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Central-Verein-Zeitung · 1933-06-22 · 25 (22.6.1933) · p. Seite 234

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
25 (22.6.1933)
Date
1933-06-22
Page
Seite 234 (sequence 2)
Language
German
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L34 Ein fcnur.er^er Chronist bic'es Torfes wird ‘einmal die nachdenkliche Fesittellung machen rönnen, daß in den: Augenblick, da hier (in diesen Tagen) ein jüdischer Lehrer, der. durch drei Jahrzehnte hindurch seine menschliche Würde und'pädagogische Begabung bewiesen Hatto, scines Amtes enthoben wurde, in Washington ein Sohn dieses Torfes mit den: Präsidenten der Vereinigten Staaten verhandelte: Ter italienische Finauzminister Jung, der in den Besprechungen von Washington für Italien dieselbe Mission erfüllt wie MacTonald sür England, Herriot für Frankreich, stammt aus einer jüdischen Familie die'es Torfes. Alles wäre gegen ihn gewesen — Rahe und Volkszugehörigkeit, aber sein Kopf war entscheidend. . . . Tüer dieses Torf heute 311m erstenmal betritt, vermag sich nur schwer das Auswhen zu vergegenwärtige::, das ihn: durch Jahrhunderte hindurch bis vor wenigen Wochen eigen war. Tie Juden haben sich scheu in ihre Hmuer zurückgezogen; . . . die'Türen öffnen sich nur fetten. .... Ter Torfrabbi ist ein strenggläubiger Mann; streng gegen sich und seine Gemeinde. Was auch immer geschieht, bezieht er auf Gott, und so nmhnt er immer wieder seine Cemeinde, die Stimme des Herrn zu hören . . « Tn ist ein anderer, einer der wenigen, der ein Handwerk von seinen Vorfahren ererbte: er hält es so heilig wie den Glauben, den er von feinen Vätern übernahm. Wir stehen in rußiger Werkstatt, die erfüllt ist vom Lärm der Drehbänke, vom Kreischen der Holzwäfen. Aber feine Stimme nberdröhnt diesen Lärm; sie hat prophetischen Klang, und dieser hoch gewachsene, starke Mann im blonden Part und blonden Lockcrchanpt erscheint trotz seiner Arbeitsschürze und seinen schwieligen -Händen wie ein biblischer Prophet . . . „Ein größerer und stärkerer Zusammenschluß aller (deutschen) Inden als jemals wird kommen", ruft er. „Je konsequenter man uns verfolgt, um so größer wdrd unser innerer Zusammenhalt. Tünch das Arier» gesctz wächst unsere Zahl, es rüttelt die Lauen auf und führt uns alle zurück zu der alten Glaubensstärke. Ein neues Zeitalter beginnt für uns; ein hartes, aber ein gläubiges mrtz inbrünstiges. . . . . . . Ich gehe durch die Straße, an einem Laden vorbei, der öd und still ist. . . . Und wie ich vorbeigehe, fällt mir der Schluß von Schalom Aschs „Elaubensmartyrium' ein, wie der zerbrochene und totwunde Schloimele, der alles verlor, was ein Mensch verlieren kann, in Lublin den leeren Laden eines alten Juden betritt und den Greis fragt: ,LLas verkauft Ihr da? Euer Laden ist doch leer und Ihr habt gar keine Ware da!"' Ta antwortete ihm der Greis: „Ich verknuse Hoffnung!' Schloimele blickte den Alten an. Und er kam ihm bekannt vor, als hätte er ihn schon irgendwo gesehen . « / GMchMös LMö Zur wk'tschastllchrn MfbMmbAt örs C» v. Zwei bemerkensVerte /Äußerungen Zur §uösnfrsgs Reichsminister Lr. Goebbels am 3 6. Juni in Hamburg: . . Wenn man uns vonvirft, wir seien gegen die Juden, so können wir nur antworten: Ja, habt ihr denn angenommen, wir seien für die Juden? Wenn man sagt: Ihr seid zu rigoros, so können wir nur antworten: Haben wir gesagt, daß wir nichb rigoros sind? Wenn man uns sagt: Ihr seid zu deutlich, ihr macht ja keine Kompromiße, so antworten wir: Wir haben do_rüt-er ja in unserer Opposition niemand im Zweifel gelassen. Tas Volk ist der Kompromisse satt. Tas Volk will reinen Lisch. Es will, daß ausgeräumt wird. Tas Volk macht uns gar nicht den Vorwurf, zu hart gewesen zu sein, es verübelt uns höchstens unsere Humanität'. Aber auch da können wir die Nörgler beruhigen: Tiefe Revolution ist noch nicht zu Ende! Nur nicht drängeln, es kommt ein jeder dran- Tie Revolution ist erst zu Ende, wenn Nationalsozialismus- und deutsche Nation eins sind . . („Hamburger Nachrichten', Nr.277 vom 17. Juni.) Staatsrat rrnv Präsident des WürLLembergischen Landtages Waldmann am 17. Juni in Stuttgart: - . . Ter Nationalsozialismus wird dem deutschen Menschen die Gedanken an eine Internationale jeder Prägung austreiben. Ties gilt nicht, nur für den Marxismus, sondern ebenso bei den geistigen Bindungen, wie den Bindungen des Kapitalismus, des Judentums und des Logentums. Ter Staat nimmt ba% Erstgeburtsrecht auf allen Gebieten' sür sich in Anspruch . . / („Frankfurter Zeitung', 9fr. 448 vom 19. Juni.) An die Mandanten der Nechisarrivälte. Es liegt kein Anlaß zur Befürchtung vor, daß die durch jüdische Anwälte vertretenen Parteien von den Gerichten in irgendeiner Meise benachwiligt werden. Es muß im