Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 30 (27.7.1933)
- Date
- 1933-07-27
- Page
- Seite 298 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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L§8 Judentum hineingekragen wurde — so dürfte geurteilt werden. werrrr sie wirklich nur „nationale* Bewegung wäre —, sondern als Bewegung, die so zum Judentum gehört, wie die hebräische Sprache zum jüdischen Gebetbuch, wie der jüdische Kalender zum jüdischen Gotteshaus, wie das jüdische Schicksal zum jüdischen Glauben. Es ist nicht nur eine Verkennung der zionistischen Bewegung, wenn man von „zionistischer Säkularisation" spricht, sondern auch eine Verkennung der Lage des heutigen Judentums überhaupt. Von Säkularisation darf nur von der Lage des Gesamtjndentums aus gesprochen werden. Es gibt keinen Teil im Judentum, der hier nicht mit verstrickt wäre. Nach dem Zerfall des Ghetto, das eine mittelalterliche Lebensform war, ebenso von jüdischer Seite notwendig, wie von außen dem Judentum aufgezwungen, ist cs Schicksal des Juden, Jude zu sein in säkularer Umgebung, Jude zu sein, obwohl man selbst an dieser säkularen llmgebuug Anteil genommen hat. Es gibt daher keine „zionistische" Säkularisation, sondern eine allgemein-jüdische, und diese ist unser Problem, sei es der lleberwindung, sei es der Bejahung. Wie wirklich das gesamte moderne Judentum durch diese neue Situation betroffen ist. Zeigt unsere politische Stellungnahme, und zwar nicht diese oder jene, sondern überhaupt dies, daß es heute vom jüdischen Standpunkt ans Zu einer politischen Stellungnahme kommt. Las ist etwas Neues. Das voremanzipatorische Naöbinat kannte diese Situation nicht. Es forderte das Gebet für die Obrigkeit, denn wenn diese nicht Ware, wäre das Ehaos. Aber es tannte keine wertende oder gar wählende Stellung zur Obrigkeit. Ja, der Protest der voremanzipatorischen Orthodoxie gegen die Emanzipation entsprang der klaren Einsicht, daß das emanzipierte Judentum durch seine staatsbürgerliche Anteilnahme in eine politische Mitverantwortung gelange. Solche Gesichtspunkte sind es nun keineswegs, die für einen Juden der Neuzeit in Betracht kommen könnten. Ter Jude als deutscher Staatsbürger ebenso wie der Jude, dessen politischer Wille sich auf Palästina richtet, haben beide ein politisches Programm und unterscheiden sich durch diesen Schritt in den säkularen Raum der Politik beide vorn Juden des Mittelalters, der ein politisches Programm nicht entwickelte, der nur in der Hoffnung auf den alles irdische Geschehen richtenden und erlösenden Messias politisch war. Unsere Bejahung der deutsch-jüdischen Situation ist nicht die mittelalterlich obrigkeitsergebene und damit unpolitische, sondern die staatsbürgerlich moderne, Mitverantwortung pflichtbewußt aussnchende und damit politische. Tie staatsbürgerliche Bejahung des Schicksals im deutschen Raum ist nicht weniger politischer Akt als die zionistische Bejahung des Palästinaausbaues. Es geht also nicht an, daß inan beim zionistischen Teil des Judentums von Säkularisation als Vorwurf spricht, wo doch die staatsbürgerlich miterlebende und mitverantwortliche Anteilnahme am deutschen Geschick and) nur durch eine Säkularisation, wenn auch nach einer anderen Richtung hin, möglich ist. Tie voremanzipatorische. nämlich die nur Passive Stellung zum politischen Leben ist dem heutigen Judentum nicht möglich. Säkularisation ist unser Schicksal geworden, weil wir politische Verantwortung aufsuchen, ganz gleichgültig, ob es die Verantwortung des im deutschen Raum sich mühenden jüdischen Staatsbürger ist oder ob es die Verantwortung ist, die den Palästinaausbau wählt. Wir sind moderne Juden, sowohl als deutsche Staatsbürger als auch in dem auf Palästina gerichteten Willen. Es gibt keine „zionistische" Säkularisation, sondern nur eine modern-jüdische. Diese ist gewiß ein Problem, aber für alle Teile des modernen Judentums. Das ans das säkulare Geschehen politisch reagierende Judentum ist jedoch noch nicht säkularisiertes Judentum. oj ts> hr ty <sr kr &sar v ssr Die Teurung Des Palästina-Problems für das dcutsäic Judentum, die Tr. Maybaum gibt, ist rrngewälmlich. Wir haben dcsbalb Tr. Friedrich Drodnitz, dessen znftimmeude Haltung zur Palästina-Frage unseren Lesern bekannt isr. gebeten, vor Veröffentlichung feittcr fachlich unterrichtenden Aufsätze über Palästina Maybaums Tlusführurrgcn von seinen: Ttandpunktc aus kritisch zu beleuchten Die