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Central-Verein-Zeitung · 1933-06-22 · 25 (22.6.1933) · p. Seite 237

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
25 (22.6.1933)
Date
1933-06-22
Page
Seite 237 (sequence 5)
Language
German
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zf:a, V V ü V W V V H§ JÄ Wh HKS HMUs GZ Ein BriLrüg Zu einer Llmfrügs von Ernst Liffausr LrnLk Lissauer, der deutsche Dichter, n>urc/e kürzlich von emer Tageszeitung befragt, wes er zur Frage deutscher Jude und deutsches Schrifttum" zu sagen habe. Die Antwort konnte cus äusseren Gründen rächt veroff entlieht werden. Wir tun dies hiermit. Der Zweck der Anfrage machte es erforderlich, </css £rnsf Lass euer —* sehr ungern, wie er uns schreibt — cuc/i ir&er seine dichterische Sendung sprechen musste. Die Schuftleiiung■ Wilhelm Schäfer schreibt irr seinem Buche: „Der deutsche Gott. Fünf Briefe an mein Volk": „Die Wahrheit ist die, daß die deutschen Juden sichtbar geholfen haben, den Lebensboden der Bildung überhaupt wieder zu lockern. Ohne sie Hütten wir anfangs des 20. Jahrhunderts kaum noch von einem geistigen Leben in Deutschland sprechen können/ Der Sab Wilhelm Schälers scheint mir zu übertreiben:. er unterschätzt die Stillen im Laude, jene nicht zu Bourgeois Gewordenen, Bürger Gebliebenen, die besonders häufig in Mittel¬ und Kleinstädten, in den Hansestädten und süddeutschen Residenzen anZutressen waren und das allenthalben vorder mechanistischen Entwicklung angefrcpene, augesauste, durchlöcherte Erbgut des deutschen Geistes bewahrten. Aber der leidenschaftliche Anteil, den ein großer Teil der deutschen Juden am deutschen Geäste nahm, rst oft von Nichtjude.n bestätigt worden. Ein Beispiel an Stelle vieler: 1895, an seinem 75. Geburtstag, beklagte sich Theodor Fontane, daß ihm, dem „Mann der »Wanderungen^, „des märkischen Adels", ,ches Alten Fritzen", dem „Mann der Jagow und Lochow". der Oppen, Groben und so fort, kein Adliger gratulierte. . . . Stellen mich freundlich an ihre Spitze, S&ki? sollen mir da noch dis Itzenplitze! Zedern bin ich was gewesen, Allk haben sie mich gelesen . . .* Es ist völlig unmöglich, eine einheitliche Linie im Verhalten der deutschen Juden sestzustellen. Ten Juden, die, beispielsweise, Baabe nicht sonderlich schätzen, stehen Juden gegenüber, die ihn aufs höchste würdigen, wie Eduard Enget; unter Randes leidenschaftlichsten Vorkämpfern sind Inden. Heine wurde von Storni oder von dem durchaus konservativen Literarhistoriker Earl Busse ungemein geschätzt; der Jude Gabriel Niesier, der Vorkämpfer der Emanzipation, bekämpfte die literarische Tätigkeit Heines, Karl Kraust schrieb die vernichtende Abhandlung „Heine und die Folger:". Es ist unwahr, daß Juden als Literarhistoriker oder Kritiker Juden besonders bevorzugen, wie aus den Merken führender Literarhistoriker und Kritiker leiast nachzuweisen ist. Juden haben mit höchster Liebe und Verehrung über große Deutsche geschrieben: Bielschowsky, Wittkowsch. R. M. Meyer, Simmel. Ludwig, Gundolf über Goethe. Eine der.vortrefflichsten Ausgaben der Goetheschen Briefe stammt von Bab; die meisterliche Auswahl Goethescher Gedichte bei Reclam von Stefan Zweig. Ich nenne, aufs Geratewohl: Otto Brahms „Kleist", Otto Stössls und Felir Brauns Arbeiten über Stifter, Spechts „Beethoven" und „Brahms". Man weise in solchen Werken den Zersetzender: „jüdischen Geist" nach. Oder — um aus einer Fülle nur eines zu nennen: Werfel, der Dichter religiöser Gesänge, der 1032 die Schrift für den Gokstsglauben veröffentlichte, die unter anderer:: von der antisemitischen katholischen Zeitschrift „Schönere Zukunft" gerühmt und zitiert wurde, ist verfemt. Auch diejenigen jüdischen Schriftsteller. deren Wirken nicht mit ausdrücklichen Worten zurückgewiRen wurde, siud gebannt, aus ihrem aucklosen Dienst stillschweigend „entlasten". Hier muß ich notgedrungen ein Wort von mir selbst sagen. Meine Werke sind auf charakceristische Weise in die Nation gedrungen. Mein „Zweck" wurde Zu allererst von der deutschen Kolonie der Stadt Meriko, also von Laien, gespielt, mehrmals von Ortsgruppen des „Stahlhelme-", auch von Schülern eines Berliner Gymnasiums. „Luther und Thomas Münzer" ward Zum Jubiläum der Augsburgifchen Konzession in Augsburg anfgesührt; christliche Laien eines großen evangelischen Vereins spielten es — Geistliche, Lehrer, Studenten. Gymnasiasten — Zweimal. Bildschnitzer und Bauern von Oberammergau gaben 1932 mein biblisches Drama „Das Weib des Jephta". Cck-üler und