Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 25 (22.6.1933)
- Date
- 1933-06-22
- Page
- Seite 233 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2277993-2278018--07986-2288943- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
SerNn, L2. Fun! IHM XII. Jahrgang * Hr. Einzelnummer ro Pfennig \i/£y/ L.?OdO / f M *? f. *! v;?j 1 U- >^vvW tnr" #w'> €>** J\ rO *?**?,} d 4 ■ ** A ** f <fS A UM AZMKMM AWSS-PMUSM. DiertcljahrsadonncnrcnL 2,25 NM. (zuzügl. L-ÜLllgeld). O c?s;?\ <y$ s^vv^/: / & t. y W4>Ä v *-/ ---2ÄÄ «-WMM^M^WMWWR §LlDNöZNA^.U /<Utzsr7'telNL 2si/untz ciss Dudenfums Derleg und Schriftleitung: Berlin W15, Crnser C:r. L2. Fernsprecher: J 2 07:zj 65:4 —57 .:. Postscheckkonto: Berlin LV472 .:. Bankkonto: Dresdner Bank, Depofitenkaffe 8?, Derlin--Dil:nc:5Lorf l. Ho^rnzoLrrndamin 156. Melnige Anzeigenannahme: Annoncen-Errsditisn B.^dolf Blosse, Berlin §'.V:>), und deren Filialen. An;::genvreise: 0,90 für die 7ge'pnlienr Feile nach Nnt-ol* Moste r Ayrmalzeilenmesser Är. 4, Fam.ilienanzeiftn und SrelengesnHe (nicht Lreuenangebotr) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 &<#., die €2 mm breite ReNamezerlr 33 Ji-.fU Wir vergsKn fls nicht Mm Ä'. W. Das £d3 der in der Kleinstadt fanb im Torf lebenden deutschen Juden ist schwer. Gewiß trafen die grundstürzenden Ereignisse der letzten Monate alle deutschen Juden, wo sie auch immer wohnen, seelisch .und wirtschaftlich mit aller Wucht. Aber die Juden in der Groß- und Mittelstadt haben fast überall ihre Führer, die sich selbstverständlich ihrer Geschicke angenommen haben. Neberall in Großstadt und Mittelstadt bestehen Ortsgruppen des Eentralvereins. In den Bororten der Landesverbände des Vereins sind Beamte des E. D. an der Arbeit, unr nichts zu versäumen, was bei Sorgen und Nöten Hilfe und Erleichterung bringen kann. Schon die Tatsache, daß nicht ein oder zwei oder zehn Familien am gleichen Orte wohnen, sondern viele hunderte oder gar Lausende, bedeuten Trost und Aufrichtung in harter Zeit. Diese Erleichterungen des Dasein? fallen für den Kleinstädter oder gar für die eine oder zwei jüdischen Familien eines Dorfes naturgemäß fort. Bestehen auch oft gute Beziehungen zur christlichen Umwelt, so sind manche dieser Beziehungen durch die jüngsten Ereignisse getrübt oder gar abgebrochen worden. So mußten viele tn Kleinstadt und Torf seit Generationen lebende Juden manche schwere Stunde einsam durchleben. Ter Centralbereis in Berlin, seine Vertretungen in den preußischen Provinzen und in den Gliedstaaten des Reiches haben alles getan, um nach Kräften denen zu helfen, die menschlicher oder wirtschaftlicher Hilfe bedurften. Seine Beamten und seinehrenamtlichen Freunde haben eine sehr roße Reihe von Kleinstädten und .Dörfern esucht, um sich mit den jüdischen Brüdern und Schwestern auszusprechen und ihnen, wenn erforderlich, lstizusteheu. Diese Besuche werden planmäßig - fortgesetzt. Luir sehen es als eine unserer höchsten Pflichten an, gerade für die Juden, die abseits der großen Berkehrsstraßen in Kleinstadt und Dorf leben, alles Zu tun, was ihr durch die Entwicklungen dieser Monate erschwertes Dasein erleichtern kann. Anregungen und.Auskünfte. jeder Art werden stets bereitwilligst Gehör und Beantwortung finden. * Ein lebendiges Bild aus einer badischen Kleinstadt wird in der „Neuen Zürcher Zeitung" (Nr. 8*3S) veröffentlicht. Wir geben daraus einige Teile wieder, mögen sich auch inzwischen die Verhältnisse am Orte und anderswo sicher zum Besseren entwickelt haben. Aus einer badischen Kleinstadt . . Als der Dreißigjährige Krieg sich ausgetobt hatte, war dieses Tors zerfallen. die Aecker verwüstet und verlottert, die Einwohnerschaft dezimiert. Ter