Gegenteil sesrgesteltt werden, daß bisher jedes Gericht den nach Turchführung des Anwaltsgesetzes zugelassenen Rechtsanwälten in vollem Umsange ausreichende Gelegenheit zur Wahrnehmung der Rechte ihrer jüdischen oder nichstjüdischen Mandanten gegeben. und ihre Ausführungen in derselben Weise wie die der mchtjüdi scheu Anwälte beachtet haben. Es ist bcJycr fein Grund gegeben, bei der Vergebung von Mandaten jüdische Anwälte auszu-schatten. A. IT. Einen langen Weg der Entwicklung jüdischen Bewußtseins, aber auch des Wandels jüdischer Auffassung Don Hilfe ging das deutsche Judentum seit den Zeiten, in denen Heinrich Heine das Hamburger Krankenhaus, die Stiftung seines reichen Onkels, als sür Leute bestimmt bezeichnete, die dreifach elend seien: mit Aller, Krankheit und mit I u d e n t u m. Wohl keine jüdische Stelle, die sich mit Hilfe und 'Ausbau im deutschen Judentum zu befassen hat, geht heute von der Auffasiung aus. daß Judentum eine Erscheinung des Minderwerts fei. Was uns der Umwelt gegenüber Minderwertig erscheinen läßt, macht uns selbst einander werter und vertrauter. Kranke Menschen sind in den Beratungsstellen wenig zu finden. Für sie sorgen die Institutionen, die schon immer dafür bestanden, und wo alte Menschen in Not geraten, kommen sie nicht zu den Stellen, wo aufbauend. Zukunftweisend ge- Holsen werden soll. Jener starke Familiensinn, der die jüdische Gemeinschaft immer auszeichnete, schafft in den Alten eine Selbstbescheidung, die aber keine Resignation, sondern eine Opwrgabe für die noch lebensvollen Altersklassen darstellt, weil andere Opfer zu bringen ihnen nicht möglich ist. Für die Mitarbeiter der Jurist isch- Wirtschaftlichen Beratungsstelle des E. D. ist die Berührung mit allen Schichten des deutschen Judentums ans allen Teilen des Reiches nicht nur eine Leistung an die Ratsuchenden, sondern eine unersetzliche Schulung für künftige Ausgaben im deutschen Judentum. Im C. 53. sehlt alles, was sonst dem Bearbeiter wie dem Besucher bei Dereinsstellen die Wirksamkeit unerfreulich machen kann: die Routiniertheit, di? abgeschlijsene Erfahrung, die Möglichkeit, auf das „Simile' — den ähnlichen Vorgang von früher — zurückgreifen. Hier ist alles neu; hier ist alles verschiedenartig; hier nutzen nicht Akten; hier nutz! nur ein klarer Kopf mit Einßühlungsfähigkeit in die Gegenwart des Ratsuchenden und Phantasie für besten Zukunft, Anpassungsvermögen an seine seelische und geistige Situation. Was die Zentralstellen der großen jüdischen Organisationen sich immer so sehr gewünscht fjaüeii und was gegen sie negativ als Vorwurf von der Opposition immer erhoben wurde: engste Berührung mit der Masse der Anhänger und Führung der Geschäfte ans dem Willen der Anhängerschaft heraus, das ist jetzt verwirklicht. Damit freilich bricht nicht im Gegensatz zu allen Zeitströmungen eine mißverstandene Demokratisierung in die Arbeit ein. Eine Abstimmung Mischen den zahllosen Besuchern der Juristisch-Wirtschaftlichen Beratungsstelle etwa darüber, daß es besser gehen soll, oder ob dieser oder jener Weg der Verwirklichung dieses oder jenes Planes ratsamer sei, wäre eine Ironie. Aber das Gr u p p e n ichicksal hat die Einordnungssähigkeit des Einzelnen erhöht, und in dem Horizont- und übersichtslosen Gegenwartsschicksal nimmt jeder gern die Hand, die chn, wenn auch nur kurze Srrecken. sicher zu führen verheißt. Tie Arbeit, die vom C. V. und seinen Mitarbeitern in der Beratungsstelle geleistet wird, steht nicht wortgetreu in seinen Satzungen. Ter Vorwurf mangelnder Paragrap h e n t r e u e ist aber der letzte, den eine veranvooriungsbewußte Führung zu scheuen braucht. Mer sich an Buchstaben stößt, hat nie ihren Geist begriffen. Wer heute die staatsbürgerliche und gesellschaftliche Gleichstellung der deutschen Juden tatkräftig wahren will, muß sich zunächst: darum kümmern, daß deutsche Juden da sind und leben können. Die^)entsche Judensrage existiert, weil es deutsche Juden gibt, und wir unserseits befürworten nicht ein Ende der deutschen Judensrage, die in dem Aufhören der deutschen Judenheit bestünde. Es kam: auch, hier nur unterstrichen und wiederholt werden, was schon oft gesagt worden ist, wenn von vereinsfremden Arbeiten im Zusammenhang mit unserer Beratungsstelle geredet wurde: Ein starkes, jüdisch bewährtes und t<r?n unverrückbarem Zukunftswillen aus deutscher Erde erfülltes Judentum bleibt ein sür die deutsche Politik wichtiger Faktor. Ein zersplittertes, in sich Von Mißmut und Prestigesucht zerrisienes Judentum ist in jeder Beziehung nur Objekt der Umwelt. Jeder deutsche Jude, dem Rat und Zuspruch seelische Festigkeit wiedergab, dem Hilfe die Existenz erhielt, ist Baustein im Fundaments eines neuen deutschen Judentums.

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