Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 30 (27.7.1933)
- Date
- 1933-07-27
- Page
- Seite 299 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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J©S>IS£i© T@IZ A r renommierte Haus. Be- I L.S» b^zL runige Unteikunit ten. Tie deutschen Juden dürfen in der großen Organisation, der diese Arbeit anvertraut ist, nicht mehr nütsehafsen. Wenn dadeutsche Volk an dem durch Juden repräsentierten Auslandsdeutschtum interessiert wäre, hätte es langst den altdeutschen Sprachschatz des Jiddischen für sich entdeckt. Gerade Tr. M a y b a u m. der sich erst kürzlich an anderer stelle gegen die Peinlichkeit eines übertriebenen deutschen Bekenntnisses gewandt Hai, müßte Verständnis dafür haben, daß die hinausgehenden Juden sich nicht als allslandsdeutsche Vorkämpfer betrachten können, wenn die „um das Anslandsdeutschtum interewerte Politik" ihre Mitarbeit unZweidenLigerweise ablehnt. Und nun zieht der deutsche Jude, der hinauszugehen bereit ist. nach Palästina. Kann er dort nach dem Rezept Maybaums leben? Ich glaube, dort erst recht nicht. Zunächst einmal: In Palästina für ihn wirklich „fremdes Feld"? Alan mache sich doch einmal ganz frei ron allen theoretischen Betrachtungen und horcke in sein Inneres hinein. Wer da nickst etwas Besonderes spürt, ein Gefühl der Verbundenheit, ein ganz undogmalisches Zugehörigkeitsgesühl, sei es auch noch so unentwickelt, der schlage sein Zelt ans, wo in der Welt sich ihm eine Chance zu bieten scheint, aber nicht in Palästina! Er wird an diesem Lande keine Freude haben und das Land keine Freude an ihm. Wer aber auch nur etwas davon in sich spürt, der kann den Versuch wagen. Er wird das Land auch dann nicht als „Fremde" betrachten, wenn es ihm manche Annehmlichkeit bürgerlicher Existenz alteren Stils nicht bieten kann. Es ist auch selbstverständlich, daß der ein* wandernde den 1 s ch e Jude die Kräfte seiner deutsch-kulturellen Vergangen heit nicht v eile u g n e n wir d. Tas wird drüben nur von kurzsichtigen Fanarckeru verlangt werden. Tie brennende Begeisterung und die restlose Hingabe an das Aufbauwerk hat einen Arlosorojf nicht gehindert — in einem der Nachrufe war es zu lesen — auch drüben in seinem Hölderlin sein großes dichterisches Erlebnis zu sehen. Wenige Wochen vor seiner Ermordung setzte er mir in einer Unterhaltung, die ich als große Erinnerung bewahre, auseinander, wie sehr man in den wirklich führenden Kreisen Palästinas Verständnis für die.Lage der ein wandernden deutschen Inden habe. Man verspreche sich sebr viel von ihrem Können, ihrem hohen Budungostand, ihrer syüematischen Arbeitskraft. Sie sollten in lebendiger, wechselseitiger Bez i e h u n g m i t d em beut? ch e n I u - d e n t u m verbleiben. Aber sie müßten eines mitbringen: denWillen zurabsoluten Einordnung. Palästina ist kein fertiges Land, das nun eine Emigrantenschar aufnimmt. Es ist ein werdendes Land. Es muß von seinen Söhnen verlangen, daß sie ihre beste Kraft ihm widmen. Ter palästmensi'che Jischuw, der um seine Stellung im Gesüge der Politik und Wirtschaft des Landes kämpft, kann sich den Luxus nicht leisten, sich in eine Anzahl landsmannschastlicher Minoritäten zu spalten. Und eine solche Minorität sind dort die deutschen Juden. Was alle dort eint, ist das Bewußtsein, daß hier Jndesein nicht ein Minus, nicht eine gleichgültige Nebeneigenschaft, sondern ein Plus ist. Und dann gerade die säkularisierte staatsbürgerliche Mitverantwortung, von der Mahbaum mit Recht spricht. Tie Zusammenhänge mit der Kultur des alten Heimatlandes, die keineswegs unterschätzt werden sotten, pflegt man im füllen für sich, aber man proklamiert sie besser nicht laut. Tenn das ist die große Cesahr der Maybaumschen Ausführungen, daß sie die Lage der deutschen Juden in Palästina außerordentlich erschweren können. Daß sie denjenigen Wasier auf ihre Mühlen leitet, die den eimvandernden deutschen Juden mit Mißtrauen