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Central-Verein-Zeitung · 1933-07-27 · 30 (27.7.1933) · p. Seite 300

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
30 (27.7.1933)
Date
1933-07-27
Page
Seite 300 (sequence 8)
Language
German
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sos was es sich mühsam aufgebaut hakte, und die das Alter alle seine Sorgen der Jugend zuwenden' ließ, die vor einem seelischen wie materiellen Nichts stand. Wenn schon die furchtbare jüdische Not nicht vermochte, die .Parteispaltung im eigenen Lager zu beseitigen, wenn sie — seien wir uns gegenüber jganz ehrlich — auch längst nicht soviel Opfermut und Hilfsbereitschaft von denen brachte, die dazu imstande waren, wie man hätte erwarten müssen, dieses eine hat sie erzielt: daß die ewige Rivalität der Generationen, ohne die ja das ganze politische Geschehen der Zeit nicht zu verstehen ist, für eine Weite im jüdischen Lager verschwunden ist. Und daß auch die Aelieren sich bemühen, unsere seelische Not von Unserem Standpunkt aus zu lösen, statt vom eigenen. Daß die Ratschläge und Lösungen, die sie gaben und anregten, uns bisher noch nicht viel weitergebracht haben, ist nicht ihre Schuld, denn wenn selbst nach Willen und Tun des Kanzlers und aller maßgebenden Stellen die Entwicklung aus dem revolutionären Stadium in das evolutionäre überführt ist, so gehen doch die geistigen Entscheidungen noch immer revolutionär vor sich, so daß es heute noch immer unmöglich ist, and) nur für die allernächste Zukunft maßgebliche Dinge zu sagen. Und vor allem darüber, welches die Wellung der deutschen Juden im Staat, welches die Lage der jüdischen Jugend sein wird. Nur soweit diese Frage unserem Willen geinäß zu entscheiden ist, wissen wir sie zu lösen. Auch da sind uns Zweifel auftzestiegen, haben wir uns Dinge durch den Kopf gehen lasten, die ablvegig waren, aber wohl jeder hat auf den richtigen Weg zurückgefunden. Und daher darf und muß man sagen, daß es für uns noch immer eine maßgebliche deutsch-jüdische Position gibt. Die Einwände liegen auf der Hand Und brauchen hier nicht alle wiederholt zu werden; der gewichtigste von allen war wohl der, der vor kurzem in diesen Blättern gebracht wurde, daß der jetzige totale Waat die Juden einfach nicht miternbezöge. Das mag stimmen, aber was sagt es denn? Doch nur das eine, daß Unser Wollen dann eben noch stärker sein muß. Wir sollen nllusionssrei sein: in diesem Staat ist lein Platz sür Ms; er, der so ganz auf dem Rastegrundsatz aufbaut, kann und darf uns nicht wollen, die wir meinen, daß der Glaube und das Dienen an etwas ebenso stark fein kam: wie eine blutmäßige Bestimmung. Bedarf es'dafür eines Beweises? Er ist nicht Zu führen, und wenn man noch so viele Namen als Zengen .anführt, wie dies mit Recht in den letzten Monaten geschehen ist, ebensowenig wie die Gegenseite ihre Meinung beweisen kann. Auch hier kommt es nur darauf an, welcher Glauben stärker ist, und der Kastenstandpunkt wird nur dann überwunden werderr, wenn ihn ein nicht minder starker Glaube ersetzt. Der heutige Staat will uns nicht brauchen. Aber der Staat und das Land — das sind ja immer zweierlei. Und dieses Land, unser Vaterland, das uns geboren hat und uns hat großwerden lasten, es läßt uns nicht los, weil es niemanden losläßt. Man hat, um den behaupteten Gegensatz deutlicher erscheinen zu lasten, die Juden in diesen Tagen häufig und mit Vorliebe ein Nomadenvolk genannt. Wenn wir das wären, würde sich dann jeder so an die deutsche Heimat klammern? Und wenn dagegen gesagt wird, daß das nur die Furcht sei, anderswo kein Unterkommen, zu finden, muß inan erwidern, daß solche Ueberlegnngon Nomadenvölkern fremd sind und sein müssen. Das deutsche Land aber, von den Bergen bis zum Meer, das brauchen wir, und das können wir nicht lasten. Es ist ja nicht das erstemal, daß der Staat glaubte, ohne uns sein zu können, schon oft in der deutschen Vergangenheit gab es Gesetze, die den Juden nicht nur entrechteten, sondern ihn als nicht vorhanden ansahen. Aber immer wieder nahm das Land auch diese seine Kinder wieder auf. Und so wird es auch diesmal wieder sein. Nur darf man nicht glauben, daß das eine Entwicklung ist, die sich in Monaten vollzieht, sie kann Jahre und Jahrzehnte dauern. Aber wenn heute keiner ist, der die Opfer bringen