Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 31 (3.8.1933)
- Date
- 1933-08-03
- Page
- Seite 311 (sequence 7)
- Language
- German
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3, 1A fl *> .y *w v v-v 'f'” ^SNLSLLSM Mit Recht hat Tr. Friedrich Brodmiy in der E. B.-Zeitung seine Twllnngnohme zur Palästinaftage ir.it dem Hinweis atrerschlossen, daß ecan oec 3cit sei, die i:nerfreulichen t f] c o r c t i ] ch c n Anseinandersetzungert über dieses Thema eud.ich durch nüchterne p r a 111 s ch c Arbeit zu ersetzen. Es will deshalb keinen Rückmll in das Gebiet des Ts ori ftreitoe bedu.u.uu Witt vielmehr dem tätigen Dienst am Werke letzte Hindernisse aus dem Wege räumen, wenn noch einmal versucht wird, die Haltung des deutschen Inden und ganz besonders des E.B.ers in der Paläftinafrage zu klären. Eine Feststellung zuvor: Ter Eentraiverein hat den Paläftinaanft'an als solchen niemals bekämpft. Tas geht aus der folgenden Entschließung hervor, die im Jahre 1913 gefaßt wurde und seither die unveränderliche Grundlage seiner Stellungnahme Zum Zionismus bildete: „Ter CcrckralViieiri dcwäickcr ZtccMciicn südi'cken GUud-'nzweckt ne.ch § 1 u in:: Satzungen, die dcuckchrn Juden cbm Unwr^Mckd der tdiöiöfcn und KÜtUdieu Ricknmo 3u!r.: mein, lnn sie in ,der latfräfiifen Lwdrnnw iprcr 5 ftca!*:-rürftcvlichcn ::nd gcscU'cheölUHeu E-ui-cksteNung sowie in der n n b c i r r t c i; PsIcce deutscher 6 e i; n n u n fl 31: bestärken. Hieraus ergibt sich die Stellung des Ccntralvcrcins zu den Ziorustcn. Wir verlangen v.wi inoeten 3)U'.gliedern nicht bloß die (rvüV.ur.z staatsbürgerlicher i'fügten, sondern dcutscke Gesinnung und die Be'äugung dieser C-isinnung im bürgerlichen Leben. Wir wollen die deutsche Iudenfragr nickt . international tötzn. Auf dem Boden des - deutschen Paeerlandes wollen wir als Teuchckc an deutscher Kultur Mitarbeiten und unserer durch unsere Religion und innere Ceschichee geheiligten Gemeinschaft treu bleiben. ' Soweit der deutsche Zionist danach ftrcbtz ' dem entrechteten Inden des Lftcns eine grsicherke Heimstätte zu fd;af:cn oder den >r'rlz des Inden auf seine Cchchichtc und seine Religion zu heben, ist er uns als Mi^liod willkow.n-wn. Ben dem ' Zionisten aber, der ein deutsches Nationa'oeTö! . - leugnet, sich.als Cast im fremden Wirtsrolk und national nur als Zud-e fühlt, müssen wir uns - trennen/ Hieraus ist ersichtlich, daß der E. D. die praktisch - kolonisatorischen Auswirkungen des Palästina-Aushaus durchaus bejahte. Er erwies das auch dadurch, daß er einer stetig wachsenden Anzahl seiner Freunde den Weg dafür frei gab. sich tätig und teilweise führend an jedem Versuch — hieß er nun Keren hajeffod oder Jewish Agency — zu beteiligen, der daraus hinzielte, der rein wirtschastlichen Seite des Ausbauwerks vorder politischen den Vorrang zu verschasien. An dieser politischen Bedeutung.allerdings, die übrigens im Gegensatz zu den angelsäcküschen Ländern in Deutschland in ganz besonderer, geistig radikaler Weile geprägt und betont wurde, lehnte er dasjenige ab, was als jüdisch-nationale Idee eilte Entwicklung zu begünstigen schien, wie sie heute in der Ausscheidung der Juden aus dem dent'clwn Volkskörper Tana che zu werden droht. Es braucht nur aus diesen Zusammenhang hingewiesen zu werden, um unsere aus solchen Gründen vollzogene Abgrenzung gegenüber dem Rationaljudentum auch heute noch als gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Genug davon: Tie nationaljüdi'che Idee in ihrem Deutschtum und Judentum 'charf scheidenden Bestreben ist auf dickem. Teilgebiet so weitgehend verwirtüchr morden, daß ihr vor ihren' eigenen Trimnnh oftmals bange geworden sein dürfte. Tie mit heißer, oft allzu wlöftvergcssemr riebe an das Deutschtum hingegebenen deunch-jüdijchen Generationen hingegen hoben es nicht vermocht, die deutsche Juden'rage in der von ihnen verfolgten Richtung einer Losung Zuznsühren. Beide Parteien tragen Leid. Beide sind entschlossen, zn seiner Linderung ans Werk zu gehen. Ta strahlt in schwerer Notzeit der Stern Palästina auf. Manchen scheint er Erlösung, einzige Hoffnung in tiefem Tunke!: anderen eine Lichtquelle unter mehreren, die den Weg in die Zukunft erleuchten. Allen aber, auch denen, die bisher seine Helle, ja fast seine Existenz leugneten, ist er plötzlich sichtbar geworden. Zwar ist es keine glückhafte Konstellation für das Judentum, unter der Palästina der Allgemeinheit bemerkbar zu werden begann. Aber das steht nicht mehr zur Frage. Fest steht allein, daß es heute, von kaum erw ahn cn s wer te n Au s n a h men a bge sehen, keinen deutschen Inden