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Central-Verein-Zeitung · 1933-07-27 · 30 (27.7.1933) · p. Seite 296

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
30 (27.7.1933)
Date
1933-07-27
Page
Seite 296 (sequence 4)
Language
German
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Ltzö Irtiniie- Revolution aus ihrer Lebens- und Wirkungssphäre vertrieben hat. Sie leben jetzt in Tenischland in einem geistigen Exil, das heißt: sie verkehren fast nur noch mit keuschen, die das gleiche Schicksal wie sie erfahren haben. Sie hören also, auch wenn sie mit anderen zusammen sind, fast mit noch die eigene Meinung. Zur Urtcilsblldung fehlt ihnen der Austausch mit Andersdenkendem Sie kennen keine Menschen mehr, die „mit dabei sind". So können sie sich über die Gedanken und Pläne, die etwa hinter den sichtbaren Maßnahmen stehen, nicht unterrichten, denn das, was sie in öffentlichen Erklärungen und in der Literatur vorfinden, kann die Besprechung von Mensch zu Mensch nie ersetzen. ^ie sind, mit einem Wort, nicht etwa nur von der Mitwirkung ausgeschlopen, sondern, und zwar in wachsendem Maße, auch vom Mitverstehen und Milwissen. Tie natürliche Folge dieser Isolierung aber ist. daß sich unter den auf diese Weise schicksalhaft geistig Emigrierten in Deutschland schon typische Emigrantenzüge zeigen: Verruchte entstehen und werden kolportiert. Wichtiges und Unwichtiges wird nicht mehr richtig geschieden, es fehlt die gleichmäßige Sicherheit des Urteils. Und auch das wächst ebenso wie die Isolierung selbst, je mehr von diesen geistig Exilierten nun auch tatsächlich das Land derlasien. Für diese ratsächlich Emigrierten vermindert sich dann die Isolierung auf der einen Seite — um sich aus der anderen noch zu vergrößern. Sie verkehren nun wieder in einem weiteren, einem mannig- ' faltigeren Kreise. Aber dieser Kreis ist nicht mehr Deutschland. Sie lesen und hören neben den deutschen Zeitungen täglich die Meldungen und die Urteiledes Auslands über die Ereignisse in Deutschland. Sie sehen auch unmittelbar die Entwicklungen im Auslande selbst, die gleichgerichteten wie die entgegengesetzten. Sie können , wieder vergleichen. Sie können auch ihre eigenen Aufsagungen kritisch nachprüsen. Sie gewinnen, wie man zu sagen pstegt, Distanz. Aber zur selben Zeit, in der ihnen dadurch manches in Deutschland deutlicher werden könnte, muß anderes ihnen undeutlicher werden. Denn sie können die Einzeldorgänge dort nicht eimnal mehr in dem beschränkten Maße wie vorher mit erleben. Sie sind noch mehr als die deutsche Emigration in Deutschland selbst der Gefahr ousgesetzt, die jede Emigration bedroht, der Gefahr des falschen Augenmaßes. Dies muß demjenigen Teil der tatsächlich emigrierten Deutschen ganz deutlich gemacht werden, die glauben (oder jedenfalls eine Zeitlang geglaubt haben), dom Auslande her das politische Verhalten in Deutschland deeinflusien oder gar führen zu können . . In der „MagDeburgischen Zeitung" vom 16. Juli würdigt I. &». L. DaS „Protestantische Bersassungstverk". In Diesem Aufruf heißt cs: „... Dis enge Verbindung der neuen deutschen Kirchen mit dem deutschen Volkstum ist eine selbstverständliche Voraussetzung ihres Wirkens. Aber auch hier wird die Eigenständigkeit der Kirche darin sichtbar, daß die Verfassung keinen „Arier- Paragraphen" enthält. Das bedeutet durchaus nicht, daß die völkische Ilotwendigkeit der Arier- und Nichtariersrage von den Kirchenmännern verkannt würde. Es handelt sich aber bei der Kirchenversassung um den Ausbau der Kirche und Gemeinden vom Evangelium her. Die Abwehr des Artfremden im evangelischen Deutschland ist nach wie vor selbstverständlich. Es muß also beides klar aüseinandergehalten werden: Die Abwehr deZ Artfremden betrifft den theologischen und kirchlichen Führernachwuchs, sie betrifft nicht die Zugehörigkeit zu der Gemeinde Christi. Abendmahlsgemeinschaft, gemeinsames Hören der Verkündigung sind nicht an Rassenunterschiede, sind allein an das Bekenntnis und den Glauben gebunden.»,^ SA LM KN Ns cSy % ) f j^-j W Vv A. H. Die jüdische Rundschau" verwahrt sich mit vollem Recht gegen die Herrschaft der „Ewig-Gestrigen" im