Schülerinnen lasen meine Stücke, meine Gedichte, meine Aussätze über deutsche Dichtung und Landschaft: wie einsim .Kriege Offiziere und Mannschaften von^der Front, schrieben mir Lehrer und Klanen. So wähnte ich ein deutscher Dichter Zu sein; heute bin ich fast von jeglichem Wirten in Deutschland, in Theater, Verlag. Zeitung. Zeitschrift, Rundfunk ausgeschlossen. Meine Einstellung zmn Deutschrum ist niemals angezweiselt worden, und es wäre auch lächerlich, sie anznzweiseln. Aber ich bin kein einzelner, sondern wie ich denken und fühlen viele andere deutsche Schriftsteller jüdischen Stammes und aber Zehntausende deutscher Inden, die mittelbar oder unmittelbar, ausdrücklich oder nicht ausdrücklich, so oder so, ausgestoßen werden. Es gibt Kenner von sprachlichem Feingefühl, die behauchen, die Schreibweise des deutschen Ariers und des deutschen Juden zu unterscheiden. Ties Ware erst dann beweiskräftig, wenn man ihnen unbekannte Prosa ohne Namen des Verfassers vorlegte. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß Erfolge gemacht Werder: können. Das mag zwei- oder dreimal möglich sein; aber ..Glück hat", nach Mottkes Wort, „auf die Dauer nur der Tüchtige". Uebersetzt wird, was die verschiedenen Gemder: Länder angcht, was über den nationalen Bereich hinausgreift. Daher ist E. T. A. Hossw.ann in Frankreich verbreitet, aber Kleist ist außerhalb Deutschlands wenig bekannt. (Die deutsch-ungarische Feldrvochenschrift, zu deren Leitung ich als Landsturmrnann kommandiert wurde, brachte, zum Beispiel, manche Prosastücke Kleists zurr: erstenmal in ungarischer Ueberretzung.) Goethes Lyrik ist letztlich unübersttzbar, aber „Werther", der aus einer Zeirstimmung erwuchs, drang bis nach Chinas Brahms ist oft schon Oesterreichern einigermaßen fremd; „Die Meistersinger" sind zwar ein voll* kommener und höchster Ausdruck deutschen Wesens, doch man darf nicht übersehen, daß sie mehr als die Musik Brahms' oder Psitzners mit nichtdeutscher Musik verwandt ist, mit Berlioz und Liszt: sie i't national und übernational Zugleich. Meine eigenen Dichtungen sind als „Zu deutsch" nicht übersetzt worden. Es gibt keine j ü d i sch -i n t e r n a t i o n als Org a n Nation. f o ndern, in kapitalistischer Gesellschaft, en> scheidet Angebot und Nachfrage.' Ina Leidcls herrliche Gedichte wurden nicht übersetzt, von ihren Romanen erst „Das Wunschkind", das aus dem Deutschen ins Uebernationale wächst. Scholz' mächtiger, ganz im Deutschtum wurzelnder Roman „Perpetua" wurde meines Wissens nicht übersetzt,Jvoht aber sein „Wettlaus mit dem Schabten", der sich in einer allgemeineren und abstrakteren Sphäre hält. Ich werde in diesem Augenblick gewiß nicht Personen, Bücher, Handlungen deutscher Juden ansühren, die von deutschen Juden, auch von mir, mißbilligt worden sind. (Uebrigens könnte ich die Fälle belegen, wo durch falsche oder bruchstückhaste Zimte die Gesinnung in ihr Gegenteil verdreht wurde.) Unser Fehler ist'nicht, daß wir zu viel, sondern daß wir zu wenig Organisiert sind: cs mangelt eine repräsentative Stelle, welche die Meinung der deuischen Judenheit verantwortlich ausspricht und bestimmte Aenßerungen und Handlungen in ihren: Namen ablehnt. Eine solche Stelle zu schassen, ist eben deshalb fo schwer, weil die deutsche Judenheu eine Einheit durchaus nicht ist. T-en „cmt> .germanischen" Aeußerungen deutscher Juden ließen sich zahlreichere entgegengesetzter Gesinnung gegenüberstelten; von ihnen wird kaum mehr Notiz genommen. Auf anderer Ebene: Schweden wird nicht für den Fall Kreuger haftbar gemacht, aber das Judentum für der: Fall Barmat. Die Meinung ist nicht, daß die deutschen Juden von den arischen Deutschen nicht unterschieden sind. Wir behaupten, daß Gemeinschaft des Schicksals, der Lust, des Bodens, der Sprache wesentliche und entscheidende Kräfte sind, welche die stammesmäßige Zugehörigkeit — deren Art und Bedeutung derzeit wissenschaftlich durchaus nicht geklärt ist — mehr oder minder färben und abwandeln, mitunter ganz auslöschen. D i e I u d e n sind G r e n z d e u t s ch e n; aber ihr G r e n z t u m hastet n i ch t an einem Lande, sonder:: os ist ein Grenztun: im Geiste. Mau erkennt bisweiten in: rheinischen Schrifttum. Zurr: Beispiel bei George, romanische Einschläge, und so in: jüdischen alttestameutarische rn:d rabürnische, vor allem ein starkes Vorwalten des Verstandes, nicht selten des Scharfsinns. Im Alten Testament aber überwiegt keineswegs die Krast des Vor-

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