mehr geben dürste, der ans der Tatsache, daß Palästina ist, und daß es so ist, wie eine hoffnungsvolle Entwicklung es zurzeit sein läßt, nicht stärksten Trost in trostarmer Zeit empfinge. Doch dieser Trost enthält zugleich eine F 0 r d e r u n g. Er fordert von jedem — mag cx nun seine eigene Zukunft ober die seiner Kinder in Palästina gestalten wollen, oder mag er nur Erleichterung empfinden in dem Gedanken, daß überhaupt dort jüdische Zukunft winkt — er fordert, daß man sich als einfacher Soldat einreihe in die Armee der Arbeit, die an dem Werke Palästina schafft. Tie Forderung ergeht ganz besonders an die, die durch -Schicksal gezwungen, den Blick jetzt nach Palästina wenden und sich anschicken, dort etwas zu ernten, von denen Saat sie sich vorher allsgeschlossen hatten. Wohlgemerkt: es trirft sie keine Schuld; es sei denn, was wir je und je verneinen, daß zu tiefe Liebe zu Trntschland Schuld genannt werden könnte. Aber sie gehen schuldig-unschuldig einen Weg, den nicht sie, sondern andere vor ihnen mit Todesverachtung bahnten. Und. dafür ziemt es ihnen, demütig und dankbar zu 'ein. Aber Palästina ist ein kleines Land und groß ist die Zahl der Ausnahme Heischenden. Palästina unterliegt dem hemmenden Rhythmus wirtschaftlicher und politischer Entwicklungsgesetze und wird bedrängt von einer stürmenden Wenge, die keiner planenden Lrdnung mehr gehorcht. Noch unübersehbarer als die Gestaltung der Wirklichkeit ist das Ergebnis der geistigen Kräfte, die uni sie ri::gen, und so sollte schon diese einfache Festßellung zu äußerster Vorsicht vor jeder ideologischen Vorwegnahme, geschehe sie i:n Sinne Maybaums oder Brodnitz', ntahnen. Lie Entscheidung zu Palästina schließlich 317 m miE pmmmEi Das renoninjisrie Haas. Be« iagi. ruhigo Unterkunft. würde die große Mehrzahl der deutschen, Inden aus einer Verbundenheit reißen, deren Lbftmg unendlich schwer wäre. Tenn biews Liese Gefühl zur deutschen Heimat, dieft anftwuchslose selbstverständliche Tatsache ohne Krampf und ohne Dcftamalion, ist durch die Erlebnisse der jüngften Zeit wohl um vieles s ch rn e r z h a f t e r, aber kau m s ch w ä ch'e r geworden. So treffen sich Notwendigkeit und Neigung in der Einsicht: Tie deutsche Judenfrage muß zu ihrem überwiegenden Teil in Deutschland gelöst werden, lind auch diese Einsicht enthält eine Forderung. Sie fordert genau' so vorbehaltlos wie der Palästinaauman von jedem, aber auch von jedem deutschen Juden, daß er die nicht weniger große, schicksalhaste Arbeit der E r i st en z s i ch e - rung der deutschen Juden in Deutschland bejahe und unterstütze, Tenn das ist der einfache, nüchterne, ideoloaicbesreite Tatbestand von heute: Es gibt in der Stellung z u r p r a f i t s ch c n Arbeit keinen Unterschied mehr zwischen Zionisten und Nichtzionisten. Nichtzionisten, die nie geglaubt hatten, Palästina könne auch für sie erbaut werden, gehen hinüber. Zionisten, die nie geglaubt harten, der Bestand des dentscb.en Judentums, den sie ideologisch längst geopfert hatten, würde ihnen noch einmal Gegenstand heißesten Bemühens werden, denken und schassen für seine Erhaltung. Ter Sinn der Arbeit mag hier und dort in Feinheiten voneinander abweichen. Ter Schwerpunkt mag bald hierhin, bald dorthin verlegt werden. Im Grunde — ob aus Liebe oder aus Not — wollen alle dasselbe: deutschem Judentum eine Zukunft - bereiten. Es ist darum endlich an der Zeit, aus dem Gegeneinander der jüdi'chen Arbeit ein Nebeneinander und hoffentlich bald ein Miteinander zu machen. Jeder einzelne und jede Gruppe tue das, was ihr ihr Wunschbild von der jüdischen Entwicklung vorschreibt und wozu sie am besten befähigt ist. Eine vollkommene, reibungslose Arbeitsteilung hat einzutreten: Ter Zionist — um diese 311m Teil nicht mehr ganz treffende Unterscheidung beizubehalten — organisiere die Palästinawanderung; der Teutschjude im E.V., der um seine Wiederaufnahme in die Heimat 31t rinnet? entschlossen ist bis ans Ende seiner Kräfte, wirke hier an der neuen Emanzipation. Aber soll'das zwiefache Werk gelingen, so gehört mehr dazu als ein bloßes Dulden des Arbeitsnachbarn. ES gehört dazu nicht nur die gegenseitige Anerkennung der Arbeit, sondern auch der Gedanken, die sie tragen und die sie trägt. Tb dort glückhaft ambtühende Liebe zum Judentum eine kleine Zahl in alt-neue Wegrichtung lockt, ob hier entsagungsreiche und trotzdem nicht verzweifelnde Liebe zum Deutschtum die große '.Nasse der deutscbeu Juden auf ihrem schweren Wege zur Wiedereroberung der deutschen Heimat stärkt — beide Entscheidungen tragen ihren Wert in sich. Dr. Eva ReichmaDn-Jinigmann.