jüdisch-össentlichen Leben. Wir unterscheiden uns, was freilich nicht verwunderlich ist, von ihr in der Beurteilung dessen, was „gestrig" genannt werden kann, im Materiellen, nicht aber tut Ideellen. Auch wir bemühen uns, heutig zu sein in dem Sinn einer gegenwartsnahen Betrachtungsweise dessen, was ist, einer nüchternen Wertung der Kräfte, ans denen Neues erwachsen kann, einer ideenmäßig unterbauten Deutung unserer jüdischen Zukunst in Deutschland. Es ist aber für die Fortführung einer solchen ernsthasten Diskussion höchst unerwünscht, wenn grundsätzlich den E. V. ablehnende Blätter, wie die zionistische Breslauer „Jüdische Zeitung", in gestriger Manier weitersührende Gedanken in rückschrittliche Formen zwingt und damit Deutungen der deutsch-jüdischen Wirklichkeit und Theorie vornimrnt, die ebenso wirklichkeitsfremd wie theoretisch falsch sind. Worum es sich im einzelnen handelt, zeigt der nachstehend veröffentlichte Brief, der an das Breslauer jüdische Organ gerichtet worden ist. Wir können nur den Wunsch anssprechen, daß aus diesem Zwischenspiel eine gründlichere Wertung gegnerischer Auffassungen entspringen möge Sehr geehrte Herren! Meine Freude über die Anerkennung meines letzten Leitartikels der „C. D.-Zeitung" in Nr. 2Z Ihres Blattes wird durch ein Mißverständnis getrübt, das ich um der Sache willen nicht auf sich beruhen kaffen möchte. Während Sie in einem Teil Ihrer Ausführungen meine Stellungnahme durchaus zutreffend interpretieren, muß ich gegen einen Satz entschieden Widerspruch erheben. Es handelt sich um den folgenden: „Denn mit ihnen hat der C. V. durch einen seiner repräsentativsten Vertreter die jahrzehntelang gepflegte Idee von der Synthese zwischen Deutschtum und Judentum endgültig preisgegeben." Ich brauche wohl kaum zu betonen, daß ich nicht an hergebrachten Begriffen und Formulierungen hänge, sondern daß ich sie entschloffen aufzugeben bzw. forkzubilden Pstege, da, wo mir dar Inhalt überholt und nicht mehr zeitentsprechend erscheint. In dom Punkte der deutschjüdischen Synthese jedoch liegt der Fall anders. Sie habe ich weder dem Wort noch dem Sinn nach preisgegcben, sondern neu begründet und neu gefordert. Ter Sinn der Gruppenemanzipation, in dem Sie mit Recht den Grundgedanken meiner Ausführungen sehen, liegt ja gerade in der Neuschaffung dieser Synthese, deren beide Thesen sich allerdings vom Individuum zur Gruppe gewandelt haben (wobei die nichtjüdische deutsche Gruppe im Sinne der neusorrnierten deutschen Nation zu verstehen ist). Es widerspricht durchaus nicht dem Gedanken der deutschjüdischen Synthese, stärkt ihn vielmehr in ganz besonderer Weise, wenn man die der nichtjüdischen Gruppe entgegen stehende Antithese als jüdisch in höchstein Maße bewußt gewordene, von neuen jüdischen Quellströmen durchdrungene deutschjüdische Gruppe versteht. Meine Feststellung, daß eine Emanzipation vom Semiten zum Arier nicht möglich und nicht einmal erstrebenswert ist, sagt nicht das mindeste dagegen, daß eine Wiederernanzipabion der aus dem Deutschtum objektiv, aber nicht subjektiv ausgeschlossenen Teutschjuden weiter wünschenswert bleibt. Es ist demnach mehr als die Wiederherstellung eines historischen Begriffs, wenn ich ausdrücklich fesistelle, daß die Synthese zwischen Deutschtum und Judentum von mir nicht Preisgegeben, sondern in einein neuen, zeitgemäß umgewandelten Sinne als Zielpunkt einer von neuer Etappe aus geführten Entwicklung weiter vertreten wurde. Ich möchte mir noch erlauben, auf den Schlußsatz des von Ihnen zitierten Aufsatzes hinzuweisen, der, wie ich glaube, die Nichtigkeit und einzige Möglichkeit dieser Auslegung erweist. Er heißt: „Undwir bleiben doch, gleichgültig unter welcher Nechtsbezeichnung und Nechtseingliederung, einer Gemeinfchaft angehörig und sie weitertrageud^ die sich — nehmt alles in allem — mit Stolz deutsches Judentum nennt und nennen wird — Träger einer Form und Gesäß für einen Inhalt, die beide, bis dis messianifche Verheißung erfüllt ist, einzige jüdische Lebensmöglichkeit in der Welt bedeuten." In vorzüglicher Hochachtung Dr. Alfred Hirschberg.

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