Lchrifllcitung behält sich vor, ihre eigene StcNungucchme in einem Lchlusiwort demnächst darzi:legen. Der Artikel Tr. Maybaums wird von vielen unserer Leser begrüßt werden. Nachdem die jüngere Generation des C. V., die in den Stürmen dieser Zeit iiüd) am ehesten die Elastizität und Härte zum Standhalten und Zum Weiterarbeiten aufbrachte, in diesen Blättern durch ihre führenden Köpfe es unternimmt, Möglichkeiten und Richtung einer neuen deutsch-jüdischen Haltung zu umreißen, ist es nun an der Zeit, dem Palästinaanfbau eine erneute Betrachtung zu widmen. Tr. Maybaum, der zu bescheiden in der Einleitung seines Artikels hinter dem E. V. zurücktritt, hat seinen Aussatz in dem gleichen Augenblick der Schristteitung überreicht, als diese mich zu einem Palästinaartikel angeregt hatte, über denen Linie am Schluffe noch einiges Zu sagen sein wird. Wir wissen auch, daß die erdrückende Mehrheit unserer Freunde — gleichgültig, ob pro oder contra eingestellt — eine llnterrichtung über Palästina wünscht. Ter Maybaumsche Artikel scheint auf den erstell Blick denen eine Brücke zum Verständnis des Palästinaausbaus zu bauen, die ihm bisher ans grundsätzlicher Einstellung ablehnend gegenüber standen. So sehr dies von jemandem begrüßt würde, der vom Tage der Begründung der Jewish Agency an zu ihren tätigsten Vorkämpfern gehört hat. so sehr fordern doch die Ausführungen Maybaums in wesentlichen Punkten ablehnende Kritik heraus. Zu einer Ablehnung, die ihre Ursache in grundsätzlichen Betrachtungen wie in der ganz anderen Einordnung der Lage des nach Palästina auswandernden fceutjdjcn Juden hat. Um mit den grundlegenden Betrachtungen Maybaums 311 beginnen, so scheint es mir eine vollkommene Berkennung der tatsächlichen Gegebenheiten zu sein, wenn man den auswandernden deutschen Juden in das A u s l a n d s d e u t f ch i u m einordneu will. Ter junge deutsche Jude — und er wird das Hanpckontingent der answandernden stellen — verläßt seine bisherige Heimat, weil sie ihn von allen wesentlichen Bezirken ihres eigenen geistigen Lebens und ihres werktätigen Schaffens sernhält. Sie erkennt ihn nicht als gleichwertigen Teutscheu an, zieht zwischen sich und ihm die Scheidelinie mit der Vollständigkeit, die den totalen Staat kennzeichnet. Wenn er irgendwo in der Welt versuchen wird, nette Wurzeln zu fassen, wird man ihn dort nicht als auswandernden Deutschen, sondern als auswandernden Juden betrachten, der wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentum neue Lebenspfade gehen muß. Maybaum erwähnt die französischen Hugenotten. Sie wurden in Preußen empfangen, nicht als Auslandsfranzosen, sondern als verfolgte Etaubensbrüder. Ihren Glauben, die Welt ihres gemeinschaftlichen Fuhlens suchten sie aus nettem Boden zu erhalten, an ihr Franzosentum erinnern heute nur noch einige Namen. Heute gehen viele deutsche Juden in andere Länder: der Arzt, weil er wegen seines Indent n in s nicht rnehr Arzt, der Anwalt, weil er seines Judentums wegen nicht mehr Anwalt sein kann, der Lehrling, weil ihm Zugang zu handwerklicher Ausbildung wrgen seines Judentmns versperrt ist, viele, weil sie es nicht ertragen können, daß sie nicht mehr vollberechtigte Glieder des deutschen Volkskörpers sein sollen. Und diese Menschen sollen sich als Ausländsdeutsche ansehen? Wer gibt ihnen die Legitimation, Pioniere des Deutschtums auf v 0 r g e s ch 0 b e - nem Posten zu sein, wenn ihre ei gene Heima t sie nicht zu ihrer: Söhnen r e ch n e t? Man muß einmal den Mut haben, diesen Dingen mit allen ihren Folgerungen in die Augen zu sehen. Es ist ganz selbstverständlich, daß die deutschen Inden, die hier bleiben, alles tun müssen, um sich den Zusammenhang mit deutscher Kultur nicht nehmen zu lassen. Ihnen gibt der Boden, auf dem sie trotz allen: weiterteben, die Sprache, die sie sprechen, das generationenalte Leben ihrer Vorväter in diesem Lande ihr Recht. Aber auch sie werden — und diese Auffassung habe ich schon vor Jahren in den sogenannten guter: Zeiten vertreten — nicht geistig leben können, wenn sie nicht wissen werden und es sich bewußt machen, daß es eine Stelle auf dieser Erde gibt, wo Menschen nicht trotz, sondern wegen und nur durch ihr Judentum leben. Die dreißig Millionen Ausländsdeutsche, soweit sie noch innere Beziehung zu ihrem Abstammungsland haben, missen, daß man mit ihnen rechnet, daß man alles zu tun versucht — heute mehr denn je —, um di? Zusammenhänge immer inniger zu.gestal-