Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 26 (29.6.1933)
- Date
- 1933-06-29
- Page
- Seite 247 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Dr. Kurt Scheyev fNeumarkfj Schles.). Wenn man vor seinem geistigen Auge heute die verschiedenen Vorstellungen vorüberziehen läßt, die sich die führenden Vertreter der mannigfachen Richtungen und Strömungen der deutschen Judenheit von der gegenwärtigen Stellung der Juden im nationalsozialistischen Staate und ihrem Los für die Zukunft machenJ. so fällt sofort aus, daß jede der bestehenden „Parteien" innerhalb der deutschen Juden trotz der katastrophalen Veränderung, die unsere Lage erfahren hat, und trotz der bitteren Erfahrungen, die wir alle haben machen müssen, an ihrem alten Parteidogma fast unverändert festhält und aus dieser eigenen Gedankenwelt heraus ideologische, vielfach mit der Wirklichkeit nicht vereinbare Schlüsse für die Zukunft zieht. Notwendig aber wäre doch in der jetzigen Schicksalsstunde der deutschen Judenheit — und wenn auch nur vorübergehend —. diesem Bruderkamps zu entsagen und alle geistigen und materiellen Kräfte anzuspannen, um die ganz ungewöhnliche Lage zu meistern und möglichst allen deutschen Indem wie sie auch innerlich zu den innerjüdischen Problemen stehen mögen, Hilfe zu bringen. Hier erwächst den Führern der deutschen Judenheit die schicksal-volle Aufgabe einer Zusammenfassung der auseinanderstrebenden Richtungen, die ohne den Ballast der überholten Anschauungen mit kühlem Verstände und kühner Initiative angepackt werden muß. Erste Vorbedingung dazu ist freilich, daß der unselige „Bruderkam.ps" begraben und vor allem damit Schluß gemacht werden muß, Gegnern des Judentums auch jetzt noch Waffen gegen die eigenen Schicksalsgenossen zu liefern. Tie unbedingt notwendige Selbstdisziplin — und wenn sie nicht zu erreichen ist, organisatorische Maßnahmen etwa der „Reichs- Vertretung der deutschen Juden" im Sinne einer Art Vorzensur der jüdischen Zeitungen — muß es verhindern, daß — wie etwa in einem Artikel von Prinz in Nr. 4344 der „Jüdischen Rundschau" —- die bekannten Vorwürfe der „Kollektivschuld" der deutschen Juden erhoben werden. Solche Entgleisungen von zionistischer Seite brauchten nicht vorzukommen, wenn die Verfasser mehr — als an die an sich ja noch sowohl begründete, vielleicht sogar berechtigte Verteidigung ihrer zionistischen Doktrin — an das Gesamtschicksal der deutschen Juden dächten. Zweifellos haben ja — wir wir Nichtzionisten freimütig anerkennen wollen — gewisse zionistische Befürchtungen, allermindestens vorübergehend und in Deutschland. eine leidvolle Bestätigung erfahren. Und für Tausende von seelisch geplagten und um ihre nackte Existenz bangenden Juden ist hellte Palästina, die von jenen geschaffene „Heimstätte", ein ..Silbersireifen" am allseitig sonst umwölkten Horizont, der ihnen wieder Zukunstshofjnungen vermittelt. l) CßL „3fmriüiföeS SamfflenKsit* Nr. 2L Aber darum darf von den Zionisten nicht sozusagen „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden", und sie dürfen nicht verlangen und erwarten, daß Tausende vom andersgesinnten Juden plötzlich und „schlagartig" sich umstellen und nun sofort verleugnen, was sie eben noch angebeiet haben. Hier können keine noch so gut gemeinten intellektualistischen Argumentationen, noch die traurigsten Erfahrungen anl eigenen Leibe etwas ändern. „Die Frage der Zugehörigkeit — oder sagen wir noch deutlicher: des Zugehörigkeiltzgesühls' — zu einer Nation kann nicht in die Sphäre des Intellekts gehoben werden")." Alle wir andern, die wir uns durch Sprache, jahrhundertelange Gemeinsamkeit der Heimaterde. Kultur, Kriegserlebnis — kurz eine unendliche Liebe zu Deutschland — eine Weiterexistenz mir als „Deutsche" denken können, wir sind auch noch da, und aus uns sind nun einmal keine „Nationaljuden" zu machen. Und doch muß auch diesen jüdischen Menschen geholfen werden: ja bei ihnen offenbart sich ja erst das jüdisch-deutsche Gegenwartsproblem in seiner ganzen Schwere. Diele von diesen Juden, meist die älteren, werden sich auf Gedeih und Verderben in der deutschen Erde verwurzelt fühlen. Sie werden auch das ihnen drohende Ghettefchicksat