Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 29 (20.7.1933)
- Date
- 1933-07-20
- Page
- Seite 285 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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sss MMsöMS DmffchM M von SntcnScmt Dr. K25L LuNöL§xraftLrNL s£vv Irr diesen Tagen haben sich ein paar Männer zusammengeschloffen und in ihren Köpfen die Idee eines „Kulturbundes Dentscher Juden" Gestalt werden lasten. Nnoekümmeri um Tatsachen, die' ans Gckahr oder Aussichtslosigkeit des Unternehmen? weiten konnten, gingen sie Schritt für Schritt vorwärts, ohne Hemmung durch den Unkenruf der Müden, die Zweifel der Abseitigen, das Nein der Temperamentvollem „Ich laue dich nicht, du segnest mich denn" — jo rief es in uns allen, die wir versuchten, dieser Idee des Kulturaufschwungs der Juden eine Form und eine ^eele zu geben. Aus dem Brachliegen aller Regungen sollte ein Aufstieg, au* dem Srummwin eine klangvolle Nodo, aus der Lethargie Spannung werden, bevor die Energien der Mage versagten. Nun ist es so weit. Tie Preußische Negierung hat unseren Ruf gehört, hat unsere Bitte verstanden, hat unseren Willen geachtet und aus Wunsch Erfüllung gemacht: Ter ^Kulturbund Deutscher J^rden" ist unter ausdrücklicher Zustimmung der staatlichen Chorden gegründet. Tu? bedeutet für uns: im Rahmen dessen, was einem geschloffenen Verein erlaubt ist, alles das an geistiger und künstlerischer Arbeit einzufetzen, besten wir Juden fähig sind. Daß es unter genauer Beachtung der gegebenen Vorschriften, loyal, ohne jede polnische Nebenabsicht, geschieht, dafür bürgen die Vorstände, die, von allen SngQnifaLionen ohne Unterschied der Eiu- 'äLllunb zur .Judenfrage" zusammengeruen, urchts wollen, als das Krvngut unsrer jüdischen Ueöerlieferung, unserer Mitarbeit am jüdischen und deutschen Kultur- Werk der Vergangenheir und Gegenwart Au erhalten. Kein Ikebernurt umnebelt rinseren Blick, kein Inbelrus bricht aus der Kehle. Aber in stolzer Temut, in schweigender Freude beginnen wir die Arbeit. Sie ist vielfältig genug. Jüdisches Wissen, jüdische Erkenntnis, j ü d i sch e Leistung, soweit sie eine eigentümliche Art der Form, des Ausdrucks, der Geste und der inneren Erfüllung jst, wollen wir ebenso ^verbreiten unter unstren Glaubensgenoffrn wie die künstlerischen, literarischen lrnd dichterischen Werte derjenigen Inden, die deutsche Sprache, d e u t s ch e Kunst und Musik als ihr innerstes Lebeusn.E^- ment erkannt haben. Es soll für Nachsthasfende und Empfangende nur das eine Gesetz der ehrlichen Uebcrwugung geben, denn nur sie kann seelische Anregung und geistigen Ausbau verbürgen. Wenn ein Dozent über Spinoza oder Moses Mendelssohn spricht, wenn ein Rezitator aus den Psalmen, aus den Schriften Vnbers, den Dichtungen Heines oder Wassermanns vorliest — das soll ebenso dankbar begrüßt werden wie ein Vortrag über Shakespeare oder Goethe. Dem Vorwurf, zu der lebendigen gegenwärtigen Strömung der Literatur kritisch Stellung zu nehmen, werden wir mit Takt ans dem Weg gehen. Aber die gleiche Begeisterung soll Gebende und Nehmende je nach ihrer Begabung urtD Einfühlungs kraft umfangen, wenn eine Sinfonie von Mozart oder Schubert, ein Lied von Wolf oder Brahms erklingt, als wenn die chassidischen Ge'änge. die synagogale Musik, der internationale Vo-kssang zum Thema von Vortrag und künstlerischer Umrahmung genommen wird. Mehr als je wird sich der jüdische Künstler mit der Kunst und dem geistigen Wollen des jüdisch Schaffenden befassen, befreunden, auseinanderstllen: mehr als je wurd er sich dom Werk der deutschen Welchenie-5 verbunden fühlen. Tiefe Toppelwertigkeit bedeutet Dielfeitigkeit, nicht Mangel an Charakter. Don Nembrandt bis Liebermann, von Gluck bis Meyerbeer. von Haydn bis Mahler, von Plato über Descartes bis Cohen und Cassirer wird im Laufe der Jahre kein künstlerisches oder