Grundherr, in dessen Herrschaftsbereich es gehörte, fand niemand mehr, von dem er Zehnten und Kopfgelder hätte eintreiben können. Ta berief er die Juden. Sechs jüdische Familien nahm er im Namen des Kaisers auf und gestattete ihnen, Handel zu treibendie Grenzlage war wie geschussen dafür. Tie Juden zahlten hohe Aufnahmeoelder und Schutzgebähren; die Leibzölle und Kopfgelder aber steigerte der Grundherr, nachdem sich das Land undmit ihm diese jüdischen Händler erholten. Tie Juden wurden so zu einer achtbaren Einnahmequelle für den Grundherrn, der ihnen zmn Entgelt Schutz bot, ihnen gestattete, sich einen Onsrabbiner zu halten, einen kleinen rituellen Friedhof zu pachten und eine ..Ehewra kaddischa" zu begründen — eine Jnstüunow für die es keine genaue Bezeichnung im T-eun'chen gibt, deren Sinn jedoch etwa als eine „auägleichende Hilfskasse" zu umschreiben ist, die Reiche aus ihrem Uebersluß speisen, damit den Tedürstigen geholfen wird. Ta das Abkommen zwischen Grundherr und Juden auf Gegenseitigkeit beruhte und beide Teile davon nur Verteile genossen. enfuir.i) hier eine kleine Insel, aus der jüdisches Leben und Denken unverfälscht sich erhielten durch die Jahrhunderte hindurch. Nicht nur der Grundherr konnte zufrieden fein; auch d'e kach mische Bauernbevölkerung genoß die Vorteile eines ortsansässigen Haiwelsstandes, der' Wohlstand in die Gemeine brachte, ohne doch-jemals den Bauern von seinem Grund und Laden zu vertreiben. Do* wohl die Juden nicht, selbst den Boden de*. bauten, so wurzelten sie doch in der Erde. Sie bauten sich schöne, geräumige Hächer. die aus demselben architektonischen Empfinden stammten, mit dem der bodenständige Bauernschtag zu bauen gewohnt war. Sie sprachen das dialektgefärbte Deutsch der Lauern, und wenn sie im Beisaal und in der Familie noch am alten Hebräisch festhielten, das sich klanglich dem Tonischen anzugleichen begann, so hatte auch das keine trennende Bedeutung; denn die Bauern selbst lernten in dieser selckameir Sprache reden: sie ist keine Geheimsprache. So gab es niches, was das Anwachsen der jüdischen Gemeinde verhindert hätte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war sie auf beinahe hundert Familien angeroachstn; 1320 waren es schon 110. Tie Väter und Söhne nahmen des Morgens Abschied von ihren Familien, Zogen durchs Land und kehrten abends wieder zurück mit tausenderlei kleinen Dingen, die sie gelaust od-er eingetauicht harten. Wen die Geschäfte weiter fortführten, der versäumte doch nie, wenigstens am Freitagabend wieder ins elrerliche Haus einzukchren, um den Sabbat nach altem heiligem Brauch zu feiern. In dem Augenblick, da sie nach Hause zurücklehrten, wurden selbst die eleganten Jünglinge, die in Grossftädten als Angestellre in Koufekrionshäuftrn arbeiten machen. wieder zu einfachen, gläubigen Kindern, die den Gesehen ihrer Familie und der Thora freiwillig gehorchten, ohne sich dessen zu schämen. Eigentlichen Neichum gab es nicht unter der jüdischen Bevölkerung, wohl aber einen gestruden Wohlstand,- die Indengemeinde weiß viele Namen zu nennen, die zu hohem Anfthen und Ehren kamen. Ta war einer, um denen Bekanntschaft sich ein Arnfchek Rothschild in Frankfurt bemühte, da gab es Juden, deren man sich am kaiserlichen Hof in Wien erinnerte. Aber ihre strenge Gläubigkeit, ihr schöner Familiensinn und die Verhaftung mit der Scholle hielten sie davon ab, der Verweichlichung zu verfallen; sie blieben im besten Sinne orthodoxe Juden, die nie vergaßen, was ihrem Geschlecht ausgebürdet war . . . AUS DSM INHALT: A. H.: Buchstabe und Geist Seife 234 Ernst Lissauer: Der deutsche Jude und das deutsche Schrifttum . . . . Seite 237 „für Hilfe und Aufbau" . . Seite 240