will, die diese Entwicklung erfordert, wird sie nickst möglich sein. Das ist unsere Ausgabe, unser Sinn und unsere Stellung. Jeder Jude, und zumal jeder junge Jude, der heute, und sei es unter noch so schwierigen Verhältnissen, an seinem Platz in Deutschland bleibt, hilft mit, für die Zukunft zu schassen. Da darf nicht der Einwand gelten, daß es nnerfreulich und erniedrigend sei, heute in Deutschland zu arbeiten, denn wir tun es ja mcht sür uns, sondern um unserer Liebe 31t diesem Land willen, das seit Jahrhunderten unsere Ahnen trug, und wir tun es für unsere Enkel und Urenkel. Denn niemals werden die hier ihren Platz finden, wenn wir nicht ausharren. Daß keiner weniger wert und zu verurteilen ist, der im Ausland eine Lebensmöglichkeit sieht und hier gegenwärtig keine Aussicht hat, eine Beschäftigung Zn finden, ist so banal und selbstverständlich, daß man es eigentlich nicht zu sagen brauchte. Aber für alle anderen gilt das Wort, daß unser Schicksal Deutschland heißt, ein Schicksal, dem wir für alle Zeit verbunden sind und das uns ans seiner Umklammerung nicht losläßt. Und aus diesem Misten heraus ist unsere deutsch-jüdische Position so fest wie je. Durch unser Tun und unser Leben werden wir uns und unseren Willen zu beweisen haben. Und daß erst unsere Enkel ernten werden, kann uns nicht Hemmnis, sondern nur Ansporn sein. HL 8. mm Betrachtung Zum nennten Ah von F a b i n s S ch a ch. Wenn die deutschen Juden diese? Jahr den historisch-tragischen Tag des neunten Ab begehen, so hat er für sie eine andere Bedeutung als sonst. Nicht, als wenn wir die^ Geschichte jüdischen Leides jemals vergessen könnten. Aber diese Leiden treten klarer hervor, wenn sie mit den Leiden der Gegenwart zu einer tragischen Harmonie verschmelzen. Eine^merkwürdige Geschichte, die man abgeschlcmen glaubt, und zu der das Schicksal immer neue Kapitel fügt. Wunden, die vernarbt waren, reißen aus und bluten 'wieder. Unsere Väter in ihrem fromm-naiven Sinn verlegten alle späteren jüdischen Katastrophen auf den neunten Ab. Weil sie ahnten, daß sie irgendwie im Zusammenhang mit dem Anfang der jüdischen Tragödie standen. Intuitiv empfanden sie, daß Judesein ein tragisches Schicksal ist, dem man nicht entrinnen kann. Ein tragisches Schicksal ist kein }u\:iloses Fatum — auch das wußten sie. Sie erkannten den Sinn ihres Leidens als Märtyrin m i m Dienste einer Idee. Und daher zermürbie dieses Leid sie nicht, sondern gab ihrem Leben Halt, ihrem Wirken Sinn und machte sie stark. Und auch das ist ein merkwürdiger Zug: sie klagten nicht nur, sie klagten sich selber an. Von Jeremia bis in die jüngsten Zeiten wurde es zum jüdischen Charakterzug, bei allen Leiden innere Einkehr zu halten und sein Leben zu prüfen. Man fand den Mut der Verantwortlichkeit, die Duelle aller Sittlichkeit. Man schob die Schuld nicht auf andere. Denn nur so führt das Leid zum Fortschritt. Leid und Freud haben ja nur einen höheren Sinn, wenn sie zur Erkenntnis ihres Zweckes dienen. Unsere Väter erkannten klar die Verantwortung des Individuums wie der Gesellschaft vor Gott, vor der Geschichte. Was ist der Sinn jüdischen Leidens? Es ist der Berns, durch Leid zu verkünden, daß es ein Ideal gibt, für das zu kämpfen und zu ringen sich lohnt. Wenn die Indenheit \\d) als „GottesvolG bezeichnet?, so lag kein Ueoermut darin, sondern der bescheidene Stolz des. Märtyrers, das Bewußtsein. daß es eine ewige Gerechtigkeit gibt, daß das Judentum ewig ist wie die göttliche Wahrheit, die es verkündet. So verband sich mit diesem Schicksal die große Hoffnung, der Ausweg in die Zukunft, die Zuversicht, daß die Menschheit auf dem Wege geistigen und sittlichen Fortschrittes zur Erkenntnis ihrer wahren Aus. gäbe gelangen wird, Liebe und Brüderlichkeit zu pflegen. Don Jesaja bis in unsere Tage blieb der Messianismus, der Gedanke der menschlichen Erlösung aus Niedrigkeit und Finsternis, Mittelpunkt des Judentums. Die Geschichte ist keine sinnlose Reihe von Episoden, sondern eine Kette von Ursachen und Wirkungen. Es waltet auch nicht darin der Geist des Materialismus, sondern der Glaube an die Gerechtigkeit, der Nerv der Religiosität. Der Glaube, daß das Recht siegt, daß alles Böse sich rächt, hat sich im Judentum zu allen Zeiten erhalten. Schuld und Tragik sind

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