mit dem in seiner Art bewundernswerten Dulder- Heroismus, für das die uralte Geschichte der Juden schon so viele Beispiele geliefert hat und dessentwegen sie eine in der Geschichte der Völker einzigartige Berühmtheit erlangt haben, hinnehmen, nur um dereinst in der geliebten deutschen Heimaterde ihr Grab zu finden. Glücklich zu preisen unter ihnen sind wenigstens noch jene, denen Ge setze tztreue und jüdische Religiosität Trost und festen Halt geben und die — mit dem Vorbild der jüdischen Märtyrer vor Augen — und gegen alle irdischen Drangsalierungen und Diffamierungen gefeit sind. Aber sind das — seien wir ehrlich! — noch sehr viele unter uns? Der a^er von uns deutschen Juden diese religiöse Kraft nicht mehr besitzt und auch nicht mehr sich verschaffen kann, anderseits mit seiner Menschen w ü v b e und Mannesehre bie Rolle, die uns zugedacht ist im künftigen Deutschland, nicht vereinbaren kann, der vor allem verlangt jetzt von einer „Reichsvertrelung der deutschen Juden" Hilfe und Rettung durch die Tat. Es wird — des bin ich fest überzeugt — von einer späteren . Geschichtsschreibung voll anerkannt und gewürdigt werden, wie sehr vor allem der C. B. als d i e Vertretung der deutschen Juden, die ihrer Anschauung nach die meisten Inden vertritt, die jüdffche Würde gewahrt und doch — frei von ehrloser Liebedienerei — mutig sein Deutschtum und seine Liebe zu Deutschland bekannt hat. Wie sehr er dadurch in diesen Tagen mit ihrer beispiellosen Verunglimpfung der Juden dazu beigetragen hat, daß auch die deutschen Juden selbst würdig und mannhaft ihr Schicksal *) Dr. L. Freund, „JfrcuNUsch-r Familien- Mau* Kr. 21* trugen, auch dafür wird ihm erst eine spätere Zeit Dank wissen können! Aber die Führer de- „E. V." mögen nun auch aus der Nor keine Tugend machen' Die Zeiten der Illusionen sind nun endgültig vorbei! Wenn man uns deutschen Juden den Vorwurf nicht ersparen kann, daß wir z'.l lange vor dev ideologischen Kraft der völkischen Weltanschauung die Augen verschlossen, sie nur als „Antisemitismus" glaubten bekämpfen und abtun zu können, ohne uns mit den Rassen- und völkischen Theorien der Nationalsozialisten innerlich autzeinanderznsetzen — nun sind uns wohl allen furchtbar die Augen amgegangen; Nun ist es uns zur traurigen und furchtbaren Gewißheit geworden, daß die neue deutsche Regierung, deren Zielbewußtheit und Kraft, ihr Programm durchzusetzen, niemand bezweifeln kann, uns als Helfer bei der Aufrichtung einer glücklicheren deutschen Zukunft nicht haben will, uns sogar als Schädlinge am deutschen Volkstum betrachtet. Ich bitte mich nicht etwa miß« zuverstehen: schon als Arzt und Naturwissenschaftler halte ich die völkffchs Rassentheorie für wissenschaftlich sehr angreifbar. Aber der Realpolitiker hat mit gegebenen Größen, nicht mit Wunschgebilden oder Ressentiments zu arbeiten. Wie kann etwa ein Führer einer jüdischen Organisation so wenig eine „Gefecht slage" übersehen, daß er anssordert, „dis Wirklichkeit", weil sie „eine ausgezwungene" ist, nicht „anzuerkennen". Das muh als Tonquichoterie, aber nicht als Führertum bezeichnet werden. Die neue Regierung hat sich bisher noch nicht geäußert^ wie sie sich das Schicksal der Juden irt Deutschland denkt. Tie Regierung, mit gewaltigen, riesigen Aufgaben deutschen Ausbaus beschäftigt, schweigt. Aber man braucht kein Schwarzseher und „Defaitist" zu sein, um zu wissen und sich auszumalen, was sie wohl antworten könnte. Darum versäume man keine kostbare Zeit! Wir, jedenfalls wir jüngeren deutschen Juden, die wir noch Kraft, von vorn anzufangen, haben, wir wollen unser Leben nicht nur mit dem Gelang von .Klageliedern verbringen, „da wir Zions gedachten" ... Wir wollen durch Jnitiativgeist und Aktivität beweisen, daß wir in diesen Eigenschaften hinter den arischen Deutschen nicht Zurückbleiben. Ich stehe nicht auf dem Standpunkt, daß deshalb die Führung der deutschen Juden unbedingt in jüngere Hände gelegt werden müßte. Aber wer die Spannkraft zu dev notwendigen Umstellung nicht mehr besitzt muß allerdings seinen Platz entschlosseneren und vorurleilslostn Männern frei machen. Worauf die Führung sich aber nunmehr umzustellen hat, das kann nach