geisteswiffenschaftliches Phänomen der Jahrhunderte uns entgehen. Wir werden versuchen, zwischen dem, was das Theater gibt, und dem, was Konzert und Vortrag programmatisch darstellen, eine Koste, verbindende Drücke zu schlagen. „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen: und jeder geht zufrieden aus dem haus." Und darum braucht der Kulturbund, darum wünscht er sich „einen großen Kreis, um ihn gewiper zu erschüttern". Dean wir wollen im ersten Augenblick, da wir zur jüdischen Mitwelt im Gefühl tiefer Verantwortung sprechen, das eine besonders geloben: der Jugend, die da' darbt, wiederzugeben, was der Jugend an Lcrnbereitschast, geistigem Anspruch, Mitarbeit, Zukunstsglaube und sittlicher Erneuerung not tut. Gewiß, wir wollen auch sozial und wirtschaftlich dem geistigen und künstlerischen Nachwuchs weiterhelfen. Der junge, noch unbekannte Schauspieler soll fein Talent erweistn, der Singer, Spielleiter, Komponist, Wiffensthastler — sie sollen alle einmal zur positiven Mitarbeit herangezogen werden. Wesentlicher aber erscheint im Augenblick, daß die Menschen mit Kul- Lurgefühl. daß auch gerade unsere Heranwachsenden Kinder wieder wissen, wohin sie gehören, wenn Schule und Elternhaus sie für ein paar Stunden sreigobon. zur ^Forderung und Bereicherung ihres Wigens, ihres Selbügesühls, ihrer Lebenslust. In unseren Hallen wollen wir die Jugend grüßen wie ein Symbol unserer eigenen Zukunft und trollen sie lehren, begeisterte. vollwertige, in sich selber gefestigte deutsche Juden zu fein. „Die Pfosten sind, die Bretter aufgen^tet, und jedermann erwartet sich ein Wirklich ein Fest in der Zeit der Prüfung? Ja, ein ernstes, würdiges, gläubig gestaltetes Fest. Daß wir es begehen dürfen, dieses Fest eines beginnenden seelischen Hinausschwunges, ist ein halbes Geschenk, ein halbes Verdienst. Wie wir es als eine Kette lebendiger Leistungen, und dennoch einheitlich im Sinne deutschjüdischer Mentalität, deutsch-jüdischen Knltnrbowußtseins formen und immer wieder neu formen, das ist die schwere Ausgabe. Wir wollen, wir muffen, wir wenden sie lösen. Ich will nicht die Namen der Männer und Frauen nennen, die dom Theater unseres Bundes, dem Konzert-, dem Vorrraeswesen ihre Kräfie widmen sollen. Es stad berühmte Namen dabei. Menschen der Erfahrung, der künstlerischen Intuition, der geistigen Selbständigkeit und persönlichen Struktur. Aber auch junge Begabung steht im Dienst der Idee, werbend, mit- und nachschassend. Wir wollen auch in Berusszweigen, die bisher den Juden fremd waren, Aröeitsmvglichkeit schassen. Der Grundsatz, daß I u denfürIude n wirken, soll wie ein Leitmotiv unsere Ueborlegungen durchziehen, unsere Handlungen krönen. In Kürze wir) eine Werbeschrift fertiggesiellt, die alle, denen unser Glaube an jüdische Kraft und jüdischen Geist geblieben ist, ausklären, die aber auch alle ausrütteln wird, mitzukommen, mitzntun. Denn nicht das ist unsere Sorge, dah wir vor der Welt bestehen und daß wir uns durch Leistung als berechtigte Kämpfer des Kulturbundes erweisen. Wir werden arbeiten, bis wir dem Glück der Vollendung nahe sind. Aber ihr, ihr öeutschen 0uösn, öir ihr leidst unö doch gläubig seiLI Las öir Srheröe uns zu zimmern erlaubt hat, öas öürft ihr nicht zertrümmern. Vas wir in plan und Programm fertig haben, öas müht ibe jetzt in Tat unö Wirklichkeit umsetzen. An euch liegt es, ob wir mit großen Lettern an die Pfosten des neuen Denn As unseres Bundes die Dante-Worte schreiben dürfen: „Hier sind Götter. Menschen, tretet ein!", oder: „baseiate ogni speranza.“ Mit dürren und prosaischen Worten gesagt: Nur eine Niesenmenge, eine in die Tausende gehende Zahl von Mitgliedern gibt dem „Kulturbund Deutscher Juden" Möglichkeit der Eristenz, des Lebens, des Wirkens. Ich weiß, die Not ist groß, gerade unter den Juden. Aber selbst Leid und Not tragen sich leichter, wenn die