrenstraße, wie man heute sagt, in der City. Es gehörte meinem Vater. Alan wohnte sehr bescheiden in der dritten Etage. Das ganze Leben war ja damals noch nicht auf Wohlstand eingestellt, sondern auf die Bemühung, ihn m solidem Ausbau zu erringen. Nur die Repräseutatiousräume — ivelch ein großartiges Wort! — waren tapeziert. Wir Kinder schliefen zwischen gekalkten Wanden, rosa und blau. Kanalisation gab es noch nicht. Die Magd ging, iutc auf dem Lande, mit dem Joch auf den Schultern und zwei Eimern zur nächsten „Plumpe" und keuchte dann die Treppe hinauf, eine Tour nach der anderen. Aber schon ivar das Gaslicht eingeführt. Eine epochale Szene: im Hausflur die Familie mit zahlreichen Nebenziveigen, welche. die Sensation miterleben durften, alle ausstarrend zu dem kleinen Lichtfächer mit bläulichem Kern, beides schwankend und flackernd im Zugwinde. Damals ein Glanz, eine strahlende Quelle der Erleuchtung! Heute ist jeder Lumpenkeller bester belichtet. Aber der Tag kam, da man das Haus gut verkaufen konnte; in der Gegenwart hat dort die große Leinenfirma Bielschvwsky ihre Büros. Man verließ das düstere Gebäude mit dem Hos, in dem die Fässer eines Oelgeschästs aufgestapelt waren, die nicht Rosenöl ausschwitzten. Man übersiedelte in das eben erschlossene Vorstadtgcbict, in die Gartenstraße. Dort sah es anders aus, nach damaligem Begriff herrschaftlich. Und daneben immer noch etwas Landlust. Im Hose gackerten die Hühner des Hauswirts, im Taubenschlag gurrten, uni es lyrisch anszndrücken, die Vögel der Venus; Sinnbilder traulicher Güte, falls sie nicht um das Fntier zankten. Wenn man sie zu locken ivnßte. kamen sie bis in die Zimmer hinein. Und der Garten, o dieser Garten! Kenner des damaligen Breslau werden es abzu sch ätzen wissen, wenn ich sage, daß diews Gelände bis an die Holteistraße ging, also bis dicht an den Bahndamm der Breslau-Berliner Strecke. Ein Teil des Gartens ivar an einen Handelsgärtner verpachtet, der schiefer gewachsen ivar als die Pflanzen, die er in Glashäusern betreute. Aus dern freien Terrain Blumen, Gemüse und zaghaft einige Stauden Paradiesäpfel, jene Frucht, die als Tomate Volksnahrungsmittel geworden ist. War der Handelsgarten uns verboten? Ja! Haben ivir uns darum gekümmert? Nein! Wenn ich hinzusüge, das; es im Nachbargarten Oliven gab, so ist das nur bildlich zu verstehen. Tenn das war die Familie dieses Namen, der großen Schottlünder-Sippe u.uic verwandt. Man hat nachher von den Söhnen viel gehört. Der eine ivurde ein bekannter Wirtschastssührer, ein anderer hat unter dem Kenmvort „Rideamns" allerlei Heiterkeit in die Welt gestreut. Damals waren sie Jungen wie wir; es gab heiße Kämpfe um Birnen, die unreif gleich uns selber waren, und die, wie nicht anders zu erwarten, an einem Baume hingen. Dieser Baum stand in unserem Garten, die Aeste hingegen mit dein begehrten Obst hingen nun Teil in den Oliven-Hain hinüber. Wem gehörten die Früchte? Ich habe später vernommen, daß es um die Frage dieses Grenzobstes eine ganze juristische Literatur gibt. Ob dabei auch erörtert wird, inwieweit Birnen dieser umstrittenen Art auch als Wurfgeschosse und legitime Kampfmittel benutzt werden dürfen, über diesen Punkt hat sich Klarheit niemals gewinnen lassen. (Fortsetzung folgt.)