gegenüberstehen, die fürchten, daß man nicht aus innerer Ucberzeugnng, sondern aus wirtschaftlichem Zufall hinüberkommt. Kein Land der Welt, und Palästina am wenigsten, das im Ausbau begriffen ist, könnte eine Reservatio mentalis bei denen dulden, denen es die Tore weit öffnet. Nur die Leistung für das Land selbst legitimiert. Palästina hat recht, wenn es einen von denen, die beim Errtsumpfen heute blühenden Landes ihr Leben ließen, höher schätzt, als hundert, die mit vorgefaßter Theorie beladen ins Land kommen. Der C. D. hat — und darin hat an sich Mahbaum recht — durchaus die Ausgabe,, auch den heute hinausgehenden deutschen Juden einen Rückhalt sür die Ausrcchterhaltung ihrer Beziehungen zum deutschen Judentum zu sein. Aber das tut er bester still, durch seine Existenz, nicht durch Proklamationen, die — in bester Absicht geschrieben— nur Schaden anrichten können. Er hat aber vor allem die Pflicht, seinen Freunden, ganz gleich, wo sie stehen, Gelegenheit zu geben, sich in sachlicher Weise mit den Tatsachen des Ausbauwerks vertraut zu machen, damit endlich einmal an die Stelle unerfreulicher theoretischer Auseinandersetzungen eine Meinungsbildung auf Grund wirklicher Informiertheit entsteht. Ties ist auch — wir deuteten es schon oben an — der Wunsch der Leitung dieser Blätter. Wer seit langem mit denr Ausbauwerk vertraut ist, wird immer abgeneigter theoretischen Auseinander'etzungen. Er vertraut der Kraft des Tatsächlichen. Aus einfacher, nüchterner Beschäftigung mit den Tatsachen und Problemen des Ausbaus wird dann, davon bin ich überzeugt, eine ganz unthcoreüsche, schlichte und demütige tätige Verbundenheit des deutschen Judentums, das in seiner Mehrheit seinen Weg in Teutschlaud finden will und mufe mit Palästina erwachsen. Fortsetzung unserer Aussprache: MW AgM WA ihM Mg Dieser Aufsatz stammt von einem Zw eiundzwanzig jährigen, der ah Cerichtsreferendar beurlaubt ist und dann auch aus einer neuen Tätigkeit ah kaufmännischer Volontär fristlos ohne Grund entlassen wurde. ,Tillen von neuem einen Lcbemweg zu suchen, gibt so fordernd zu sprechend* Dmüsch-Mischs p$?äim — gibt es das noch? Ties ist die Schicksalsfrage, und jeder soll und muß sie sich in diesen Tagen, Wochen, Monaten immer wieder stellen, der um die Gestaltung seiner Zukunft Klarheit haben will. Und überall dort, wo die Sorgen sich über die dringendste Frage des Tages, die der nackten Existenz, hinaus erheben, wird sie ja überall und inuner wieder gestellt. Eins allerdings ist Voraussetzung, nach der Möglichkeit einer deutschjüdischen Position überhaupt fragen zu können: daß die materielle Position, und sei sie noch so bescheiden, noch so erbärmlich, wenigstens gesichert ist, daß die Cesahr des Verhungerns nicht alle andere:! Ueberlegungen überschattet. Gewiß hängen Materielles und Seelisch-Geistiges eng zusammen, und die Verengung der Lebensmöglichkeit ist da die gewollte Grundlage alles dessen, was an deutschen Juden heute Erlebnis, das mich nun wieder zwingt, ganz ur'\ so schreibt er uns, t,vielleicht des Recht, geschieht. Aber dennoch ist die Lage derer heute schwärzer, die noch wählen können, als die derer, denen gar keine Wahl bleibt. Für die, die bleiben können, weil sie noch irgendeine Lebensmöglichkeit in Teutschland haben, und das wird ja trotz aller Katastrophen und furchtbaren Einzelsällg die Mehrzahl der deutschen Juden und auch der jüdischen Jugend sein, gilt es, sich zu entscheiden, wie sie sich zu ihrer Zukunft einstellen wollen. Und das trifft vor allem die junge Generation. Tenn die Aelteren haben fast alle ein festgefügtes Weltbild, suhlen sich als Zionisten oder als Deutsche, denen die Ereignisse dieser Monate nicht die langsam gewonnene Erkenntnis eines gelebten Lebens entreißen können. Auch sie haben es schwer genug, aber wenn etwas erfreulich war in der letzten Zeit, so war es eben dies, die Solidarität der Generationen, die die Jugend mit dem Alter empfinden ließ, dem zerstört wurde,